Ein Laster namens Surrealismus

5. Januar 2012 | Kein Kommentar

Ein Tiger springt aus dem Maul eines Tigers der aus einem Fisch springt, der aus einem Granatapfel springt. Dem wütenden Tier voran fliegt ein Gewehr mit aufgestecktem Bajonett auf eine liegende Nackte zu, die ganz entspannt auf einer Erdscholle in einem unendlichen Ozean ruht. Im Hintergrund ein weißer Elefant mit einem Obelisken auf dem Rücken auf meterhohen stelzenartigen Spinnenbeinen. Ein Kreislauf aus Geburt, Leben und Tod, gewürzt mit einer Prise männlicher Potenz und Begierde und weiblicher Anmut. Im Vordergrund umschwirrt eine Biene einen schwebenden Granatapfel. Diesen wahnwitzigen Traum in schönsten Farben malte Dalí und er gilt vielen als eine der Ikonen des Surealismus. Dabei war Dalí von Breton, dem Anführer der surrealistischen Bewegung, längst verbannt worden als er das Bild malte, weil er sich den dogmatischen Regeln des Surrealismus nicht unterwerfen wollte.

Salvador Dalí, Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Erwachen, 1944, Öl auf Holz, 51x41cm Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid Foto: © Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid © 2011, Fundació Gala-Salvador Dalí / ProLitteris, Zürich

Salvador Dalí, Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Erwachen, 1944
Öl auf Holz, 51×41cm Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid
Foto: © Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid © 2011, Fundació Gala-Salvador Dalí / ProLitteris, Zürich

Für Breton war „das Laster namens Surrealismus […] der zügellose leidenschaftliche Gebrauch der Droge Bild.“ Fast vergessen ist inzwischen, dass die Surrealisten der ersten Stunde vor allem Literaten waren, die von den Albernheiten des Dadaismus genug hatten. Man wollte der Kälte der Nachkriegsgesellschaft nicht mehr nicht mehr länger mit Blödelei entgegnen, sondern die Gesellschaft und ihre Menschen aktiv verändern. Breton udn seine Kollegen wollten das Unwirkliche und Traumhafte in der Kunst verankern und den durch die Logik begrenzten menschlichen Erfahrungsbereich durch das Fantastische und Absurde erweitern. Geschehen sollte das mittels der „Écriture automatique“, dem automatischen Schreiben. Dazu sollte der Verstand ausgeschaltet werden und möglichst automatisch ohne Nachdenken geschrieben werden, um die Tiefen menschlichen Bewusstseins sichtbar zu machen. Schnell kamen zu den Literaten auch Künstler hinzu. Dalí, Magritte, Miró, Masson und Max Ernst, selbst Picasso ließ sich von der surrealistischen Gedankenwelt inspirieren.

Die Fondation Beyeler in Basel zeigt nun in einer grandiosen Ausstellung die Geschichte des Surealismus. Das Hauptaugenmerk legt die Ausstellung auf Dalí, Miró und Magritte, deren Malstil beispielhaft für die beiden Richtungen des Surrealismus steht. Dalí malt in hyperrealistischer Malweise absurdeste Traumsequenzen. Magritte hingegen vereinte in seinem realistischen Malstil gegensätzliche Dinge, wie etwa die wunderschöne Pfeife unter der steht, das dies keine Pfeife sei. Und schließlich Míro, der mit seinen kryptischen Symbolwelten die Écriture automatique visuell perfekt umsetzte.

Die Ausstellung beleuchtet die Geschichte des Surrealismus zu seinen Glanzzeiten im Paris der 1920er und 1930er Jahre, bevor die Protagonisten dann vor dem Krieg in die USA flüchteten. Neben den Gemälden sind auch Zeichnungen, Fotos, Briefe und handschriftliche Notizen ausgestellt. Neben den drei Malern sind auch Vorläufer zu sehen, aber auch weitere Maler, Lyriker und Schriftsteller und die wichtigsten Förderer und Sammler des Surrealismus, insbesondere Peggy Guggenheim. Keine andere prägte den Surrealismus als Sammlerin so sehr wie sie. Sie förderte die Künstler, folgte ihnen in das Exil in den USA, bis die engen Bande zu Bruch gingen und Guggenheim sich den Abstrakten Expressionisten zuwandte.

290 Exponate hat die Fondation Beyeler zusammengetragen und lässt die Besucher ganz in die Welt des Surrealismus eintauchen. Zur Ausstellung erschien ein wissenschaftlicher Katalog mit umfangreichem Bildmaterial – ein Kauf lohnt sich.

Hommage an die Künstlerinnen der Avangarde

6. Dezember 2011 | Kein Kommentar

Der Name Dora Maar ist vor allem mit Pablo Picasso verbunden. Von 1936 bis 1943 war Maar Muse, Modell und Geliebte Picassos. Doch Mitte der 1930er Jahre hatte Maar sich längst einen eigenen Namen als Fotografin gemacht und verkehrte in Künstlerkreisen. Trotzdem wurde sie nach 1936 kaum noch als eigenständige Künstlerin wahrgenommen, sie war die Frau an Picassos Seite, Gegenstand vieler seiner Gemälde und die Fotografin, die die Entstehung seiner Werke dokumentierte. Bis heute ist Dora Maar nur eingefleischten Kunstkennern als eigenständige Künstlerin bekannt.

Eine Ausstellung in Düsseldorf will das ändern. „Die andere Seite des Mondes. Künstlerinnen der Avantgarde“ lässt acht Künstlerinnen der 1920er und 1930er Jahre ins Rampenlicht treten. Diese Zeit war geprägt von heftigen gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen. Die Frauenbewegung war stark geworden, Frauen verlangten politische und gesellschaftliche Teilhabe und riefen nach sexueller Selbstbestimmung.

Vorgestellt werden neben Dora Maar auch Hannah Höch, Sophie Taeubner-Arp und Sonia Delaunay und die weniger bekannten Claude Cahun, Florence Henri, Katarzyna Kobro und Germaine Dulac. Sie alle hatten sich den radikalen Kunstbewegungen jener zeit angeschlossen, dem Surrealismus, dem Dadaismus oder dem Konstruktivismus. Sie alle zeichnen sich durch Unabhängigkeit, Offenheit und Selbstbewusstsein aus. Alle acht hatten ein Gespür für Themen und Trends ihrer Zeit. Vor allem die Rolle der Frau in der Gesellschaft war ihr Thema, aber auch ästhetische Fragen in der aktuellen Kunst waren maßgebliche Themen vieler Künstlerinnen.

Hannah Höch, Siebenmeilenstiefel, um 1934, Photomontage, 22,9 x 32,29 cm, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Foto: Christoph Irrgang Foto: © VG Bild-Kunst

Hannah Höch, Siebenmeilenstiefel, um 1934,
Photomontage, 22,9 x 32,29 cm, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett
Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Foto: Christoph Irrgang, © Kunstsammlung NRW

So fortschrittlich die Avantgarde in Europa und en USA auch war, Frauen hatten es schwer und wurden im besten Falle skeptisch betrachtet oder milde belächelt. Die Ankaufspolitik der Museen wurde von Männern verantwortet und so wundert es kaum, dass nur selten Werke der Künstlerinnen angekauft wurden.

Hannah Höch zählte zu den Pionierinnen des Dadaismus. Sie hatte mit Raoul Haussmann den Dadaismus in Berlin mitbegründet, ihre zeitkritischen Collagen wurden zum Markenzeichen des Dadaismus. Auch Sonia Delaunay war eine Pionierin. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Robert Delauney entwickelte sie den Orphismus, eine aus dem Kubismus entstandene Stilrichtung der Malerei, bei der Farbkreise aus Kontrastfarben zusammengesetzt wurden. Auch Sophie Taeubner-Arp hatte mit Hans Arp einen bekannten Künstler als Ehemann. Sie stand dem Dadaismus nahe und verknüpfte diesen mit geometrisch-abstrakter Kunst und wurde zu einer der ersten Vertreterinnen der konkreten Kunst in Europa.

Großen Respekt als Schriftstellerin genoss Claude Cahun in den Kreisen der Surrealisten. Ihre surrealistischen Fotografien gelten heute als radikalste Äußerungen weiblicher Identität in den 1930er Jahren. Cahun inszenierte sich darin als androgynes Wesen in einer surrealen Welt.

Besonders interessant sind aber die meist streng geometrischen Skulpturen der Bildhauerin Katarzyna Kobro, deren Ausstellung eine kleine Sensation ist, denn eigentlich dürfte ihr Werk gar nicht mehr vorhanden sein. In Polen versuche Kobro, ein Museum für Moderne Kunst in Lodz aufzubauen. Ferdinand Léger, Max Ernst und Sonia Delauney stifteten Werke, doch der Einmarsch der Nationalsozialisten machte diesem Unterfangen eine Strich durch die Rechnung. Kobros Werk wurde im Krieg in alle Winde verstreut und zerstört. Sie selbst musste ihre Holzskulpturen verbrennen, um kochen und heizen zu können. Nur sechs Jahre nach Kriegsende starb sie verarmt und vergessen in einer Einrichtung für unheilbar Kranke.

Der Besucher betritt die Ausstellung durch eine originalgetreue Rekonstruktion von Sophie Taeubner-Arps „Bar Aubette“ aus den Jahren 1926 bis 1928. Die mit abstrakten Kompositionen aus unterschiedlich farbigen Rechtecken ausgekleidete Bar stand einst in Straßburg. Anders als ihre männlichen Kollegen waren viele Künstlerinnen auch an der praktischen Anwendung ihrer Kunst interessiert. Delaunay verarbeitete ihre Muster zu Modedesigns, Kobro schuf architektonische Modelle.

Die Künstlerinnen waren hervorragend vernetzt. Sie waren in unterschiedlichen Künstlergruppen engagiert und kamen aus ganz Europa und doch hielten sie Kontakt. So waren Sonia Delauney und Sophie Taeubner-Arp eng befreundet und fuhren auch gemeinsam in Urlaub. Auch Florence Henri war mit den beiden gut bekannt. Man traf sich, schrieb sich Briefe und begutachtete das Werk der Kolleginnen.

230 Werke hat die Kunstsammlung NRW zusammen getragen, ein riesiges Konvolut. Direktorin Monika Ackermann und Kuratorin Susanne Meyer-Büser ist eine tolle Schau gelungen, leider werden die Künstlerinnen in jeweils eigenen Kabinetten präsentiert. Schöner und aufschlussreicher wäre es gewesen, wenn man die Werke einander gegenübergestellt hätte, um die gegenseitige Einflussnahme deutlicher erkennen zu können und erkennen zu können dass es einen regen Austausch und auch eine Beeinflussung gab. So muss man im reich bebilderten Katalog schmökern und die Lebensläufe der Künstlerinnen verfolgen.

Weitere Infos: Kunstsammlung NRW

Neue Online-Datenbank zu den Großen Deutschen Kunstausstellungen

2. Dezember 2011 | Kein Kommentar

München war zur Zeit des Nationalsozialismus deutsche Hauptstadt der Kunst. Während in der Galerie am Hofgarten “entartete Kunst” gezeigt wurde, war das Haus der Kunst von 1937 bis 1944 Ausstellungsort der Großen Deutschen Kunstausstellung, der jährlichen Leistungsschau deutscher Künstlerinnen und Künstler von Hitlers Gnaden. Seit Ende Oktober ist nun die Website GDK-research.de online, eine Datenbank mit umfangreichem Material zu den Kunstausstellungen. Man kann dort Bilder und Informationen zu den Ausstellungen und Werken abrufen. Das Projekt, das mit 500.000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeisnchaft gefördert wurde, wurde vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München, dem Haus der Kunst und dem Deutschen Historischen Museum in Berlin initiiert. Eine wahre Fundgrube für wWissenschaftler und Initeressierte.

Website: www.gdk-research.de

Weggeschrubbte Kippenberger-Installation

4. November 2011 | Ein Kommentar

Eine kleine Geschichte zum Schmunzeln: Im Dortmunder Ostwall-Museum widmete sich eine Putzfrau der Installation des Künstlers Martin Kippenberger – mit Übereifer. Als sie einen milchigen Kalkrand weggeschrubbt hatte, war das 800.000-Euro-Werk blitzeblank, aber für immer zerstört.

Bei Spiegel Online weiter lesen >>>

Ja, Kunst lebt auch von Zuschreibungen!

Kunst bis in die Unendlichkeit

26. Oktober 2011 | Kein Kommentar

Louise Bourgeois ist eine Jahrhundertkünstlerin und das im doppelten Wortsinne. Sie ist nicht nur eine Ausnahmekünstlerin, sie hat nahezu das ganze 20. Jahrhundert erlebt, ist bedeutenden Künstlern begegnet, hat sich von ihnen inspirieren lassen und wurde so zum Bindeglied zwischen Moderne und zeitgenössischer Kunst.

Bourgeois wurde 1911 in Paris geboren, ging dort zur Schule, studierte Philosophie an der Sorbonne und Kunst bei Fernand Léger. Als sie den Kunsthistoriker Robert Goldwater traf, verliebte sie sich, heiratete und ging mit ihm nach New York. Dort tauchte sie in die entstehende Kunstszene ein, begegnete den vor dem Krieg geflohenen Surrealisten, traf die Abstrakten Expressionisten um De Kooning und Pollock und lernte die Minimal Art- und die Pop Art-Künstler kennen. Ein spannendes und aufregendes Leben.

Louise Bourgeois Fondation Beyeler, Riehen / Basel mit Maman, 1999 Bronze mit Silbernitratpatina, Edelstahl und Marmor, 927,1 x 891,5 x 1023,6 cm Collection The Easton Foundation,courtesy Hauser & Wirth und Cheim & Read Foto: Serge Hasenböhler © Louise Bourgeois Trust

Louise Bourgeois, Fondation Beyeler, Riehen / Basel mit Maman, 1999
Bronze mit Silbernitratpatina, Edelstahl und Marmor, 927,1 x 891,5 x 1023,6 cm
Collection The Easton Foundation,courtesy Hauser & Wirth und Cheim & Read
Foto: Serge Hasenböhler, © Louise Bourgeois Trust

Lange war der Name Bourgeois nur Kunstkennern ein Begriff. Das änderte sich erst, als ihr das MoMA 1982 in New York eine Retrospektive ausrichtete und sie so einem größeren Publikum bekannt machte. Da war sie 71 Jahre alt. Die letzte Retrospektive kurz vor ihrem Tod im Jahr 2010 wurde zu einem Triumphzug. Sie wurde in der Londoner Tate Modern, im Centre Pompidou in Paris und im Guggenheim Museum gezeigt.

Zum hundertsten Geburtstag der Künstlerin richtet nun die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel eine Retrospektive aus – die letzte, die die Künstlerin noch mitkonzipierte. Die Ausstellung À l’infini versammelt zwanzig beispielhafte Exponate aus allen Schaffensperioden, darunter auch Spätwerke, die noch nie öffentlich zu sehen waren.

Künstlerisch zu arbeiten bedeutete für Bourgeois immer die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, die Umsetzung von bewussten Emotionen und unbewussten Gefühlen. Kunst war für Bourgois immer auch Psychotherapie, die sie davor bewahren sollte, verrückt zu werden, wie sie in einem Interview gestand. Ihre Kindheit liegt wie ein Trauma über ihren Arbeiten. Die geliebte Mutter starb früh nach schwerer Krankheit, der Vater kümmerte sich kaum um sie und demütigte sie oft so sehr, dass sie noch Jahrzehnte später in Interviews die Tränen nur mühsam unterdrücken konnte.

Im Park des Museums empfängt den Besucher Maman, die ein Schlüsselwerk in Bourgeois’ Schaffen ist. Die zehn Meter hohe Bronzespinne mit ihren Marmoreiern im Hinterteil wirkt bedrohlich und beängstigend. Umso erstaunlicher, dass Bourgeois sie als Metapher für die geliebte Mutter sieht. Die Mutter war Weberin und restaurierte historische Stoffe. Wie eine Spinne erneuerte sie Gewebe und weil ihre Mutter für sie ein Monument gewesen sei, sei die Spinne eben monumental groß. Die Spinne hat aber auch etwas Beschützendes, sie trägt ihre Eier hinten im Körper, den sie schützend unter sich streckt und die Beine wie einen Baldachin ausbreitet. So strahlt die Spinne auch etwas Fürsorgliches aus.

Immer wieder stehen bei der oft nur als Bildhauerin wahrgenommenen Künstlerin bildhafte Erzählungen im Mittelpunkt, mal als Zeichnung, oft aber auch als Installation.
Angst und Schmerz waren dabei oft die Themen der Künstlerin. In der Ausstellung sind die legendären Cells zu sehen, in Käfigen eingefangene Momentaufnahmen eines Lebens. Durch Fenster, Türen, Gitter oder Glas kann man einen blick darauf werfen. Am Ende der Ausstellung begegnet man der Passage dangereux von 1997, einer Art Super-Cell, irgendetwas zwischen Folterkammer und Kinderzimmer. In einem begehbaren Käfig finden sich Knochen, Spiegel, Stühle und ein kleines Likörflakon, das Bourgeois von Le Corbusier geschenkt bekam. In ihm schwimmt eine tote Fliege, sie ist an ihrer Lust zu naschen zu Grunde gegangen.

Bourgeois litt an Schlafstörungen. Sie stand dann nachts oft auf und begann zu zeichnen. Mitte der neunziger Jahre entstanden so die Insomnia-Drawings, die einen unverstellten, tiefen Blick in das Seelenleben der Künstlerin ermöglichen. Das Konvolut aus über 200 Blättern ist die Quintessenz ihres künstlerischen Schaffens. Skizzen und Zeichnungen wechseln ab mit Texten und Notizen, die sich auf ihr alltägliches Leben beziehen. Bemerkenswert sind auch die vierzehn Zeichnungen der Serie À l’infini, die der Ausstellung den Namen gaben. Ihren Ursprung hat die Serie in einer Radierung, in der sich zwei Fäden begegnen und ein Gewebe bilden. Daraus erschuf Bourgeois eine Serie, die den ewigen Zyklus des Lebens darstellt, das Werden und Vergehen des Menschen.

Etwas ungeschickt ist die Gegenüberstellung von Bourgeois Arbeiten mit Künstlern, die sie nachhaltig beeinflussten. Viele der zarten und anmutigen Arbeiten von Bourgeois gehen in der Bildgewalt ihrer Gegenüber einfach unter oder der Betrachter fragt sich, was die Ausstellungsmacher damit sagen wollten. Gelungen scheint nur die Konfrontation von Bourgeois’ Red Fragmented Figure (1953), einer Stele aus grob behauenen roten Holzklötzen, mit Légers Contrastes de formes. Die Skulptur scheint die roten geometrischen Formen des Bildes geradezu in den Raum zu spiegeln.

Die Gegenüberstellung von Bourgeois’ Werken mit denen der großen Männer des 20. Jahrhunderts zeigt vor allem eines: Ihr Werk ist unvergleichlich zart und feminin und so ganz anders als das Ihrer Kollegen. Bourgeois nimmt mit ihren lyrischen und nachdenklichen Arbeiten eine Ausnahmestellung in der Kunst des 20. Jahrhunderts ein. Sie war eine der ersten, die den lange schwelenden Kampf zwischen Abstrakten und Figurativen beendete und die Kunst um eine eigenständige Deutungsebene bereicherte.

Verfahrene Lage im Saarlandmuseum

9. September 2011 | Kein Kommentar

Das Saarlandmuseum in Saarbrücken erlebt nun den dritten Skandal in diesem Jahr – dabei hat das Museum gar nicht geöffnet. Nachdem Museumschef Ralph Melcher wegen “finanzieller Unregelmäßigkeiten” (Melcher hatte sich teuere Dienstreisen und -essen erlaubt) beurlaubt wurde und nun wegen des Verdachts der Untreue gegen ihn ermittelt wird, war auch der zuständige Projektsteuerer für den Neubau des vierten Pavillons ins Fadenkreuz der Ermittler geraten. Der Innenarchitekt hatte Melcher 8000 Euro für Beratertätigkeiten gezahlt, er selbst soll fast eine Million Euro für seine Tätigkeit als Projektsteuerer erhalten haben.

Während die Staatsanwaltschaft ermittelt, droht der Landesregierung um die neue Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer neues Ungemach. Immerhin ist die Ministerpräsidentin in die Affäre verwickelt. Sie war bei “spesenintensiven” Essen mit am Tisch und in ihrer Zeit als Kulturministerin war sie an den Planungen des Baus beteiligt. Das neue Problem: Der Bau des neuen Ausstellungshauses sprengt alle Grenzen. 2009 sollte der Neubau 9 Mio. Euro kosten, dann 18,7 Mio. Euro, dann 25 und nun fast 30 Mio. Euro. Die Begründung: Bei den Planungen wurde geschlampt. Die Kosten für den Klimaschutz der Sammlungsgegenstände wurde nicht berücksichtigt, die Beleuchtung nicht richtig geplant, die Umfeldgestaltung vergessen. Kosteneinsparungen fand man hingegen kaum: Der Stiftungsvorstand verstümmelte den Architektenentwurf, indem man statt der Fassade aus teurem, transparentem Buntglas ein 400.000 Euro billigeres Normalglas verbauen wollte. Als dieser Einsparungsversuch heftig kritisiert wurde, wollte man zurückrudern, doch es war zu spät. Das billige Glas war schon bestellt. Nun will das 800.000 Euro teuere Glas niemand mehr, eine neue Bestellung würde zusätzliche 1,2 Mio. Euro verschlingen.

Während der Umbildung der Landesregierung im August 2011 ist einer der Verantwortlichen, der so ziemlich alles falsch gemacht hat, was man falsch machen kann, der Leiter der Staatskanzlei und Staatsminister für Kultur Karl Rauber abgetreten. Neu zuständig ist Innenminister Stephan Toscani. Der möchte nun rasch Aufklärungsarbeit leisten und setzte eine Arbeitsgruppe ein, die untersuchen soll, was falsch lief und wie es weiter gehen soll. Ein Architekturbüro untersucht derzeit, wie viel der Bau bis zur Fertigstellung noch kosten soll. Ende September soll eine erste Mängelliste vorliegen. Auch der Landesrechnungshof soll einbezogen werden.

Inzwischen erklärte auch der Interimschef des Museums, Meinrad Maria Grewenig, dass das Eröffnungsdatum für 2012 wohl nicht mehr zu halten sei. Die Parteien stehen unterschiedlich zu dem Problem. Die Jameika-Koalition will abwarten, der Fraktionsvorsitzende der GRÜNEN im Saarbrücker Stadtrat will das Gebäude abreißen lassen. SPD-Chef Maas lehnt das ab, jedoch hält er eine andere Nutzung für möglich.

Siehe auch:

Eine Frage des Geschmacks

7. September 2011 | Kein Kommentar

Anselm Reyle präsentiert uns in seinem Gemälde Weideglück ein quietschbuntes Landschaftsidyll: Ein zufriedenes Pferd liegt entspannt auf einer Wiese vor einem strahlend blauen Himmel. Mit allerlei Schraffuren, Texturen und silbern glänzenden Lacken wurden Hell und Dunkel und Farbspiele angedeutet. Doch etwas irritiert. Überall auf dem Bild sind kleine Felder mit Zahlen sichtbar. Reyle spielt auf das bei Hobbykünstlern beliebte „Malen nach Zahlen“ an. Der Maler spielt mit der Grenze zwischen Kunst und Kitsch. Was ist Kunst und was Kitsch, wie viel Kommerz steckt in einem Bild und was macht dessen Wert aus? Was macht Kunst überhaupt aus? Zählt einzig der Wille ein Kunstwerk schaffen zu wollen, ist es handwerkliches Können oder ist es der Name des Künstlers? Sind es die Farben und die gekratzten Schraffuren im Bild, die den Willen des Erschaffers zur Kunst dokumentieren und sich über das industrielle Produkt hinwegsetzen?

Anselm Reyle Weideglück 2010, Mischtechnik auf Leinwand,  225 x 275 x 6,5 cm, Courtesy der Künstler, Fotograf: Matthias Kolb

Anselm Reyle, Weideglück, 2010
Mischtechnik auf Leinwand, 225 x 275 x 6,5 cm
Courtesy der Künstler, Fotograf: Matthias Kolb

Die erste Ausstellung des neuen Baden-Badener Kunsthallendirektors Johan Holten will untersuchen, ob gängige Kategorien des Geschmacks heute noch brauchbar sind und welche Bedeutung sie innerhalb der zeitgenössischen Kunst haben. Holten selbst kommt zu dem Schluss, dass sich visuelle Einordnungen zur Beurteilung von Kunst so stark verändert haben, dass sie „heute vollkommen untauglich sind, Kunst zu beurteilen.“ Kunst ist heute schon lange nicht mehr schön und meist auch nicht geschmackvoll. Was bedeutet guter Geschmack in einer Welt die sehr schnelllebig geworden ist und in der fast alles erlaubt ist? Was heute noch in ist, kann morgen längst out sein. Für Museen wird es immer schwerer zu entscheiden, was sie ausstellen, sammeln und für die Nachwelt konservieren sollen. Objektive Kriterien zu definieren, fällt vielen Kuratoren und Kritikern immer schwerer.

Vieles was einst als geschmackvoll galt, ist heute überholt. So zeigt die Kunsthalle Landschaftsbilder aus dem 19. Jahrhundert. Doch was damals Genuss und Schönheit suggerieren sollte, ist heute nicht mehr zeitgemäß, wirkt angestaubt und würde in hippen Berliner Wohnungen mit Sichtbetonwänden skurril wirken. Dabei waren die arkadischen Landschaften mit ihren Ruinen, Bächen und Wäldern einst gesellschaftliches Schönheitsideal und Museen wollten ihre Besucher zum Wahren, Schönen und Guten erziehen. Erst gegen Ende des Jahrhunderts begannen Künstler dagegen aufzubegehren. Die Impressionisten wollten nicht mehr nach akademischen Idealen malen, sie wollen Farbe und Licht auf die Leinwand bannen und spätestens mit den Expressionisten und den Kubisten gewann die eigene Sichtweise des Künstlers im frühen 20. Jahrhundert die Oberhand.

Während sich die Palette künstlerischer Möglichkeiten extrem erweitert hat und neben Bildhauerei und Malerei auch Videokunst, Performance und Installation hinzukamen, scheinen handwerkliche Fähigkeiten immer mehr an Gewicht zu verlieren.
Welche zeitgenössische Kunst aber soll ein Museum heute ausstellen? Noch immer kommen die Besucher in die Häuser in der Erwartung, das Gute und Schöne präsentiert zu bekommen. Aber kann das eine Kunsthalle heute noch leisten?
Nicht ohne Ironie ist die Lage der Kunsthalle in Baden-Baden, die direkt neben dem Privatmuseum von Frieder Burda residiert. Burda zeigt, was ihm persönlich gefällt, einen Bildungsauftrag muss er nicht erfüllen. Nicht ohne Ironie ist auch die gleichzeitig dort laufende Schau mit Werken von Neo Rauch, einem der angesagten Künstler der Leipziger Schule, deren Preise gerade schwindelerregende Höhen erreichen.

Heute scheint der Kunstgeschmack eher vom Preis dominiert, die Sammler hecheln dem hinterher, was der Markt als „sammelnswert“ erachtet. Das ärgert auch viele Künstler, die in dem Dilemma zwischen Anerkennung und Kommerzialisierung ihrer Arbeit feststecken. Viele von ihnen würden sich dem Streben nach Konsum und Kommerz gerne entziehen. Es gilt inzwischen als schick gegen die Macht des Marktes zu rebellieren und so werden schon mal Alltagsgegenstände in langweiliger Wiederkehr von Duchamps Ready-Mades aufgestellt um gegen die zunehmende Kommerzialisierung zu protestieren, wie etwa in Josefine Mecksepers Arbeiten, die in der Baden-Badener Kunsthalle billige Klobürsten und Slips wie Luxusaccessoires in die Vitrine stellt. Ist das jetzt Kunst oder Kitsch? Oder Kitsch, der durch eine inhaltliche Aussage zu Kunst wird?

Die Frage ob Kunst oder Kitsch ist nicht immer einfach zu beantworten, die Grenzen fließend und oft liegt die Entscheidung im Auge des Betrachters. Jeff Koons ist ein Meister dieser Spielerei. Seine Kitschskulpturen haben Kultstatus. Er überhöht kitschigen Nippes zu Ikonen des Kommerzes. Allein der Preis und der arrivierte Name des Künstlers bestimmt hier, ob etwas Kunst ist oder eben nicht. Je teurer, desto Kunst. Für die einen sind Koons Werke gesellschaftskritische Kunst, weil er damit das Wesen des Kunstmarkts bloß legt, für die anderen ist es nichts als billiger Kitsch, der zum Statussymbol erhoben wird – nur in einem sind sich beide Seiten einig: Die Signatur des Künstlers macht es wirklich teuer.

Kitsch? Das war für den Kunstkritiker Clement Greenberg, der den Abstrakten Expressionisten um Pollock und De Kooning den Weg ebnete, vor allem das, was dem Massengeschmack entsprach und zum Massengeschmack kann Kunst sehr schnell werden. So fotografierte Martin Paar einen Besucher auf einer Messe in Dubai. Der Kunstkenner schaut sich ein gekleckstes und getröpfeltes Gemälde an. Sein Muster setzt sich zufällig fast haargenau auf dem Hemd des Betrachters fort. Die Kunst verkommt zum massentauglichen Modeartikel.

Und so lehrt uns die Ausstellung vor allem eines: Geschmack scheint beliebig zu sein und ganz im Auge des Betrachters zu liegen. Was bleibt dem Besucher? Er muss in diesem Zeiten vor allem auf den eigenen Geschmack vertrauen. Kunstinstitutionen oder Kritiker können nur Anleitungen bieten und der Kunstmarkt ist kein guter Ratgeber, weil das was heute noch teuer verkauft wird, morgen schon wie Blei an den Wänden der Galerien hängt. Dass der „teure Geschmack“ ein schlechter Ratgeber ist, zeigen Martin Parrs in der Ausstellung hängende Fotos von Kunst- und Millionärsmessen. Kunst verkommt zum protzigen Statussymbol und inhaltleeren Dekorationsartikel der Schönen und Reichen.

„Geschmack –der gute, der schlechte und der wirklich teure“ ist eine wunderbare Ausstellung zum Nachdenken darüber, was wir gut finden und warum wir das tun. Zur Ausstellung erschien ein lesenswerter Katalog mit Essays.

Niki de Saint Phalle Retrospektive im Museum Würth

11. August 2011 | Kein Kommentar

Niki de Saint Phalles Arbeiten sind unglaublich beliebt, ihr Name gehört Tag für Tag zu den meist gesuchten Tags auf diesem Blog. Bekannt wurde die Künstlerin ab den frühen sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit ihren Nanas, großformatigen Frauenskulpturen mit üppigen Formen in quietschbunten Farben. Ihr Leben eignete sich perfekt für eine aufregende Künstlerbiografie: In Frankreich geboren, in den USA aufgewachasen, mit elf vom Vater vergewaltigt, in einer leidenschaftlichen Künstlerehe mit Jean Tinguely.

Die Kunsthalle Würth bietet nun in einen Retrospektive einen Überblick über Leben und Werk der Künstlerin. Dank der hervorragenden Verbindungen von Guido Magnaguagno, dem ehemaligen Direktor des Museum Tinguely in Basel, konnte sich die Kunsthalle Würth nicht nur auf seine Sammlung stützen, sondern auch auf Leihgaben der Niki Charitable Art Foundation in Kalifornien und Paris, des Sprengel Museums Hannover und des Musée d’art moderne et d’art contemporain in Nizza, welche von Niki de Saint Phalle in reichem Maß beschenkt worden sind. Darüber hinaus sind Werke zahlreicher privater und öffentlicher Leihgeber einbezogen. Die von Magnaguagno kuratierte Schau glänzt mit mit über 150 Werken. Sie wird zudem durch exemplarische Werke ihres langjährigen Begleiters Jean Tinguely ergänzt wie auch durch Bilder ihres ersten Lehrers, des weithin unbekannt gebliebenen Hugh Weiss. Die Präsentation intergriert aber auch das häufig separierte Filmschaffen der Künstlerin und biografisches Material.

Mehr: Kunsthalle Würth

Ai Weiwei mal anders!

9. August 2011 | Kein Kommentar

In den letzten Monaten machte der chinesische Künstler Ai Weiwei vor allem als Regimekritiker Schlagzeilen, weil ihn die chinesische Regierung mal eben verschwinden ließ. Einem größeren Publikum wurde Ai Weiwei durch die documenta 12 bekannt, wo sein Kunstwerk Template ausgestellt wurde, dessen Holz von chinesischen Tempeln stammte, die zur Schaffung von Bauraum abgerissen wurden. Template stand im Freien und wurde von einem Sturm umgestürzt. Der Künstler war begeistert und ließ das Werk so stehen.

Das Kunsthaus Bregenz zeigt nun einen bisher kaum beachteten Aspekt von Ai Weiweis Repertoire: seine Architekturprojekte. Sein bekanntestes Projekt ist sicher das Olympiastadion in Beijing, das die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron planten, die von Ai Weiwei künstlerisch beraten worden waren. Doch schon während des Baus distanzierte sich Ai Weiwei und bezeichnete das Projekt als größenwahnsinnig.

Ai Weiwei Ordos 100, 2011 Ausstellungsansicht 2. OG, Kunsthaus Bregenz Foto: Markus Tretter © Ai Weiwei, Kunsthaus Bregenz

Ai Weiwei, Ordos 100, 2011
Ausstellungsansicht 2. OG, Kunsthaus Bregenz
Foto: Markus Tretter
© Ai Weiwei, Kunsthaus Bregenz

Ebenfalls mit Herzog & de Meuron kuratierte Ai Weiwei das Architekturprojekt ORDOS 100, eine Wohnsiedlung in der monglosichen Steppe. Nach einem von ihm entworfenen Masterplan lud er 100 Architekturbüros aus aller Welt ein, Einfamilienhäuser zu entwerfen. Das hölzerne Architekturmodell ist im zweiten Stockwerk des KUB nahezu flächendeckend auf 500 Quadratmetern zu bewundern und ist schon fast ein Kunstwerk für sich. Gezeigt wird auch Ais Arbeit Moon Chest, das mit seinen Minimal Art-Skulpturen an Hochhäuser erinnert. Zu sehen sind außerdem Fotos, Videos und Modelle von Projekten, die Ai Weiwei mit dem grandiosen Schweizer Architekturbüro HHF geschaffen hat, wie Artfarm oder die Tsai Resicence.

Das ist sicher keine Ausstellung für die breite Masse des Kunstpublikums, aber man freut sich, dass ein Museum ein solches Projekt wagt und nich darauf schielt, große Besucherzahlen zu erreichen. Dass diese dann doch ganz gut sein werden, liegt wohl vor allem am Namen des Künstlers und seiner Inhaftierung, die allerdings war wohl kaum eingeplant, denn bei seiner Festnahme war die Ausstellung natürlich schon längst konzipiert.

Leider ist in der Ausstellung nur vage erkennbar, welchen Beitrag Ai zu den jeweiligen Projekten beigesteuert hat. Was bedeutet “künstlerischer Berater” in den gezeigten Fällen? Hat er in einem intensiven Diskurs mit den Architekten und eigenen Zeichnungen den Bauten eine eigene künstlerische Formsprache mitgegeben oder war er mehr schmückendes Bauwerk und Vermittler zwischen westlichen Architekturplänen und chinesischen Vorstellungen? Die Frage beleibt ungeklärt.

Mehr Informationen: Kunsthaus Bregenz, HHF Architekten, Herzog & de Meuron

Staatliche Kunstsammlungen entdecken das Internet

4. August 2011 | Kein Kommentar

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden entdecken endlich das Internet und stellen ihre Sammlung online unter skd-online-collection.skd.museum/. Darunter sind Meisterwerke wie die Sixtinische Madonna von Raffael oder Cranachs Martin Luther und 20.000 weitere Kunstwerke. Außerdem kann man in einem 3D-Rundgang durch die heiligen Hallen wandeln.

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