Im Umfeld der Impressionisten noch Entdeckungen zu machen, ist gar nicht so einfach. In den letzten 100 Jahren wurden nahezu alle Bereiche dieser Kunstrichtung ausgeleuchtet, sicher auch, weil sie sich heute großer Beliebtheit erfreuen und Namen wie Claude Monet, Auguste Renoir und Camille Pissarro für volle Museen sorgen. Es ist deshalb nicht übetrieben, von einer kleinen Sensation und einem visuellen Leckerbissen zu sprechen, wenn das Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden jetzt eine Ausstellung zu Lesser Ury auf die Beine gestellt hat, einem der vergessenen, großen deutschen Impressionisten.

Lesser Ury: Nächtliches Berlin, 1919 Öl auf Leinwand  Sammlung der HypoVereinsbank, München © Beim Künstler und seinen Rechtsnachfolgern Fotografie: Stefan Obermaier Kunstsammlung HypoVereinsbank – Member of UniCredit

Lesser Ury: Nächtliches Berlin, 1919
Öl auf Leinwand
Sammlung der HypoVereinsbank, München
Fotografie: Stefan Obermaier

Ury wurde 1861 in Birnbaum in der Provinz Posen geboren. Er studierte 1879 bis 1880 Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Andreas Müller und Heinrich Lauenstein, anschließend in Brüssel und Paris. 1886 immatrikulierte er sich kurzzeitig in München an der Akademie der Bildenden Künste. Ab 1887 lebte Ury dann in Berlin und gehörte zur Jahrhundertwende gemeinsam mit Max Slevogt, Lovis Corinth und Max Liebermann zu den wichtigsten deutschen Malern. Ury stand den Impressionisten nahe, doch anders als die französischen Impressionisten malte er kaum Landschaften, sondern verschrieb sich ganz dem städtischen Leben. Wie seine Kollegen aus Frankreich interessierte aber auch er sich für Licht und dessen Wirkung. Wahrscheinlich eher ungewollt wurde er damit auch zum Chronisten technischen Fortschritts. Als am Ende des 19. Jahrhunderts das elektrische Licht in den Straßen der Großstädte Einzug hielt, war Ury fasziniert von dessen Wirkung: Autoscheinwerfer spiegeln sich da auf nassen Straßen, moderne Elekrikleuchten erhellen die Innenstädte, in den Cafés der Stadt tobt das Leben bis in die späte Nacht. Wie kaum ein anderer Maler seiner Zeit verstand es Ury, in den für ihn typischen Straßen- und Kaffeehausszenen die Facetten des Lichts einzufangen und dabei ganz nebenbei ein Bild seiner Zeit zu vermitteln.

Dass Ury ein bisschen in Vergessenheit geriet, liegt wohl auch daran, dass der jüdische Maler in der Zeit des Nationalsozialismus verfemt wurde, auch wenn er die Jahre der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft nicht mehr erlebte, weil er 1931 gestorben war. Aber auch die intime Feindschaft zu Max Liebermann, dem einflussreichen Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, verdankte Ury seinen geringen bekanntheitsgrad, Liebermann war urys Aufstieg ein Dorn im Auge – warum auch immer. So konnte Ury erst sehr spät regelgmäßig in der Berliner Secession ausstellen, als Corinth Nachfolger von Liebermann wurde.

Dass die Ausstellung gerade von einem Technikmuseum organsiert wurde, spricht nicht eben für die deutschen Kunstmuseen, macht die Schau aber durchaus spannend, denn neben den 30 Gemälden, einigen Zeichnungen und Drucken “beleuchtet” das Museum auch die damals revolutionär neue Technik moderner Beleuchtung in den Städten. So zeigt das Haus neben ersten elektrischen Lampen auch Laternen und Werbeplakate.

Die Ausstellung läuft noch bis 31. August 2014 im Museum LA8, Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden. Zur Ausstellung erschien ein Katalog zum Preis von 19 Euro im Athena Verlag.

Die erste Ausstellung von Philip Guston in den neuen Räumen der New Yorker Marlborough Gallery wurde zum Stadtgespräch. Plötzlich und ohne Vorwarnung malte der lange Jahre als Abstrakter Expressionist bekannte Guston wieder figurativ. „Verrat“ brüllten da nicht wenige seiner Weggefährten und auch die Kritiker kanzelten die neuen Werke gnadenlos ab. Dabei war Guston nie wirklich einer der abstrakt-expressiven Maler der New Yorker Schule, die in oftmals wilder Gestik ihre innere Gefühlswelt auf die Leinwand brachten. Der Abstrakte Expressionismus war nie seine Welt geworden und stets hatte er als Außenseiter gegolten. Seine Arbeiten aus den Fünfzigerjahren sind diffuse Landschaften aus kurzen breiten Pinselstrichen und beseelt von Farbe und Licht. Das erinnert eher an Monet als an die New Yorker Künstler jener Zeit.

Guston war 1913 als Philip Goldstein in Montreal geboren worden und wuchs in Los Angeles auf. Früh galt er als großes Talent. Doch während die New Yorker Kunstszene in großformatigen Abstraktionen schwelgte, blieb Guston in der künstlerischen Provinz Los Angeles, malte gegenständlich und arbeitete sich an der europäischen Kunstgeschichte ab. Besonders der frühe Picasso und de Chirico hatten es ihm angetan. Gleichzeitig galt sein Interesse den mexikanischen Muralisten. Guston begann deren eigenwilligen Stil zu übernehmen und politische Bilder zu malen, die Gewalt und soziale Ungerechtigkeiten thematisierten.

Philip Guston. Das grosse Spätwerk Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2013 Foto: Norbert Miguletz

Philip Guston. Das grosse Spätwerk. Ausstellungsansicht
© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2013
Foto: Norbert Miguletz

Erst spät erkannte er, dass er mit den gegenständlichen Bildern längst als langweiliger Provinzler galt und ging nach New York. Bald hatten ihn die abstrakten Künstler in ihren Bann gezogen und nach einer kurzen Phase des Ausprobierens malte Guston ab 1949 in seinem als „abstrakter Impressionismus“ bezeichneten Stil. Doch 1965 stürzte er in eine Schaffenskrise. Die Malerei erfüllte ihn nicht mehr, seine Bilder schienen ihm hohl und sinnentleert. In einem Interview bekannte er später, das er die Reinheit der Farbmalerei satt hatte und wieder Geschichten erzählen wollte. Tief verunsichert legte er den Pinsel beiseite und zeichnete nur noch. Erst 1968 war der Bann dann plötzlich gebrochen. Er erkannte, dass die Abstraktion für ihn kein Ausdrucksmittel mehr war und wandte sich ganz der Figuration zu. Wie am Fließband kritzelte und malte er fast manisch alles was er sah. Mit über 650 Gemälden und Hunderten Zeichnungen wurde diese Phase des Spätwerks zu seiner produktivsten und aus diesem Konvolut hat die Schiern Kunsthalle in Frankfurt nun für eine kleine Ausstellung 70 Werke ausgewählt.

Guston nahm vieles aus dem Frühwerk wieder auf und entwickelte aus der veränderten Motivwelt einen ganz eigenen Stil. Ironischerweise wurde der oftmals seiner Zeit Hinterherhinkende damit zum Vorreiter der Postmoderne. Die skurrilen Gemälde muten wie Comics an und sind durchwoben von allegorischen Symbolen. Da ist die ausgestreckte Hand Gottes, die eine Linie auf den Boden zeichnet, Uhren versinnbildlichen die verrinnende Zeit und brennende Zigaretten sind ein Zeichen der Vergänglichkeit. Und wie schon im Frühwerk wurden die spitzen Kapuzen des Ku-Klux-Klans zum Sinnbild des alltäglichen Bösen.

Mit Cadmiumrot tauchte der Amerikaner seine Bilder in heiter-fröhliche Bonbonfarben. Oftmals nutzte er das intensive Rot als Umrissfarbe und tönte es dann mit Weiß zu einem Rosa ab, das er mit einem sparsam eingesetzten Blau konterkariert.

Mit viel abgründigem Humor setzte sich der Künstler immer wieder selbst in Szene. Sein Alter Ego ist ein einäugiger Zyklop mit riesigem Schädel und übergroßen Händen in absurd-komischen Situationen. Die oftmals primitiv erscheinende Motivwahl, die übertriebene Farbigkeit und die comichaften Szenen irritieren und lassen den Betrachter genauer hinschauen. So erkennt man schnell, das Guston eine zutiefst melancholische Persönlichkeit war, getrieben von Zweifeln, Ängsten und Depressionen. Gerade das macht seine Bilder so wertvoll.

Bis 2. Februar 2014, Schirn Kunsthalle, Frankfurt, 22. Februar bis 25. Mai 2014 Deichtorhallen Hamburg

Für Generationen von Kindern waren die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm die ersten Bücher, aus denen ihnen beim Zubettgehen vorgelesen wurde. Bis heute erfreuen sie sich großer Beliebtheit, daran konnten auch Harry Potter und „Der Herr der Ringe“ nicht viel ändern und bis heute erscheinen immer wieder Prachtausgaben mit prunkvollen Illustrationen, die beweisen, welchen Rang die Grimm’sche Märchenwelt in der deutschen Literatur hat.

Dass dies vor 100 Jahren nicht anders war, zeigt eine Ausstellung in der Alten Sammlung des Saarlandmuseums in Saarbrücken. Der saarländische Künstler Albert Weisgerber hatte 1901 über 100 Handzeichnungen als Illustrationen für den zweiten Band eines Märchenbuchs der Reihe „Gerlachs Jugendbücherei“ des Wiener Gerlach-Verlages angefertigt. Von den insgesamt elf Zeichnungsfolgen sind nun die acht schönsten zu sehen, darunter einige weniger bekannte Märchen, wie etwa „Die Eule“ oder „Fundevogel“. Weiter lesen

Ich nutze zwar Twitter und Facebook recht gerne, sehe aber immer wieder, dass beide Medien an Grenzen stoßen, weil diese Informationshäppchen zwar ideal in unsere Zeit passen, aber wenig Erhellendes bieten. Zugegeben: bei kluger Kommunikation können Twitter und Facebook durchaus Nachrichtenkanal sein und Besucher und Interessierte an das Haus binden, aber wirklich Lohnendes ist selten dabei.

Bei Blogs ist es etwas anderes, die wenigen guten Museenblogs bieten tatsächlich oftmals großen Nutzen und Zusatzwert. Sie erlauben Blicke hinter die Kulissen und ergänzen sinnvoll Ausstellungsgeschehen und museale Arbeit. Schon lange gibt es den Inside/Out-Blog des MoMA, der bis heute auch einer der besten Museums-Blogs ist. Und in Deutschland?

Das Städel Museum macht das mit blog.staedelmuseum.de jetzt auch schon seit einiger Zeit und – wie ich finde – durchaus bemerkenswert. Die Posts zur aktuellen Dürer-Ausstellung sind sehr spannend zu lesen und bieten wirklich viel Lesenswertes. Seit kurzem schreibt auch die Kunsthalle Bremen einen Blog, der Ähnliches verspricht: www.kunsthalle-bremen.de/blog.

Ansonsten sind gerade in Deutschland Kunstmuseen in der Blogosphäre immer noch selten, ganz anders als technische und kulturhistorische Museen. Aber alle sind bei Facebook und Twitter. Warum das so ist? Die Häppchen kann jeder PR-Volontär schreiben, für Blogbeiträge braucht man Fachleute, die Ahnung von der Materie haben…

Kennt jemand noch gute Blogs deutscher Kunstmuseen? Dann her damit!

Eigentlich müsste die Ausstellung ein Fehlschlag sein, denn Dürers bekannteste Werke fehlen. Der „Feldhase“ ist nicht da, auch nicht die wichtigen Selbstporträts, vor allem aber fehlen die „Betenden Hände“. Die wollte die Wiener Albertina aus konservatorischen Gründen nicht verleihen, so hört man. Trotzdem bekommt man im Frankfurter Städel beste kunsthistorische Unterhaltung geboten, denn statt der zu Tode reproduzierten und zum Kitsch verkommenen Vorstudie ist das fertige Gemälde zu sehen (welches allerdings leider nur noch als Kopie erhalten ist). Es ist Teil des Heller-Altars, den Dürer gemeinsam mit Grünewald für einen reichen Frankfurter Kaufmann malte. Außen- und Innentafeln des Altars sind in der Ausstellung wiedervereint zu bewundern. Den Gemälden hat das Museum Skizzen und vorbereitende Studien zur Seite gestellt und lässt uns so dem Meister bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Als Maler und gelernter Goldschmied demonstrierte der 1471 in Nürnberg geborene Albrecht Dürer schon früh sein großes Können. Wie viele Künstler seiner Zeit malte er vor allem christliche Motive, aber auch Porträts, wie das Bildnis seiner Mutter Barbara. Seinen Durchbruch startete er 1498 mit dem Druckwerk „Apokalypse“, das seine enormen technischen und künstlerischen Fähigkeiten im Holzschnitt belegt. Dürer wurde in Europa schnell berühmt und erhielt Auftragsarbeiten von reichen Kaufleuten, Adligen und Kaisern. Anders als viele seiner Kollegen in Italien oder den Niederlanden malte Dürer aber keine idealisierten Schönlinge in bestem Interieur, sondern lässt die Porträtierten lebendig und ausdrucksstark erscheinen. Und wenn sich ein Auftraggeber keinen abwechslungsreichen Hintergrund leisten konnte, wurde der eben nur einfarbig ausgeführt. Weiter lesen

Cover: Jackson Pollock. Die Biografie

Ausnahmsweise mal Werbung in eigener Sache: Seit gestern ist mein Buch “Jackson Pollock. Die Biografie” offiziell erhältlich. Fast sechs Jahre hat es gedauert, viel Schweiß, Blut und Tränen hat es gekostet, das Werk neben dem Arbeitsalltag fertig zu stellen. Stolze 483 Seiten sind es geworden, zahlreiche Abbildungen in Schwarzweiß und Farbe und das zu einem gerade noch bezahlbaren Preis von 29,80 Euro. Also: kaufen – z. B. direkt hier!

Es ist ein echtes Erlebnis: Betritt man den hintersten Raum im Erdgeschoss der Pfalzgalerie geht der Blick sofort auf die gegenüberliegende Wand. Dort hängt ein wandfüllendes dreiteiliges Bild in leuchtenden Farben. Richard Pousette-Dart hat aus hunderttausenden kreisformenden Punkten einen strahlenden Kosmos aus Licht und Farbe zusammengesetzt. Das Bild erinnert an eine flirrende Sommernacht und scheint ein wenig an Van Goghs berühmte „Sternennacht“ angelehnt zu sein. „Radiance“ ist zweifellos eines von Pousette-Darts bedeutendsten Werken und ein Musterexemplar seiner Arbeit.

Pousette-Dart_Imploding  Black_1985-86

Richard Pousette-Dart, Imploding Black, 1985-86
Acryl auf Leinen, Courtesy Estate of Richard Pousette-Dart, New York.
Foto: Kevin Noble © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Der Amerikaner war einer der jüngsten Abstrakten Expressionisten, jener Künstler, die New York im 20. Jahrhundert zum Zentrum der Kunst machten. Der 1992 verstorbene Pousette-Dart wurde 1916 in Minnesota geboren und wuchs in Valhalla bei New York auf. Nach einer abgebrochenen College-Ausbildung übersiedelte er nach Manhattan, malte intensiv und schlug sich als Assistent eines Bildhauers durch. Bald schon kam er mit der aufstrebenden New Yorker Kunstszene in Kontakt, lernte die jungen Wilden um Pollock und de Kooning kennen und schloss sich ihnen an. Doch schon 1951 hatte er genug von dem großstädtischen Kunstbetrieb, zog mit der Familie auf das Land und suchte nach seinem eigenen Stil. Seine dunklen Kompositionen aus Symbolen und Zeichen wurden abstrakter, Farbe und Licht rückten immer stärker in den Vordergrund. Immer häufiger entstanden die Bildinhalte aus einem Mosaik winziger, sich überlagernder Farbpunkte. Mit dem gestischen und spontanen Ausdruck von Gefühlen und Gedanken, dem zentralen Anliegen vieler Abstrakter Expressionisten, konnte der Maler immer weniger anfangen. So waren Pousette–Darts transzendentale Werke ab den 1950er Jahren beseelt von der Auseinandersetzung mit Geist und Körper, Mensch und Kosmos. Der Kreis wurde zum zentralen stilistischen Ausdrucksmittel, der Punkt als kleinste Form des Kreises zum Gestaltungsmittel.

Auf diese Werke konzentriert sich die Kaiserslauterer Pfalzgalerie. Die Ausstellung ist nicht chronologisch angelegt, sondern als „Seherlebnis“, das mit einigen Entdeckungen überrascht. So lohnt es sich schon am Eingang des ersten Saals stehen zu bleiben und die dort aufgehängten schwarzweißen Arbeiten im Gesamten zu betrachten. Durch die perfekte Hängung lassen sich ganz schnell Gemeinsamkeiten und Unterschiede entdecken, die Werke gehen einen Dialog ein, verstärken und ergänzen sich oder offenbaren gegensätzliche visuelle Konzepte.

An einer Rückwand hat man viele kleinere runde Gemälde verteilt. Die Farbflächen sind vielfältige Varianten eines kontemplativen Mikrokosmos, kein Wunder also, dass Pousette-Dart sie alle „Cosmos“ nannte und durchnummerierte. Doch dies bleibt ein Einzelfall. Dem Maler waren die Titel seiner Bilder wichtig, um seine spirituellen Bildthemen zu benennen. So erhielten die Gemälde esoterisch angehauchte Titel wie „Eye oft the small Suns“, „Hieroglyph of Light“ oder „Square of Meditation“.
Im zweiten und dritten Saal versammelten die Kuratoren die farbigen Werke des Künstlers. Immer wieder steht der Kreis im Mittelpunkt der Gemälde. Mal sind es „Lichtpunkte“ in einem kosmischen Farbnebel, dann ein schwarzes Loch, das die umgebenden Farben aufzusaugen scheint, dann wieder ein lyrisch-zartes Pünktchengebilde, das fast schon transluzent leuchtet. Immer wieder spielte Pousette-Dart auch mit dem Material und brachte es pastos als kleine, dicke Farbkleckse auf die Leinwand und lässt das Bild so reliefartig in den Raum wachsen.

Die Ausstellung ist nicht nur wegen der einzigartigen Werke sehenswert, sondern aufgrund der außergewöhnlich guten Präsentation. Nur die erklärenden Ausstellungstexte fehlen leider. Das ist ärgerlich, zwingt es doch zum Kauf des Kataloges, wenn man tiefer in die Gedankenwelt Pousette-Darts eintauchen will.

Bis 17. November 2013, Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern

Was hat man Hans Thoma nicht alles für Etiketten angeheftet: Für seine Kollegen war er wegen seiner pittoresken Schwarzwaldbilder der „Hühnermaler“, Meyers Konversationslexikon lobte ihn 1909 als „Lieblingsmaler der Deutschen“ und für die Nationalsozialisten war er der letzte „große urdeutsche Maler“. Hängen geblieben ist vor allem das Lob der NS-Ideologen, weshalb er nach dem Zweiten Weltkrieg in den Museumsdepots verschwand. Dabei konnte sich Thoma gar nicht mehr wehren, denn er war schon 1924 gestorben, lange bevor Adolf Hitler Gefallen an dem Maler fand und seine Bilder für das Führermuseum zusammenkaufte.

Ausstellungsansicht "Hans Thoma. 'Lieblingsmaler des deutschen Volkes'" Städel Museum, Frankfurt am Main, 2013 Foto: Norbert Miguletz

Ausstellungsansicht “Hans Thoma. ‘Lieblingsmaler des deutschen Volkes’”
Städel Museum, Frankfurt am Main, 2013
Foto: Norbert Miguletz

Heute besitzt das Frankfurter Städel Museum die größte Thoma-Sammlung. Das Haus ist nicht ganz unschuldig am Ruf des Malers. 1934 zeigte man hier eine monografische Thoma-Präsentation der NS-Kulturgemeinde und gab 1939 eine Broschüre heraus, die Thomas „arische“ Abstammung feierte. Damit war der Ruf als Lieblingsmaler der Nationalsozialisten gefestigt. Es lag also nahe, dass das Museum dem Künstler nun endlich ein wenig Rehabilitation angedeihen lassen möchte. Das Städel versucht sich in einem Neuanfang und hat dafür eine besondere Präsentation erdacht: Die Besucher flanieren über grünen Kunstrasen, die Wände sind in grellem Orange und Violett gehalten. Was wohl eine Befreiung und unvoreingenommene Neubetrachtung ermöglichen soll, schadet aber, weil die zarte Farbgebung der Landschaftsbilder nicht zur Geltung kommt und die Werke in dem Wandfarbenfiasko untergehen. Die Idee war schön, fruchtet aber nicht wirklich.

Hans Thoma wurde 1839 als Sohn eines Holzarbeiters im Schwarzwald geboren. Es war nicht selbstverständlich, dass der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Junge an der Großherzoglichen Kunstschule in Karlsruhe studieren konnte, doch ein Stipendium machte es möglich. In den folgenden Jahren malte Thoma vor allem ländliche Ansichten, die das bäuerliche Alltagsleben im Schwarzwald zeigen. Doch es sind keine Szenen mühseliger Plackerei, sondern Momentaufnahmen des stillen Glücks und einer innigen Verbundenheit des Menschen mit der Natur fernab von Industrie und Technologiewahn. Bei einer Reise nach Paris lernte er Gustave Courbets Werk kennen und war sofort beeindruckt. Ein Zusammentreffen mit Arnold Böcklin inspirierte Thoma außerdem zu einer andauernden Auseinandersetzung mit allegorisch-mythologischen Motiven mit düsteren Anklängen. Auch fantastische Motive halten Einzug in sein Werk: Ritter, Satyrn, Putti und Feen bevölkern seine Bilder.

Zwischen 1877 und 1899 lebte Thoma in Frankfurt. Hier entstanden wunderbare Porträts der besseren Gesellschaft, die bald zu den Förderern des Malers gehörte. Thoma wurde bekannt, galt schnell als Prototyp des deutschen Malers, Postkarten und Malbücher erschienen. In Frankfurt lernte der spätere Professor und Direktor der Kunsthalle Karlsruhe auch Cosima Wagner kennen, die Ehefrau Richard Wagners. Für die Bayreuther Festspiele gestaltete Thoma Kostüme und Wanddekorationen. Der Ring des Nibelungen faszinierte Thoma so sehr, dass er begann, den Opernzyklus malerisch umzusetzen. Da ziehen Götter nach Walhall, „Meerweiber“ tanzen in der wogenden Gischt und germanische Krieger reiten durch Feuersbrünste. All das passte perfekt in die Ideologie der Nazis, die die Gemälde begeistert als „deutsche Malerei“ feierten. Doch Thomas sozialdemokratisch angehauchte Kapitalismuskritik am geifernden Kunstmarkt und seine Heimatliebe als übersteigerten Sozialismus mit nationalem Einschlag zu verunglimpfen, war mehr als unverschämt. So war die Rehabilitation des Malers als eine der zentralen Figuren der deutschen Kunstgeschichte um die Jahrhundertwende längst überfällig.

Die Zeitschrift Madame hat sich in der Juli-Ausgabe dem Phänomen “Blogs” angenommen. Die Redakteurinnen und Redakteure haben die aus ihrer Sicht besten Blogs in mehreren Lifestyle-Kategorien wie “Reise”, “Beauty” und “Food” gekürt, aber auch die besten Kunst- und Kulturblogs und dieser Blog ist dabei. Vielen Dank dafür!

Cover Madame Juli 2013

Die besten Kunst- und Kulturblogs

Es gibt wohl kaum einen lebens- und kunstferneren Ort als ein Eisenwerk. Noch Mitte der 1980er Jahre war die Völklinger Hütte ein unwirtlicher Platz an dem hart gearbeitet wurde: Es war laut und staubig, die Hitze brannte auf der Haut, Atmen war fast unmöglich. Heute ist die Hütte ein idyllisches Kulturdenkmal und man muss schon viel Vorstellungskraft aufbringen, um zu verstehen, wie hier einst geschuftet wurde.

Wenn man in diesen Tagen über das Gelände und durch die alte Kokerei spaziert, hört man plötzlich Geräusche in einer Unterführung unter dem stillgelegten Kohlegleis. Es rattert und zischt ohrenbetäubend, Press- und Stampfgeräusche sind zu hören, Wasser tröpfelt. Die Wände vibrieren von den lauten Geräuschen, die so authentisch klingen, dass man den Beteuerungen der Künstlerin Claudia Brieske kaum glauben mag, dass dieser Klangteppich aus Alltagsgeräuschen besteht und nicht aus der Hütte stammt. Folgt man den Klängen, stößt man auf eine dunkle Kammer, die einst Materiallager war. Es riecht nach Kohle und Öl. An den grauen Wänden läuft ein Video. Zwei Hände umklammern den Kopf eines Mannes und reißen seinen Mund im Rhythmus der Töne auf und schließen ihn wieder. Der Film wechselt in die gegenüberliegende Ecke. Dort spuckt und würgt eine Frau unter heftigen Bewegungen Wasser aus.

Einst war die Kokerei eine schwarze Hölle, hier wurde Kohlenstaub in die Kokskammern gepresst, unter Hitze zu Koks verwandelt und wieder ausgestoßen. Nirgendwo auf dem Hüttengelände war die Arbeit härter als hier. Brieske, die Lehrbeauftragte an der HBK Saar ist, wollte mit der Videoinstallation „Körperschleusen (Liquid Souls)“ diesen Arbeitsprozess in metaphorische Gesten übersetzen und so die harte Arbeit erfahrbar machen. Das ist ihr auf äußerst sinnliche Weise gelungen, denn Ausstellungsraum und Kunstwerk gehen eine symbiotische Verbindung ein.

Geht man den Rundweg weiter durch die Maschinenschluchten, vorbei an Kohletürmen und Koksöfen öffnet sich plötzlich der Blick, und man befindet sich auf einer grünen Wiese mit blühenden Bäumen. Hier steht der zweite Teil von Brieskes Installation. Die 46-jährige Künstlerin wiederholt elementare Gesten des Videos in vier großformatigen Fotografien. Noch immer hat man die schrecklichen Geräusche im Ohr, doch dieser Ort ist im Gegensatz zur einstigen Kokerei ein himmlischer. Es ist still, duftet nach Gras und im besten Fall scheint die Sonne. Erst hier wird einem wirklich klar, wie hart das Arbeiterleben wenige Meter nebenan einst war.

Es war eine der spannendsten Präsentationen der diesjährigen “Landeskunstausstellung Saar”, die von April bis Juni lief. Das sahen wohl auch die Kuratoren der Völkinger Hütte so und beschlossen, das Werk bis Anfang November 2013 auszustellen.

Bis 3. November 2013, Völklinger Hütte

Es muss ein erhebendes Gefühl gewesen sein, als der erste Heißluftballon der Gebrüder Montgolfière vom Boden abhob und lautlos durch die Lüfte schwebte. Plötzlich gewann der Mensch einen ganz neuen Blick auf seine Welt. Mit den ersten Fotografien aus Ballons erlebten dann auch die am Boden Gebliebenen 1858 den neuen Blickwinkel. Auch die Künstler konnten sich für die neue Perspektive begeistern. Kubistische Maler wie Picasso und George Braque, aber auch Robert Delauney, waren von dem neuen Blick so angetan, dass sie nicht nur steilere Blickwinkel für ihre Werke wählten, sondern das traditionelle dreidimensionale Raumkonzept gleich ganz in Frage stellten.

Im Ersten Weltkrieg kamen den Luftbildern neue Aufgaben zu. Mit ihnen konnte die militärische Aufklärung Kriegsschauplätze und Kriegsschäden dokumentieren. Die unzähligen Fotos der zerbombten Landschaften mit den Schützengräben muten oftmals graphisch-abstrakt an. Die Ausstellung illustriert lebhaft den Eindruck, den diese Bilder auf die Avantgarde-Künstler machten: Die Arbeiten wurden zunehmend flacher, Perspektive und Gegenständlichkeit gingen verloren. Die Gegenüberstellung von Luftbildern mit einigen Gemälden und Zeichnungen Kasimir Malewitschs und Wassily Kandinskys, aber auch Piet Mondrians und Paul Klees zeigen frappierende Ähnlichkeiten und sind der spannendste Teil der Ausstellung.

Als das Bauhaus Mitte der 1920er Jahre von Weimar nach Dessau übersiedelte und damit an den Standort des Flugzeugbauers Junkers zog, begeisterten sich die Bauhaus-Künstler bald für die modernen Techniken. Lásló Moholy-Nagy begründete einen neuen Ästhetikbegriff: Das „Neue Sehen“ bot außergewöhnliche Blickwinkel, eine extreme Aufsicht und forderte damit vom Betrachter eine Veränderung der Sehgewohnheiten. Das urbane Leben auf Brücken und Plätzen und die strengen geometrischen Formen der Großstädte bekommen von oben eine surreale Anmutung; erst ein genaues Hinschauen ermöglicht eine Dechiffrierung des Gesehenen.

In den 1920er Jahren gewann das Bild von oben zunehmend auch in anderen Bereichen an Bedeutung. Architekten und Stadtplaner nutzten die Luftbilder zur Planung ihrer Projekte. In der Ausstellung sind einige Arbeiten von Le Corbusier zu sehen; anschaulich wird dargestellt, wie der große Architekt Luftbilder zur Realisierung seiner Visionen nutzte.

Die üppige Ausstellung schlägt im zweiten Teil einen weiten Bogen über die Kunst der 1940er Jahre bis in unsere Zeit. Die Luftbilder wurden zum zentralen Bestandteil der Land Art. Die Aufnahmen wurden zu Dokumentationen der riesigen Landschaftsinstallationen und sind oft der einzige Weg, die Werke in Gänze zu erfassen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nutzten Künstler den Blick aus der Höhe immer wieder als gestalterisches Mittel. Jackson Pollock malte schon ab 1947 von oben, indem er die Leinwand flach auf den Boden legte, dann Farbe tröpfelte und spritzte, was ganz neue Möglichkeiten eröffnete. Stadtansichten wurden zum Ausdruck einer entmenschlichten Welt moderner Metropolen, wie etwa „Stadtbild F“ von Gerhard Richter oder Ed Ruschas bildgewordene Kritiken an städtebaulichen Auswüchsen der Großstädte.

Heute ist der Blick von oben allgegenwärtig. Wir sind im öffentlichen Raum systematischer Überwachung von Sicherheitskameras ausgesetzt. Satellitenbilder ermöglichen eine ständige Beobachtung des Zustands der Erde, mit Google Earth kann sich jeder seinen eigenen Eindruck aus der Luft verschaffen. In der Ausstellung geht das über einen kleinen Aussichtsturm im großen Saal, von dem man einen Ausblick auf die Ausstellungsarchitektur hat. Ein Leckerbissen ist die Schau nicht nur aufgrund der perfekten Inszenierung in acht Kapiteln, sondern auch wegen der 500 gezeigten Werke – auch wenn es manchmal aufgrund der Fülle etwas langatmig zu werden droht.

Bis 7. Oktober 2013, Centre Pompidou Metz