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Magisch leuchtende Landschaften

Das Saarländische Künstlerhaus zeigt aufregende Bilder von Daniel Enkaoua

Daniel Enkaouas Sujets sind eher banal und altmeisterlich. Er malt Stillleben, Landschaften und Porträts seiner Familie. Nichts davon ist auf den ersten Blick wirklich aufregend. Dass seine Bilder trotzdem sehenswert sind, liegt nicht daran, was er malt, sondern wie er es malt. Kaum ein zeitgenössischer Maler versteht es, so virtuos mit Material, Farbe und Oberfläche umzugehen.

El Penedes. 2010-11 (202cm X 280cm) Oil on canvas

Daniel Enkaoua: El Penedes. 2010/11, 202 cm x 280 cm, Öl auf leinwand, Foto: Daniel Enkaoua

Die Hintergründe von Enkaouas Bildern sind auf den ersten Blick immer grau, offenbaren aber recht schnell ein reiches Farbspektrum, das der Maler sehr subtil einsetzt. Der Künstler trägt die Farbe pastos auf, die Oberfläche wirkt krustig und schrundig. Mit dem Messer glättet er das Material und kratzt die Bildoberfläche wieder auf, sodass die unteren Schichten sichtbar werden. Diesen Vorgang wiederholt er vielfach bis eine Struktur entsteht, die an ein Gewebe oder einen Rauputz erinnert. Oftmals sitzt er jahrelang an einem Bild, malt an mehreren Leinwänden gleichzeitig.

Der Franzose stammt aus einer jüdisch-orthodoxen Familie und ist ein tiefgläubiger Mensch, der sogar zwei Jahre jüdische Theologie studiert hat, bevor er ein Kunststudium begann. Man merkt seinen Bildern diese Spiritualität an, aber nie wird das aufdringlich oder gar kitschig. Insbesondere die menschenleeren Landschaftsbilder sind herausragend und von fast religiöser Intensität. Sie scheinen magisch zu leuchten.

Mit einer komplexen Farbgebung, durch Reduktion und Unschärfe sowie ein Spiel mit den Lichtverhältnissen gibt Enkaoua dem Betrachter die Möglichkeit, das Wesen einer Landschaft zu erfassen. Mit Öl oder Verdünnern angereichert, bildet die Farbe glänzende oder matte Oberflächen. So werden auf den Landschaftsbildern aus den glänzenden Flächen Wolkengebilde, ohne dass der Maler sie real darstellt.

Um den Körper der Porträtierten wird der Glanz zu einer Aura, die die Person vom ansonsten matten Hintergrund abhebt. Die Menschen trägt Enkaoua mit kurzen Pinselstrichen und wildem Duktus in leuchtenden Farben auf. Ränder fransen aus, die Formen werden unscharf und Details verschwimmen. Enkaoua verdichtet die Bilder mit seinem Malstil so sehr, dass der Raum um die abgebildeten Personen zum Farbnebel wird und der Fokus ganz auf dem Menschen liegt.

Auch bei den Stillleben sind Atmosphäre und Stimmung wichtiger als die naturgetreue Abbildung. Die Bilder strahlen ungeheure Ruhe aus. Auf den allgegenwärtigen grauen Untergrund legt Enkaoua Frühlingszwiebeln, Salat oder eine Tomate. Die speckig glänzende Farbe trägt er dick auf, sodass das Gemüse fast aus dem Bild herauszuwachsen scheint und „greifbar“ wird.

Daniel Enkaoua: Facing Spaces and Landscapes, bis 6. September 2015, Saarländisches Künstlerhaus

Wenn Graffiti auf Kunst trifft

Hochkarätige Urban Art in der Galerie Zimmerling & Jungfleisch

Noch immer nehmen viele Vertreter der Hochkultur in Deutschland die Urban Art nicht ganz ernst. Diese Standesdünkel halten sich hartnäckig, auch wenn die Künstler in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich längst etablierte Größen im Kunstbetrieb sind. Für viele Museen sind die Sprayer keine ernstzunehmenden Künstler, sondern den Kinderschuhen entwachsene Vandalen, die nun an das große Geld des Kunstbetriebs wollen. Wie falsch das ist, beweist gerade die tolle Ausstellung „Ambiguity“ in der Galerie Zimmerling & Jungfleisch. Die Arbeiten der vier ausgestellten Künstler beweisen, welch hohen Qualitätsanspruch die Urban Art vertritt und wie sehr sie inzwischen mit der traditionelle Kunst verschmolzen ist.

Da ist der US-Amerikaner Augustine Kofie, dessen Arbeiten eine wunderbar zeitgemäße Interpretation des Futurismus und Konstruktivismus in einem ganz eigenen, unverwechselbaren Stil sind, der an Gebäudezeichnungen erinnert. Oder der Franzose LXone mit seinen stark geometrisch geprägten Gemälden und Plastiken aus Beton, Plastik oder Pappe. Beiden Künstlern gemeinsam ist als Inspirationsquelle die urbanen Architektur. Auch Remi Roughs neuste Arbeiten können überzeugen. Der Londoner malt mit dem Pinsel gestische Abstraktionen im Stil des Abstrakten Expressionismus und sprüht minimalistische Kompositionen, die an Kandinskys Suprematismus erinnern.

Ausstellungsansicht

Ausstellungsansicht, Foto: ©LXone

Ebenfalls in der Ausstellung vertreten ist Poesia, der in San Francisco eine Galerie betreibt und Gründer des bedeutenden Blogs „Graffuturism“ ist. Als einziger in der Schau ist er sehr nah an den Wurzeln der Urban Art geblieben, „verdeckt“ diese jedoch. Meist beginnt er mit einem Buchstaben seines Künstlernamens und trägt dann darüber Farbschicht um Farbschicht auf. So entstehen Werke, die von der besonderen Wirkung sich überlappender Farbbalken geprägt sind. Vom Anfangs-Tag bleibt nur der Titel, der den oder die Buchstaben verrät.

Bis 18. Juli, Galerie Zimmerling & Jungfleisch, Saarbrücken

Modelle für den geistigen Gebrauch

Das Saarlandmuseum präsentiert minimalistische Gegenwartskunst aus Polen

Extremer können Gegensätze in der Kunst kaum sein: Während in den Ausstellungsräumen der Modernen Galerie gerade die opulenten Meisterwerke Albert Weisgerbers expressionistisch glühen, zeigt das Museum im großen Saal für Wechselausstellungen minimalistische Werke des polnischen Künstlers Michał Budny. Wo Weisgerbers erotische Odalisken auf Anhieb begeistern, sperren sich Budnys minimalistische Werke allzu leichter Erkenntnis.

Das Werk des Polen reicht von kleineren Objekten und Skulpturen über Assemblagen bis zu monumentalen Installationen. Die sechs gezeigten Arbeiten kommen auf den ersten Blick recht einfach daher und man muss sich auf sie einlassen, um sie zu verstehen. Nimmt man sich die Zeit, kann man Wunderbares entdecken.

Der Künstler nennt seine Objekte „Modelle für den geistigen Gebrauch“. Sie sind nicht für den einfachen Konsum gedacht, sondern sollen beim Betrachter geistige Prozesse auslösen, die den Raum füllen. Gestalt und Material treten in den Hintergrund. Budny spielt nicht nur mit Oberfläche und Form, sondern auch mit der Architektur des Gebäudes. Akribisch beschäftigt sich der Pole mit der jeweiligen Museumsarchitektur und nimmt Räume und Lichtverhältnisse in die Arbeiten auf.
Die Werke sind in Form und Farbe äußerst reduziert. Budny nutzt diesen Minimalismus, um den Betrachter herausfordern. So ist „Passive Figur“ ein Klotz in warmen Holzfarben. Um den Monolithen zu begreifen, muss man sich aber um den Körper herumbewegen. Dabei verändert er sich vor dem Auge des Betrachters immer wieder. Am stärksten mit dem Raum korrespondiert die schwarze Lattenkonstruktion „Vorhang“ in der Raummitte, die den riesigen Saal zu teilen scheint, damit strukturiert und doch das Licht frei passieren lässt und den Blick nicht behindert, sondern geradezu fordert. So muss man sich Werk und Raum immer wieder neu erarbeiten und gewinnt auch einen anderen Blick auf die Gebäudearchitektur.

Budny-Gewalt-Figur

Michał Budny, Gewalt Figur – Figure de la violence – Figure of Violence, 2015
Holz, MDF, Laminat, Schnitte, Klebeband, 20 cm x 600 cm x 500 cm
Installation Saarlandmuseum / Moderne Galerie, 2015

Foto: Tom Gundelwein, © Michał Budny, 2015, courtesy Michał Budny/Galerie Nordenhake, Berlin

In „Gewalt Figur“ hat Budny mit der Kreissäge Linien in einen flachen grauen Körper geschnitten. Einige sind tief und schmal, wirken so fast schwarz. Andere sind breit und flach und geben so den Blick auf das Innenleben der hellen Spanplatte frei. Mit brutaler Gewalt entstand so ein zartes, fast poetisches Linienwerk, das sich beim Umkreisen ständig verändert und die Lichtverhältnisse im Raum aufgreift und widerspiegelt.

Schon länger beobachtete Museumdirektor Roland Mönig den 1976 geborenen Polen und als sich anlässlich der Musikfestspiele Saar und deren Schwerpunktland „Polen“ die Gelegenheit bot, fragte er bei Budny an. Der war von der Architektur des Museumsbaus angetan und sagte sofort zu. Es wäre spannend gewesen, zu sehen, was er mit dem Rohbau des Vierten Pavillons angestellt hätte, doch das war leider nicht möglich. Ein wenig schade ist das schon, den der Platz im Ausstellungssaal ist fast zu klein, um die Werke voll zur Entfaltung kommen zu lassen. Bleibt zu hoffen, dass Budny nach Eröffnung des Vierten Pavillons noch einmal zurückkommen darf.

Bis 13. September 2015, Moderne Galerie, zur Ausstellung wird im Sommer ein Katalog erscheinen.

Ein Bruch mit den Konventionen

Das Frankfurter Städel feiert seinen 200. Geburtstag mit einer aufregenden Ausstellung zum Impressionismus

Schon wieder eine Impressionisten-Ausstellung? Wurde da nicht langsam alles gezeigt, nicht schon jeder Aspekt eingehend beleuchtet? Eigentlich schon und mit dieser Antwort könnte man sich einen Ausstellungsbesuch sparen, wäre da nicht die opulente Bildwelt, die viele Menschen bis heute begeistert. Und tatsächlich schafft es das Städelmuseum mit der Ausstellung zum 200. Geburtstag, die Geschichte der Entstehung des Impressionismus noch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu erzählen.

Das Frühstück (Le Déjeuner). 1868, Städel Museum, Frankfurt am Main

Claude Monet: Das Mittagessen, 1868
Öl auf Leinwand, 231,5 x 151 cm
Städel Museum, Frankfurt am Main
Foto: © Städel Museum, Frankfurt am Main

Im Mittelpunkt stehen zwei Bilder gleichen Namens. Claude Monets „Das Mittagessen“ aus dem Jahr 1868 ist auf den ersten Blick ein bürgerliches Idyll, das kaum als impressionistisches Werk erkennbar ist und doch markiert es einen Ausgangspunkt der revolutionären Kunstbewegung. Monet malte seine Familie beim sonntäglichen Mittagsmahl. Dabei wählte er für die private Szene ein Großformat, das man bis zu diesem Zeitpunkt nur Königen zugestanden hatte. Die Provokation jedoch ist das Motiv, denn der Junge im Bildmittelpunkt ist Monets unehelicher Sohn, seine Mutter die Geliebte des Malers. Es ist ein Bruch mit den Konventionen der Malerei – politisch, aber auch künstlerisch. Virtuos spielt Monet mit Licht und Schatten, lässt die weiße Tischdecke in unendlichen Varianten von weiß aufscheinen.
„Das Mittagessen“ von 1872 trägt zwar den gleichen Titel, ist aber ein ganz anderes Bild. Es ist ein kurzer Augenblick, der auf der Leinwand eingefroren wurde. Im Mittelpunkt steht eine leere Fläche inmitten eines blühenden Garten, am unteren Rand eine reich gedeckte Tafel. Die Personen haben den Tisch verlassen und wandeln durch den Park. Sie sind wie beiläufig schemenhaft angedeutet und gehen in dem flirrendes Meer aus Farbe und Licht fast unter. Hier ging es dem Maler nicht mehr um eine naturgetreue Darstellung und akademisches Malen, sondern um das Festahalten von Erlebtem – gemalt in glühenden Farben mit kurzen kräftigen Pinselstrichen, zügig und skizzenhaft.

44 der rund 100 gezeigten Werke stammt von Monet und so kommen die impressionistischen Künstlerkollegen wie Renoir, Degas, Pissarro und Sisley etwas kurz. Umso mehr würdigt die Schau aber ihre Wegbereiter wie die Landschaftsmaler der Schule von Barbizon. Sie hatten damit begonnen, Licht und Stimmung in der Natur einzufangen, doch ihre Bilder sind noch stark komponiert und idealisiert.

Monet, Das Mittagessen, 1873

Claude Monet: Das Mittagessen: dekorative Tafel, 1873
Öl auf Leinwand, 160 x 201 cm
Musée d`Orsay
Foto: bpk | RMN – Grand Palais | Patrice Schmidt
© Musée d`Orsay, legs de Gustave Caillebotte, 1894

Es sind gerade diese Anfangskapitel, die einen intensiven Einblick in die Entstehung des Impressionismus ermöglichen. Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich dann der Entwicklung von Monet und den übrigen Impressionisten bis 1880. In dieser Zeit erreichte der Impressionismus seinen Höhepunkt. Erstmals wagten sich Maler daran, das pulsierende Großstadtleben einzufangen und malten Bahnhöfe, Straßenszenen und das urbane Vergnügen in Theatern, Bars und Kneipen. Die bedeutendste Veränderung war die Tätigkeit außerhalb der Ateliers. Die Künstler malten draußen, fingen Augenblicke ein und hielten Stimmungen in den Bildern fest. Sie malen nicht mehr unbedingt, was sie sahen, sondern das, was sie fühlten.

Mit Meisterwerken wie dem „Bahnhof Saint-Lazare“ oder dem „Boulevard des Capucines“ wurde Monet zu einem Chronisten des technischen Fortschritts und des damit einhergehenden gesellschaftlichen Wandels. Doch seine Gemälde dokumentieren nicht nur einfach den Umbau des mittelalterlich geprägten Paris zur modernen Metropole, sie erfassen auch das pulsierende Leben und die Beschleunigung des Alltags durch Technik und Industrialisierung.

Spannend ist die Gegenüberstellung der Bilder mit Fotografien. Endes des 19. Jahrhunderts schickte sich die Fotografie an, die naturgetreue Malerei als Dokumentationsform abzulösen. Die Malerei musste sich eine neue Daseinsberechtigung verschaffen und wurde so vor allem Interpretation des Gesehenen.

Monet und die Entstehung des Impressionismus, bis 28. Juni 2015, Städelmuseum Frankfurt

Ordnung ist das halbe Leben

Mia Unverzagt zeigt im Saarländischen Künstlerhaus eine große Werkgruppe

Die Szenerie in der Galerie des Saarländischen Künstlerhauses mutet schon merkwürdig an. Am Eingang stehen rosa Pantoffeln für die Besucher bereit. So beschuht geht es dann in die Ausstellungsräume, an deren Wänden kühle Fotos von Damen hängen, die in einer Wäscherei zu arbeiten scheinen. Dazwischen zwei Installationen von einem Arbeitszimmer und einer kleinen Werkstatt, die aus den 1950er-Jahren zu stammen scheinen.

Das Gesamtkunstwerk hat die ehemalige HBKsaar-Studentin Mia Unverzagt ersonnen. In der Werkgruppe „Messen – Wiegen – Ordnen“ geht sie spielerisch gesellschaftlichen Ordnungsmustern nach und untersucht deren Wirkung auf uns. Die Fotos stammen von einem Experiment, in dem die Bremer Künstlerin Menschen eingeladen hat, sich aus einem Berg von Hauskleidern und Gegenständen aus den 1940er- bis 1970er-Jahren etwas auszusuchen, was sie gerne tragen würden. Dann sollten die Versuchspersonen die ausgewählten Dinge messen, wiegen und ordnen. Unverzagt begleitete dies mit der Kamera.
Hat man die Intention erkannt, wirken die beiden Installationen dazu dann plötzlich nicht mehr zusammenhanglos, denn Schreibtisch und Regal des Arbeitszimmers sind voller Unterlagen und Bücher zum genauen Messen und Wiegen. Bilder und Schautafeln an der Wand stammen aus der Nachkriegszeit und sind voller Vorschriften und Anleitungen. Das reicht bis zur Anweisung, wie Fingernägel lackiert werden sollten. Die „Werkstatt“ ist ein kleines Chaos aus Tischen voller Mess- und Wiege-Werkzeuge.

Die Ausstellung wirkt ein bisschen spröde und verkopft, das ist keine leichte Kost. Doch wer sich darauf einlässt, kommt schnell ins Grübeln. Mit einer bildhaften und sehr subtilen Botschaft vermittelt uns Unverzagt nicht ohne Ironie, wie sehr sich die Nachkriegsgesellschaft in alte Werte wie Recht und Ordnung flüchtete, um den Alltag zu strukturieren und die Zeit des Nationalsozialismus zu verdrängen.

Im Studio zeigt der Kieler Künstler Volker Tiemann seine humorvollen und oft hintergründigen Objekte, Zeichnungen und Skulpturen. Im „Studio blau“ präsentiert Max Grau eine umfassende Videoinstallation.

Stelldichein der Urban Art

Die Galerie Zimmerling & Jungfleisch in Saarbrücken zeigt in der dritten Ausstellung einen Überblick über die Urban Art

Patrick Jungfleisch legt ein hohes Tempo vor. Gerade einmal vier Monate gibt es die Galerie Zimmerling & Jungfleisch und die dritte Ausstellung mit Meisterwerken der Urban Art läuft bereits. Mit „Urban Selection“ lässt die Galerie die Muskeln spielen und zeigt einen Überblick über ihre besten Künstler.

Jungfleisch ist besser bekannt als Reso und die großformatigen Tags des Urban-Art-Künstlers begrüßen die Ausstellungsbesucher gleich beim Betreten der Galerie. Die Arbeiten aus dem Jahr 2014 zeigen Resos sanfte Weiterentwicklung in den letzten Jahren. Immer noch arbeitet er mit den Buchstaben seines Künstlernamens und immer noch dreht, kippt und transformiert er die Buchstaben im virtuellen Bildraum bis zur Unkenntlichkeit. Doch die Bilder sind dynamischer, kleinteiliger, wirken energiegeladener als frühere Werke und damit auch emotionaler.

Mit Jef Aérosol ist einer der Stars der Urban-Art-Szene in der Ausstellung vertreten. Die beiden Bilder aus der Crowd-Serie gehören zwar nicht zu den besten Arbeiten des Franzosen, sind aber mit ihrer Bildsprache schon fast Ikonen der Postmoderne. Die Schau stiehlt ihm allerdings ein weiterer Altmeister. Jean Faucheur ist mit drei Arbeiten vertreten, die zu den besten in der Ausstellung gehören. Zwei der Bilder zeigen im Hintergrund eine Person. Ein Mal ist die in groben Blöcken gepixelt, ein anderes Mal verschwommen abgebildet. Beide Male ist die Figur mit punktuell aufgesprühter Farbe verdeckt, die dann mit langen Farbnasen einen Vorhang zieht. Dazwischen hängt ein weiteres Bild, das ebenfalls einen solchen Schleier zeigt. Aufgrund der raffinierten Hängung fragt man sich als Betrachter unweigerlich, was Faucheur da versteckt haben könnte und geht auf die Suche. Der fehlende Titel hilft nicht weiter.

Fast schon langweilig wirken da die Bilder von Sen2, die eine Mischung aus Abstraktion und Figuration sind und wie surreale Fragmente aus Comic und Werbung daherkommen. Auch Remi Roughs Visionen aus gestischem Action Painting und zartem Suprematismus Kandinskys können nicht ganz überzeugen. Ein ganz anderes Kaliber ist da Hendrik Beikirch, der mit dem fantastischen „Revalgade“ ein großformatiges Porträt zeigt, das auch schon in der Eröffnungsausstellung der Galerie im Dezember zu sehen war. Ganz anders aber nicht weniger spannend ist auch die Arbeit von Pro176, der Buchstaben und architektonische Elemente zu farbfrohen Landschaften verbindet, die über die Leinwand wabern. Mit dabei sind außerdem Cone The Weird und Vise, der eine Metall-Skulptur zeigt.

Urban Selection, bis 27. März 2015, Galerie Zimmerling & Jungfleisch

Rohrkrepierer deluxe

17 Jahre lang war die „art frankfurt“ ein fester Termin im Kunstmessenkalender. Immerhin rund 2000 Künstler wurden von 150 Galerien präsentiert. 2005 war dann Schluss – es kamen einfach zu wenige besucher, die kaufkräftige Sammlerklientel fehlte fast völlig. Michael Neff verkleinerte die Messe radikal und nannte sie fortan „Fine Art Fair Frankfurt“. Aber nach zwei Ausgaben war auch damit Schluss.

In diesem Jahr sollte die Mainmetropole nun wieder eine Kunstmesse bekommen. Groß angekündigt wurde das Projekt im vergangenen Oktober – recht spät. Ob es wohl daran lag, dass statt der angepeilten 150 bis 200 Ausstellern nur 60 kommen wollten oder war die Jury zu streng? Der eigenen Anspruch war hoch. Direktoren der Messe sind Wolf Krey von der Kunstmesse München und Galerist Eric Beuerle de Castro, als Beirat ließen sich Ottmar Hörl, Klaus Gallwitz, Hans Ottomeyer und Jean-Christophe Ammann anwerben – durchaus klangvolle Namen, die ein hohes Niveau versprachen.

Ich hatte vor, die Messe zu besuchen, um mir einen persönlichen Eindruck zu machen, musste dann aber kurzfristig umdisponieren, weil mir ein anderer Termin dazwischen kam. Versprochen wurde von den Machern eine „holistische, also ganzheitliche Messe“ und „ein Gegenkonzept zu spezialisierten oder regionalen Messen“. Als ich allerdings den Katalog der Messe in Händen hielt (siehe hier), war ich entsetzt. Angeboten wurde vom 30. Januar bis 3. Februar 2015 auf der ohnehin schon kleinen Messe ein buntes Sammelsurium aus Antiquitäten, Asiatika, Teppichen, Oldtimern, zeitgenössischer Kunst und Klassischer Moderne. Von einem Konzept keine Spur, statt dessen Mittelmaß satt. Die Veranstalter wollen sich eigentlich drei Jahre Zeit geben, um ein Konzept zu etablieren, ich bin allerdings gespannt, ob es überhaupt noch zu einer Ausgabe im Jahr 2016 kommen wird. Ich bin gespannt, bezweifle aber, dass so eine klare Zielgruppe angesprochen wird.

Nun könnte man sagen, dass es unfair ist, so zu urteilen, wenn man die Messe nicht live gesehen hat, doch auch die KollegInnen sehen das wohl so. Sandra Dannicke mutmaßt beispielsweise in der Frankfurter Rundschau, die Macher hätten einfach die Halle vollkriegen müssen und kritisiert das fehlende Konzept ebenfalls. Auch der Messe-Medienpartner FAZ äußert Zweifel… Der Rest der Presse schweigt sehr laut. Getreu dem Motto „De mortuis nil nisi bene“ wollte man wohl lieber gar nichts sagen als etwas Schlechtes.

Tunnel des Grauens

Die japanische Künstlerin Shiharu Shiota begeistert in der Stadtgalerie Saarbrücken mit raumfüllenden Installationen

Gruselig. Aufregend. Unglaublich. Ehrfürchtig raunen Besucher der Stadtgalerie derlei, während sie durch die Ausstellungsräume flanieren. Der erste Ausstellungssaal ist in ein Halbdunkel gehüllt. Von den Ausmaßen des Raumes ist nicht viel geblieben. Als ob hier eine riesige Spinne ihr Werk vollbracht hat, ist der Raum mit einem dichten Gespinst aus schwarz-grau schimmernden Wollfäden gefüllt. Nur der entstandene schmale Tunnel lässt den Besuchern Platz, um hindurchzukommen. Unweigerlich wird man von dem Gang eingesaugt und gelangt in einen zweiten Raum, der zu einer Schreckenskammer wird. Eingewebt in das Gespinst sind hier sieben weiße Kleider. Eines scheint ein Brautkleid zu sein, aber auch Kinderkleidchen hängen hier. Aber wo sind ihre Besitzer? Was geschah mit den Menschen? Unweigerlich setzt das Kopfkino ein.

Chiharu Shiota: Seven Dresses, Stadtgalerie Saarbrücken, 2015, Foto: Bülent Gündüz

Chiharu Shiota: Seven Dresses, Stadtgalerie Saarbrücken, 2015, Foto: Bülent Gündüz

Diese atemberaubende Installation stammt Shiharu Shiota. In einer enormen Fleißarbeit hat die in Berlin lebende Japanerin mit Helfern in zehn Tagen und mit einigen Kilometern Wolle dieses kleine Wunder vollbracht. Und gleich noch ein zweites. Im Saal darüber hat sie ein ähnliches Netz gesponnen. Hier tritt man am Ende des Tunnels in helles Licht und steht vor einigen großformatigen Arbeiten auf Papier, auf das die Künstlerin mit dem Körper rote Farbe gebracht hat. Fast wirkt es, als hätte sich hier ein Mensch im Todeskampf in seinem Blut gewunden. Auch hier sind nur die Spuren menschlichen Lebens geblieben.

Wie großartig die Arbeiten von Shiota wirklich sind, sieht man im dritten Ausstellungssaal. Neben einigen wunderbaren Grafiken und einer starken Videoarbeit sind hier kleinere Werke zu sehen, in denen die Künstlerin die großen Installationen auf ein kleineres Maß reduziert hat. Shiota hat hier mit schwarzen Leisten kleine Kästen gebaut, in denen sie Fundstücke mit schwarzen Garngespinsten einhüllt. Auch wenn diese handwerklich perfekt sind, verlieren die kleinen Werke ihren ganz besonderen Zauber und wirken wie ein müder Abklatsch der raumfüllenden Installationen. Der Angriff auf die Nerven fehlt. Nicht mal die in einem der Gespinste eingewebten Kinderschuhe gruseln wirklich. Aber auch eine Installationskünstlerin muss von etwas leben und Werke verkaufen. Deshalb wohl diese kleinen Arbeiten.

Shiota ist inzwischen eine weltweit gefeierte Künstlerin, die mit ihren Installationen immer wieder Aufsehen erregt. Die besondere Qualität liegt bei ihr auch darin, dass sie sich nie zu wiederholen scheint und daher nie langweilig wird. Ihren größten Triumph wird sie wohl in diesem Sommer feiern, wenn sie den Pavillon ihres Heimatlandes bei der Biennale in Venedig bespielen darf. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass es eine der aufregendsten Ausstellungen der Biennale werden wird.

Chiharu Shiota, „Seven Dresses“, bis 5. April 2015, Stadtgalerie Saarbrücken

Blick in die Galerie Zimmerling und Jungfleisch

Neue Galerie in Saarbrücken

Aus einer Bierlaune heraus kamen die Freunde Patrick Jungfleisch und Dirk Zimmerling im vergangenen Jahr auf die Idee, eine Galerie zu gründen. Rasch erkannten die beiden, dass sie ein ideales Team für ein solches Unterfangen wären und begannen mit der Umsetzung. Zimmerling bringt als Unternehmer und Vertriebsleiter das nötige kaufmännische Verständnis mit, Jungfleisch organisiert als Urban-Art-Künstler Reso schon seit vielen Jahren Ausstellungen. Er besitzt ausgezeichnete Kontakte und das nötige Fachwissen.

Der programmatische Schwerpunkt der Galerie war aufgrund von Resos Arbeit war schnell umrissen und der potentielle Markt nicht uninteressant. Die vom Leben im urbanen Raum inspirierte Kunstrichtung der Urban Art gewinnt seit Jahren weltweit zunehmend an Bedeutung. Immer mehr Museen und Sammler interessieren sich für die Kunst, die ihren Ursprung in Graffiti und Street Art hat.

Mit „Portraits & Profiles“ präsentiert die neue Galerie gleich drei bedeutende Künstler in durchdachter Hängung. Hohe Decken, viel Tageslicht und der Charme industrieller Architektur in der alten Buswerkstatt hinter dem Hauptbahnhof sind hervorragend geeignet, Kunst zu präsentieren.

Blick in die Galerie Zimmerling & Jungfleisch

Blick in die Galerie Zimmerling & Jungfleisch, Foto: Galerie Zimmerling & Jungfleisch, Saarbrücken

Am Eingang wird man von großformatigen Schwarzweißporträts empfangen. Sie stammen von Hendrik Beikirch, der mit Sprühlack, Acrylfarbe und Tinte anrührende Porträts einfacher Menschen fertigt. Dabei bleibt er mit der Nutzung von Sprühlacken nahe am Graffiti. Seine Gemälde sind ein Musterbeispiel dafür, wie wunderbar klassische Materialien die gesprühte Farbe ergänzen und dabei helfen, die Charaktere der Dargestellten auf die Leinwand zu bannen. Bildinhalt und Material gehen einen vielfältigen Dialog ein. Die zerfließenden Farbnasen konterkarieren die Perfektion der fotorealistischen Abbildung ideal. Die realistische Darstellung erlaubt einen detaillierten Blick auf die Menschen, die Farbnasen unterstreichen die raue Lebenswirklichkeit der vom Leben Gezeichneten.

Im großen Raum der Galerie hängen Werke des französischen Altmeisters Jef Aerosol, der mit seinen Schablonen-Grafitti zweifellos zu den stärksten Urban-Art-Künstlern gehört. Die gezeigten Porträts von Stars sind allerdings leider nicht seine besten Werke. Als Kontrast zu den realistischen Porträts von Beikirch und Aerosol zeigt die Galerie Werke von Sozyone. Der Belgier malt Porträts aus schwarz umrandeten, amorphen Farbflächen, die sich wie Puzzleteilchen zu maskenhaften Gesichtern zusammensetzen. Die dekonstruierten Fratzen wirken bedrohlich und erinnert an die fiesen Bösewichte aus den Marvel-Comics.
Schon die Eröffnungsausstellung ist ein Paukenschlag. Es bleibt abzuwarten, ob die Galerie weiter auf diesem hohen Niveau arbeiten kann, doch die Vorschau für das kommende Jahr ist viel versprechend: Jean Faucheur, John „CRASH“ Matos, Remi Rough LXone und Sen2 sind nur die ganz großen Namen. So dürfte die Galerie bald in der ersten Liga für Urban Art in Europa spielen. Schon jetzt ist das Haus aber ein Gewinn für die Kunstszene der Großregion.

„Portraits & Profiles“, bis 10. Januar 2015, Galerie Zimmerling & Jungfleisch

Das Museum als Abenteuerspielplatz

Als das Musée d‘Art Moderne Grand-Duc Jean 2006 seine Pforten öffnete, versprach man einen lebendigen Ort für zeitgenössische Kunst. Ein großes Versprechen, denn zeitgenössische Kunst gilt gemeinhin als spröde, schwer verständlich und intellektuell überbefrachtet und die Ausstellungshäuser können nur selten mit großen Namen punkten. Viele Museen für aktuelle Kunst müssen um Besucher kämpfen und oftmals herrscht gähnende Leere. Nicht so im Mudam, das mit einer großen Portion kuratorischem Geschick Entdeckungen ermöglicht und die Besucher immer wieder begeistert.

Derzeit zeigt das Museum im Erdgeschoss großformatige Arbeiten des hierzulande weitgehend unbekannten Künstlers Rui Moreira. Seine in kräftigen Farben gehaltenen Gouaches sind inhaltlich wie formal sehr komplex, aber wunderschön anzuschauen und voller kultureller Anspielungen, die es zu enträtseln gilt. Mit oftmals kleinen abstrakten und geometrischen Strukturen schafft der Portugiese riesige Werke auf Papier. Beeinflusst sind seine Bilder von seinen Reisen nach Afrika, Indien oder in den Norden Portugals. Viele Landschaftsbilder erinnern in der Ausführung an japanische Holzschnitte.

Im anderen Flügel des Erdgeschosses läuft derzeit die Ausstellung Art & Me. „Kunst & ich“ ist so etwas wie ein Abenteuerspielplatz für Kinder und Erwachsene und lädt zum Entdecken ein. Die Ausstellungsräume erinnern an eine Mischung aus Wohn- und Kinderzimmer. Da ist Kunst fröhlich gemischt mit Design, man kann sich selbst als Künstler ausprobieren und in Büchern schmökern, die in einem durch den Raum gewundenen Regalsystem verteilt sind. Leider wirkt das alles ein bisschen wie ein überfüllter Kramladen, in dem die Kunst untergeht. So findet man einige Arbeiten kaum oder übersieht sie leicht, wie etwa die acht Kladden des Saarbrücker Liquid Penguin Ensemble. Während eines Sommerprojekts im Museum haben 628 Besucher ihre Lieblingswörter in einen „Wortcontainer“ geworfen und erklärt, weshalb diese Wörter für sie so wertvoll sind. Die Künstler haben daraus eine Klangenzyklopädie zum Anhören gebastelt. Ein echter Ohrenschmaus zum Schmunzeln.

Rui Moreira, La Nuit (Les Télépathes), 2011 Gouache, gel pen and colored pencils on paper 191 x 184,5 cm Private collection, France © Rui Moreira, photo: Laura Castro Caldas

Rui Moreira, La Nuit (Les Télépathes), 2011
Gouache, Buntstifte auf Papier
191 x 184,5 cm, Privatsammlung, Frankreich
© Rui Moreira, Foto: Laura Castro Caldas

Wie immer präsentiert das Museum einen Teil seiner Sammlung im Obergeschoss. Unter dem Titel „Solides Fragiles“ zeigen die Kuratoren derzeit minimalistische Kunst und zeigen auf, wie Künstler mit minimalen Mitteln zur Neuentdeckung des Raumes einladen oder mit ihren Werken die Umgebung verändern oder definieren, wie etwa Fred Sandback, der Fäden durch den Raum spannt.

Im Zentrum des Hauses steht die Videokünstlerin Sylvie Blocher. In der Grand Hall fordert die Französin das Publikum zur Mitwirkung auf. Die Besucher können sich nach Voranmeldung mit einer Flugmaschine in zwölf Meter Höhe ziehen lassen und die „Welt neu zu entdecken“. Viele staunen, manche weinen, andere genießen einfach das Gefühl des Fliegens. Das zeichnet die Künstlerin auf und wird daraus bis Februar 2015 einen Film machen. Schon jetzt sind einzelne Sequenzen auf vier Bildschirmen im Keller zu sehen.

Auch die beiden Galerien im Untergeschoss darf die vielseitige Künstlerin mit Videoarbeiten bespielen. In „Alamo“ zeigt sie anschaulich, dass die amerikanische Geschichte von Weißen geschrieben wurde. Der offiziellen Geschichtsschreibung der Schlacht um Alamo im texanischen Unabhängigkeitskrieg setzt sie Fassungen eines hispanischen, eines afroamerikanischen und eines indianischen Erzählers entgegen und entlarvt so die einseitige Darstellung, die eine Beteiligung anderer ethnischer Gruppen verschweigt. Nicht ohne Hintergedanken ist auch die Videoarbeit „Change the Scenario“, in der sich der afroamerikanischen Albino Shaun Ross ein Mal mit weißer und ein weiteres Mal mit schwarzer Farbe einschmiert. Es ist ein Spiel mit Stereotypen, das Blocher perfekt beherrscht ohne dabei allzu offensichtlich zu werden.

Joan Miró, Personnages et oiseaux dans la nuit, 1974

Qualität oder Quantität?

Als das Centre Pompidou 2010 in Metz eröffnet wurde, pilgerten die Besucher in Scharen in das neue Museum. Mit der Ausstellung „Meisterwerke?“ präsentierte die Dependance des Pariser Museums Schätze aus der Sammlung. Doch seither sinken die Besucherzahlen des Museums kontinuierlich. Selbst gelungene Ausstellungen wie die mit den Wandbildern Sol LeWitts, die Ausstellung „1917″, „Paparazzi“ oder „Der Blick von oben“ konnten diesen Trend nicht aufhalten.

Die Politik war enttäuscht, weil bei Politikern nicht Qualität, sondern Quantität zählt, und so setzte sich eine Runde aus lothringischen Regionalpolitikern und Kulturministerin Aurélie Filipetti gegen CPM-Direktor Laurent Le Bon durch und änderte das Konzept des Hauses. Seit März und noch bis 2016 zeigt das Haus nun in einer Dauerausstellung im großen Ausstellungssaal „Phares“, „Leuchttürme“. Als Trostpflaster gab es noch 500 000 Euro für die neue Schau und das Museum soll weitere 4,6 Mio. Euro aus dem Regional-Pakt Lothringen bekommen. Eventuell soll die Ausstellung auch über 2016 hinaus bestehen bleiben und nur ein Teil der Werke ausgetauscht werden, so wie es die Louvre-Dependance in Lens tut.

Joan Miró, Personnages et oiseaux dans la nuit, 1974

Die neue Dauerausstellung zeigt vor allem monumentale Werke aus dem Fundus des Centre Pompidou, die nicht so oft gezeigt werden. Da ist schon am Eingang mit „Personnages et oiseaux dans la nuit“ aus dem Jahr 1974 von Joan Miró oder Beuys Filzklavier von 1966. Grandios ist auch Picassos Bühnenvorhang für das Ballett Mercury (1924) oder Légers „Komposition mit zwei Papageien“ aus den 1930er-Jahren. Zu den Höhepunkten gehört auch Robert Delaunays vier Holzreliefs, die er 1937 für die Wände des Eisenbahnpavillons der Pariser Weltausstellung gefertigt hatte und die nun die große Wand im Saal einnehmen.

So schlendert man durch die wichtigsten Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts und fragt sich doch, was das alles soll. Ohne Zweifel sind das Meisterwerke, die es lohnt, sich anzuschauen, doch der Wow-Effekt bleibt aus. Kunsthistorisch ist das nicht mehr als heiße Luft und die Ausstellung nicht mehr als eine lose Anordnung von Kunstwerken. Das ist schade und es darf bezweifelt werden, dass man damit tatsächlich einen Besucheransturm auslöst. Direktor Laurent Le Bon sah das wohl ähnlich und gab vor kurzem seinen Wechsel an das Musée Picasso bekannt. Dort wird er es allerdings auch nicht leichter haben, denn das Museum muss einen Großteil seiner Einnahmen selbst erwirtschaften. Vom Millionen-Etat in Metz kann er dort nur träumen.

bis 2016, Centre Pomipou Metz

Ekici_ Marcus_Floating_Ourselves

Schmerzhafte Begegnungen in der Wanne

Wer am Freitag Abend an der Stadtgalerie vorbeikam, erlebte im Innenhof eine gespenstische Szenerie. Eine Frau und ein Mann schleppten wortlos Eimer mit Splitt und kippten ihn in eine Badewanne. Irgendwann bestiegen sie diese und rieben sich und den anderen mit den Steinchen ein. Man sah ihnen immer wieder den Schmerz und die Anstrengungen an. Plötzlich erhoben sich die beiden, gingen zu einer zweiten Wanne und begannen sich zu waschen. Auch hier kam es zu einem Miteinander. Man schrubbte sich gegenseitig, besann sich immer wieder auf sich selbst, tauchte in das Wasser ein und keuchend wieder auf. Irgendwann stieg das Paar aus der Wanne heraus und verschwand.

Die Szene entpuppte sich als grandiose Live-Performance der deutsch-türkischen Künstlerin Nezaket Ekici und des Israelis Shahar Marcus und zweifellos ist dies die bisher eindrücklichste Aufführung des Duos. Das eigentliche Medium der Künstler ist ihr Körper mit dem sie in Beziehung zueinander treten, Energien aufbauen und sich entladen lassen und so miteinander kommunizieren. Insbesondere Ekici geht dabei immer wieder sichtbar an ihre Grenzen. Kein Wunder, ist die Deutsch-Türkin doch ehemalige Meisterschülerin von Marina Abramović. Aber anders als der ehemaligen Mentorin geht es Ekici und Marcus in den gemeinsamen Arbeiten nicht um die Erfahrung und den Ausdruck von Leid, sondern um die Darstellung von emotionalen, physischen und psychischen Ereignissen in der Beziehung zu anderen und die Auseinandersetzung mit elementaren Fragen in Begegnungen zweier Menschen.

Seit 2012 arbeiten die beiden immer wieder zusammen. In ihrer Videoperformance „Salt Dinner“ treiben die beiden im Toten Meer an einem Tisch mit allerlei Speisen. Sie essen davon und reichen sich gegenseitig Häppchen. Es ist ein ermüdender Prozess, den Salz und Sonne fast unerträglich werden lassen und eine ironische Metapher für religiöse Rituale und den allgegenwärtigen Tod mitten im Leben.

In der Performance „Floating Ourselves“ begegnen sich die beiden Künstler auf einer mit unzähligen Gläsern gedeckten Tafel. Sie fixieren sich mit ernstem Blick und bewegen sich dann langsam vorwärts. Bei jedem Schritt leeren sie ein Glas Wasser und stecken es in Taschen an den weißen Kostümen. Schließlich stehen sie sich gegenüber und bewegen sich mit einem Ruck aufeinander zu. Einige Gläser gehen zu Bruch. Es sind starke Bilder für eine Begegnung zwischen zwei Menschen.

Weniger gelungen ist die Videoperformance „Fossil“, die auf der Halde Lydia und in den Homburger Schlossberghöhlen entstand. Etwas zu bemüht versuchen Ekici und Marcus, das Thema „Mensch und Montanindustrie“ aufzunehmen. Dabei geht die zwischenmenschliche Interaktion leider verloren und das erzählerische Element wird zu stark.

Ein ausdrückliches Lob verdient die Ausstellungspräsentation, die sich nicht darauf beschränkt, die Videos zu zeigen, sondern auch „Accessoires“ aus den Performances zu integrieren, wie etwa den gedeckten Tisch aus „Floating Ourselves“.

Bis 11. Januar 2015, Stadtgalerie Saarbrücken

Dienstag bis Freitag, 12 bis 18 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertage: 11 bis 18 Uhr