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Das Museum als Abenteurspielplatz

Rui Moreira, La Nuit (Les Télépathes), 2011 Gouache, gel pen and colored pencils on paper 191 x 184,5 cm Private collection, France © Rui Moreira, photo: Laura Castro Caldas

Rui Moreira, La Nuit (Les Télépathes), 2011
Gouache, Buntstifte auf Papier
191 x 184,5 cm, Privatsammlung, Frankreich
© Rui Moreira, Foto: Laura Castro Caldas

Als das Musée d‘Art Moderne Grand-Duc Jean 2006 seine Pforten öffnete, versprach man einen lebendigen Ort für zeitgenössische Kunst. Ein großes Versprechen, denn zeitgenössische Kunst gilt gemeinhin als spröde, schwer verständlich und intellektuell überbefrachtet und die Ausstellungshäuser können nur selten mit großen Namen punkten. Viele Museen für aktuelle Kunst müssen um Besucher kämpfen und oftmals herrscht gähnende Leere. Nicht so im Mudam, das mit einer großen Portion kuratorischem Geschick Entdeckungen ermöglicht und die Besucher immer wieder begeistert.

Derzeit zeigt das Museum im Erdgeschoss großformatige Arbeiten des hierzulande weitgehend unbekannten Künstlers Rui Moreira. Seine in kräftigen Farben gehaltenen Gouaches sind inhaltlich wie formal sehr komplex, aber wunderschön anzuschauen und voller kultureller Anspielungen, die es zu enträtseln gilt. Mit oftmals kleinen abstrakten und geometrischen Strukturen schafft der Portugiese riesige Werke auf Papier. Beeinflusst sind seine Bilder von seinen Reisen nach Afrika, Indien oder in den Norden Portugals. Viele Landschaftsbilder erinnern in der Ausführung an japanische Holzschnitte.

Im anderen Flügel des Erdgeschosses läuft derzeit die Ausstellung Art & Me. „Kunst & ich“ ist so etwas wie ein Abenteuerspielplatz für Kinder und Erwachsene und lädt zum Entdecken ein. Die Ausstellungsräume erinnern an eine Mischung aus Wohn- und Kinderzimmer. Da ist Kunst fröhlich gemischt mit Design, man kann sich selbst als Künstler ausprobieren und in Büchern schmökern, die in einem durch den Raum gewundenen Regalsystem verteilt sind. Leider wirkt das alles ein bisschen wie ein überfüllter Kramladen, in dem die Kunst untergeht. So findet man einige Arbeiten kaum oder übersieht sie leicht, wie etwa die acht Kladden des Saarbrücker Liquid Penguin Ensemble. Während eines Sommerprojekts im Museum haben 628 Besucher ihre Lieblingswörter in einen „Wortcontainer“ geworfen und erklärt, weshalb diese Wörter für sie so wertvoll sind. Die Künstler haben daraus eine Klangenzyklopädie zum Anhören gebastelt. Ein echter Ohrenschmaus zum Schmunzeln.

Wie immer präsentiert das Museum einen Teil seiner Sammlung im Obergeschoss. Unter dem Titel „Solides Fragiles“ zeigen die Kuratoren derzeit minimalistische Kunst und zeigen auf, wie Künstler mit minimalen Mitteln zur Neuentdeckung des Raumes einladen oder mit ihren Werken die Umgebung verändern oder definieren, wie etwa Fred Sandback, der Fäden durch den Raum spannt.

Im Zentrum des Hauses steht die Videokünstlerin Sylvie Blocher. In der Grand Hall fordert die Französin das Publikum zur Mitwirkung auf. Die Besucher können sich nach Voranmeldung mit einer Flugmaschine in zwölf Meter Höhe ziehen lassen und die „Welt neu zu entdecken“. Viele staunen, manche weinen, andere genießen einfach das Gefühl des Fliegens. Das zeichnet die Künstlerin auf und wird daraus bis Februar 2015 einen Film machen. Schon jetzt sind einzelne Sequenzen auf vier Bildschirmen im Keller zu sehen.

Auch die beiden Galerien im Untergeschoss darf die vielseitige Künstlerin mit Videoarbeiten bespielen. In „Alamo“ zeigt sie anschaulich, dass die amerikanische Geschichte von Weißen geschrieben wurde. Der offiziellen Geschichtsschreibung der Schlacht um Alamo im texanischen Unabhängigkeitskrieg setzt sie Fassungen eines hispanischen, eines afroamerikanischen und eines indianischen Erzählers entgegen und entlarvt so die einseitige Darstellung, die eine Beteiligung anderer ethnischer Gruppen verschweigt. Nicht ohne Hintergedanken ist auch die Videoarbeit „Change the Scenario“, in der sich der afroamerikanischen Albino Shaun Ross ein Mal mit weißer und ein weiteres Mal mit schwarzer Farbe einschmiert. Es ist ein Spiel mit Stereotypen, das Blocher perfekt beherrscht ohne dabei allzu offensichtlich zu werden.

Qualität oder Quantität?

Joan Miró, Personnages et oiseaux dans la nuit, 1974

Als das Centre Pompidou 2010 in Metz eröffnet wurde, pilgerten die Besucher in Scharen in das neue Museum. Mit der Ausstellung „Meisterwerke?“ präsentierte die Dependance des Pariser Museums Schätze aus der Sammlung. Doch seither sinken die Besucherzahlen des Museums kontinuierlich. Selbst gelungene Ausstellungen wie die mit den Wandbildern Sol LeWitts, die Ausstellung „1917″, „Paparazzi“ oder „Der Blick von oben“ konnten diesen Trend nicht aufhalten.

Die Politik war enttäuscht, weil bei Politikern nicht Qualität, sondern Quantität zählt, und so setzte sich eine Runde aus lothringischen Regionalpolitikern und Kulturministerin Aurélie Filipetti gegen CPM-Direktor Laurent Le Bon durch und änderte das Konzept des Hauses. Seit März und noch bis 2016 zeigt das Haus nun in einer Dauerausstellung im großen Ausstellungssaal „Phares“, „Leuchttürme“. Als Trostpflaster gab es noch 500 000 Euro für die neue Schau und das Museum soll weitere 4,6 Mio. Euro aus dem Regional-Pakt Lothringen bekommen. Eventuell soll die Ausstellung auch über 2016 hinaus bestehen bleiben und nur ein Teil der Werke ausgetauscht werden, so wie es die Louvre-Dependance in Lens tut.

Die neue Dauerausstellung zeigt vor allem monumentale Werke aus dem Fundus des Centre Pompidou, die nicht so oft gezeigt werden. Da ist schon am Eingang mit „Personnages et oiseaux dans la nuit“ aus dem Jahr 1974 von Joan Miró oder Beuys Filzklavier von 1966. Grandios ist auch Picassos Bühnenvorhang für das Ballett Mercury (1924) oder Légers „Komposition mit zwei Papageien“ aus den 1930er-Jahren. Zu den Höhepunkten gehört auch Robert Delaunays vier Holzreliefs, die er 1937 für die Wände des Eisenbahnpavillons der Pariser Weltausstellung gefertigt hatte und die nun die große Wand im Saal einnehmen.

So schlendert man durch die wichtigsten Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts und fragt sich doch, was das alles soll. Ohne Zweifel sind das Meisterwerke, die es lohnt, sich anzuschauen, doch der Wow-Effekt bleibt aus. Kunsthistorisch ist das nicht mehr als heiße Luft und die Ausstellung nicht mehr als eine lose Anordnung von Kunstwerken. Das ist schade und es darf bezweifelt werden, dass man damit tatsächlich einen Besucheransturm auslöst. Direktor Laurent Le Bon sah das wohl ähnlich und gab vor kurzem seinen Wechsel an das Musée Picasso bekannt. Dort wird er es allerdings auch nicht leichter haben, denn das Museum muss einen Großteil seiner Einnahmen selbst erwirtschaften. Vom Millionen-Etat in Metz kann er dort nur träumen.

bis 2016, Centre Pomipou Metz

Schmerzhafte Begegnungen in der Wanne

Ekici_ Marcus_Floating_Ourselves

Wer am Freitag Abend an der Stadtgalerie vorbeikam, erlebte im Innenhof eine gespenstische Szenerie. Eine Frau und ein Mann schleppten wortlos Eimer mit Splitt und kippten ihn in eine Badewanne. Irgendwann bestiegen sie diese und rieben sich und den anderen mit den Steinchen ein. Man sah ihnen immer wieder den Schmerz und die Anstrengungen an. Plötzlich erhoben sich die beiden, gingen zu einer zweiten Wanne und begannen sich zu waschen. Auch hier kam es zu einem Miteinander. Man schrubbte sich gegenseitig, besann sich immer wieder auf sich selbst, tauchte in das Wasser ein und keuchend wieder auf. Irgendwann stieg das Paar aus der Wanne heraus und verschwand.

Die Szene entpuppte sich als grandiose Live-Performance der deutsch-türkischen Künstlerin Nezaket Ekici und des Israelis Shahar Marcus und zweifellos ist dies die bisher eindrücklichste Aufführung des Duos. Das eigentliche Medium der Künstler ist ihr Körper mit dem sie in Beziehung zueinander treten, Energien aufbauen und sich entladen lassen und so miteinander kommunizieren. Insbesondere Ekici geht dabei immer wieder sichtbar an ihre Grenzen. Kein Wunder, ist die Deutsch-Türkin doch ehemalige Meisterschülerin von Marina Abramović. Aber anders als der ehemaligen Mentorin geht es Ekici und Marcus in den gemeinsamen Arbeiten nicht um die Erfahrung und den Ausdruck von Leid, sondern um die Darstellung von emotionalen, physischen und psychischen Ereignissen in der Beziehung zu anderen und die Auseinandersetzung mit elementaren Fragen in Begegnungen zweier Menschen.

Seit 2012 arbeiten die beiden immer wieder zusammen. In ihrer Videoperformance „Salt Dinner“ treiben die beiden im Toten Meer an einem Tisch mit allerlei Speisen. Sie essen davon und reichen sich gegenseitig Häppchen. Es ist ein ermüdender Prozess, den Salz und Sonne fast unerträglich werden lassen und eine ironische Metapher für religiöse Rituale und den allgegenwärtigen Tod mitten im Leben.

In der Performance „Floating Ourselves“ begegnen sich die beiden Künstler auf einer mit unzähligen Gläsern gedeckten Tafel. Sie fixieren sich mit ernstem Blick und bewegen sich dann langsam vorwärts. Bei jedem Schritt leeren sie ein Glas Wasser und stecken es in Taschen an den weißen Kostümen. Schließlich stehen sie sich gegenüber und bewegen sich mit einem Ruck aufeinander zu. Einige Gläser gehen zu Bruch. Es sind starke Bilder für eine Begegnung zwischen zwei Menschen.

Weniger gelungen ist die Videoperformance „Fossil“, die auf der Halde Lydia und in den Homburger Schlossberghöhlen entstand. Etwas zu bemüht versuchen Ekici und Marcus, das Thema „Mensch und Montanindustrie“ aufzunehmen. Dabei geht die zwischenmenschliche Interaktion leider verloren und das erzählerische Element wird zu stark.

Ein ausdrückliches Lob verdient die Ausstellungspräsentation, die sich nicht darauf beschränkt, die Videos zu zeigen, sondern auch „Accessoires“ aus den Performances zu integrieren, wie etwa den gedeckten Tisch aus „Floating Ourselves“.

Bis 11. Januar 2015, Stadtgalerie Saarbrücken

Dienstag bis Freitag, 12 bis 18 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertage: 11 bis 18 Uhr

Meisterhaftes Spiel mit der Irritation

Svenja Maass, Rechtshaender, 2013

Svenja Maaß hat eine Vorliebe für Tiere. Flauschige Schafe bevölkern ihre Bilder, neugierige Erdmännchen, kopulierende Frösche, niedliche Hunde, schläfrige Kängurus und gelangweilte Affen. Hinzu gesellen sich Würste, Wolken, Kerzen, Pilze und was sonst noch zu einer guten Geschichte gehört. Die Hintergründe sind mal geometrisch abstrakt, dann wieder gestisch oder einfarbig und manchmal eine Kombination daraus.

Die in Hamburg lebende Bielefelderin erzählt in den Bildern surrealistische Geschichten. Maaß’ Bilder sprühen vor Humor und Witz. Sie bedient sich dabei eines ikonographischen Fundus, der keine Grenzen zu kennen scheint. Meist hat sie vor Beginn der Arbeit nur eine vage Idee, was sie erzählen will und beginnt dann zu malen. Sie komponiert frei, Ideen und Gedankenblitze formen während des Malaktes im Kopf der Malerin eine Geschichte, die sie in den Bildern verewigt. Das Schöne daran ist, wie herrlich zusammenhanglos die Bildelemente wirken. Dem Betrachter wird so keine Geschichte aufgezwungen und er sich die Handlung selbst zusammenspinnen kann. Auch die Titel sind keine große Hilfe, sie verwirren mehr, als sie erklären.

Schon länger malt Maaß in ihrem ganz eigenen Stil. Doch ihre frühen Arbeiten wirken konzeptionell sehr durchdacht. Das wirkt manchmal statisch und allzu karikaturistisch und wurde der Malerin schnell zu langweilig. Sie begann freier zu malen. Außerdem verbannte sie Menschen weitgehend aus den Bildern, weil sich Menschen nur schwer ohne Assoziationen auf Herkunft, Zeit oder sozialen Status malen lassen, und entschied sich für Tiere mit denen der Betrachter meist bestimmte Charaktereigenschaften verknüpft. Um die Figuren weiter zu verrätseln, sind sie oftmals zu Chimären mit einzelnen menschlichen Gliedmaßen mutiert. Immer wieder kommt es zu Auslassungen, Spiegelungen, Verschleierungen und Andeutungen, manchmal spiegelt Maaß die Protagonisten, dann hüllt sie etwas in Textilien ein, die kaum mehr erahnen lassen, was darunter versteckt ist. Immer fehlt etwas, ist etwas zu viel oder passt nicht. Es ist ein meisterhaftes Spiel mit Irritationen.

Während die großen Werke fantastische Reisen durch Raum, Traum und Zeit sind, nimmt Maaß in ihren kleinformatigen Werken oftmals Fragmente aus den großen Werken auf und bezieht sich immer wieder auf die Großformate. Auch die kleinen Bilder korrespondieren häufig miteinander. So entsteht in den Ausstellungsräumen ein riesiger Kosmos. Als Hintergrund wählt sie bei den kleineren Arbeiten meist grauen Karton oder Aluminiumplatten, auf denen oftmals nur Kopf und vordere Gliedmaßen ausgeführt sind. So wirken die Protagonisten wie ausgeschnitten. Manchmal malt sie auch nur Alltagsgegenstände, die wie Zufallsfunde wirken.

Svenja Maaß, „Gegenfüßler“, Saarländisches Künstlerhaus, bis 9. November 2014

Spiel der Formen

Gabriela von Habsburg stellt im Haus der Unternehmensverbände in Saarbrücken aus

Gabriela von Habsburg ist eine zierliche Person. Müsste man raten, welche Kunst sie begeistert, man würde wohl auf Malerei tippen. Doch weit gefehlt: Wenn die Künstlerin im Atelier steht, dann krempelt sie die Ärmel hoch, nimmt Schweißgerät und Winkelschleifer zur Hand und bearbeitet dicke Stahlplatten.

„Von Habsburg“ ist kein zufälliger Künstlername: Sie ist die Enkelin des letzten österreichischen Kaisers und entstammt dem Hause Habsburg-Lothringen. Geboren wurde die Künstlerin in Luxemburg, aufgewachsen ist sie in Bayern. Nach einem Philosophie-Studium lernte sie Ende der 1970er-Jahre an der Akademie der Bildenden Künste in München unter Robert Jacobsen und Eduardo Paolozzi. Von den beiden übernahm sie die Liebe zur Bildhauerei und noch heute erinnern ihre Arbeiten an die Formensprache Jacobsens.

Zwischen 2001 und 2009 war von Habsburg Professorin an der Kunstakademie in Tiflis und ist seit 2014 Inhaberin eines Lehrstuhls an der Visual Art and Design School in der georgischen Hauptstadt. Längst ist Tiflis zu einer zweiten Heimat geworden. Wenn sie von Georgien erzählt, gerät sie ins Schwärmen über das Land, seine Bewohner und die aufstrebende Kunstszene.

Neben der Großplastik vor dem georgischen Parlament stammt auch das Denkmal an das Paneuropäische Picknick vom 19. August 1989 bei Sopron von der Künstlerin. Damals war 661 DDR-Bürgern die Flucht in den Westen gelungen – der Anfang vom Ende der DDR. Die Monumentalarbeit ist ein 10 Meter hoher stilisierter Stacheldraht, der aus der Erde zu ragen scheint.

In Saarbrücken zeigt die Galerie m. beck aus Homburg nun Habsburgs kleinformatige Edelstahl-Plastiken und eine mittelgroße aus rostendem Stahl. Die Arbeiten sind stark reduziert auf die geometrischen Grundformen von Dreieck, Kreis, Rechteck und Linie, die von Habsburg in immer neuen Varianten verbindet. Die Formen ragen in den Raum, durchschneiden einander, öffnen und schließen sich und spielen mit Licht und Schatten. Polierte Oberflächen spiegeln Raum und Objekt und korrespondieren mit der Umgebung. Was auf den ersten Blick eintönig und einfach wirkt, entwickelt sich schnell zum visuellen Abenteuer.

In den Werken geht es nicht so sehr um mythisch aufgeladene Aussagen, wie die Titel vielleicht suggerieren, sondern um eine Herausforderung an den Betrachter, die Formen und den Raum genau zu erfassen. Leider lässt das die Ausstellung nicht so ganz zu, denn dazu müsste man die Objekte umrunden können, das ist aber in den Bürofluren des Hauses der Unternehmensverbände nicht möglich. Es ist aber auch gar nicht wirklich nötig, denn ein vorsichtiges Berühren der Kunstwerke ist ausdrücklich erwünscht. So kann man die Lage der Objekte verändern und selbst immer neue Blickwinkel ausprobieren. Die Plastiken werden zu Spielzeugen, die nicht nur visuell erforscht werden wollen. Immer wieder müssen die Arbeiten ausbalanciert und ein Punkt gefunden werden, bei dem die spitzen Objekte stehen bleiben.

Im oberen Stockwerk zeigt die Künstlerin Lithografien. Es sind kleine Gedankenexperimente, die oftmals Vorstudien zu den dreidimensionalen Objekten im Erdgeschoss sind. Der ästhetische Reiz ist aber so hoch, dass sie durchaus als eigenständige Werke gelten dürfen. Schön wäre eine direkte Gegenüberstellung von Vorstudie und Objekt gewesen, dies ließ sich aufgrund der Platzverhältnisse leider nicht realisieren.

Architektur in der Kunst

Es ist ein provokanter Ausstellungstitel. „Schöner Wohnen“ klingt nach Wohnungsdekoration und kein Künstler möchte seine Werke als bloße Dekorationsobjekte missbraucht wissen. Der zweite Teil des Ausstellungstitels, „Architektur in der Kunst“, wird dann deutlicher: Die Ausstellung im Alten Schloss in Dillingen zeigt 26 Werke von sechs Künstlern, die sich in höchst unterschiedlichen Positionen mit Architektur befassen und sie in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen. Dabei wird die Architektur zur Projektionsfläche des Künstlers und Innen und Außen verschwimmen.

Im ersten Ausstellungsraum präsentiert der Kunstverein drei sehr unterschiedliche Malstile und Sichtweisen auf die Kunst. Sador Weinsclucker malt verlassene Orte: Fabrikgebäude, Lagerräume und urbane Plätze. Nur wenig Licht fällt auf die bedrückenden Szenerien und beleuchtet Spuren menschlicher Existenz. Schwarz und Brauntöne lassen eine düstere Atmosphäre entstehen und erinnern sofort an Rembrandt. Gegenüber hängen die Arbeiten Martin Borowskis, der in kalten Farbtönen Details von Fahrstühlen gemalt hat, diese durch die extreme Nähe aber aus ihrem funktionalen Zusammenhang gelöst und in abstrakte Linien- und Flächenkompositionen überführt hat. Anders als Weinsclucker, dessen Bilder tief emotional sind, fokussiert Borowski den Blick auf die nackte Architektur und will so den Betrachter zum Sehen, Erkennen und Deuten herausfordern.

Während Borwoski und Weinsclucker real Existierendes mit malerischen Mitteln verdichten, konstruiert der in Berlin lebende Schweizer Thomas Huber futuristische Räume. Mal ist es eine linear-geometrische Abstraktion, deren Bildraum erst im Auge des Betrachters entsteht, dann stapelt er in kalten Grautönen Kisten in einer beliebigen Stadtlandschaft übereinander und spielt mit dem Auge des Betrachters, in dem er schriftliche Botschaften im Bild versteckt. Der Titel „Das Hotel“ streut zusätzliche Zweifel am Gesehenen.

Im zweiten Raum der Ausstellung lässt Yury Kharchenkos abstrakte Serie „House of Spirits“ architektonische Elemente nur erahnen, die Bilder sind auf den ersten Blick Zufallsprodukte aus verlaufener Farbe. Dann lassen sich Strukturen erahnen und aus dem Farbdunst schälen sich Formen und vage Räume in einem an ein Haus erinnerndes Gehäuse. Gegenüber hängen die aufregend schönen Papierarbeiten der Saarländerin Mane Hellenthal. Den Hintergrund bildet stets eine surreale Landschaft aus Farbverläufen und -flecken, in deren menschenleerem Dickicht ein moderner Bau thront. Durch diese Entrückung wird die Architektur neu wahrnehmbar.

Im letzten Raum zeigt der Kunstverein Gemälde von Ulrik Møller, dessen Werke unscharf sind und so im Ungefähren bleiben. Mal ist es der Kühlturm eines Kraftwerks, der bedrohlich zu rauchen scheint, dann eine leere Dorfstraße oder eine Landschaft mit Ort. Als Betrachter weiß man nie genau, was da passiert und wittert Unheil. Sichtbare Realität und Fantasie des Betrachters verschmelzen. Ob man damit schöner wohnt, sei dahingestellt, aber großartige Kunst ist das, was die Künstler präsentieren, auf jeden Fall.

Bis 13. Juli 2014, Kunstverein Dillingen im Alten Schloss

Die vergessene Verwandte der Gurlitts

Hochstadt ist ein kleines Dorf im rebenbestandenen Nirgendwo der Südpfalz zwischen Landau und Speyer. Das pittoreske Städtchen mit seinen malerischen Winzerhöfen und Fachwerkhäuschen wirkt wie von einem Tourismusmanager ersonnen, aber auch ein bisschen verschlafen. Wenn die New York Times ausführlich von hier berichtet, muss also schon etwas ganz Besonders geschehen sein.

Das spannende Ereignis versteckt sich hinter der örtlichen Sparkasse. An der Einfahrt verspricht ein rotes Schild: „Kunst“. Das macht neugierig. In dem schmucken Hintergebäude der Bank hat Hubert Portz sich ein kleines Refugium eingerichtet. Der kunstbegeisterte Arzt und Psychologe führt hier seit einigen Jahren ein kleines Ausstellungshaus und zeigt überwiegend regionale Künstler. Schon länger interessierte sich Portz aber für eine fast vergessene Künstlerin, die einen besonderen Nachnamen trägt: Cornelia Gurlitt. Sie ist die Tante des gerade verstorbenen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt, dessen 2012 entdeckter „Kunstschatz“ einst von Cornelias jüngerem Bruder zusammengetragen worden war und nun für Wirbel sorgt. Der Sammler Portz war während Recherchen über die Dresdner Kunstszene zu Beginn des 20. Jahrhunderts über den Namen der Künstlerin gestolpert, doch es gab nur wenige Informationen zu ihr. Als er den Namen im Zuge der Berichterstattung im Fall Gurlitt las, war er elektrisiert. Er schrieb Cornelius Gurlitt an und bat um Unterstützung für eine Ausstellung. Eine Antwort erhielt er allerdings nicht.

Im Dezember 2012 erwarb Portz neun Lithografien in Frankfurt, die ursprünglich im Besitz von Gurlitts Freund und angeblichem Liebhaber Paul Fechter waren. Mit einer Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung suchte er nach weiteren Informationen und erhielt eine Antwort von einem Frankfurter Sammler, der ihm elf weitere Lithographien anbot, die zuvor einem Freund von Cornelia Gurlitt gehört hatten. Insgesamt dreiundzwanzig Zeichnungen, Lithografien und ein Ölgemälde hat Portz nun zusammengetragen und zeigt sie in seinem kleinen Privatmuseum mit Arbeiten von Lotte Wahle und grandiosen Grafiken von Conrad Felixmüller.

Gurlitts Arbeiten sind tief geprägt vom Expressionismus. Sie reduzierte die Formen ihrer Motive auf das Wesentliche, vieles wirkt grob wie ein Holzschnitt, die Gesichter sind maskenhaft. Gleichzeitig legte sie ihr Innerstes in den Bildern offen, viele Arbeiten wecken bedrückende Gefühle. Meist zeichnete Gurlitt leidende Menschen, körperlich oder seelisch tief verwundet, traurige und verzweifelte Gestalten. Den Hintergrund füllte sie oftmals mit Fragmenten von Landschaftsansichten. Eines der schönsten Werke ist eine unbetitelte Lithografie. Im Vordergrund tanze eine Frau mit entblößter Brust und männlicher Maske auf einem Hügel. Die linke Hand hält das Kinn und verrenkt den Kopf. Dahinter ist eine kreisrunde Scheibe und wie aufgezeichnete Gedankenblitze sind um diese Szene Figuren und Landschaftsansichten gruppiert. Ganz oft spielt das Weibliche bei Gurlitt eine große Rolle, immer wieder sind es Frauen, die in den Bildern im Fokus der Aufmerksamkeit stehen, als Helfende und Heilende, als Beschützende und Behütende, als starke und selbstbewusste Wesen, dann aber auch wieder als verletzte und traurige, denen die äußeren Umstände das Leben schwer machen. So erzählen die Bilder auch die Lebensgeschichte von Gurlitt.

Cornelia wurde 1890 in die Familie Gurlitt geboren, in der vor allem die Männer Kunstbeflissene und Kunstverrückte waren: Architekten, Galeristen, Künstler, Verleger und Komponisten waren darunter. Früh fing das Mädchen an, zu zeichnen und zu malen, besuchte Kunstkurse bei Hans Nadler und hatte 1913 eine erste Ausstellung in einer Dresdner Galerie und im folgenden Jahr eine weitere in der Kunsthütte Chemnitz. Doch der Erste Weltkrieg stoppte ihre künstlerische Karriere. Als ihr Freund 1914 fiel, entschloss sich Gurlitt, als Lazarettschwester zu helfen und wurde bald in das von den Deutschen besetzte Wilna geschickt. Es sollte die glücklichste Zeit in ihrem Leben werden. Sie arbeitete viel und nutzte jede freie Minute zum Malen und Zeichnen. Auf einer Lithographie vermerkt sie handschriftlich: „Viel Arbeit im Lazarett und selten Zeit zum Malen – aber ich denke doch nur Bilder.“ Hier entdeckte sie ihre Liebe zur jüdischen Kultur Osteuropas, lernte mit Paul Fechter und Herbert Eulenberg neue Freunde kennen, begegnete dem Künstler Conrad Felixmüller, der der Lebensgefährte ihrer Freundin Lotte Wahle war und als ihr jüngerer Bruder Hildebrand als Journalist nach Wilna kam, hatte sie auch ein bisschen Familie bei sich.

Zurück in Deutschland ließ sich Cornelia in Berlin nieder und versuchte sich als Künstlerin durchzuschlagen. Doch im chaotischen Nachkriegsberlin war das sehr schwer und für eine Frau nahezu unmöglich. Gurlitt war bald totunglücklich. Das zivile Leben machte ihr zu schaffen, sie hatte kaum Geld und sehnte sich nach Wilna und der unbeschwerten Zeit. Zunehmend versank sie in Depression und Apathie und nahm sich schließlich im August 1919 das Leben.

Nach dem Tod kümmerte sich Bruder Hildebrand um den Nachlass. Einige Arbeiten verschenkte der Kunsthistoriker an die Familie, viele behielt er. Sie wurden nie gezeigt und befinden sich nun im Nachlass seines Sohnes Cornelius. Es wird eine spannende Aufarbeitung der Sammlung Gurlitt werden und die größte Entdeckung dürften nicht etwa die ohnehin bekannten Meisterwerke im Gurlitt’schen Kunstkonvolut werden, sondern die aufregenden Arbeiten von wenig bekannten Künstlern wie Cornelia Gurlitt. Für ihren Freund Paul Fechter war sie die „vielleicht genialste Begabung der jüngsten expressionistischen Generation“. Dem möchte man nicht widersprechen.

„Zimmer frei für Cornelia Gurlitt, Lotte Wahle und Conrad Felixmüller“, Kunsthaus Désirée, Hochstadt/Pfalz, bis 14. Juni 2014, zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen

Große Kunst in kleiner Hochschule

„Großes entsteht immer im Kleinen.“ So jedenfalls heißt der neue Slogan des Saarlandes. Dass man das wörtlich nehmen darf, beweist die Hochschule der Bildenden Künste Saar. Die HBK präsentiert in ihrer aktuellen Ausstellung „Förmlich“ an fünf Orten in Saarbrücken und Völklingen die Abschlussarbeiten ihrer Absolventen. 31 Studierende schließen ihr Studium in diesen Tagen ab, darunter freie Künstler, Produkt- und Kommunikations-Designer und vier Studierende der Fachrichtung Media Art & Design.

Das Niveau der im bundesweiten Vergleich eher kleinen Hochschule ist erstaunlich hoch und lässt so manch elitäre bundesdeutsche Kunstakademie alt aussehen. Insbesondere die Werke der Kommunikations-Designer zeugen von der hohen Qualität des Jahrgangs. Das beginnt schon im Foyer des HBK-Hauptgebäudes mit Pascal Elsens wunderbar hintergründiger Arbeit: Der Designer nutzt Schriften als Symbol für die Uniformität der Gesellschaft und stellt die Frage nach Individualität und gesellschaftlichen Normen. Warum verstecken wir uns so gerne hinter Masken, wenn wir Regeln überschreiten? Und sind diese Regeln wirklich immer sinnvoll und unveränderbar? Elsen hat in einer anonymen Umfrage nach geheimen Wünschen jenseits gesellschaftlicher Erwartungen geforscht und diese auf 18 Tische gedruckt. Die sind chiffriert und müssen vom Betrachter interaktiv entschlüsselt werden, in dem dieser grafische Masken verschieben muss, um aus den unlesbaren Zeichen, Pixeln und Schraffuren Schrift entstehen zu lassen.

Auch das klassische Kommunikations-Design hat seinen Platz. Im Keller betritt man einen Gang, dessen Wände bekritzelt wurden. Das aufgezeichnete Brainstorming dokumentiert die Entstehung von Katharina Hallers Arbeit: In einer Kabine kann man per Zufallsgenerator zwei Werbefilme starten. Die Spots der Kommunikationsdesignerin sprühen vor Witz und Ideenreichtum und schlagen so manchen lahmen Werbefilm der professionellen Agenturen.

Dorothee de Coster hat Media Art & Design studiert und nennt ihre Arbeit „Geschichtenerzählen 3.0“. Auch ihr gelingt die Verschmelzung von Kunst und Design perfekt. Sie entwickelte für das Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ ein mediales Erzählkonzept für den Tablet-PC. Der Vorleser kann dabei die Geschichte interaktiv steuern, lesen, Animationen starten und sogar selbst Geräusche hinzufügen.

Bei so viel künstlerischem Talent der Designer haben es die freien Künstler schwer. In der HBK-Galerie zeigt Anna Jochum mit „Körper–Linie“ eine spannende Arbeit aus sieben Tafeln. Im Mittelpunkt steht der menschliche Körper, dessen Formen Jochum auf ein Minimum reduziert hat. So sind diese nicht mehr als Teil des menschlichen Körpers identifizierbar, sondern werden als schwarze und weiße Farbflächen wahrgenommen, die hin und her wogen, gespiegelt, weitergereicht und zurückgeworfen werden.

Auch in der Galerie trumpfen die Designer auf. Martha Beyer hat mit ihrem „offenen Buch“ eine wunderbare Grafik-Arbeit geschaffen, in dem sie in der Stadt Gespräche aufschnappte und diese Kommunikationsfetzen vom Verbalen ins Visuelle transferierte. Der besondere Schnitt und die Faltung der Seiten, durch die man sowohl wie in einem Buch blättern als auch alle Seiten als Fläche im Gesamten betrachten kann, ist eine pfiffige Idee.

Produktdesigner Kim Clayton Weiler wollte nicht nur einfach schön anzuschauende Beistelltische erschaffen, sondern fordert uns mit den Werken auf, in der akustischen Reizüberflutung unserer Zeit wieder genauer hinzuhören. Dreht man die Tischplatte über dem massiven Standfuß, kann man die Geräusche des sich reibenden Materials wahrnehmen. Geräusche entstehen auch, wenn man etwas abstellt oder mit der Hand darüberstreicht. Die entstehenden Klänge sind gewollte Funktion und Mehrwert.

Der vergessene Impressionist

Im Umfeld der Impressionisten noch Entdeckungen zu machen, ist gar nicht so einfach. In den letzten 100 Jahren wurden nahezu alle Bereiche dieser Kunstrichtung ausgeleuchtet, sicher auch, weil sie sich heute großer Beliebtheit erfreuen und Namen wie Claude Monet, Auguste Renoir und Camille Pissarro für volle Museen sorgen. Es ist deshalb nicht übetrieben, von einer kleinen Sensation und einem visuellen Leckerbissen zu sprechen, wenn das Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden jetzt eine Ausstellung zu Lesser Ury auf die Beine gestellt hat, einem der vergessenen, großen deutschen Impressionisten.

Lesser Ury: Nächtliches Berlin, 1919 Öl auf Leinwand  Sammlung der HypoVereinsbank, München © Beim Künstler und seinen Rechtsnachfolgern Fotografie: Stefan Obermaier Kunstsammlung HypoVereinsbank – Member of UniCredit

Ury wurde 1861 in Birnbaum in der Provinz Posen geboren. Er studierte 1879 bis 1880 Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Andreas Müller und Heinrich Lauenstein, anschließend in Brüssel und Paris. 1886 immatrikulierte er sich kurzzeitig in München an der Akademie der Bildenden Künste. Ab 1887 lebte Ury dann in Berlin und gehörte zur Jahrhundertwende gemeinsam mit Max Slevogt, Lovis Corinth und Max Liebermann zu den wichtigsten deutschen Malern. Ury stand den Impressionisten nahe, doch anders als die französischen Impressionisten malte er kaum Landschaften, sondern verschrieb sich ganz dem städtischen Leben. Wie seine Kollegen aus Frankreich interessierte aber auch er sich für Licht und dessen Wirkung. Wahrscheinlich eher ungewollt wurde er damit auch zum Chronisten technischen Fortschritts. Als am Ende des 19. Jahrhunderts das elektrische Licht in den Straßen der Großstädte Einzug hielt, war Ury fasziniert von dessen Wirkung: Autoscheinwerfer spiegeln sich da auf nassen Straßen, moderne Elekrikleuchten erhellen die Innenstädte, in den Cafés der Stadt tobt das Leben bis in die späte Nacht. Wie kaum ein anderer Maler seiner Zeit verstand es Ury, in den für ihn typischen Straßen- und Kaffeehausszenen die Facetten des Lichts einzufangen und dabei ganz nebenbei ein Bild seiner Zeit zu vermitteln.

Dass Ury ein bisschen in Vergessenheit geriet, liegt wohl auch daran, dass der jüdische Maler in der Zeit des Nationalsozialismus verfemt wurde, auch wenn er die Jahre der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft nicht mehr erlebte, weil er 1931 gestorben war. Aber auch die intime Feindschaft zu Max Liebermann, dem einflussreichen Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, verdankte Ury seinen geringen bekanntheitsgrad, Liebermann war urys Aufstieg ein Dorn im Auge – warum auch immer. So konnte Ury erst sehr spät regelgmäßig in der Berliner Secession ausstellen, als Corinth Nachfolger von Liebermann wurde.

Dass die Ausstellung gerade von einem Technikmuseum organsiert wurde, spricht nicht eben für die deutschen Kunstmuseen, macht die Schau aber durchaus spannend, denn neben den 30 Gemälden, einigen Zeichnungen und Drucken „beleuchtet“ das Museum auch die damals revolutionär neue Technik moderner Beleuchtung in den Städten. So zeigt das Haus neben ersten elektrischen Lampen auch Laternen und Werbeplakate.

Die Ausstellung läuft noch bis 31. August 2014 im Museum LA8, Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden. Zur Ausstellung erschien ein Katalog zum Preis von 19 Euro im Athena Verlag.

Manischer Geschichtenerzähler

Die erste Ausstellung von Philip Guston in den neuen Räumen der New Yorker Marlborough Gallery wurde zum Stadtgespräch. Plötzlich und ohne Vorwarnung malte der lange Jahre als Abstrakter Expressionist bekannte Guston wieder figurativ. „Verrat“ brüllten da nicht wenige seiner Weggefährten und auch die Kritiker kanzelten die neuen Werke gnadenlos ab. Dabei war Guston nie wirklich einer der abstrakt-expressiven Maler der New Yorker Schule, die in oftmals wilder Gestik ihre innere Gefühlswelt auf die Leinwand brachten. Der Abstrakte Expressionismus war nie seine Welt geworden und stets hatte er als Außenseiter gegolten. Seine Arbeiten aus den Fünfzigerjahren sind diffuse Landschaften aus kurzen breiten Pinselstrichen und beseelt von Farbe und Licht. Das erinnert eher an Monet als an die New Yorker Künstler jener Zeit.

Guston war 1913 als Philip Goldstein in Montreal geboren worden und wuchs in Los Angeles auf. Früh galt er als großes Talent. Doch während die New Yorker Kunstszene in großformatigen Abstraktionen schwelgte, blieb Guston in der künstlerischen Provinz Los Angeles, malte gegenständlich und arbeitete sich an der europäischen Kunstgeschichte ab. Besonders der frühe Picasso und de Chirico hatten es ihm angetan. Gleichzeitig galt sein Interesse den mexikanischen Muralisten. Guston begann deren eigenwilligen Stil zu übernehmen und politische Bilder zu malen, die Gewalt und soziale Ungerechtigkeiten thematisierten.

Philip Guston. Das grosse Spätwerk Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2013 Foto: Norbert Miguletz

Erst spät erkannte er, dass er mit den gegenständlichen Bildern längst als langweiliger Provinzler galt und ging nach New York. Bald hatten ihn die abstrakten Künstler in ihren Bann gezogen und nach einer kurzen Phase des Ausprobierens malte Guston ab 1949 in seinem als „abstrakter Impressionismus“ bezeichneten Stil. Doch 1965 stürzte er in eine Schaffenskrise. Die Malerei erfüllte ihn nicht mehr, seine Bilder schienen ihm hohl und sinnentleert. In einem Interview bekannte er später, das er die Reinheit der Farbmalerei satt hatte und wieder Geschichten erzählen wollte. Tief verunsichert legte er den Pinsel beiseite und zeichnete nur noch. Erst 1968 war der Bann dann plötzlich gebrochen. Er erkannte, dass die Abstraktion für ihn kein Ausdrucksmittel mehr war und wandte sich ganz der Figuration zu. Wie am Fließband kritzelte und malte er fast manisch alles was er sah. Mit über 650 Gemälden und Hunderten Zeichnungen wurde diese Phase des Spätwerks zu seiner produktivsten und aus diesem Konvolut hat die Schiern Kunsthalle in Frankfurt nun für eine kleine Ausstellung 70 Werke ausgewählt.

Guston nahm vieles aus dem Frühwerk wieder auf und entwickelte aus der veränderten Motivwelt einen ganz eigenen Stil. Ironischerweise wurde der oftmals seiner Zeit Hinterherhinkende damit zum Vorreiter der Postmoderne. Die skurrilen Gemälde muten wie Comics an und sind durchwoben von allegorischen Symbolen. Da ist die ausgestreckte Hand Gottes, die eine Linie auf den Boden zeichnet, Uhren versinnbildlichen die verrinnende Zeit und brennende Zigaretten sind ein Zeichen der Vergänglichkeit. Und wie schon im Frühwerk wurden die spitzen Kapuzen des Ku-Klux-Klans zum Sinnbild des alltäglichen Bösen.

Mit Cadmiumrot tauchte der Amerikaner seine Bilder in heiter-fröhliche Bonbonfarben. Oftmals nutzte er das intensive Rot als Umrissfarbe und tönte es dann mit Weiß zu einem Rosa ab, das er mit einem sparsam eingesetzten Blau konterkariert.

Mit viel abgründigem Humor setzte sich der Künstler immer wieder selbst in Szene. Sein Alter Ego ist ein einäugiger Zyklop mit riesigem Schädel und übergroßen Händen in absurd-komischen Situationen. Die oftmals primitiv erscheinende Motivwahl, die übertriebene Farbigkeit und die comichaften Szenen irritieren und lassen den Betrachter genauer hinschauen. So erkennt man schnell, das Guston eine zutiefst melancholische Persönlichkeit war, getrieben von Zweifeln, Ängsten und Depressionen. Gerade das macht seine Bilder so wertvoll.

Bis 2. Februar 2014, Schirn Kunsthalle, Frankfurt, 22. Februar bis 25. Mai 2014 Deichtorhallen Hamburg

Märchenhafte Illustrationen

Für Generationen von Kindern waren die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm die ersten Bücher, aus denen ihnen beim Zubettgehen vorgelesen wurde. Bis heute erfreuen sie sich großer Beliebtheit, daran konnten auch Harry Potter und „Der Herr der Ringe“ nicht viel ändern und bis heute erscheinen immer wieder Prachtausgaben mit prunkvollen Illustrationen, die beweisen, welchen Rang die Grimm’sche Märchenwelt in der deutschen Literatur hat.

Dass dies vor 100 Jahren nicht anders war, zeigt eine Ausstellung in der Alten Sammlung des Saarlandmuseums in Saarbrücken. Der saarländische Künstler Albert Weisgerber hatte 1901 über 100 Handzeichnungen als Illustrationen für den zweiten Band eines Märchenbuchs der Reihe „Gerlachs Jugendbücherei“ des Wiener Gerlach-Verlages angefertigt. Von den insgesamt elf Zeichnungsfolgen sind nun die acht schönsten zu sehen, darunter einige weniger bekannte Märchen, wie etwa „Die Eule“ oder „Fundevogel“. Mehr