Architektur in der Kunst

Es ist ein provokanter Ausstellungstitel. „Schöner Wohnen“ klingt nach Wohnungsdekoration und kein Künstler möchte seine Werke als bloße Dekorationsobjekte missbraucht wissen. Der zweite Teil des Ausstellungstitels, „Architektur in der Kunst“, wird dann deutlicher: Die Ausstellung im Alten Schloss in Dillingen zeigt 26 Werke von sechs Künstlern, die sich in höchst unterschiedlichen Positionen mit Architektur befassen und sie in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen. Dabei wird die Architektur zur Projektionsfläche des Künstlers und Innen und Außen verschwimmen.

Im ersten Ausstellungsraum präsentiert der Kunstverein drei sehr unterschiedliche Malstile und Sichtweisen auf die Kunst. Sador Weinsclucker malt verlassene Orte: Fabrikgebäude, Lagerräume und urbane Plätze. Nur wenig Licht fällt auf die bedrückenden Szenerien und beleuchtet Spuren menschlicher Existenz. Schwarz und Brauntöne lassen eine düstere Atmosphäre entstehen und erinnern sofort an Rembrandt. Gegenüber hängen die Arbeiten Martin Borowskis, der in kalten Farbtönen Details von Fahrstühlen gemalt hat, diese durch die extreme Nähe aber aus ihrem funktionalen Zusammenhang gelöst und in abstrakte Linien- und Flächenkompositionen überführt hat. Anders als Weinsclucker, dessen Bilder tief emotional sind, fokussiert Borowski den Blick auf die nackte Architektur und will so den Betrachter zum Sehen, Erkennen und Deuten herausfordern.

Während Borwoski und Weinsclucker real Existierendes mit malerischen Mitteln verdichten, konstruiert der in Berlin lebende Schweizer Thomas Huber futuristische Räume. Mal ist es eine linear-geometrische Abstraktion, deren Bildraum erst im Auge des Betrachters entsteht, dann stapelt er in kalten Grautönen Kisten in einer beliebigen Stadtlandschaft übereinander und spielt mit dem Auge des Betrachters, in dem er schriftliche Botschaften im Bild versteckt. Der Titel „Das Hotel“ streut zusätzliche Zweifel am Gesehenen.

Im zweiten Raum der Ausstellung lässt Yury Kharchenkos abstrakte Serie „House of Spirits“ architektonische Elemente nur erahnen, die Bilder sind auf den ersten Blick Zufallsprodukte aus verlaufener Farbe. Dann lassen sich Strukturen erahnen und aus dem Farbdunst schälen sich Formen und vage Räume in einem an ein Haus erinnerndes Gehäuse. Gegenüber hängen die aufregend schönen Papierarbeiten der Saarländerin Mane Hellenthal. Den Hintergrund bildet stets eine surreale Landschaft aus Farbverläufen und -flecken, in deren menschenleerem Dickicht ein moderner Bau thront. Durch diese Entrückung wird die Architektur neu wahrnehmbar.

Im letzten Raum zeigt der Kunstverein Gemälde von Ulrik Møller, dessen Werke unscharf sind und so im Ungefähren bleiben. Mal ist es der Kühlturm eines Kraftwerks, der bedrohlich zu rauchen scheint, dann eine leere Dorfstraße oder eine Landschaft mit Ort. Als Betrachter weiß man nie genau, was da passiert und wittert Unheil. Sichtbare Realität und Fantasie des Betrachters verschmelzen. Ob man damit schöner wohnt, sei dahingestellt, aber großartige Kunst ist das, was die Künstler präsentieren, auf jeden Fall.

Bis 13. Juli 2014, Kunstverein Dillingen im Alten Schloss

Die vergessene Verwandte der Gurlitts

Hochstadt ist ein kleines Dorf im rebenbestandenen Nirgendwo der Südpfalz zwischen Landau und Speyer. Das pittoreske Städtchen mit seinen malerischen Winzerhöfen und Fachwerkhäuschen wirkt wie von einem Tourismusmanager ersonnen, aber auch ein bisschen verschlafen. Wenn die New York Times ausführlich von hier berichtet, muss also schon etwas ganz Besonders geschehen sein.

Das spannende Ereignis versteckt sich hinter der örtlichen Sparkasse. An der Einfahrt verspricht ein rotes Schild: „Kunst“. Das macht neugierig. In dem schmucken Hintergebäude der Bank hat Hubert Portz sich ein kleines Refugium eingerichtet. Der kunstbegeisterte Arzt und Psychologe führt hier seit einigen Jahren ein kleines Ausstellungshaus und zeigt überwiegend regionale Künstler. Schon länger interessierte sich Portz aber für eine fast vergessene Künstlerin, die einen besonderen Nachnamen trägt: Cornelia Gurlitt. Sie ist die Tante des gerade verstorbenen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt, dessen 2012 entdeckter „Kunstschatz“ einst von Cornelias jüngerem Bruder zusammengetragen worden war und nun für Wirbel sorgt. Der Sammler Portz war während Recherchen über die Dresdner Kunstszene zu Beginn des 20. Jahrhunderts über den Namen der Künstlerin gestolpert, doch es gab nur wenige Informationen zu ihr. Als er den Namen im Zuge der Berichterstattung im Fall Gurlitt las, war er elektrisiert. Er schrieb Cornelius Gurlitt an und bat um Unterstützung für eine Ausstellung. Eine Antwort erhielt er allerdings nicht.

Im Dezember 2012 erwarb Portz neun Lithografien in Frankfurt, die ursprünglich im Besitz von Gurlitts Freund und angeblichem Liebhaber Paul Fechter waren. Mit einer Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung suchte er nach weiteren Informationen und erhielt eine Antwort von einem Frankfurter Sammler, der ihm elf weitere Lithographien anbot, die zuvor einem Freund von Cornelia Gurlitt gehört hatten. Insgesamt dreiundzwanzig Zeichnungen, Lithografien und ein Ölgemälde hat Portz nun zusammengetragen und zeigt sie in seinem kleinen Privatmuseum mit Arbeiten von Lotte Wahle und grandiosen Grafiken von Conrad Felixmüller.

Gurlitts Arbeiten sind tief geprägt vom Expressionismus. Sie reduzierte die Formen ihrer Motive auf das Wesentliche, vieles wirkt grob wie ein Holzschnitt, die Gesichter sind maskenhaft. Gleichzeitig legte sie ihr Innerstes in den Bildern offen, viele Arbeiten wecken bedrückende Gefühle. Meist zeichnete Gurlitt leidende Menschen, körperlich oder seelisch tief verwundet, traurige und verzweifelte Gestalten. Den Hintergrund füllte sie oftmals mit Fragmenten von Landschaftsansichten. Eines der schönsten Werke ist eine unbetitelte Lithografie. Im Vordergrund tanze eine Frau mit entblößter Brust und männlicher Maske auf einem Hügel. Die linke Hand hält das Kinn und verrenkt den Kopf. Dahinter ist eine kreisrunde Scheibe und wie aufgezeichnete Gedankenblitze sind um diese Szene Figuren und Landschaftsansichten gruppiert. Ganz oft spielt das Weibliche bei Gurlitt eine große Rolle, immer wieder sind es Frauen, die in den Bildern im Fokus der Aufmerksamkeit stehen, als Helfende und Heilende, als Beschützende und Behütende, als starke und selbstbewusste Wesen, dann aber auch wieder als verletzte und traurige, denen die äußeren Umstände das Leben schwer machen. So erzählen die Bilder auch die Lebensgeschichte von Gurlitt.

Cornelia wurde 1890 in die Familie Gurlitt geboren, in der vor allem die Männer Kunstbeflissene und Kunstverrückte waren: Architekten, Galeristen, Künstler, Verleger und Komponisten waren darunter. Früh fing das Mädchen an, zu zeichnen und zu malen, besuchte Kunstkurse bei Hans Nadler und hatte 1913 eine erste Ausstellung in einer Dresdner Galerie und im folgenden Jahr eine weitere in der Kunsthütte Chemnitz. Doch der Erste Weltkrieg stoppte ihre künstlerische Karriere. Als ihr Freund 1914 fiel, entschloss sich Gurlitt, als Lazarettschwester zu helfen und wurde bald in das von den Deutschen besetzte Wilna geschickt. Es sollte die glücklichste Zeit in ihrem Leben werden. Sie arbeitete viel und nutzte jede freie Minute zum Malen und Zeichnen. Auf einer Lithographie vermerkt sie handschriftlich: „Viel Arbeit im Lazarett und selten Zeit zum Malen – aber ich denke doch nur Bilder.“ Hier entdeckte sie ihre Liebe zur jüdischen Kultur Osteuropas, lernte mit Paul Fechter und Herbert Eulenberg neue Freunde kennen, begegnete dem Künstler Conrad Felixmüller, der der Lebensgefährte ihrer Freundin Lotte Wahle war und als ihr jüngerer Bruder Hildebrand als Journalist nach Wilna kam, hatte sie auch ein bisschen Familie bei sich.

Zurück in Deutschland ließ sich Cornelia in Berlin nieder und versuchte sich als Künstlerin durchzuschlagen. Doch im chaotischen Nachkriegsberlin war das sehr schwer und für eine Frau nahezu unmöglich. Gurlitt war bald totunglücklich. Das zivile Leben machte ihr zu schaffen, sie hatte kaum Geld und sehnte sich nach Wilna und der unbeschwerten Zeit. Zunehmend versank sie in Depression und Apathie und nahm sich schließlich im August 1919 das Leben.

Nach dem Tod kümmerte sich Bruder Hildebrand um den Nachlass. Einige Arbeiten verschenkte der Kunsthistoriker an die Familie, viele behielt er. Sie wurden nie gezeigt und befinden sich nun im Nachlass seines Sohnes Cornelius. Es wird eine spannende Aufarbeitung der Sammlung Gurlitt werden und die größte Entdeckung dürften nicht etwa die ohnehin bekannten Meisterwerke im Gurlitt’schen Kunstkonvolut werden, sondern die aufregenden Arbeiten von wenig bekannten Künstlern wie Cornelia Gurlitt. Für ihren Freund Paul Fechter war sie die „vielleicht genialste Begabung der jüngsten expressionistischen Generation“. Dem möchte man nicht widersprechen.

„Zimmer frei für Cornelia Gurlitt, Lotte Wahle und Conrad Felixmüller“, Kunsthaus Désirée, Hochstadt/Pfalz, bis 14. Juni 2014, zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen

Große Kunst in kleiner Hochschule

„Großes entsteht immer im Kleinen.“ So jedenfalls heißt der neue Slogan des Saarlandes. Dass man das wörtlich nehmen darf, beweist die Hochschule der Bildenden Künste Saar. Die HBK präsentiert in ihrer aktuellen Ausstellung „Förmlich“ an fünf Orten in Saarbrücken und Völklingen die Abschlussarbeiten ihrer Absolventen. 31 Studierende schließen ihr Studium in diesen Tagen ab, darunter freie Künstler, Produkt- und Kommunikations-Designer und vier Studierende der Fachrichtung Media Art & Design.

Das Niveau der im bundesweiten Vergleich eher kleinen Hochschule ist erstaunlich hoch und lässt so manch elitäre bundesdeutsche Kunstakademie alt aussehen. Insbesondere die Werke der Kommunikations-Designer zeugen von der hohen Qualität des Jahrgangs. Das beginnt schon im Foyer des HBK-Hauptgebäudes mit Pascal Elsens wunderbar hintergründiger Arbeit: Der Designer nutzt Schriften als Symbol für die Uniformität der Gesellschaft und stellt die Frage nach Individualität und gesellschaftlichen Normen. Warum verstecken wir uns so gerne hinter Masken, wenn wir Regeln überschreiten? Und sind diese Regeln wirklich immer sinnvoll und unveränderbar? Elsen hat in einer anonymen Umfrage nach geheimen Wünschen jenseits gesellschaftlicher Erwartungen geforscht und diese auf 18 Tische gedruckt. Die sind chiffriert und müssen vom Betrachter interaktiv entschlüsselt werden, in dem dieser grafische Masken verschieben muss, um aus den unlesbaren Zeichen, Pixeln und Schraffuren Schrift entstehen zu lassen.

Auch das klassische Kommunikations-Design hat seinen Platz. Im Keller betritt man einen Gang, dessen Wände bekritzelt wurden. Das aufgezeichnete Brainstorming dokumentiert die Entstehung von Katharina Hallers Arbeit: In einer Kabine kann man per Zufallsgenerator zwei Werbefilme starten. Die Spots der Kommunikationsdesignerin sprühen vor Witz und Ideenreichtum und schlagen so manchen lahmen Werbefilm der professionellen Agenturen.

Dorothee de Coster hat Media Art & Design studiert und nennt ihre Arbeit „Geschichtenerzählen 3.0“. Auch ihr gelingt die Verschmelzung von Kunst und Design perfekt. Sie entwickelte für das Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ ein mediales Erzählkonzept für den Tablet-PC. Der Vorleser kann dabei die Geschichte interaktiv steuern, lesen, Animationen starten und sogar selbst Geräusche hinzufügen.

Bei so viel künstlerischem Talent der Designer haben es die freien Künstler schwer. In der HBK-Galerie zeigt Anna Jochum mit „Körper–Linie“ eine spannende Arbeit aus sieben Tafeln. Im Mittelpunkt steht der menschliche Körper, dessen Formen Jochum auf ein Minimum reduziert hat. So sind diese nicht mehr als Teil des menschlichen Körpers identifizierbar, sondern werden als schwarze und weiße Farbflächen wahrgenommen, die hin und her wogen, gespiegelt, weitergereicht und zurückgeworfen werden.

Auch in der Galerie trumpfen die Designer auf. Martha Beyer hat mit ihrem „offenen Buch“ eine wunderbare Grafik-Arbeit geschaffen, in dem sie in der Stadt Gespräche aufschnappte und diese Kommunikationsfetzen vom Verbalen ins Visuelle transferierte. Der besondere Schnitt und die Faltung der Seiten, durch die man sowohl wie in einem Buch blättern als auch alle Seiten als Fläche im Gesamten betrachten kann, ist eine pfiffige Idee.

Produktdesigner Kim Clayton Weiler wollte nicht nur einfach schön anzuschauende Beistelltische erschaffen, sondern fordert uns mit den Werken auf, in der akustischen Reizüberflutung unserer Zeit wieder genauer hinzuhören. Dreht man die Tischplatte über dem massiven Standfuß, kann man die Geräusche des sich reibenden Materials wahrnehmen. Geräusche entstehen auch, wenn man etwas abstellt oder mit der Hand darüberstreicht. Die entstehenden Klänge sind gewollte Funktion und Mehrwert.

Der vergessene Impressionist

Im Umfeld der Impressionisten noch Entdeckungen zu machen, ist gar nicht so einfach. In den letzten 100 Jahren wurden nahezu alle Bereiche dieser Kunstrichtung ausgeleuchtet, sicher auch, weil sie sich heute großer Beliebtheit erfreuen und Namen wie Claude Monet, Auguste Renoir und Camille Pissarro für volle Museen sorgen. Es ist deshalb nicht übetrieben, von einer kleinen Sensation und einem visuellen Leckerbissen zu sprechen, wenn das Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden jetzt eine Ausstellung zu Lesser Ury auf die Beine gestellt hat, einem der vergessenen, großen deutschen Impressionisten.

Lesser Ury: Nächtliches Berlin, 1919 Öl auf Leinwand  Sammlung der HypoVereinsbank, München © Beim Künstler und seinen Rechtsnachfolgern Fotografie: Stefan Obermaier Kunstsammlung HypoVereinsbank – Member of UniCredit

Lesser Ury: Nächtliches Berlin, 1919
Öl auf Leinwand
Sammlung der HypoVereinsbank, München
© Beim Künstler und seinen Rechtsnachfolgern
Fotografie: Stefan Obermaier
Kunstsammlung HypoVereinsbank – Member of UniCredit

Ury wurde 1861 in Birnbaum in der Provinz Posen geboren. Er studierte 1879 bis 1880 Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Andreas Müller und Heinrich Lauenstein, anschließend in Brüssel und Paris. 1886 immatrikulierte er sich kurzzeitig in München an der Akademie der Bildenden Künste. Ab 1887 lebte Ury dann in Berlin und gehörte zur Jahrhundertwende gemeinsam mit Max Slevogt, Lovis Corinth und Max Liebermann zu den wichtigsten deutschen Malern. Ury stand den Impressionisten nahe, doch anders als die französischen Impressionisten malte er kaum Landschaften, sondern verschrieb sich ganz dem städtischen Leben. Wie seine Kollegen aus Frankreich interessierte aber auch er sich für Licht und dessen Wirkung. Wahrscheinlich eher ungewollt wurde er damit auch zum Chronisten technischen Fortschritts. Als am Ende des 19. Jahrhunderts das elektrische Licht in den Straßen der Großstädte Einzug hielt, war Ury fasziniert von dessen Wirkung: Autoscheinwerfer spiegeln sich da auf nassen Straßen, moderne Elekrikleuchten erhellen die Innenstädte, in den Cafés der Stadt tobt das Leben bis in die späte Nacht. Wie kaum ein anderer Maler seiner Zeit verstand es Ury, in den für ihn typischen Straßen- und Kaffeehausszenen die Facetten des Lichts einzufangen und dabei ganz nebenbei ein Bild seiner Zeit zu vermitteln.

Dass Ury ein bisschen in Vergessenheit geriet, liegt wohl auch daran, dass der jüdische Maler in der Zeit des Nationalsozialismus verfemt wurde, auch wenn er die Jahre der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft nicht mehr erlebte, weil er 1931 gestorben war. Aber auch die intime Feindschaft zu Max Liebermann, dem einflussreichen Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, verdankte Ury seinen geringen bekanntheitsgrad, Liebermann war urys Aufstieg ein Dorn im Auge – warum auch immer. So konnte Ury erst sehr spät regelgmäßig in der Berliner Secession ausstellen, als Corinth Nachfolger von Liebermann wurde.

Dass die Ausstellung gerade von einem Technikmuseum organsiert wurde, spricht nicht eben für die deutschen Kunstmuseen, macht die Schau aber durchaus spannend, denn neben den 30 Gemälden, einigen Zeichnungen und Drucken “beleuchtet” das Museum auch die damals revolutionär neue Technik moderner Beleuchtung in den Städten. So zeigt das Haus neben ersten elektrischen Lampen auch Laternen und Werbeplakate.

Die Ausstellung läuft noch bis 31. August 2014 im Museum LA8, Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden. Zur Ausstellung erschien ein Katalog zum Preis von 19 Euro im Athena Verlag.

Manischer Geschichtenerzähler

Die erste Ausstellung von Philip Guston in den neuen Räumen der New Yorker Marlborough Gallery wurde zum Stadtgespräch. Plötzlich und ohne Vorwarnung malte der lange Jahre als Abstrakter Expressionist bekannte Guston wieder figurativ. „Verrat“ brüllten da nicht wenige seiner Weggefährten und auch die Kritiker kanzelten die neuen Werke gnadenlos ab. Dabei war Guston nie wirklich einer der abstrakt-expressiven Maler der New Yorker Schule, die in oftmals wilder Gestik ihre innere Gefühlswelt auf die Leinwand brachten. Der Abstrakte Expressionismus war nie seine Welt geworden und stets hatte er als Außenseiter gegolten. Seine Arbeiten aus den Fünfzigerjahren sind diffuse Landschaften aus kurzen breiten Pinselstrichen und beseelt von Farbe und Licht. Das erinnert eher an Monet als an die New Yorker Künstler jener Zeit.

Guston war 1913 als Philip Goldstein in Montreal geboren worden und wuchs in Los Angeles auf. Früh galt er als großes Talent. Doch während die New Yorker Kunstszene in großformatigen Abstraktionen schwelgte, blieb Guston in der künstlerischen Provinz Los Angeles, malte gegenständlich und arbeitete sich an der europäischen Kunstgeschichte ab. Besonders der frühe Picasso und de Chirico hatten es ihm angetan. Gleichzeitig galt sein Interesse den mexikanischen Muralisten. Guston begann deren eigenwilligen Stil zu übernehmen und politische Bilder zu malen, die Gewalt und soziale Ungerechtigkeiten thematisierten.

Philip Guston. Das grosse Spätwerk Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2013 Foto: Norbert Miguletz

Philip Guston. Das grosse Spätwerk
Ausstellungsansicht
© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2013
Foto: Norbert Miguletz

Erst spät erkannte er, dass er mit den gegenständlichen Bildern längst als langweiliger Provinzler galt und ging nach New York. Bald hatten ihn die abstrakten Künstler in ihren Bann gezogen und nach einer kurzen Phase des Ausprobierens malte Guston ab 1949 in seinem als „abstrakter Impressionismus“ bezeichneten Stil. Doch 1965 stürzte er in eine Schaffenskrise. Die Malerei erfüllte ihn nicht mehr, seine Bilder schienen ihm hohl und sinnentleert. In einem Interview bekannte er später, das er die Reinheit der Farbmalerei satt hatte und wieder Geschichten erzählen wollte. Tief verunsichert legte er den Pinsel beiseite und zeichnete nur noch. Erst 1968 war der Bann dann plötzlich gebrochen. Er erkannte, dass die Abstraktion für ihn kein Ausdrucksmittel mehr war und wandte sich ganz der Figuration zu. Wie am Fließband kritzelte und malte er fast manisch alles was er sah. Mit über 650 Gemälden und Hunderten Zeichnungen wurde diese Phase des Spätwerks zu seiner produktivsten und aus diesem Konvolut hat die Schiern Kunsthalle in Frankfurt nun für eine kleine Ausstellung 70 Werke ausgewählt.

Guston nahm vieles aus dem Frühwerk wieder auf und entwickelte aus der veränderten Motivwelt einen ganz eigenen Stil. Ironischerweise wurde der oftmals seiner Zeit Hinterherhinkende damit zum Vorreiter der Postmoderne. Die skurrilen Gemälde muten wie Comics an und sind durchwoben von allegorischen Symbolen. Da ist die ausgestreckte Hand Gottes, die eine Linie auf den Boden zeichnet, Uhren versinnbildlichen die verrinnende Zeit und brennende Zigaretten sind ein Zeichen der Vergänglichkeit. Und wie schon im Frühwerk wurden die spitzen Kapuzen des Ku-Klux-Klans zum Sinnbild des alltäglichen Bösen.

Mit Cadmiumrot tauchte der Amerikaner seine Bilder in heiter-fröhliche Bonbonfarben. Oftmals nutzte er das intensive Rot als Umrissfarbe und tönte es dann mit Weiß zu einem Rosa ab, das er mit einem sparsam eingesetzten Blau konterkariert.

Mit viel abgründigem Humor setzte sich der Künstler immer wieder selbst in Szene. Sein Alter Ego ist ein einäugiger Zyklop mit riesigem Schädel und übergroßen Händen in absurd-komischen Situationen. Die oftmals primitiv erscheinende Motivwahl, die übertriebene Farbigkeit und die comichaften Szenen irritieren und lassen den Betrachter genauer hinschauen. So erkennt man schnell, das Guston eine zutiefst melancholische Persönlichkeit war, getrieben von Zweifeln, Ängsten und Depressionen. Gerade das macht seine Bilder so wertvoll.

Bis 2. Februar 2014, Schirn Kunsthalle, Frankfurt, 22. Februar bis 25. Mai 2014 Deichtorhallen Hamburg

Märchenhafte Illustrationen

Für Generationen von Kindern waren die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm die ersten Bücher, aus denen ihnen beim Zubettgehen vorgelesen wurde. Bis heute erfreuen sie sich großer Beliebtheit, daran konnten auch Harry Potter und „Der Herr der Ringe“ nicht viel ändern und bis heute erscheinen immer wieder Prachtausgaben mit prunkvollen Illustrationen, die beweisen, welchen Rang die Grimm’sche Märchenwelt in der deutschen Literatur hat.

Dass dies vor 100 Jahren nicht anders war, zeigt eine Ausstellung in der Alten Sammlung des Saarlandmuseums in Saarbrücken. Der saarländische Künstler Albert Weisgerber hatte 1901 über 100 Handzeichnungen als Illustrationen für den zweiten Band eines Märchenbuchs der Reihe „Gerlachs Jugendbücherei“ des Wiener Gerlach-Verlages angefertigt. Von den insgesamt elf Zeichnungsfolgen sind nun die acht schönsten zu sehen, darunter einige weniger bekannte Märchen, wie etwa „Die Eule“ oder „Fundevogel“.

Kunstmuseen und ihre Blogs

Ich nutze zwar Twitter und Facebook recht gerne, sehe aber immer wieder, dass beide Medien an Grenzen stoßen, weil diese Informationshäppchen zwar ideal in unsere Zeit passen, aber wenig Erhellendes bieten. Zugegeben: bei kluger Kommunikation können Twitter und Facebook durchaus Nachrichtenkanal sein und Besucher und Interessierte an das Haus binden, aber wirklich Lohnendes ist selten dabei.

Bei Blogs ist es etwas anderes, die wenigen guten Museenblogs bieten tatsächlich oftmals großen Nutzen und Zusatzwert. Sie erlauben Blicke hinter die Kulissen und ergänzen sinnvoll Ausstellungsgeschehen und museale Arbeit. Schon lange gibt es den Inside/Out-Blog des MoMA, der bis heute auch einer der besten Museums-Blogs ist. Und in Deutschland?

Das Städel Museum macht das mit blog.staedelmuseum.de jetzt auch schon seit einiger Zeit und – wie ich finde – durchaus bemerkenswert. Die Posts zur aktuellen Dürer-Ausstellung sind sehr spannend zu lesen und bieten wirklich viel Lesenswertes. Seit kurzem schreibt auch die Kunsthalle Bremen einen Blog, der Ähnliches verspricht: www.kunsthalle-bremen.de/blog.

Ansonsten sind gerade in Deutschland Kunstmuseen in der Blogosphäre immer noch selten, ganz anders als technische und kulturhistorische Museen. Aber alle sind bei Facebook und Twitter. Warum das so ist? Die Häppchen kann jeder PR-Volontär schreiben, für Blogbeiträge braucht man Fachleute, die Ahnung von der Materie haben…

Kennt jemand noch gute Blogs deutscher Kunstmuseen? Dann her damit!

Dürer über die Schulter geschaut

Eigentlich müsste die Ausstellung ein Fehlschlag sein, denn Dürers bekannteste Werke fehlen. Der „Feldhase“ ist nicht da, auch nicht die wichtigen Selbstporträts, vor allem aber fehlen die „Betenden Hände“. Die wollte die Wiener Albertina aus konservatorischen Gründen nicht verleihen, so hört man. Trotzdem bekommt man im Frankfurter Städel beste kunsthistorische Unterhaltung geboten, denn statt der zu Tode reproduzierten und zum Kitsch verkommenen Vorstudie ist das fertige Gemälde zu sehen (welches allerdings leider nur noch als Kopie erhalten ist). Es ist Teil des Heller-Altars, den Dürer gemeinsam mit Grünewald für einen reichen Frankfurter Kaufmann malte. Außen- und Innentafeln des Altars sind in der Ausstellung wiedervereint zu bewundern. Den Gemälden hat das Museum Skizzen und vorbereitende Studien zur Seite gestellt und lässt uns so dem Meister bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Als Maler und gelernter Goldschmied demonstrierte der 1471 in Nürnberg geborene Albrecht Dürer schon früh sein großes Können. Wie viele Künstler seiner Zeit malte er vor allem christliche Motive, aber auch Porträts, wie das Bildnis seiner Mutter Barbara. Seinen Durchbruch startete er 1498 mit dem Druckwerk „Apokalypse“, das seine enormen technischen und künstlerischen Fähigkeiten im Holzschnitt belegt. Dürer wurde in Europa schnell berühmt und erhielt Auftragsarbeiten von reichen Kaufleuten, Adligen und Kaisern. Anders als viele seiner Kollegen in Italien oder den Niederlanden malte Dürer aber keine idealisierten Schönlinge in bestem Interieur, sondern lässt die Porträtierten lebendig und ausdrucksstark erscheinen. Und wenn sich ein Auftraggeber keinen abwechslungsreichen Hintergrund leisten konnte, wurde der eben nur einfarbig ausgeführt.

So ‘n Scheißdreck!

Gerade habe ich einen schönen Artikel von Elmar Krekeler in der WELT entdeckt: Wenn Museumswärter endlich “Scheißdreck” schreien.

Cover: Jackson Pollock. Die Biografie

Jackson Pollock – Die Biografie: jetzt erhältlich!

Cover: Jackson Pollock. Die Biografie

Cover: Jackson Pollock. Die Biografie

Ausnahmsweise mal Werbung in eigener Sache: Seit gestern ist mein Buch “Jackson Pollock. Die Biografie” offiziell erhältlich. Fast sechs Jahre hat es gedauert, viel Schweiß, Blut und Tränen hat es gekostet, das Werk neben dem Arbeitsalltag fertig zu stellen. Stolze 483 Seiten sind es geworden, zahlreiche Abbildungen in Schwarzweiß und Farbe und das zu einem gerade noch bezahlbaren Preis von 29,80 Euro. Also: kaufen – z. B. direkt hier!

Ein Kosmos aus Punkten

Es ist ein echtes Erlebnis: Betritt man den hintersten Raum im Erdgeschoss der Pfalzgalerie geht der Blick sofort auf die gegenüberliegende Wand. Dort hängt ein wandfüllendes dreiteiliges Bild in leuchtenden Farben. Richard Pousette-Dart hat aus hunderttausenden kreisformenden Punkten einen strahlenden Kosmos aus Licht und Farbe zusammengesetzt. Das Bild erinnert an eine flirrende Sommernacht und scheint ein wenig an Van Goghs berühmte „Sternennacht“ angelehnt zu sein. „Radiance“ ist zweifellos eines von Pousette-Darts bedeutendsten Werken und ein Musterexemplar seiner Arbeit.

Pousette-Dart_Imploding  Black_1985-86

Der Amerikaner war einer der jüngsten Abstrakten Expressionisten, jener Künstler, die New York im 20. Jahrhundert zum Zentrum der Kunst machten. Der 1992 verstorbene Pousette-Dart wurde 1916 in Minnesota geboren und wuchs in Valhalla bei New York auf. Nach einer abgebrochenen College-Ausbildung übersiedelte er nach Manhattan, malte intensiv und schlug sich als Assistent eines Bildhauers durch. Bald schon kam er mit der aufstrebenden New Yorker Kunstszene in Kontakt, lernte die jungen Wilden um Pollock und de Kooning kennen und schloss sich ihnen an. Doch schon 1951 hatte er genug von dem großstädtischen Kunstbetrieb, zog mit der Familie auf das Land und suchte nach seinem eigenen Stil. Seine dunklen Kompositionen aus Symbolen und Zeichen wurden abstrakter, Farbe und Licht rückten immer stärker in den Vordergrund. Immer häufiger entstanden die Bildinhalte aus einem Mosaik winziger, sich überlagernder Farbpunkte. Mit dem gestischen und spontanen Ausdruck von Gefühlen und Gedanken, dem zentralen Anliegen vieler Abstrakter Expressionisten, konnte der Maler immer weniger anfangen. So waren Pousette–Darts transzendentale Werke ab den 1950er Jahren beseelt von der Auseinandersetzung mit Geist und Körper, Mensch und Kosmos. Der Kreis wurde zum zentralen stilistischen Ausdrucksmittel, der Punkt als kleinste Form des Kreises zum Gestaltungsmittel.

Auf diese Werke konzentriert sich die Kaiserslauterer Pfalzgalerie. Die Ausstellung ist nicht chronologisch angelegt, sondern als „Seherlebnis“, das mit einigen Entdeckungen überrascht. So lohnt es sich schon am Eingang des ersten Saals stehen zu bleiben und die dort aufgehängten schwarzweißen Arbeiten im Gesamten zu betrachten. Durch die perfekte Hängung lassen sich ganz schnell Gemeinsamkeiten und Unterschiede entdecken, die Werke gehen einen Dialog ein, verstärken und ergänzen sich oder offenbaren gegensätzliche visuelle Konzepte.

An einer Rückwand hat man viele kleinere runde Gemälde verteilt. Die Farbflächen sind vielfältige Varianten eines kontemplativen Mikrokosmos, kein Wunder also, dass Pousette-Dart sie alle „Cosmos“ nannte und durchnummerierte. Doch dies bleibt ein Einzelfall. Dem Maler waren die Titel seiner Bilder wichtig, um seine spirituellen Bildthemen zu benennen. So erhielten die Gemälde esoterisch angehauchte Titel wie „Eye oft the small Suns“, „Hieroglyph of Light“ oder „Square of Meditation“.
Im zweiten und dritten Saal versammelten die Kuratoren die farbigen Werke des Künstlers. Immer wieder steht der Kreis im Mittelpunkt der Gemälde. Mal sind es „Lichtpunkte“ in einem kosmischen Farbnebel, dann ein schwarzes Loch, das die umgebenden Farben aufzusaugen scheint, dann wieder ein lyrisch-zartes Pünktchengebilde, das fast schon transluzent leuchtet. Immer wieder spielte Pousette-Dart auch mit dem Material und brachte es pastos als kleine, dicke Farbkleckse auf die Leinwand und lässt das Bild so reliefartig in den Raum wachsen.

Die Ausstellung ist nicht nur wegen der einzigartigen Werke sehenswert, sondern aufgrund der außergewöhnlich guten Präsentation. Nur die erklärenden Ausstellungstexte fehlen leider. Das ist ärgerlich, zwingt es doch zum Kauf des Kataloges, wenn man tiefer in die Gedankenwelt Pousette-Darts eintauchen will.

Bis 17. November 2013, Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern

Der vergessene Lieblingsmaler der Deutschen

Was hat man Hans Thoma nicht alles für Etiketten angeheftet: Für seine Kollegen war er wegen seiner pittoresken Schwarzwaldbilder der „Hühnermaler“, Meyers Konversationslexikon lobte ihn 1909 als „Lieblingsmaler der Deutschen“ und für die Nationalsozialisten war er der letzte „große urdeutsche Maler“. Hängen geblieben ist vor allem das Lob der NS-Ideologen, weshalb er nach dem Zweiten Weltkrieg in den Museumsdepots verschwand. Dabei konnte sich Thoma gar nicht mehr wehren, denn er war schon 1924 gestorben, lange bevor Adolf Hitler Gefallen an dem Maler fand und seine Bilder für das Führermuseum zusammenkaufte.

Ausstellungsansicht "Hans Thoma. 'Lieblingsmaler des deutschen Volkes'" Städel Museum, Frankfurt am Main, 2013 Foto: Norbert Miguletz

Ausstellungsansicht “Hans Thoma. ‘Lieblingsmaler des deutschen Volkes’” Städel Museum, Frankfurt am Main, 2013
Foto: Norbert Miguletz

Ausstellungsansicht “Hans Thoma. ‘Lieblingsmaler des deutschen Volkes’”
Städel Museum, Frankfurt am Main, 2013
Foto: Norbert Miguletz

Heute besitzt das Frankfurter Städel Museum die größte Thoma-Sammlung. Das Haus ist nicht ganz unschuldig am Ruf des Malers. 1934 zeigte man hier eine monografische Thoma-Präsentation der NS-Kulturgemeinde und gab 1939 eine Broschüre heraus, die Thomas „arische“ Abstammung feierte. Damit war der Ruf als Lieblingsmaler der Nationalsozialisten gefestigt. Es lag also nahe, dass das Museum dem Künstler nun endlich ein wenig Rehabilitation angedeihen lassen möchte. Das Städel versucht sich in einem Neuanfang und hat dafür eine besondere Präsentation erdacht: Die Besucher flanieren über grünen Kunstrasen, die Wände sind in grellem Orange und Violett gehalten. Was wohl eine Befreiung und unvoreingenommene Neubetrachtung ermöglichen soll, schadet aber, weil die zarte Farbgebung der Landschaftsbilder nicht zur Geltung kommt und die Werke in dem Wandfarbenfiasko untergehen. Die Idee war schön, fruchtet aber nicht wirklich.

Hans Thoma wurde 1839 als Sohn eines Holzarbeiters im Schwarzwald geboren. Es war nicht selbstverständlich, dass der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Junge an der Großherzoglichen Kunstschule in Karlsruhe studieren konnte, doch ein Stipendium machte es möglich. In den folgenden Jahren malte Thoma vor allem ländliche Ansichten, die das bäuerliche Alltagsleben im Schwarzwald zeigen. Doch es sind keine Szenen mühseliger Plackerei, sondern Momentaufnahmen des stillen Glücks und einer innigen Verbundenheit des Menschen mit der Natur fernab von Industrie und Technologiewahn. Bei einer Reise nach Paris lernte er Gustave Courbets Werk kennen und war sofort beeindruckt. Ein Zusammentreffen mit Arnold Böcklin inspirierte Thoma außerdem zu einer andauernden Auseinandersetzung mit allegorisch-mythologischen Motiven mit düsteren Anklängen. Auch fantastische Motive halten Einzug in sein Werk: Ritter, Satyrn, Putti und Feen bevölkern seine Bilder.

Zwischen 1877 und 1899 lebte Thoma in Frankfurt. Hier entstanden wunderbare Porträts der besseren Gesellschaft, die bald zu den Förderern des Malers gehörte. Thoma wurde bekannt, galt schnell als Prototyp des deutschen Malers, Postkarten und Malbücher erschienen. In Frankfurt lernte der spätere Professor und Direktor der Kunsthalle Karlsruhe auch Cosima Wagner kennen, die Ehefrau Richard Wagners. Für die Bayreuther Festspiele gestaltete Thoma Kostüme und Wanddekorationen. Der Ring des Nibelungen faszinierte Thoma so sehr, dass er begann, den Opernzyklus malerisch umzusetzen. Da ziehen Götter nach Walhall, „Meerweiber“ tanzen in der wogenden Gischt und germanische Krieger reiten durch Feuersbrünste. All das passte perfekt in die Ideologie der Nazis, die die Gemälde begeistert als „deutsche Malerei“ feierten. Doch Thomas sozialdemokratisch angehauchte Kapitalismuskritik am geifernden Kunstmarkt und seine Heimatliebe als übersteigerten Sozialismus mit nationalem Einschlag zu verunglimpfen, war mehr als unverschämt. So war die Rehabilitation des Malers als eine der zentralen Figuren der deutschen Kunstgeschichte um die Jahrhundertwende längst überfällig.