Pablo Picasso vor dem Gemälde “Paar” (1970)
Notre-Dame-de-Vie, 25. Oktober 1970, 29,4 x 20,9 cm
© Museo Picasso, Málaga, Foto: Roberto Otero
Während die einen im Alter an Kreativität verlieren oder sich ihr frühes Werk einfach noch mal vorknöpfen (Baselitz), gibt es andere, die auch im hohen Alter vor Kreativität und Energie nur so strotzen.
Die Albertina zeigt jetzt eine Ausstellung zum Alterswerk von Pablo Picasso. “Malen gegen die Zeit” ist der Titel der Ausstellung (bis 07. Januar 2007) und ist die wichtigste These des Kurators Werner Spies. Spies konstatiert einen auffälligen Gegensatz zwischen einer furiosen, oft skizzenhaftexpressiven Malerei und einer erzählfreudigen, akribisch ausgeführten Grafik. Hinter dieser Trennung in einen wilden Stil des Malers und in einen reflektierenden Stil des Grafikers steht die panische Angst Picassos vor der immer knapper werdenden Lebenszeit.
Picasso segmentiert seine Arbeitszeit in gleiche Abschnitte, in denen je ein Werk entsteht: ungeachtet der unterschiedlichen Größe. Nicht die Arbeitszeit, sondern die Geschwindigkeit ist dabei variabel, in der im immergleichen Zeitraum unterschiedlichste Formate und Aufgaben bewältigt werden, von der kleinformatigen Radierung bis zum monumentalen Gemälde.
In den Motiven des späten Picasso treffen die Gegensätze jugendlicher Vitalität, Erotik und Schönheit auf die Wehmut des Alters und das Bewusstsein um die eigene Vergänglichkeit aufeinander. Picasso greift in seinen Bildern existenzielle Fragen auf, die biografisch nicht zuletzt ihren Anlass im großen Altersunterschied zwischen dem alten Künstler und seiner um 45 Jahre jüngeren Frau haben.
Dem “wilden” Picasso stand immer, auch in den allerletzten Jahren, ein reflektierender Picasso entgegen, der in den Zeichnungen seine Erinnerung und sein Metier souverän einsetzte. Der Gegensatz, auf den wir treffen, ist so auffällig und so bedeutend, dass man sich nach einer Begründung umsehen möchte. Offensichtlich steht hinter Picassos Trennung in einen Stil des Malers und in einen Stil des Zeichners die panische Angst vor der auslaufenden Zeit.
Entsetzen und Widerstand gegen Altern und Tod spiegeln sich in der Organisation der Arbeitszeit wider. Das Werk, das Picasso täglich hervorbringt, erscheint als Aufstand gegen die Zeitlichkeit und gegen das Verschwinden. Man hat den Eindruck, als stehe der ständige Blick auf die Uhr im Vordergrund. Für jede dieser täglich erneut erbrachten Aktionen vor der Staffelei oder auf dem Zeichenblatt setzt der Künstler ein bestimmtes Quantum an Zeit ein. Ausgehend von diesem immer gleichen Maß an Zeit, das der Künstler in eine Arbeit investiert, entsteht ein Gemälde, eine Zeichnung, eine Radierung oder eine Skulptur.
Das Pensum, vor das den Maler ein großes Bild stellt, ist quantitativ und organisatorisch umfassender als der Aufwand für eine Zeichnung. Aus diesem Grunde kann ein Gemälde, für das nicht mehr Zeit zur Verfügung steht als für eine Radierung, nicht die detaillierte Ausarbeitung erfahren, auf die wir in den grafischen Arbeiten der Spätzeit durchgehend treffen. Die Rastlosigkeit hat es – und das zeigen die späten Bilder, die mit allen Fasern an Sinnlichkeit und Umarmung hängen, die Kuss und Kopulation in Großaufnahmen zeigen – darauf abgesehen, den Tod zu exorzieren. Wir treffen auf eine Raserei, die der eines Pollock oder de Kooning in nichts nachsteht. Sie führt zu den offenen Bildern. Kein Teil der Leinwand wird dabei privilegiert.
Alles drängt nach Schnelligkeit und Abkürzungsverfahren. In diesem Zusammenhang entwickelt Picasso eine Art von Hieroglyphensprache, die kürzelhaft das Thema ausspricht. Dieses skizzenhafte Arbeiten, zu dem er greift, lässt immer wieder ganze Partien des Bildes unbearbeitet, weiß. Dieses Vorgehen tendiert zur Formauflösung. Farbflächen überschneiden sich unregelmäßig, mischen sich. Die Gemälde konzentrieren sich so gut wie ausschließlich auf die Darstellung einer Figur oder eines Paares. Es gibt wenige Motive: Maskerade der Mantel- und Degenstücke, Selbstporträts, pastorale Liebesszenen, das Thema vom ungleichen Liebespaar, Aktfiguren.
In den Zeichnungen und Druckgrafiken führt der Künstler eine akribische Technik fort. Kontur und zeichnerische Details bleiben weitgehend genau und scharf. Denn was in diesen Medien, bei der Arbeit am kleineren, konzentrierten Format als Zeit zur Verfügung steht, verwandelt sich hier in Details und Genauigkeit. Auch die unterschiedliche Thematik wird von diesem Zeittakt geregelt. In den späten Zeichnungen herrscht eine einzigartige Erzählfreude vor. Die Ausstellung versucht, diesen Fragen, Fragen der Technik, der Ikonografie und der Verankerung in der Kunstgeschichte, nachzugehen.
Insgesamt 200 Werke sind in der Albertina versammelt: 70 Gemälde, 40 Zeichnungen, 80 Druckgrafiken und mehrere Skulpturen. Eine fantastische Ausstellung, die man sich unbedingt anschauen sollte!
Mehr unter: www.albertina.at