“Richterfenster” im Kölner Dom eingeweiht

28. August 2007 | 6 Kommentare

So, nun war es also soweit, das von Gerhard Richter entworfene Fenster des südlichen Querhaues im Kölner Dom wurde am Wochenende festlich eingeweiht. Ohne Zweifel, es ist etwas Besonderes und Außergewöhnliches entstanden. Aber da, wo moderne Kunst ist, sind Bedenkenträger nicht weit.

Fenster von Gerhard Richter im Kölner Dom

Gerhard Richter, Fenste rim südlichen Querhaus, Kölner Dom, 2007, © Gerhard Richter

Das 106 Quadratmeter große Fenster in Schwindel erregender Höhe im südlichen Querhaus des Doms besteht aus 11200 kleinen Farbquadraten, fast scheint es so, als ob Gott persönlich hinter dem Fenster seinen Monitor aufgehängt und die Welt in tausend Pixel hat zerspringen lassen.

Farblich hat sich Richter von den Farben mittelalterlicher Glasfenster inspirieren lassen. 78 Farbtöne hat er ausgewählt und von einem Zufallsgenerator setzen lassen, lediglich kleine Korrekturen hat er sich dort erlaubt, wo dies aufgrund baulicher Gegebenheiten nötig schien oder um zufällig entstandene Formen zu zerstreuen.

Entstanden ist ein wahres Farbmeer, das sich je nach Lichteinfall und äußeren Lichteinflüssen verändert und das Querhaus in unterschiedliche Farben taucht. Mal betont das Licht die dunklen Blautöne, dann wieder strahlt das Rot und dann funkelt das Licht in den grünen Fragmenten und lässt sie wie Smaragde glitzern. Und zwischendrin lassen die hellen Fenster immer wieder das Tageslicht hindurch – eine Landschaft entsteht vor dem Auge des Betrachters.

Kardinal Meisner ist nicht wirklich glücklich mit dem Fenster. Er hatte sich eher eine figürliche Darstellung von modernen Märtyrern gewünscht. Anderen Kritikern ist das Fenster zu profan und tatsächlich düfte sich die moderne Kunst nur sehr selten mit derart profanem Motiv in eine Kirche gewagt haben- zumindest nicht in eine gotische Kathedrale. Doch ist das Motiv tatsächlich so wenig sakral, wie die Kritiker meinen? Wären ein paar Heiligenbildchen wirklich schöner gewesen? Zum Nachdenken und Reflektieren hätten sie sicher nicht angeregt. Man wäre an ihnen vorbeidefiliert, wie viele das auch bei den anderen Fenstern machen. Lediglich der farbliche Gesamteindruck löst bei vielen ein Staunen aus und erfüllt die sonst dunklen gotischen Häuser mit atmosphärischem Glühen. Ist es also tatsächlich so wichtig, wer oder was zu sehen ist? Verkommt die Bildaussage nicht ohnehin zur Nebensache?

Andächtig verweilt man also vor dem Bild, wenn man den Kölner Dom betritt und durch das Gotteshaus flaniert. Es fällt sofort auf, dass dort, wo sich vorher ein normales Fenster befand, jetzt ein farbiges den Raum erhellt. Aber es ist nicht mehr weißes Licht, das so störend wirkte, es ist ein Farbmeer, ein Lichter- und Farbtanz, der sich abspielt, leuchtende farben, kräftig und klar. Es ist fast so, als wollte Richter sagen, schaut her, wie schön die Schöpfung ist und wie herrliche die Welt sein kann mit all ihren Farben, ihren Facetten und tausend Wirklichkeiten. Das Erstaunliche ist jedoch, dass man den Eindruck hat, das Fenster sei schon seit Jahrhunderten dort.

Übrigens: Brüllend komisch ist Werner Spiess’ Essay in der FAZ zu dem Fenster. Auch wenn ich die Arbeit von Spiess sehr mag: Ich hab selten eine so verquaste Rezension gelesen. Wer es sich dennoch antun will, bitte sehr: Ein Ozean aus Glas im Kölner Dom

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6 Kommentare

  • Ich habe Ihre Seiten gerade erst entdeckt und bin nun so begeistert, dass ich sofort noch einen Kommentar schreiben muss.

    Den “Spiess” in der FAZ habe ich mir angetan! Uff! Dabei kann er doch sonst so gut…Werner Spiess hat noch im Februar die Massen gefesselt mit seinen kleinen Geschichten über Picasso anlässlich des “Spätwerkes” im K20.

    “Verquast” ist ein Wort das ich besonders mag. In der Kunsttheorie gibt es leider immer wieder Aufsätze, die dieses adjektiv eigentlich doppelt und dreifach verdient hätten. (siehe: Franz Joseph van der Grinten in dem Katalog zur aktuellen Ausstellung in Schloß Moyland “Antoni Tapies – Zeichen und Materie”)

  • Hallo Frau Schwede,

    vielen Dank für das Lob. In der Tat, ich mag Spiess ja auch, als Kritiker war er allerdings noch nie wirklich gut, schon gar nicht als Kritiker für das Zeitungsfeuilleton. Als Kurator und für kunsttheoretische Aufsätze in Fachbüchern zur Klassischen Moderne ist er einfach unerreicht. Da verzeiht man vieles, aber der Artikel in der FAZ ist fast unlesbar. Schade!

    Beste Grüße, Bülent Gündüz

  • Chrissy sagt:

    Interessante Geschichte das mit dem Richter-Fenster. Da anlässlich eines Abends mit Freunden auch über das Richter-Febster kontrovers diskutiert wurde, bin ich im Nachgang auf diese Seite gestoßen. Leider habe ich das Fenster noch nicht sonnendurchflutet gesehen, sodass ich die Wirkung nicht wirklich einschätzen kann. In der abendlichen Diskussion ging es vornehmlich auch darum, ob das Fenster in das Geamtbild des Kölner Doms passt. Unter diesem Gesichtspunkt werde ich es mir noch einmal zu Gemüte führen. Was mich jedenfalls besonders mit Schadenfreude erfüllt, ist, dass Kardinal Meisner bei jedem seiner Auftritte im Kölner Dom dieses Fenster im Blick haben muss.

    Für den Artikel in der FAZ finde ich das Adjektiv “verquast” wirklich agemessen. Ich finde ihn völlig krampfhaft im Versuch, eine sinnhaltige Interpretation zu finden. Na ja, das Hirn hat bei manchen Menschen halt auch seine Verdauungsprobleme zu bewältigen.

  • Millch sagt:

    Hallo,
    ich bin gerade erst auf diese Seite gestoßen, befasse mich jetzt aber im Rahmen einer Präsentationsprüfung schon länger mit dem Domfensterstreit. Falls sie immernoch Interesse an dem Thema haben kann ich wirklich nur den Artikel von Wolfgang Ullrich “Religion gegen Kunstreligion” ( http://www.online-merkur.de/seiten/lp200802a.php )empfehlen. Der wirft, obwohl ich seine Auffassungen auch nicht uneingeschränkt teile, ein neues Licht auf Meisners Aussagen zu dem Fenster und auch generell zu Meisners Auffassung von moderner Kunst.

  • Hallo Milena,

    der Artikel ist in der Tat lesenswert. Vielen Dank!

  • Marie sagt:

    Hallo Milena,
    hast Du den Artikel zufällig als pdf heruntergeladen? Ich wollte ihn durchlesen, doch er steht nicht mehr online. Ich bin Studentin und recherchiere gerade zu disem Thema. Ich würde mich freune, wenn Du mir weiterhelfen könntest. Viele Grüße Marie

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