Uhhh, Buergel ist böse auf die Kritiker, die seine documenta nicht toll finden. Der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung sagte Roger Buergel in Anspielung auf Bazon Brocks Kritik: “Das sind ältere Männer, die nicht loslassen können. Sie glauben, es sei ihre Documenta.” Buergel ist der Meinung, die documenta sei etwas Besonderes und marktfern.
Ohne Zweifel, wer will ihm da widersprechen, sie IST etwas Besonderes und marktfern ist sie auch. Aber auch fern jeden Konzepts, mit schlechter Präsentation der Werke, einem gruseligen Ausstellungsort (aka Auepavillon) und ohne Thesenpräsentation. Und am schlimmsten: die gezeigte Kunst ist zum großen Teil langweilig, ja banal. Und das hat nichts damit zu tun, dass bei dieser documenta wenig echte Stars der Kunstszene gezeigt werden. Würde uns Buergel also mit tollen Neuentdeckungen verwöhnen, wäre gegen “Marktferne” gar nichts zu sagen – im Gegenteil.
Buergel sagte, bei ihm gebe es eine “Lust an der Provokation”: “Die Ressentiments, die die Leute haben, müssen heraus. Danach haben sie wieder einen klareren Blick.” Wo provoziert Buergel denn? Wer wird denn allen Ernstes diese documenta mit klarerem Blick verlassen? Obwohl – nach dem Besuch sieht man wirklich einiges klarer.
Buergel weiter: “Meine Überzeugung ist es, dass Dinge nur dann bei den Leuten hängen bleiben, wenn sie sich mal richtig, bis in den Kern, empört haben.” Ja, ja, schon, dann müsste man sich aber über die Kunst empören können und nicht über das Konzept, da hat Buergel etwas gründlich missverstanden. Hängen bleiben wird von dieser documenta gar nichts.
Was da aus unterschiedlichen Lagern komme, sei wie ein “Rülpswettbewerb”. Hatte Buergel vor kurzem nicht noch gesagt, die Kritik sei substanzlos? Herr Buergel, etwas mehr Niveau und Substanz täte ihnen ganz gut. Die Kritik war durchaus berechtigt und auch klar formuliert, es ist allerdings einfacher, darüber mit dem Hinweis hinwegzugehen, es gebe keine Susbtanz in der Kritik und die kritisierten Punkte seien ja so beabsichtigt.

10 Kommentare
klaus baum says:
7. Januar 2008
Zunächst möchte ich meine Anerkennung zu Ihrem Kunstblog aussprechen. Obigen Artikel zu Bürgels Kritiker-Schelte kann ich nur unterschreiben. Widersprechen möchte ich aber Ihrer Behauptung, daß nichts hängengeblieben wäre. Was mich beeindruckt hat, war jenes Boot aus Benzinkanistern, mit dem der Künstler die Flucht aus Afrika nach Europa thematisierte, beeindruckend war aber weniger das Boot, sondern jener auf den Boden geschriebene Satz über die Hoffnung und die Hoffnungslosigkeit.
Und des weiteren erinnere ich das autoritäre Auftreten des Sicherheitsbeauftragten der documenta namens Schal oder Schaal. Herr Schal hat einen Künstler vertrieben, der sich vor dem Fridericianum aufgestellt hatte, um mit einer Art Halbzelt in Türkis die Abhängigkeit des Künstlers vom Kurator zu thematisieren. Eine gewisse Buntheit und Vielfalt von “Trittbrettfahrern” gehört
eigentlich immer zu den Eröffnungswochenenden der documenta (auch der biennale in Venedig).
Viele Grüße
Klaus Baum
Bülent Gündüz says:
7. Januar 2008
Hallo Herr Baum,
vielen Dank für das Lob.
Sie haben recht, allerdings habe ich mich vielleicht unpräzise ausgedrückt. Es war FÜR MICH nichts NEUES dabei, was hängen geblieben wäre. Romuald Hazoume war eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen der docmenta, mir war er schon bekannt, für viele war er aber sicher eine der Entdeckungen, da stimme ich gerne zu. Was die Trittbrettfahrer angeht: ich kann das Verhalten der documenta-Macher zwar verstehen, würde es aber trotzdem großzügiger handhaben, als es oft geschieht. Allerdings würde es wohl dem Wahnsinn Tor und Tür öffnen, wenn man rund um die documenta alle Künstler “mal machen” ließe. Schlechten Geschmack hatten wir drinnen genug, den brauchen wir nicht noch draußen!
Ansonsten: es bleibt uns die Hoffnung auf die nächste documenta.
Beste Grüße, Bülent Gündüz
klaus baum says:
7. Januar 2008
Hallo Herr Gündüz,
danke für Ihre Antwort.
Soweit ich mich erinnere, ist vor den Toren der documenta noch nie das Chaos ausgebrochen. Selbst den Protest im Jahre 1968 kann man aus heutiger Sicht noch als geordnet und brav bezeichnen.
Die fahrenden Künstler, welche die Eröffnung begleiten, verschwinden ohnehin nach dem ersten Wochenende.
Meine Erfahrung mit der Kunst auf diversen documenta-Ausstellungen war bisher immer so, daß mir Werke etwas gesagt haben, wenn ich mich in sie eingearbeitet habe, sie waren mehr oder weniger dann Erkenntnislieferanten.
Man könnte folgende Unterscheidung treffen: ein Kunstwerk geht unter die Haut, berührt, trifft (Roland Barthes nennt das punctum), so daß man dann die Wirkung des Werkes und dessen Gehalt gleichsam aus der eigenen emotionalen Betroffenheit heraus entwickelt und reflektiert, andere Werke erfordern das, was Barthes studium nennt. Werke sind dann eine Art bildhafte Darstellung von Theorie, Erkenntnis, begrifflicher Reflexion. Die Erkenntnis folgt nicht aus dem Bild, sondern sie geht ihm voran – oder: das Bild ist nichts als Erkenntnis.
Ein emotional ansprechendes Werk war für mich auf der documenta 1987 “Les armes d’acier” oder auf der documenta 2002 der Film von Zarina Bhimji.
Viele Grüße
Klaus Baum
Bülent Gündüz says:
9. Januar 2008
Hallo Herr Baum,
“Soweit ich mich erinnere, ist vor den Toren der documenta noch nie das Chaos ausgebrochen.”
Was vor allem daran liegt, dass die documenta-Macher und der Sicherheitsdienst/ die Aufsicht recht sauer auf Trittbrettfahrer reagieren!
Grüße, Bülent Gündüz
richard robert seeger says:
13. Januar 2008
meiner meinung nach ist buergel kein vorwurf bezüglich der ausgestaltung/des konzepts
einer massen-kunstschau zu machen. im rahmen seiner auseinandersetzung mit zeitgenössischer kunst (als kritiker/die springerin etc.) ist die art seiner präsentation ganz folgerichtig. es gibt viel neues, was bei ihm soviel heißt wie noch nicht vermarktet, frei, bzw. bis dato ungelenktes schaffen – was die vermarktungsbiographien angeht. ausnahmen finden sich in der berücksichtigung seines eigenen dunstkreises, siehe siekmann, creischer oder farocki, dazu noch seine heimmannschaft im hintergrund (noack, schöllhammer).
dort wirkt buergel insofern inkonsequent, und man könnte
diese vorgehensweise hiernach inzestiös nennen. lustigerweise sind aber diese bekanntenkreiskünstler und kunstkritiker gar nicht mal die schlechtesten. ja, sie ragen gar aus dem kraut und rübenfeld angenehm hervor.
nicht zuletzt eine gute wahl, weil diese leute genau die art neue kunst betreiben, die buergel eigentlich vorführen mochte (also im positiven sinne), nämlich die relativ vermarktungsresistenten protagonisten, welche ohne die vom lauten kunstmarkt geliebten zoten und autismen nüchtern und dennoch querdenkende kunst fabrizieren. und weil dadurch (deutsche) lieblingsnamen des markts wie meese oder rauch vermieden werden konnten.
die grösste schwäche scheint mir in buergels charakter zu liegen, der halbseitig opportunismus und halbseitig proggressivität in sich zu vereinen scheint. sein pseudo-an-der-nase-herumführen der altvorderen erweist sich als lasch und fade, denn diese haben schließlich ihn intronisiert, nicht zuletzt um genau diese berechenbare abweichung vom status quo zu inszenieren, nicht!? und die rechnung mit auto-fähnchen, neuem besucherrekord und simultanem punching-ball-image fuer die kritiker (wer kennt die kritiker-kollegen besser als der kritiker buergel) ging doch auf. hier wurden sozusagen unverkäufliche muster neuester kritischer schule feilgeboten.
cool, oder camp wäre natürlich was anderes/schöner gewesen. erwartet hätte ich persönlich mehr echtes understatement, eine echte
watsche fürs establishment. dazu reichten leider die persönlichkeiten der protagonisten, wie auch der kuratoren, nicht hin. lediglich andere leiter wie szeemann oder david, ja selbst hoet (letzterer war ja quasi ein/der sensations-vorreiter – stand lange unter peinlichkeitsverdacht) müssen jetzt im vergleich größer eingestuft werden. ihre schauen waren stringenter angelegt und vor allem mit mehr verve durchgezogen worden. ihre eitelkeit (damals immer wieder kritikpunkt in der presse) war gegen die von buergel weniger berechnet, naiver, kurz: echter. zu einer posse wie sie buergel abgeliefert hat waren sie gar nicht fähig. das waren eher überzeugungstäter, keine ministerialbeamten des kuratorenwesens.
und noch kurz eine bemerkung zu den sogenannten trittbrettfahrern: rund um eine gegenwartsschau der kunst, die selbst immer noch den anspruch auf höchste aktualität und sorgfalt legt muß es doch zu einer belagerung von aussen kommen! fällt das interesse von provokateuren und sichausgeschlossenfühlenden weg, wie es offenbar bei der d12 stärker der fall war als zuvor, so wirft dies kein gutes licht auf die relevanz einer weltschau.
eine erklärung dafür habe ich nicht parat. jedoch scheint diesmal der offene geist und die lust am hedonismus im umfeld der veranstalter gefehlt zu haben. wer zum kunstzeigen oder lachen immer wieder tief in den katakomben des kritischen bewusstseins kramt, der kann halt leicht zum tragischen clown mutieren. das ernste genussvoll (oder wenigstens lebendig) zu zelebrieren, dazu hatte buergel kein talent.
zum schluß der link zum wohl vorerst letzten spassmacher der documenta-geschichte (von dem ich nicht gerade ein fan bin, weil er letztlich auch gutbürgerliche kost zubereitet. aber im vergleich schneidet er gar nicht so schlecht ab:
richard robert seeger
richard robert seeger says:
15. Januar 2008
Hier noch der fehlende Link zum Spaßmacher:
http://www.schlingensief.com/projekt.php?id=t011
Werner Hahn says:
19. Februar 2008
Über Kultur- und Kunst-Politik wurde im Landtagswahlkampf in Hessen leider nicht diskutiert – Zum Problem DOCUMENTA-Reform
Desinteresse? – fehlende Problemlösungskompetenz? – keine mobilisierende Wirkung? Berichtet wird im Internet über ein anklagendes „MAHNMAL der 101 documenta-Verrisse zur Landtagswahl in Hessen 2008: Änderung der KUNST-Politik ist gefragt! Documenta-REFORM – Stillstand überwinden!“ Das „memorial“ zur Erinnerung an die „gründlich gescheiterte“ documenta 12 (Tim Sommer, „art“ 1/2008) zeigt Verrisse unter „1. ‘DOCUMENTA-DEMOKRATISIERUNG tut not: documenta12-Verrisse’ und 2. ‘Documenta am Ende: Verrisse zur gescheiterten documenta 12 – Teil 2. Schönfärberei und Kritikerschelte („Lynchmob“, „Rülpswettbewerb“) durch den BUERGELiade-Chef’.“ Wegen der „wohl niederschmetterndsten Kritiken aus dem In- und Ausland“ (FAZ-Fazit, 28.12.07) fordert auch die Süddeutsche Zeitung (in „Themen des Jahres“): „Kassel muss sich ein neues Kuratoren-Konzept ausdenken“! Der hr (Kunstkritiker R. Schmitz) sah “den Ruf der Kasseler documenta als wichtigste Kunstausstellung der Welt ruiniert”. Sicherlich wollen die Hessen (die Kasselaner wie viele Nicht-Hessen) die documenta nach dem d12-Desaster nicht abschaffen. Wie aber stellen sich die Parteien eine Reform vor? Kennen die Funktionäre den konstruktiven, realistischen und unideologischen REFORM-Modell-Vorschlag „Hessische documenta Akademie“? Was werden sie tun – zusammen evtl. mit Herrn OB Hilgen Kassel (SPD) und dem Bund (er subventioniert) – die neu gewählten Damen und Herren Abgeordneten von CDU, SPD, FDP und den GRÜNEN (auch LINKEN?) – nach der Wahl für eine längst überfällige Reform? Die verfehlte documenta-KUNST-Politik ist zu korrigieren – sollte nicht länger ein Tabu-Thema bleiben. Zur Glaubwürdigkeit von Politik gehört es, dafür zu sorgen, dass mit staatlichem Geld nicht falsch umgegangen wird (siehe „Alles-ist-erlaubt-d12“ statt „Beste-Gegenwarts-KUNST-documenta“). Mehr Infos im Internet: z. B. BUERGELiade googeln; Links in http://www.art-and-science.de studieren!
Bülent Gündüz says:
20. Februar 2008
Lieber Herr Hahn,
es bedarf keiner Reform der documenta, sondern einfach eines vernünftigen Kurators. Natürlich darf es auch ein Fachgremium aus mehreren Kuratoren geben. Eine Gewähr für bessere Kunst bietet das nicht. Hauptsache man beschützt uns davor, dass in Zukunft Hinz und Kunz ausstellen.
Informant says:
6. Juni 2008
Das Boot des Romuald Hazoumé ist eine unverschämte und plumpe Ausbeutung des Boots-Traumes von Johnny de Brest und seinem Projekt “Vladracul” aus den mittleren 90er Jahren. Dies funktioniert über eine Art “Kunstraubkatze”, gehackte Computer, aus dem künstlerischen Umfeld de Brest’s und seinen Kontakten zu den Medien.
Werner Hahn says:
18. September 2008
Zum Phänomen des Skandal-Künstlers Damien Hirst ein Artikel in ZEIT ONLINE (Community): „Damien Hirst: Kunst-Markt-Kunst primär & sekundär und die unabhängigen Künstler“. Googeln empfohlen! – Hier ein Ausschnitt, der auch Neues zum Thema documenta 13
enthält.
(…) Viele „Kunstwerke“ der Gegenwartskunst stehen dem „Kitsch“-Phänomen nahe: Das gilt neben Hirsts Pseudo-Skandal-Kunst insbesondere auch für die Spielzeugwelten des amerikanischen Salonkünstlers Jeff Koons, des „Kunst-Stars der Achtziger“ (Jahrgang 1955), der als „King of Kitsch“ kritisiert wird. Der mit Assistenten arbeitende „Kunst“-Markt-Liebhaber Koons hat z. B. übergroß aus Metall geformte Ballonhündchen geschaffen; so den aufgeblasen-knalligen und naiven Magenta-Pudel vor Palazzo Grassi in Venedig und ein triviales-dekoratives Blumenhündchen vor dem Guggenheim Bilbao. Der pinkfarbene Pudel darf nun im Herbst 2008 im Barockschloss Versailles vor den Toren von Paris Hof halten – zusammen mit anderen bekannten provokativen Kitsch-Objekten des Markt-Stars aus den 80er und 90er Jahren. Neu ist nun, dass nicht nur das Feuilleton der Medien, sondern endlich „seriöse“ Kulturschaffende sich öffentlich zu Wort melden: Die Ausstellung wird als „Geschäft unter Freunden“ kritisiert, weil der mit Koons befreundete ehemalige Kulturminister (2001 ernannte der Koons zum „Ritter der Ehrenlegion“) der Ausstellungs-Initiator ist. Viele beurteilen die „Kitsch-König“-Objekte als Beschmutzung des französischen Kulturerbes, als Nicht-Kunst-Angriff á la Duchamps „Mona Lisa“ mit „Bart“: Meta-Spaß „Mona Lisa L.H.O.O.Q. rasée”. Neu ist auch hierzulande in der BRD, dass Kulturschaffende dafür plädieren, dass die documenta 13 von einem Team – der Findungskommission – geleitet werden sollte (Prof. Peter Weibel, Kunstkritiker Karlheinz Schmid).
Peter Weibel ist hier zu zitieren, da sein Plädoyer für eine documenta-Reform endlich Schule machen sollte. Weibel unterstreicht zu einer „Träumerei“ von Karlheinz Schmid (Kunstzeitung Nr. 143, S. 7):
„Der Traum sollte wahr werden. Ich finde Ihre Idee, die documenta-Findungskommission sollte selbst documenta-Leiter werden, ausgezeichnet und für eine documenta im 21. Jahrhundert adäquat. Alle Mitglieder des Teams verfügen über so viele Kompetenzen, dass es eine Illusion wäre zu glauben, die Kompetenzen eines einzelnen Kurators könnten umfangsgleich sein. Sie sollten diese Idee weiter propagieren, weil ich sie wirklich überzeugend finde. Eine bessere Leitung der documenta als das Team, das einen Leiter finden soll, wird es nicht geben.“
(Prof. Peter Weibel, Vorstand des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, Künstler, Ausstellungskurator, Kunst- und Medientheoretiker. Er studierte Literatur, Film, Mathematik, Medizin und Philosophie in Wien und Paris. Empfehlung als „Leserbrief“ in der KUNSTZEITUNG 145, September 2008, S. 2.)
Für die institutionelle Kunstvermittlung sollte nachfolgendes generell gelten. Die schicke(n) Mär(chen) vom Fehlen objektiver Kriterien zur Kunstbeurteilung wird als obsolet – unlautere Machenschaft – erkannt, schrieb ich (2):
Für Kunst&Kultur-Förderung sind zur QUALITÄTSSICHERUNG KRITERIEN anzuwenden. Voraussetzung: nachgewiesene Juroren- bzw. Kuratoren-Fachkompetenz.(…)