Für viele Kunstinteressierte betritt Amerika die Bühne der Kunst erst in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, als sich die Kunstszene von Paris nach New York verlagerte. Und erst im Laufe jener Jahre entwickelte sich so etwas wie ein eigene amerikanische Kunstbewegung. Doch das ist falsch, wie uns jetzt die Staatsgalerie Stutgart zeigt, den langer vor der New Yorker Schule gab es die Hudson River School.
Kulturell wurde Amerika im 19. Jahrhundert geprägt von den europäischen Siedlern und deren Ursprungsländern. Künstlerisch orientierten sich die Maler jener Jahre am akademischen Klassizismus der europäischen Kunst. die Maler zogen umher und verkauften Porträts oder Bilder vom Alltagsleben der Siedler. Doch mit der Besiedlung des Kontinents kamen auch die Maler weit herum. Sie entdeckten die landschaftlichen Schönheiten des Landes. Kaum ein anderes Land verfügt über ein derart abwechslungsreiches Landschaftsbild wie die USA: Wüsten, Küsten, breite Flusstäler, endlose Ebenen, Gebirge und dichte Urwälder. Durch den Willen, die Schönheiten des Kontinents auf Leinwände zu bannen, entstand dann auch die erste amerikanische Kunstbewegung: die Hudson River School.
Allerdings waren die Maler der Hudson River School keine Künstlergemeinschaft oder Bewegung mit einheitlicher Malweise oder Intention. Viele der Maler kannten sich nicht einmal. Auch der Name irritiert: Zwar nahm die Bewegung am Hudson River ihren Anfang und die ersten Bilder entstanden in dem Flusstal nordwestlich von New York, doch viele Maler lebten in anderen Landesteilen und haben den Hudson River wahrscheinlich nie gesehen.

Öl auf Leinwand, 64,5 x 89,4 cm, Vermächtnis Daniel Wadsworth
© Wadsworth Atheneum Museum of Art, Hartford, Connecticut (USA)
Was alle verbindet, ist die leidenschaftliche Romantik, mit der die Künstler die Landschaften malten und die Spiritualität, die die Bilder ausstrahlen. Allen Malern gemeinsam war der Wille, die Schönheit der Natur darzustellen und die friedvolle Idylle auf die Leinwand zu bannen. Nicht selten erhielten die Bilder durch die Beseelung und Mystifizierung der Landschaften eine religiöse Note und nicht wenige Maler verbanden die realistische Darstellung der Landschaft mit religiösen Themen. Viele Gemälde zeigen eine stark betonte Gefühlswelt und trotz der realistischen Malweise enthalten die Bilder einen sehr subjektiven Eindruck bis hin zur Übertreibung.
Schon bald wurden neben der reinen Landschaftsmalerei auch weitere Themen aufgenommen. Das Leben der Ureinwohner des Landes rückte in den Blickpunkt, aber auch das Alltagsleben der Siedler. So wurden die Künstler der Hudson River School zu Vorreitern eines Nationalgefühls und brachten die aufkeimende Nation auf einen gemeinsamen Nenner. Die Maler der “School” wurden zu Identitätsstiftern.
Inspiriert wurden die Maler nicht zuletzt von der europäischen Romantik jener Zeit um die Dichter Byron, Shelley und Keats. Besonders angetan hatten es den jungen Amerikanern die beiden europäischen Maler Eugène Delacroix und William Turner. Die exotischen Bildthemen von Delacroix, seine ungewöhnliche, emotionale Malweise, die leidenschaftliche Wirklichkeitserfassung und seine Farben beeindruckten die Maler tief. Und Turners Bilder, die oftmals ein Rausch aus Farbe und Licht sind, beeinflussten die Malweise der Amerikaner entscheidend.
So sehr die Hudson River School auch für die kulturelle Selbstständigkeit Amerikas steht, nahm sie doch ihren Anfang in Europa und fand hier auch immer wieder Inspiration. Viele der Maler der Hudson River School wurden in Europa geboren und dort ausgebildet, ehe sie in die neue Welt emigrierten. Andere reisten lange Jahre durch Europa und malten hier, wie einige Bilder beweisen.
Ein Buch wurde zum Grundstein für die Hudson River School. Das “Essay über die amerikanische Landschaft” von Thomas Cole (1801-1848) sollte die Amerikaner mit der amerikanischen Landschaft und ihrer Vielfalt bekannt machen. Die Natur könne durchaus eine moralische Botschaft vermitteln und mit ihrer Größe und Vielfalt identitätsstiftend für das amerikanische Volk sein, so Cole in seinem Buch.

Öl auf Leinwand, 91,8 x 121,9 cm
© Wadsworth Atheneum Museum of Art, Hartford, Connecticut (USA)
Cole äußerte den Wunsch, ein nationales Bewusstsein zu schaffen und wollte mit dem Vorbild der natürlichen Vielfalt und Ordnung auch moralische und kulturelle Standards schaffen. So wurden die Maler der Hudson River School nicht nur zu akribischen Beobachtern der Natur, sondern auch zu Verfechtern geistiger Werte. Das ging so weit, dass in Coles Bildern sogar surrealistische Tendenzen erkennbar wurden und religiöse Themen breiten Platz einnahmen. Thomas Cole wurde zum Gründer und geistigen Vater der Hudson River School.
Coles Erfolg als Maler und Publizist, der ihn auch zum Hauptvertreter der Hudson River School machte, ging vor allem auf seine genaue Beobachtungsgabe zurück und seinen einzigartigen Malstil, der den Bildern eine mystische Aura verlieh und damit den Geschmack des Publikums in Amerika traf. Sein Gemälde “The Oxbow” von 1836 wurden zum Symbol für die amerikanische Landschaft und seinen Gemäldereihen “The Course of Empire” und “The Voyages of Life” zum Sinnbild für die monumentale Fantasie und die Kraft seiner Bilder.
Die in der Ausstellung „Neue Welt“ in der Staatsgalerie Stuttgart gezeigten 73 Gemälde und Zeichnungen amerikanischer Künstler stammen aus dem Wadsworth Atheneum Museum of Art in Hartford, Connecticut, das 1844 als erstes öffentliches Kunstmuseum in Amerika gegründet wurde. Es bewahrt eine der größten und bedeutendsten Sammlungen amerikanischer Landschaftsmalerei. Sie wird nun erstmals repräsentativ in Europa gezeigt. Die Ausstellung gliedert sich in acht Sektionen: Wildnis, Die Siedler in der Wildnis, Die Niagarafälle und ihre „furchtbare Grandeur“, Kunst und Wissenschaft, Die Anziehungskraft Italiens, Der amerikanische Westen, Luminismus, Die Entstehung der erhabenen Landschaft.
Einen längeren Artikel zum Thema habe ich 2005 geschrieben, nachzulesen hier.