Bonjour Russland!

25. Oktober 2007 | Kein Kommentar

Für viele von uns liegt New York immer noch näher als Moskau. Die meisten Urlaubswilligen können sich durchaus vorstellen, bei einer Shoppingtour durch New York auch mal im MoMA vorbeizuschauen, aber nach Moskau oder St. Petersburg? Urlaub “beim Russen” oder gar Studien- und Kulturreise nach Russland? Das kommt für viele nicht in Frage oder aber sie denken gar nicht darüber nach. Vielen ist auch gar nicht bekannt, welche ausgezeichneten Museen Russland sein Eigen nennt. Man ist deshalb auch sehr dankbar, wenn die russischen Museen zu uns kommen. Das ist allerdings nicht immer leicht, russische Museen pflegen eine restriktive Entleihungspolitik und aufgrund vieler ungeklärter Eigentumsfragen wegen des Beutekunstvorwurfs zieren sich die Museen bei Entleihungen nach Deutschland gerne.

Umso erfreulicher ist die bis zum 06. Januar 2008 laufende Ausstellung “Bonjour Russland” im Düsseldorfer “museum kunst palast”. Zum ersten Mal sind in Deutschland nebeneinander französische und russische Meisterwerke aus vier russischen Museen zu sehen. Den Fokus legt die Ausstellung auf die Jahre von 1865 bis 1925, jene Zeit also, in denen die Franzosen die Avantgarde waren und die Russen die Avantgarde wurden, für einen kurzen, genialen Moment lang. Schön wird in der Ausstellung sichtbar, wie sehr doch die russsischen Künstler von den Franzosen lernten, um daraus dann einen eigenen Form- und Malstil zu enwickeln. Sie fanden ihre eigene Sprache und liessen diese dann in der totalen Abstraktion kummulieren, die so wichtig für die Kunst des 20. Jahrhunderts war.

Die Ausstellung vereint Klassiker der Moderne, von den französischen Malern Cézanne, Matisse, Gauguin und Renoir bis zu den Russen Repin, Lentulow, Gontscharowa, Kandinsky, Tatlin, Malewitsch und vielen anderen. Alle sind versammelt: Impressionisten, Realisten, Naturlaisten, Symbolisten, Fauvisten, Kubisten, Primitivisten, Futuristen, Kubofuturisten, Suprematisten. Die Ausstellung gliedert sich in vier Kapitel: “Russische Kunst des Realismus und der Einfluss des französischen Naturalismus, Die Sammlungen Morosow und Schtschukin, Diaghilew und die “Welt der Kunst” und Russische Moderne: vom Primitivismus zur Abstraktion.

Die “Befruchtung” der russischen Künster (und natürlich Künstlerinnen) ist vor allem zwei Dingen zu verdanken: den Reisen der Russen nach Paris, vor allem aber den beiden Sammlern Iwan Morosow und Sergei Schtschukin und dem “Ballets Russes”-Gründer Sergei Diaghilew. Während die beiden Sammler, beide waren Textilhändler, vor allem durch ihre Sammelleidenschaft französische Kunst nach Russland brachten, war Diaghilew durch Ausstellungen französischer Kunst in Russland und russischer Kunst in Westeuropa Motor des Kulturaustausches. Aber auch der Einfluss der künstlerischen Vereinigungen der Russen wie “Die Wanderer”, “Karo-Bube” und “Welt der Kunst” ist nicht zu unterschätzen.

Die Ausstellung ist ein großer Wurf, selten waren in Deutschland so viele Meisterwerke in einer Ausstellung zu sehen und auch die Idee, russische und französische Meisterwerke zu vereinen um die Beeinflussung aufzuzeigen, ist Klasse. So wird offensichtlich, welch großen Einfluss die Franzosen hatten und wie wichtig ihre Arbeit für die Kunst des 20. Jahrhunderts war. Dass Picasso Spanier war und die Futuristen Italiener, sei mal verziehen.Leider gibt es aber ein paar Makel. Die Ausleuchtung und Hängung der Werke ist katastrophal. Viele der Bilder hängen relativ hoch, durch die schlechte punktuelle Ausleuchtung spiegeln die Bilder und das obere Drittel der Werke ist manchmal nur schwer erkennbar. Man muss dann schon experimentieren, um den optimalen Standpunkt zum betrachten des Bildes zu finden. Schade drum.

Leider verfehlt die Ausstellung auch ihr Hauptziel, das Aufzeigen der Beeinflussung, die fast schon stringente Entwicklung, die die Kunst in Russland nahm. Der rote Faden fehlt, die Ausstellung wirkt ein bisschen wie eine zusammenhanglose Präsentation der besten Werke aus russischen Museen. Die 125 Arbeiten sind stark chronologisch und nach Sammlungen gehängt, was das Erkennen der Zusammenhänge ohne Katalog und/ oder Audioguide für die Besucher, die sich nicht tagtäglich mit Kunst beschäftigen, sehr erschwert. Die knappen Ausstellungstexte, auf Fahnen gedruckt, tragen auch nicht gerade zur Erhellung bei.

Trotzdem ist “Bonjour Russland” eine kleine Pilgerfahrt wert und angesichts der ausgestellten Meisterwerke überaus lohnend. Wenigstens die Entwicklung der Abstraktion wird recht deutlich sichtbar, zuerst die Zersplitterung des Bildgegenstandes bei den Kubisten, dann die Reduzierung der Form und letzlich die totale Abstraktion in Malewitschs Werken. Und immer wieder gilt es, zu betonen, wie wichtig die russsiche Avantgarde für die Kunst des 20. Jahrhunderts war und dass es mehr als nur den geschmacklosen sozialistischen Realismus gab. Und letzlich gibt es auch ein paar spannende Entdeckungen wie Michail Wroubels “Seraph”, der einem fast den Atem nimmt, angesichts der Kühnheit, mit der das Werk gemalt wurde.

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