Kunst im 20. Jahrhundert
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Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle – Liebe und Kunst

Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle in ihrem Atelier

Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle in ihrem Atelier

Das Ulmer Museum zeigt die Ausstellung „Niki & Jean – L‘art et l‘amour“. Die Ausstellung, die vom Basler Tinguely Museum konzipiert wurde und bereits in mehreren Städten in Europa zu sehen war, widmet sich der Beziehung und dem gemeinsamen Arbeiten des Künstlerpaares Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle.

Frauen hatten es im 19. und 20. Jahrhundert in Beziehungen mit Künstlern oft nicht leicht. Sie selbst wurden nur am Rande wahrgenommen oder auch gar nicht. Sie waren Muse oder Assistentin, Hausfrau und Seelentrösterin, aber nur selten galten sie auch als eigenständige Künstlerinnen. Ein perfektes Beispiel dafür ist das Paar Jean Tinguely (1925-1991) und Niki de Saint Phalle (1930-2002). Lange Jahre wurden die Arbeiten von Saint Phalle nur als Beiwerk zu den Arbeiten des Kinetikkünstlers Jean Tinguely wahrgenommen. Saint Phalle galt als Assistentin von Tinguely. Der Einfluss Tinguelys auf de Saint Phalle war zweifellos enorm, aber nie war er der Künstler und sie seine Assistentin.

Die erste Begegnung in Paris 1955 war von weit reichender Bedeutung. Sie erinnerte sich später in einem Brief an ihren Geliebten noch genau an dieses Zusammentreffen: „Ich verliebte mich sofort in Deine Arbeit. Dein Atelier sah aus wie ein riesiger Schrotthaufen voll wunderbarer verborgener Schätze (…).“

Die Begegnung mit Jean Tinguely gab ihrem Leben als Künstlerin die Richtung und bestimmte es über dessen Tod 1991 hinaus. Tinguely führte sie in die Kniffe und Tücken der Bildhauerarbeit ein. Von ihm lernte sie, wie man aus Gips stabile Objekte bauen konnte und so entstanden die farbenfrohen Nanas, die ihre Kunst nach 1965 bestimmten. Und er führte Saint Phalle in den sechziger Jahren in der Pariser Avantgarde der Nouveaux Réalistes ein, zu denen Yves Klein, Daniel Spoerri, Robert Rauschenberg und Pierre Restany gehören. Sie wurde zur glühenden Verfechterin der Ziele der Gruppe.

Aber die intensive Liebes- und Arbeitsbeziehung hatte auch Auswirkungen auf Tingueleys Werk. Das gemeinsame Werk der beiden begann, als Tinguely Reliefs von Niki de Saint Phalle mit „Zeichnungen“ aus Eisendraht erweiterte. Sie regte bei ihm den Einsatz von Federn und farbigen Materialien an. Gemeinsam mit seiner Frau erschuf Tinguely die Schießbilder, indem die beiden mit Farbkugeln auf eine mit Objekten beklebte Leinwand schossen. Gemeinsame Happings gehörten zu den Lieblingsarbeiten der beiden. Im August 1961 ließen die beiden anlässlich es Geburtstages von Dali einen 2,80 Meter großen Pappmaché-Stier in der Arena von Figueras explodieren. Gemeinsam mit anderen entstehen Bühnenstücke und Bühnendekors.

1967 begann Niki mit der Gestaltung ihrer „Urmutter“, der Nana, als sie diese als sitzende Figur aus Ton schuf und in ein mit floralen Ornamenten und Herzchen geschmücktes Kleid steckte. Ein Höhepunkt der gemeinsamen Karriere von Niki und Jean war 1967 die Ausstellung im Moderna Museet in Stockholm, wo eine begehbare Figur namens „HON“ gezeigt wurde. Diese riesige Figur mit gespreizten Beinen und geöffneter Vagina als Zugang war eine Verwandte von Nikis Nanas. Als gemeinsame Arbeiten entstehen auch skulpturale Großprojekte wie 1976 „Le Paradis fantastique“ für den Pavillon Frankreichs bei der Weltausstellung in Montreal, 1983 der Brunnen „Fontaine Stravinsky“ in Paris und 1988 eine Brunneninstallation in Chateau Chinon.

Die Arbeit der beiden ist einzigartig. Beide hatten ein eigenständiges Werk, aber auch ein gemeinsames, immer wieder gab es Berührungspunkte, man arbeitete zusammen und beeinflusste sich, um sich dann wieder dem eigenen Werk zuzuwenden. Integration und Dialog standen im Zentrum der gemeinsamen Arbeiten des Paares, aber auch Konkurrenz, jedoch stets im Dienste des Ganzen. Über 30 Jahre arbeiten die beiden gemeinsam und schafften es dennoch, eine intensive Lebens- und Liebesbeziehung zuführen.

Neben gemeinsamen Arbeiten zeigt das Ulmer Museum auch Briefe und eine Vielzahl von Foto- und Filmdokumenten, die das Leben und die Arbeit der beiden Künstler dokumentieren. die Ausstellung läuft noch bis zum 06. Januar 2008 im Ulmer Museum.

2 Kommentare

  1. Wie gut das ich aus Ulm komme. 🙂

    Danke für deinen Artikel sonst hätte ich es noch verpasst!

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