Schafft die Museen nicht ab!

8. Januar 2008 | 6 Kommentare

Historiker haben es nicht leicht. Den ganzen Tag sitzen sie beim Quellenstudium im kleinen Kämmerlein und arbeiten still und unbemerkt vor sich hin. Aber wehe wenn sie losgelassen! Da er klärt uns doch der Historiker und Schriftsteller Philipp Blom in der Zeit, dass wir Museen eigentlich nicht bräuchten und wir sie abschaffen sollten und das alles, weil die eh nur Altes verehren, statt Neues zu zeigen. Uns fehle einfach der Mut zur Vergänglichkeit, viel zu viel Ballast würden wir mit uns herumschleppen.

Seine Argumentation folgt der These, dass wir in unserem Kultur Altes nur verehren, weil es alt ist. Blom versteigt sich zu dieser These, weil er bei einem Besuch in Fontainbleau bemerkt, dass die Vorhänge in Napoleons Appartement verschlissen und ausgeblichen sind. Herr Blom, wir schauen uns die verschlissenen Vorhänge von Napoleon an, weil sie uns den Menschen und den Herrscher näher bringen. Sie vergessen, dass nicht nur Historiker durch die Hallen von Fontainbleau wandeln, sondern auch Normalsterbliche, die Geschichtsbücher normalerweise seit der Schulzeit nicht mehr in die Hand genommen haben. Für diese Menschen ist Fontainbleau eine kleine Begegnung mit der Geschichte und eine anschauliche noch dazu.

Und verehren wir Tintoretto, Tizian oder Rembrandt weil sie „alte“ Meister sind? Nicht wirklich, jedenfalls nicht diejenigen unter uns, die noch zum Sehen fähig sind und dem Reiz immenser Farb- und Lichtspiele auf der Leinwand erliegen können. Und Picasso? Dürfen wir den noch verehren oder sollten wir den auch als Ballast über Bord werfen?

Blom erinnert daran, dass die Museen in der Renaissance voll von Neuem waren, dass ist aber auch nicht wirklich schwer, wenn man bedenkt, dass man damals noch davon ausging, dass die Erde eine Scheibe sei. Was damals exotisches Getier ist, können sie heut ein jedem kleinen Zoo sehen. Dazu braucht es sicher kein Museum. Und um afrikanische Masken zu sehen, geht man heute nicht mehr in ein ethnologisches Museum, sondern schaut beim nächsten Strandurlaub in Kenia mal eben im dortigen Volksmuseum vorbei.

Blom vergisst auch, dass es auch damals schon Ausstellungen gab, ganze Säle und Galerien wurden mit antiken Statuen vollgestopft, um sich an den alten Vorbildern zu ergötzen.

Und es wird nicht besser. Blom glaubt, wir hätten den Glauben an Kultur und Geist verloren? Das alles schreibt er Auschwitz und den Gulags zu, dabei halfen gerade der Glaube an Geist und Kultur, diese Zeit zu überwinden. Und überhaupt, sollten man nicht gerade jene dunklen Zeiten der Menschheit akribisch konservieren, um daran zu erinnern, wohin Gesellschaften kommen, wenn Geist und Kultur verloren gehen? Wenn Kultur und Geist im letzten Jahrhundert verloren gingen, dann ganz sicher im Unterschichtenfernsehen, irgendwo zwischen Talkshow und Daily Soap. Und ganz sicher würde es wenig hilfreich sein, das Museale einzudämmen.

Herr Blom behauptet, der Impuls zum Sammeln sei uns verloren gegangen, abgelöst durch das Kuratorische. Jedes Sammeln braucht auch eine Kuratierung, denn was wäre eine Sammlung ohne das Ordnen, Katalogisieren, Präsentieren und Erklären? Es wäre nichts anderes als das sinnlose Anhäufen von Gütern. Wozu? Warum sollte man etwas Sammeln ohne es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und es den Menschen nicht nur zu zeigen, sondern es auch in größere Zusammenhänge zu setzen und zu erklären?

Das wir immer noch begeistert sammeln, das zeigt uns der überhitzte Kunstmarkt, der mit der Produktion der begehrten Objekte gar nicht mehr nachkommt. Junge Sammler, die meisten Idealisten und nicht etwa Investoren, gieren nach junger Kunst.

Blom meint, dass andere Kulturen das Alte nicht so fanatisch verehren und führt als Beispiel die historischen Tempel in Kyoto an, die regelmäßig abgerissen und neu erbaut wurden, obwohl deren Fundamente auf das 12. Jahrhundert zurückgehen. Er vergisst, dass auch unsere Kirchen oft auf romanischen Grundmauern stehen und immer wieder abgerissen, umgebaut und ergänzt wurden. Und es ist auch nicht so einfach, den Kölner Dom mal eben abzureissen und neu zu bauen. Dass man gelegentlich hässliche Um- und Anbauten späterer Jahrhunderte rückgängig macht, kann kein Fehler sein. Hier geht es nicht um eine schnöde Verehrung des Alten, sondern um die Wiederherstellung des einstigen Glanzes. man schaue sich nur mal den Vatikan und seine Umbauten und Erweiterungen aus vielen Jahrhunderten an.

„Wir sind die erste Kultur die Altes nur verehrt, weil es alt ist.“ Tun wir das? Verehren wir Napoleons Vorhangstoff weil er alt ist? Nein, wir schauen ihn uns an, nicht weil er alt ist, sondern weil er Napoleons Fenster verdunkelte. Und wir verehren auch Tintoretto nicht, weil die Leinwand aus dem 16. Jahrhundert stammt, sondern weil seine Werke einzigartig sind. Wir staunen nicht über Goya, weil die Bilder alt sind, sondern weil nur wenige bis heute die Schrecken des Krieges so eindrucksvoll darstellten und wir bewundern Turner, weil er die Abstraktion vorweg nahm und wir verehren Picasso wegen seiner grenzenlosen Kreativität im Umgang mit dem Thema das uns alle seit der Steinzeit beschäftigt: Eros und Weiblichkeit.

Zu behaupten, unsere Kultur sei vor allem rückwärts gewandt, halte ich für unsinnig. Unsere Kultur ist nicht weniger Gegenwartskultur, nur weil sie das Alte nicht auf den Müllhaufen der Geschichte wirft. Nicht umsonst entstehen überall Museen für zeitgenössische Kunst, wachsen Kunstvereine und Kunsthallen aus dem Boden. Und wir hören auch nicht überwiegend klassische Musik, sondern wohl eher Zeitgenössisches wie Pop, Rock und Jazz.

Blom führt an, dass das kulturelle Großereignis des vorrevolutionären Frankreich für Kunstliebhaber der Salon war, eine Art Kunstausstellung für zeitgenössische Malerei. Er vergisst, dass die Großereignisse des Jahres 2007 die documenta 12, die Biennale in Venedig und die großen Kunstmessen waren. Wo also soll das Problem sein? Dass wir neben neuem auch das Alte präsentieren? Ist das wirklich so abscheulich? Kann man die Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts verstehen, wenn man nicht ihre Vorgänger sieht, auf die sie sich oftmals beziehen? Müssen wir tatsächlich Britney Spears ertragen, nur weil Mozart vor 200 Jahren starb? Und ist Schwanensee nicht mehr schön und anrührend, nur weil es nicht von Dieter Bohlen stammt?

Dann kippt Bloms Argumentation ins Gegenteil. Er meint, wir seien eine Kultur des „ewigen Jungseins, der dauernden Neuerungen, die dann wieder in der Versenkung verschwinden?“ Auch das scheint ihm nicht zu passen, obwohl es ja seinen Forderungen entspricht. Er vergisst aber auch hier, dass es viel Hintergrundrauschen gibt, bei dem sich das wirklich Gute dennoch durchsetzen wird und dies auch auf Dauer Bestand haben wird. Aber wozu sollte es eigentlich? Ins Museum sollte es ja wohl nicht, jedenfalls nicht nach Ansicht von Blom. Wohin damit eigentlich und warum überhaupt noch etwas von Bestand schaffen, wo es doch sowieso zum Untergang verdammt ist, um neuem Platz zu machen.

Natürlich hat Blom recht, wenn er die „antiseptischen“ und konsumfreundlichen Supermegaausstellungsshows bemängelt, die durch Multimedia aufgepeppt werden und uns Kultur und Geschichte in leicht verdaulichen Häppchen servieren. Ausstellungen bei denen es nicht mehr um kunsthistorische Zusammenhänge geht, sondern um die reine Präsentation wie die MoMA-Schau. Das ist jedoch nicht die Schuld der Museen, sondern die unserer Gesellschaft, die es nicht mehr anders gewöhnt ist: die Tagesschau gibt es in 100 Sekunden, Zeitungen wie die Welt kompakt in kleinen Nachrichtenportionen.

Dann wird munter auf den Louvre eingehackt, der es doch tatsächlich wagt und seine Werke erläutert, die der Besucher auf dem Weg zur Mona Lisa passieren muss. Nicht jeder (er-)kennt die mythologischen Szenen, die auf den Bildern dargestellt sind. Bloms Vorschlag, die holde Schöne nach Disneyland zu verfrachten, um den Touristen den umständlichen Weg zu ersparen, halte ich für komplett überheblich und unsinnig. Denn wenn von 100 Touristen, die nur wegen der Mona Lisa ins Louvre kommen einer oder zwei bemerken, dass unterwegs auch ein paar andere wunderschöne Werke hängen, hat es sich schon gelohnt. Sollen die Museen nun abgeschafft werden, nur weil sich viele Menschen nicht so sehr für Kunst interessieren oder es nicht mehr schaffen, einer Ausstellungen drei Stunden intensiv zu folgen? Wäre das nicht genau der falsche Weg?

Gleich danach bekennt der Historiker Blom, dass er eigentlich ebenfalls ein Altertumsfetischist ist, einer, der den Duft alter Bücher liebt und sich lieber jahrhundertealte Meisterwerke anschaut als Zeitgenössisches. Was soll man ihm raten? Lieber Herr Blom, es gibt durchaus sehenswertes Zeitgenössisches, das wirft ihnen allerdings meist kein Kurator in Häppchen vor, das müssen sie sich selbst erarbeiten, dazu müssen sie in Kunsthallen, Galerien und zu Kunstmessen fahren und sich selbst umschauen. Erklärungen und Aufbereitungen finden sie dort kaum, aber die wollen Sie ja auch nicht. Es gibt eine Avantgarde und sie ist lebendig.

Sie würden gerne in die gute alte Zeit zurück, in denen Museen Hort revolutionärer Umwälzungen waren? Das dürfte nicht funktionieren unsere Welt und die Gesellschaft in der wir leben, ist komplexer und vielschichtiger geworden und lässt sich nicht mehr so leicht aus den Angeln heben.

Hat Herr Blom im ganzen Artikel gejammert, dass wir zu sehr am Alten und unseren lieb gewordenen Verbindungen zur Vergangenheit festhalten, behauptet er gegen Ende des Artikels, dass wir die Verbindungen zur Vergangenheit gekappt hätten. Ohne historische Kontinuität bliebe nur eine „seltsame Brühe aus konzeptueller Beliebigkeit und archivarischer Nekrophilie.“ Ist das so? Was will er denn nun? Eine Verbindung zur Vergangenheit und Museen die historische Zusammenhänge offenbaren oder Museen, die das Neue entdecken? oder am liebsten gar keine Museen mehr?

Weiter meint Blom, wir bräuchten den Ballast der Vergangenheit. Wer weiterkommen wolle, brauche den Ballast, müsse aber auch bereit sein, einen Teil über Bord zu werfen. Wie aber soll das gehen frage ich, wenn es keine Museen gibt, die archivieren, die gewichten und den Ballast für uns aufbereiten und ordnen? Nicht für mich und nicht für Herrn Blom, aber für viele andere Interessierte.

Kreativität entspringe aus dem Bewusstsein der Vergänglichkeit und Sterblichkeit. Schön gesagt, aber zu kurz gesprungen. Ist es die Schuld der Museen, dass den Künstlerinnen und Künstlern die Kreativität fehlt? Sicher nicht, ganz im Gegenteil, bis heute sind Museen Hort der Kreativität. Es ist eine Gesellschaft, die nichts im Verborgenen lässt, die tagtäglich das Innerste nach Außen kehrt und die auch das Banalste massenmedial aufbereitet. Wer so lebt, braucht vielleicht keine Kunst mehr, die uns die Welt erklärt und auch keine Museen mehr, die uns die Kunst erklären. Vielleicht finden wir aber in den Museen und Galerien dieser Welt auch das letzte bisschen Zauber, dass uns geblieben ist. Ich jedenfalls entdecke immer noch jeden Tag Künstlerinnen und Künstler voller Kreativität, Fantasie und bebender Bildwelten.

Ein Satz von Herrn Blom gefällt mir aber einfach gut: „ In einer Welt, in der man keinen Schritt mehr gehen kann, ohne einem Kurator auf die Füße zu treten, bleibt man am besten gleich stehen.“ Richtig, aber den Kurator abzuschaffen, ist der falsche Weg! Treten wir ihm doch einfach auf die Füße und sagen ihm, wie es besser geht. Nur Mut!

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6 Kommentare

  • Werner Hahn sagt:

    Subversion durch Neo-RENAISSANCE und innovative Museums-KULTUR
    Sammeln war einmal „intellektuelle Subversion“: Es sollte wieder ein „Zeichen der Subversion“ werden – wie in der RENAISSANCE: „Die Sammlungen und frühen Museen der RENAISSANCE waren voll von Neuem“, so Blom im ZEIT-Artikel „Schafft die Museen ab!“. Voll „von exotischen Tieren und seltsamem Gestein, von wissenschaftlichen Apparaten, fantasievoll montierten Drachen und ethnografischem Gerät. (…)“ Die Macht der Macher des heutigen Kunstbetriebs gilt es zu transformieren, zu unterminieren. Dazu benötigt die Kunst-Szene eine reformierte, NICHT-private neue (seriöse) öffentliche Museums-KULTUR. Verschwinden muss die Dominanz der „Ewig-Gestrigen“ aus der „Kunst“-Vermittlung – NICHT das Museum! Das „Wunderbare“ soll NICHT aus der Welt (dem Museum) verbannt werden. „Gegenstände, die Rätsel aufgeben“ (ERKENNTNIS-Kunst) gehören – der kulturellen Evolution wegen – gefördert, ausgestellt. Glauben wir doch an die Herrschaft des Geistes, die so unverdächtig sein kann wie es die Schönheiten der Natur (natura naturans) sind! Der Historiker beklagt zu Recht „die letzten Zuckungen einer ideenleeren Avantgarde“ mit „Massenkommerz“. Ja: „Eine goldene Zeit kultureller Institutionen ist eben leider keine goldene Zeit der KULTUR.“ Es gibt indessen goldene „Träume der Vergangenheit“ die wir NICHT „neutralisieren“ müssen, indem wir sie „verkitschen oder analytisch unterwandern“: Dazu mein Plädoyer PRO Neo-RENAISSANCE; LEONARDOs „schöne“ (?) Mona Lisa bitte NICHT gleich nach Disneyland Paris aussiedeln! In der RENAISSANCE waren die Museen noch „Werkzeuge der kulturellen Umwälzung und der individuellen Fantasie. Was die Kultur der Naturalienkammern und Wunderkabinette antrieb, war die Intuition, dass die Objekte mehr zu sagen hatten, als man bereits wusste, dass sie eine eigene Stimme hatten, dass man ihnen zuhören und in ihre eigenen Geschichten folgen musste.“ Hanno Rauterbergs kluge Einsichten über „ERKENNTNIS-Kunst“ im Buch „Und das ist Kunst?!“ könnten Wege aus der QUALITÄTs-Krise der KUNST (samt Anti- und Nicht-KUNST-„Kunst“) weisen und die ästhetische Werte-Debatte (auch zur d13 nach dem BUERGELiade-Fiasko) beleben. Im KUNST-ERKENNTNIS-Denken beleben sich idealerweise Phantasie (Einbildungskraft) und Verstand (Wissenschaftlichkeit) gegenseitig, so dass ästhetische Weiterbildung erfolgt. Die Museen sollten heute „stärker auf gute ERKENNTNISkunst setzen“ fordert Rauterberg. (Zu einem „Modell für eine objektivere Kunstbeurteilung“ siehe GOOGLE und http://www.art-and-science.de.)

    Innovative Kuratoren-KUNSTvermittlung statt Museen-Abschaffung
    Der Kunst der „Alten Meister“ mit Hieronymus Bosch (Hamburg) und Matthias Grünewald (Karlsruhe, Colmar) begegnet man heute in Ausstellungen mit Bewunderung und Ehrfurcht; das Comeback der Oldies sollte nicht mit „Altertumsfetischismus“ (Philipp Blom in Die ZEIT Nr. 02 v. 03.01.08: „Schafft die Museen ab!“) diffamiert werden. Kraft- und einfallslos, wie wir heutzutage nun mal seien, erlebten wir angeblich, glaubt Blom, „die erste Kultur der Weltgeschichte, die Altes verehrt, nur weil es alt ist“. „Warum tun wir das? Weil wir ein perverses Verhältnis zur Vergangenheit haben“, so Blom. Wenn wir zu einer fast pathologischen, krankhaften, geradezu „perversen“ Sucht des Bewahrens, Sammelns und der Erhaltung von Altertümern und Altertümchen (Antiquitäten) neigen (dazu gehört auch die sogenannte moderne Kunst und Postmoderne-Abarten!) müssen wir nicht zwangsläufig zugleich die Ressourcen für Kunst und Kultur der Zukunft versperren. Viel mehr Sorgen könnte eine weitere „Guggenheimisierung und MOMAisierung“ unserer Museen bereiten, schreibt ein Kommentator des ZEIT-Artikels („Colon“) zu Recht: Es muss gelingen, „den fatalen Trend aufzuheben, das Publikum immer wieder mit den gleichen wenigen Ikonen der Frühmoderne und Moderne zu versorgen“ und immer die gleichen Kunstmarkt-Künstler („Stars“), „die gleichen Kunstobjekte, mit den gleichen Katalogen und den gleichen Werbe- und Gedächtnisobjekten“ zu zeigen. – „Da läuft etwas schief.“ Viele „Kunst“-Manifestationen des Zeitgeistes von heute (auch der Anti- und Nicht-Kunst) sind es nicht wert, gesammelt zu werden. Eine Pauschal-Verdammung der Museen ist absurd; geeignetere nicht-konservative Kuratoren müssen in der institutionellen Kunstvermittlung (ohne Sammler/Händler-Verbindungen!) angestellt werden, die sich nachweislich mit dem Thema QUALITÄT (der Kunstbeurteilung – verbindlichen Kriterienkatalogen) in der bildenden Kunst intensiv befassen. Für „die letzten Zuckungen einer ideenleeren Avantgarde“ zeitgenössischer Kunst und den „Massenkommerz“ ist das Scheitern der BUERGELiade 2007 ein Beispiel (Siehe Internet: „Verrisse-Mahnmal“, Inhalte/Links in http://www.art-and-science.de.) Eine andere Ausstellungs-Politk der Museen wird von Hanno Rauterberg zu Recht gefordert (Buch „Und das ist Kunst?!“), so dass „Kunsterkenntnis weit mehr zählt als bisher“! Das Kunst-System könne via ERKENNTNIS-Kunst befreit werden „von den Zwängen der Verwertbarkeit und Beschleunigung, von vordergründigen Sammler- und Händlerinteressen“.

  • Felix Glücksmann sagt:

    Der Kritik an Herrn Blom kann man sich insgesamt anschließen, aber es ist höchst unfair all jenen Historikern gegenüber, die tatsächlich “im Kämmerlein” beim fleißigen Quellenstudium sitzen, wenn ihre Berufsgruppe pauschal für die hier von ihm geäußerten Meinungen verantwortlich gemacht wird. Jemand wie Blom ist schlichtweg nur ein Journalist, (bestenfalls Wissenschaftsjournalist) und kein in einem wissenschaftlichen Zusammenhang zitierfähiger Historiker. So jemand sondert nur frisch von der Leber weg, unbelastet von tieferer Kenntnis der Materie, Meinungen ab zu jedem Thema, über das zu schreiben er gerade den Auftrag hat. Da geht es nur um mediale Aufmerksamkeit, und deswegen zählt dann die provokante Formulierung mehr als Koheränz der Argumentation.

  • @ Felix Glücksmann

    Ok, da hab ich vielleicht überzogen und ich entschuldige mich bei den Historikern, aber Journalist konnte ich ja wohl nicht verallgemeinernd schreiben, sonst hätte ich mir selbst “ans Bein gepinkelt” ;-)
    Kohärenz und Stichhaltigkeit sollten aber auch bei einem Journalisten nicht fehlen.

    Gruß, Bülent

  • Felix Glücksmann sagt:

    @ Bülent
    da haben Sie nun auch Ihrerseits wieder recht, was Journalisten angeht, und ich muss zugeben, dass mir da meinerseits (als gekränkter Historiker) eine ungerechtfertigte Pauschalierung herausgerutscht ist. Also möchte ich präzisieren, dass es eher das “föjetongg” war, das ich meinte, und wo meiner Meinung nach mehr Effekthascherei betrieben, als wirklich solide gearbeitet wird. Wofür der besagte Artikel mir ein gutes Beispiel zu geben scheint. Was den Stand des deutschspr. Feuilletons nun insgesamt betrifft, scheint auch die “Zeit” schon bessere Zeiten gesehen zu haben.

  • Tja, nun muss ich Ihnen schon wieder zustimmen, aber der Zustand des Feuilletons ist auch weniger Schuld der Journalisten als der Blattmacher, die zum Beispiel echte Kunst- und Ausstellungskritik immer mehr zurückdrängen und durch Beliebigkeit und “feuilletonferne” Artikel ersetzen. DIE ZEIT hat ausgezeichnete Mitarbeiter wie z.B. Hanno Rautenberg, den ich als Kunst- und insbesondere Architekturkritiker sehr schätze. Aber er kommt leider zu selten zu Wort. Statt den Artikel von ihm verfassen zu lassen, wählte man Herrn Blom. Schade. Denn das Thema hätte sich für eine ernsthafte Diskussion durchaus geeignet.

    Gruß, Bülent

  • Canabbaia sagt:

    Wir müssen lernen, uns von dem alten Plunder zu trennen. Unsere Gesellschaft versteinert zunehmend, denn der Musealisierung geht ja eine totale Verdenkmalung parallel.

    Auch ich möchte nun zwar nicht die Altstadt von Rothenburg ob der Tauber abreißen (dazu ist mir der alte Plunder viel zu sehr ans Herz gewachsen – man ist halt doch vom 19. Jahrhundert – Ludwig Richter, Spitzweg – konditiniert), aber wie sieht es zum Beispiel mit Fachwerkhäusern und Energiesparen aus? Fachwerkhäuser sind hübsch (zum Anschauen, zum drin-Wohnen nicht unbedingt). Sie sind aber sicherlich nicht Energiespar-optimiert.

    Also was wollen wir (zum Beispiel) auf diesem Gebiet: Ästhetik oder Energetik?

    Auf anderen Gebieten müssen wir uns eingestehen, dass eine schrumpfende Gesellschaft nicht eine ständig wachsende Erblast mit sich herumschleppen kann.
    Um die Renten zu finanzieren, brauchen wir kein Kapitaldeckungsverfahren (in der irrigen Annahme, dass andere Völker unsere Altenlasten übernehmen, aus Dankbarkeit, weil wir bei denen anno Tobak mal unser Geld investiert haben).

    Vielmehr bräuchten wir eine gesamtgesellschaftliche Rationalisierung. Das schließt, neben Entbürokratisierung, auch einen Abwurf von Kultur-Ballast ein.

    Museen sind einerseits interessant. Andererseits sind sie aber auch Tempel der bourgeoisen Besitzgier.
    Ich erinnere (mich und Sie) z. B. an die Debatte über die Troja-Funde von Schliemann. Mir war es peinlich, wie deutsche Medien hier auf unserem Anspruch beharrt haben. Für alles, was wir in Rußland angerichtet haben, sollten wir doch auf diesen Antiquitätenplunder verzichten und ihn den ohnehin von ihrer kommunistischen Herrschaft gebeutelten Russen leichten und frohen Herzens schenken!

    Aber unsere bourgeoise Fossiliensammlung ist offenbar unfähig, sich von irgend etwas zu trennen.

    Im übrigen stört mich an unserem Kulturdienst auch dessen überhöhender Charakter, welcher der Kunst eine quasireligiöse Funktion zuweist (vgl. meine Blotts unter http://beltwild.blogspot.com/search/label/Kunst%20%28gesellsch.%20Funktion%20der%29).

    Sollten Sie mich nun (wie ich erwarte) für einen Banausen halten, halte ich mich an einen anderen:

    Amerika, du hast es besser
    Als unser Kontinent, das alte,
    Hast keine verfallene Schlösser
    Und keine Basalte.

    Dich stört nicht im Innern,
    Zu lebendiger Zeit,
    Unnützes Erinnern
    Und vergeblicher Streit.

    Benutzt die Gegenwart mit Glück!
    Und wenn nun eure Kinder dichten,
    Bewahre sie ein gut Geschick
    Vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten.”

    Summa summarum: Mehr Rationalität im Umgang mit Kultur wäre angemessen.

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