Am 10. Januar 2008 jährt sich zum 150. Mal der Geburtstag des Berliner Zeichners, Grafikers und Fotografen Heinrich Zille (*1858 in Radeburg, †1929 in Berlin). Aus diesem Anlass veranstaltet die Berliner Akademie der Künste in Zusammenarbeit mit der Stiftung Stadtmuseum Berlin in den Ausstellungssälen am Pariser Platz und im Ephraim-Palais eine Ausstellung, die erstmals die verschiedenen künstlerischen Medien, in denen Zille tätig war, zusammenführt.

Heinrich Zille, Ringkampf in der Schaubude, 1903
Kohle, Farbstift und Aquarell, 33,0 x 50,4 cm, Privatbesitz, Berlin
Zille entstammte einer sozial unterprivilegierten Familie. Die Familie war pleite, als sie 1867 nach mehrfachen Umzügen im Raum Dresden nach Berlin kam. Hier fand Zilles Vater, ein Schmied und Mechaniker, in der aufstrebenden Industriestadt bei Siemens & Halske einen Arbeitsplatz.
Zille selbst erlernte den Beruf eines Lithographen und arbeitete als Tiefdrucker bei der renommierten “Photographischen Gesellschaft”. Hier kam er mit den wichtigsten Reproduktions- und Drucktechniken in Berührung, zu deren Weiterentwicklung er beitrug. So entstand sein fotografisches und druckgrafisches Werk, das bald die Aufmerksamkeit liberaler Künstlerkreise im wilhelminischen Berlin erregten. Einer seiner wichtigsten Förderer wurde Max Liebermann, der das Besondere der Zilleschen Begabung und seinen mitunter dunklen Humor sehr schätzte.
1901 stellte Zille erstmals in der Berliner Sezession aus und wurde 1903 ihr Mitglied. Bei der Spaltung der Sezession zehn Jahre später schloss er sich der von Liebermann geführten “Freien Sezession” an. Enge freundschaftliche Kontakte verbanden ihn unter anderen mit Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, Gustav Meyrink und Erich Mühsam. Die führenden illustrierten Zeitschriften wie der “Simplicissimus”, die “Jugend” und das in Wien redigierte Blatt “Der Liebe Augustin” druckten seine Arbeiten und übertrugen ihm Illustrationsaufträge. 1907 musste Zille den Schritt in eine freie Künstlerexistenz wagen, da ihm die Photografische Gesellschaft wegen seiner allzu freizügigen Zeichnungen kündigte. Im Jahr darauf veröffentlichte er sein Buch Kinder der Strasse, das in der Ausstellung den Titel und gleichsam das Zentrum bildet. Hierin sind die wichtigsten sozialkritischen Werke dieser Zeit versammelt. Fortan arbeitete er vor allem für Veröffentlichungen und Bücher, Künstleralben und Zeitschriften.
Der Erste Weltkrieg, dem Zille anfangs wie viele andere Künstler und Intellektuelle ambivalent gegenüberstand, unterbrach diese Produktivität. Zille arbeitete für die lithographische Zeitschrift Der Bildermann und zeichnete bis 1917 jede Woche ein Blatt für den Ulk, die Beilage zum Berliner Tageblatt, in denen er fiktive Kriegserlebnisse zweier deutscher Soldaten an den Fronten erfand. Aber Zille erkannte die Schrecken des Krieges und wandelte sich zum entschiedenen Kriegsgegner. Im Zyklus Kriegsmarmelade (1917/18) setzte er sichintensiv mit dem Krieg auseinader.

Zille Erster Hof im Krögel mit posierenden Kindern, Blick vom zweiten Hof, um 1896
Fotografie von Heinrich Zille, Abzug von Thomas Struth 1985
Privatsammlung München
In der Zeit der Weimarer Republik wurde Zille zu einer unumstößlichen Instanz in Berlin. Zille engagierte sich in der sozialen Frage, er unterstützte soziale und politische Initiativen, ohne sich direkt einer Partei anzuschließen. Verschiedentlich wurde er wegen „sittlicher Anstößigkeit“ einzelner erotischer Blätter angeklagt und in einem Fall auch verurteilt.
Heinrich Zilles Werk zählt wohl wieder zu den bekanntesten Unbekannten der Berliner Kunst udn auch der deutschen Kunst. Es ist zwar in zahllosen Bildbänden präsent, aber es ist nur selten durch Ausstellungen in seiner Einheit von künstlerischer Qualität und sozialer Genauigkeit gewürdigt worden. In den Berliner Museen war es in den letzten Jahren kaum zu sehen. Zille scheint im Bewusstsein vieler Menschen abgelegt als abgestandene Berlin-Folklore vom „Papa Zille“. Doch hat er nichts weniger verdient als das. Es ist an der Zeit, den sozialen Kern und die Empathie des Künstlers und seiner Arbeit für die Verlierer der Industriegesellschaft wieder freizulegen.
Seine Arbeiten wirken sehr aktuell in Zeiten der postindustriellen Gesellschaft und ihrer aktuellen Diskurse über die wachsende Armut und den gefährdeten Zusammenhalt der Gemeinschaft. Natürlich sind die Verhältnisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mit denen von heute vergleichbar, aber Zilles Werk und seine entschiedene Parteinahme für die Verlorenen und Ausgegrenzten scheinen nichts an ihrer Kraft verloren zu haben.
Was man seinerzeit das „Lumpenproletariat“ nannte, der sozial vermeintlich handlungsunfähige Rest der Gesellschaft, der eigene Überlebensstrategien entwickelte, war Zilles erstes Forschungsfeld. Diese Menschen waren es, die Zille in seinen Arbeiten thematisierte, er hielt das Leben aus den Hinterhöfen und Seitengassen der Mietskasernen der Berliner Arbeiterviertel fest. Er veröffentlichte die berühmten graphischen Zyklen Hurengespräche (1913), Milljöh (1913), Zwanglose Geschichten und Bilder (1919), für die er auch die literarischen Texte schrieb, sowie Komm Karlineken, komm! (1924). Viele seiner Arbeiten tragen Kurzgeschichten oder herrliche Bonmots.
Zeichnungen, Skizzen, Grafiken und Fotografien werden in der Berliner Ausstellung in Gruppen so gegenübergestellt, so dass die Korrespondenzen zwischen den Medien erkennbar werden. Dabei ist zu bedenken, dass ein Großteil des zu Zilles Lebzeiten veröffentlichten Werks heute nicht mehr nachweisbar ist, die meisten sind Kriegsverluste, viele sind insbesondere durch die Emigration jüdischer Bürger in alle Welt verstreut. Es werden in Einzelfällen auch Reproduktionen besonders wichtiger Blätter gezeigt.
Im Mittelpunkt stehen neben den grafischen Zyklen die Abzüge, die der international renommierte Fotograf Thomas Struth in der Mitte der 1980er-Jahre gemacht hat. Sie sind als kongeniale „Einfühlung“ in die Zilleschen Negative aus dem Blickwinkel der Moderne zu betrachten und haben überdies eine höhere Informationsdichte als die patinagesättigten 6 x 9 Zentimeter messenden Kontakte, die die Berlinische Galerie besitzt. Auch so bedeutende Fotografen wie Michael Schmidt und Manfred Paul haben Zilles Negative „interpretierend“ vergrößert. Auch davon wird es Beispiele in der Ausstellung geben.
Im Anschluss an die Berliner Präsentation wird die Ausstellung in modifizierter Form im Lindenau-Museum in Altenburg zu sehen sein, wo sich eine der bedeutendsten Sammlungen sozialkritischer Grafik in Deutschland befindet. Im Sommer wandert sie in die Städtische Galerie Villingen-Schwenningen. Mehr Informationen über dei Ausstellung finden Sie unter: www.heinrich-zille.net

1 Kommentar
Tobias Tobsen says:
15. Januar 2008
Mehr Bilder von Zille auch hier:
http://www.art-magazin.de/kunst/3271/heinrich_zille_kinder_der_strasse?bid=3269&cp=1