Kann man eine hochkarätige Ausstellung über die Impressionisten zusammenstellen ohne Renoir, ohne Monet, ohne Manet, Pissarro oder Degas? Man kann, das beweist die Schirne Kunsthalle in Frankfurt. In der Ausstellung “Impressionistinnen” stellt die Schirn die wichtigsten impressionistischen Malerinnen vor. Gab es nicht? Gab es doch: Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès und Marie Bracquemond.
Der Impressionismus war die erste Stilrichtung, in der Frauen eine gewichtige Rolle spielten. Obwohl die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts von gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt war, hatten es Frauen nicht leicht. Nicht wenige Maler gaben sich zwar gerne unkonventionell, doch wenn es um Frauen in der Kunst ging, hörte der Spaß auf. Ganz zu schweigen von der Gesellschaft, die der Frau den Platz am Herd zuwies. Der Zugang zu Kunstakademien war ihnen verwehrt, sie konnten also den üblichen akademischen Weg in die Kunst nicht gehen. Die Abneigung gegen die Akademien war bei ihnen also nicht nur künslterisch bedingt. Viele von ihnen waren Autodidakten, die ihr Geld damit verdienten, Modell zu stehen und so Eingang in Künstlerkreise fanden.
Unter den Impressionisten waren die Künstlerinnen durchaus anerkannt und geschätzt, man stellte gemeinsam aus, diskutierte miteinander und beeinflusste sich. Doch nach dem Abgesang der Impressionisten gerieten die Impressionistinnen in Vergessenheit. Daran sind Kunsthistoriker und Kritiker nicht ganz unschuldig, weil sie sich geschickt um die Künstlerinnen herumgeschrieben und sie schlichtweg ignorierten.

Berthe Morisot, Junge frau auf dem Sofa, 1885
Öl auf Leinwand, 61 x 50 cm
Tate, London, 2007
Berthe Morisot gehörte zu den bekannteren Künstlerinnen jener Jahre. Sie stammte aus einer reichen Familie und hatte das Glück, Privatunterricht zu erhalten. So wurde sie Schülerin von Camille Corot. Als sie im Pariser Salon ausstellte, wurde Manet auf sie aufmerksam. Morisot und Manet wurden enge Freunde. Deutlich zeigen die Bilder der beiden, wie Morisot von Manet beeinflusst wurde und wie Manet sich von Morisots heller Farbpalette und dem lockeren Pinselstrich inspirieren liess.
Bis heute gilt Morisot als die “impressionistischste unter den Impressionisten”. Ihre Bilder sind vom hellen Tageslicht geprägt, den warmen, strahlenden Farben, vom ungestümen, kurzen Pinselstrich. Die Hintergründe der Landschaftsbilder wirken sonnendurchflutet, die Bilder sind Momentaufnahmen aus dem Leben, die Bildausschnitte wirken zufällig. Impressionissmus wie aus dem Lehrbuch.

Berthe Morisot, Eugene Manet und seine Tochter im Garten, 1883
Öl auf Leinwand, 60 x 73,5 cm
Privatsammlung
Zu den etwas bekannteren Impressionistinnen gehört neben Morisot vor allem Mary Cassett. Das verdankt sie allerdings allein dem Umstand, dass sie Amerikanerin ist und ihr Werk dort intensiv erforscht wurde. Wohl vor allem deshalb, weil die Amerikaner stolz waren, dass eine der ihren tatsächlich in der europäischen Kunst des 19. Jahrhunderts ihren Platz gefunden hatte. Cassett war Schülerin von Degas, emanzipierte sich allerdings schnell von ihrem Lehrmeister. Besonders Cassetts Pastelle gehören zu den herausragenden Werken ihrer Epoche, genauso wie die grafischen Arbeiten, die mit ihren flächigen, klar umrissenen Formen von japanischen Holzschnitten inspiriert wurden.
Eva Gonzalès und Marie Bracquemond sind die unbekannteren unter den Impressionistinnen. Beide wurde bisher kaum ausgestellt. Gonzalès hat nie an einer Ausstellung der Impressionisten teilgenommen, obwohl ihr Stil typisch ist. Gonzalès war Schülerin von Charles Chaplin und Manet. Sie malte vor allem Porträts von Frauen aber auch Stillleben und Landschaftsbiler gehörten zu ihrem Repertoire. Die Malerin starb mit nur 36 Jahren nach der Geburt ihres Sohnes. Was wäre wohl aus ihr geworden? Sie wäre neben Morisot wahrscheinlich die bedeutendste Impressionistin geworden.
Wunderschön ist ihr “Erwachendes Mädchen”, eine schöne junge Frau, die in einem Meer aus Weiß lümmelt. Spannend auch das “Interieur der Modistin” von 1882/83. Zwei Damen der gehobenen Gesellschaft sind bei einer Hutmacherin im Atelier und lassen sich Hüte vorführen. Düster wirkt der Raum, vor dem sich die weißen Kleider der Damen absetzen. Die Details verschwimmen im Gelb, Braun und Schwarz des Bildes, die Gesicher sind nicht erkennbar. Es herrscht eine eigentümliche Stimmung.
Marie Bracquemond war die Frau des Malers und Grafikers Félix Bracquemond, der sie häufig in seine Arbeit einbezog. Sie schuf vor allem Entwürfe für Porzellan- und Wanddekorationen. Als einer ihrer Entwürfe 1874 im Pariser Salon ausgestellt wurde, erregte sie die Aufmerksamkeit von Edgar Degas, der sie in den Kreis der Impressionisten einführte. Mehrfach beteiligte sie sich mit eigenen Werken an den Ausstellungen der Impressionisten. Doch ihr Ehemann hatte wenig für Verständnis für die Ambitionen seiner Frau. Zermürbt von der Kritik und der Eifersucht gab Marie Bracquemond schließlich 1890 auf.

Ausstellungsansicht, Foto: Norbert Miguletz
Selten findet man Ausstellungen, die noch einen echten Aha-Effekt bieten und den Besucher in echtes Staunen und Verzücken versetzen. Die Schirn schafft es, einen dieser Leckerbissen zu präsentieren, auch wenn die Marketingmaschinerie ein wenig übertreibt, so viel Schutz haben die Malerinnen gar nicht nötig. 150 Werke aus internationalen Sammlungen und Museen hat man in Frankfurt zusammengetragen. Insbesondere die Arbeiten von Eva Gonzalès und Marie Bracquemond wurden bisher weltweit kaum gewürdigt. Allein die 40 Werke von Bracquemond dürften als umfassendste Ausstellung von Werken der Künstlerin seit 1919 gelten. Perfekt werden die Arbeiten präsentiert, vor den dunkel gestrichenen Wänden wirken die gut ausgeleuchteten Bilder noch strahlender als sie es ohnehin schon sind. Jede Künstlerin erhält ihren eigenen Raum und bekommt so eine eigene kleine Retrospektive. Diese Ausstellung wird Geschichte schreiben, weil sie den Impressionistinnen endlich ihren Platz in der Kunstgeschichte zuweist. Endlich!
[…] der schon besprochenen Ausstellung in der Frankfurter Schirn Kunsthalle hat sich auch das Wallraf-Richartz-Museum in Köln dem Thema […]