Kunst im 19. Jahrhundert
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Wie das Licht auf die Leinwand kam

Neben der schon besprochenen Ausstellung in der Frankfurter Schirn Kunsthalle hat sich auch das Wallraf-Richartz-Museum in Köln dem Thema Impressionismus angenommen. Seit 2002 erforscht ein Team von Restauratoren, Naturwissenschaftlern und Kunsthistorikern unter dem Titel „Maltechnik des Impressionismus und Postimpressionismus“ 75 Gemälde aus dem Bestand des Wallraf-Richartz-Museums und der Fondation Corboud. Zur Ausstellung hat man 55 zusätzliche Werke in das Museum geholt.

Unterhalb der sichtbaren Oberfläche befinden sich in jedem Gemälde zahlreiche Informationen. Nur aufwändige, technologische Untersuchungen legen sie frei. Mit Hilfe modernster Techniken (Stereomikroskopie, naturwissen-schaftliche Materialanalyse sowie Röntgen-, Ultraviolett und Infrarotstrahlung) und detektivischem Spürsinn werden die kostbaren Werke untersucht. Das Forscherteam analysiert die unterschiedlichen Entstehungsprozesse, prüft die natürlichen Alterungserscheinungen oder fahndet nach gezielten Manipulationen. Damit eröffnet sich ein neuer Blick auf die Geschichte und Rezeption jedes einzelnen Bildes. Die Restaurierungsabteilung im Wallraf ist die Zentrale dieses Forschungsprojektes und für die Ausstellung verantwortlich.

Caillebotte, Gustave, Trocknende Wäsche am Ufer der Seine, 1892, Wallraf

Gustave Caillebotte, Trocknende Wäsche am Ufer der Seine, 1892
Öl auf Leinwand, 105,5 x 150,5 cm
Wallraf-Richartz-Museum, Köln

Mit „Impressionismus – Wie das Licht auf die Leinwand kam“ präsentiert das dreiköpfige Team, bestehend aus Iris Schaefer, Caroline von Saint George und Katja Lewerentz, die faszinierenden Ergebnisse der spannenden Forschungsarbeit. Dabei zeichnen die Kuratorinnen den Weg von der Sinneswahrnehmung, über die angewendeten Malmaterialien, die „Tatorte“ im Atelier oder der freien Natur, sowie die Maltechnik und Werkgenese bis hin zur Rezeption und Erhaltung der Bilder nach.

Die Ausstellung ist nach sechs Leitfragen gegliedert und beginnt mit dem Kapitel „Was ist eine Impression?“ Spielerisch werden hier die physikalischen Grundlagen von Licht, Farbe und Sinneswahrnehmung am Beispiel eines Monets thematisiert. So imitieren Projektionen und wechselnde Beleuchtungssituationen die unterschiedlichen Tageszeiten zu denen Impressionisten arbeiteten, um den Einfluss des Lichtes auf die Bilder zu veranschaulichen.

Der nächsten Abschnitt beantwortet die Frage: „Womit malten die Impressionisten?“. Dazu sind in einer nachempfundenen Künstlerbedarfshandlung des 19. Jahrhunderts historische Malutensilien wie Pinsel, Leinwand, Palette, Grundierungen und Farben ausgestellt. Der immense Einfluss des technischen Fortschritts auf die impressionistische Malerei darf nicht unterschätzt werden. Neu entdeckte Farbtöne bieten den Künstlern ungeahnte Möglichkeiten und auch die Erfindung der Tubenölfarben erleichterte den Impressionisten ihre legendäre Pleinairmalerei.

Renoir, Pierre-Auguste, Das Paar, um 1868, mit Röntgenbild, die eine andere Komposition sichtbar macht

Pierre-Auguste Renoir, Das Paar, um 1868
mit Röntgenbild, die eine andere Komposition sichtbar macht
Wallraf-Richartz-Museum

Mit der Freilichtmalerei verändert sich auch der Arbeitsplatz des Malers im 19. Jahrhundert. Das Atelier ist nun nicht mehr Zentrum seiner Arbeit. Viele Künstler zieht es in die Nähe ihrer Motive, nach draußen. Doch woran erkennt der Betrachter heutzutage den ursprünglichen „Malort“ eines Gemäldes? Das dritte Ausstellungskapitel „Drinnen oder draußen?“ geht dieser Frage nach. In jedem Gemälde stecken zahlreiche Indizien. In einem ausgestellten Seestück von Guillaumin zum Beispiel entdeckten die Forscher unzählige Sandkörner und in einem Caillebotte-Gemälde sogar eine Pappelknospe. Deutliche Beweise für ein tatsächliches Malen in der Natur. Dazu passend hat das Ausstellungsteam eine Atelier- und eine Freilichtsituation mit vielen Originalrequisiten nachgestellt.

Einen Moment spontan auf die Leinwand zu bannen, das war das große Ziel vieler Impressionisten. Doch wie schnell waren sie wirklich? Die Antwort liefert der vierte Ausstellungsabschnitt „Spontan oder strategisch?“ Dank moderner Technik schaut die Forschung auf, in und sogar durch ein Bild. Unsichtbare Bildplanungen und Unterzeichnungen bleiben dabei ebenso wenig verborgen wie spätere Überarbeitungen oder Zweitverwendungen bereits bemalter Bildträger. Die Aufnahmen überraschen mit der Erkenntnis, dass Caillebotte, Gauguin oder van Gogh zuweilen sehr strategisch zu Werke gingen. Unter der spontan anmutenden Fassade befindet sich manch akribische Vorstudie. Van Gogh zum Beispiel hat seine legendäre „Zugbrücke“ in drei Stufen geplant, bevor er mit Ölfarbe zu malen begann. Dem Bild sieht man die verschiedenen Vorbereitungen (Übertragung mit Hilfe eines Perspektivrahmens, Bleistift und Tuschezeichnung) nicht an. Es wirkt spontan und wie aus einem Guss.

Cross, Henri-Edmond, Die Lichtung, 1906-7 mit Kartierung des übermalten Rasternetzes mit Mikroskopaufnahme, [M] Wallraf

Henri-Edmond Cross, Die Lichtung, 1906/07
mit Kartierung des übermalten Rasternetzes mit Mikroskopaufnahme
Wallraf-Richartz-Museum

Viele Zeitgenossen prangerten die scheinbar fehlende Vollendung bei impressionistischen Bildern an. Daher stellt die Ausstellung im fünften Abschnitt die Frage: „Wann war ein Bild fertig?“ Die skizzenhafte Malweise und der häufige Verzicht auf Signatur und Firnisauftrag widersprachen den sprichwörtlichen Regeln der Kunst. Dies stellte allerdings Kunsthändler, Sammler und Kritiker, aber auch die Künstler selbst vor nicht gekannte Probleme. Wie behandelt, konserviert und veräußert man ein solches Gemälde? Zu einem neuen Zeichen der Vollendung wurde bei vielen Impressionisten und Neoimpressionisten indessen der Gemälderahmen: Seine Form und Farbfassung sollte mit der Malerei harmonieren und ihre Leuchtkraft steigern. Camille Pissarro zum Beispiel war ein großer Verfechter des schlichten, weißen Rahmens. Originalgerahmte, impressionistische Gemälde sind heute äußerst selten. In der Schau können die Besucher die Wirkung eines originalgerahmten Bildes studieren.

Jedes Kunstwerk verändert sich: Natürliche Alterung und manipulative Eingriffe bestimmen diesen Prozess. Nur die technologische Untersuchung kann ihn nachzeichnen. Die Schau erklärt wie Veränderungen an Bildträger, Grundierung oder Farbschicht das gesamte Erscheinungsbild eines Gemäldes beeinflussen. Zudem wird an einem Gemälde Pissarros verdeutlicht, wie Bilder von fremder Hand mit zahlreichen Pinselstrichen ergänzt und vermeintlich vollendet wurden. Zutaten dieser Art waren bei impressionistischen Werken keine Seltenheit. Sie sind ein zeitgenössischer Spiegel dafür, wie man die Kunst sah oder vielmehr sehen wollte. Ähnlich verhält es sich mit gefälschten Werken, die noch zu Lebzeiten des Künstlers entstanden. Sind sie doch ein deutliches Zeichen für die öffentliche Anerkennung eines Künstlers. Die technologische Untersuchung enttarnt nicht nur Fälschungen. Im besten Fall kann sie helfen, die Autorschaft eines Werkes zu klären.

Eine tolle Ausstellung, die es auch dem interessierten Laien ermöglicht, einen Blick „hinter die Leinwand“ zu werfen. Unter www.museenkoeln.de/impressionismus sind die bisherigen Forschungsergebnisse auch online abrufbar – ein Blick lohnt sich auf jeden Fall. Trotzdem sollte man sich den Genuss der Ausstellung nicht entgehen lassen. Schon lange hat sich kein Museum mehr solche Mühe gegeben, Kunstgeschichte so anschaulich und erlebbar zu vermitteln. Weitere Informationen auf den Seiten des Museums oder auf den Sonderseiten zur Ausstellung.

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