Action in Basel

13. März 2008 | Kein Kommentar

Es gibt Ausstellungen, die sind gut. Es gibt welche, die sind sehr gut und welche die sind einfach klasse. Und dann gibt es Ausstellungen, die bereiten selbst dem abgebrühten Kritiker solche Freude, dass es schon fast an sexuelle Erregung grenzt, wenn er durch die Ausstellung schlendert. In der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel läuft derzeit eine solche Schau: “Action Painting”. Die Ausstellung zelebriert die abstrakte gestische Malerei und feiert europäischen Informel und amerikanischen Abstrakten Expressionismus als “Signets der Moderne”.

Raumansicht mit Werken von Sam Francis, Foto: Serge Hasenböhler

Raumansicht mit Werken von Sam Francis und Eva Hesse im Hintergrund
© Samuel L. Francis Foundation / 2008, ProLitteris, Zürich
© The Estate of Eva Hesse. Hauser & Wirth, Zürich London
Foto: © Serge Hasenböhler

Cézanne hat einmal gesagt, dass einzige Thema der Malerei sei die Farbe und damit setzte er fast schon einen dogmatischen Höhepunkt in der abstrakten Kunst. Doch die abstrakten Expressionisten gingen noch weiter. Für sie war das Thema der Malerei das Malen selbst. Farbe und Form sollten Ausdruck von Bewegung, eben des Malaktes selbst, sein.

Niemand hat das so schön und so vollendet gekonnt wie Jackson Pollock. Hans Namuth hat den Entstehungsprozess von Pollocks Werken in Fotografien und Videos (Ausschnitt bei youtube hier) festgehalten. Die Leinwand lag auf dem Boden des Ateliers und Pollock bewegt sich tänzelnd über und um die Leinwand, schüttete, schleuderte und tröpfelte Farbe auf die Leinwand, schnellte vor und zurück, liess die Arme wild zucken, wird dann langsamer um dann wieder wild kreisend über die Leinwand zu fahren. Form und Farbe sind Ausdruck der gewollten odert zufälligen Bewegung des Künstlers. Auf der Leinwand bleibt die Malgeste sichtbar zurück, genauso wie die Farben, die der Maler in einem gelenkten Zufall mischt. Pollocks Werke sind die Manifestation seiner Bewegung, der Maler kann aber nur begrenzt auf Farbe und Form einwirken.

Jackson Pollock, Out of the web: Number 7, 1949, Staatsgalerie Stuttgart, copyright: ProLitteris

Jackson Pollock, Out of the Web: Number 7, 1949
Öl und Emailfarbe auf Masonit, 122 x 244 cm
Staatsgalerie Stuttgart
© 2008, ProLitteris, Zürich

Die Ausstellung bringt gleich mehrere bedeutende Werke von Pollock zusammen und stellt sie ins Zentrum der Ausstellung, darunter “Number 5″ von 1948, “Out of the Web” ( 1949), “Number 7″ (1950) und Search (1955), das nur wenige Monate vor dem Tod des Malers entstand. Die Bilder sind von den Kuratoren der Fondation Beyeler perfekt in Szene gesetzt, jede der überdimensionalen Leinwande erhält genügend Raum, um zu wirken. Ohnehin ist das Ausstellungshaus mit seinen hohen Räumen und den perfekt lichtdurchfluteten Räumen ideal für Pollocks Bilder.

Um diese gruppieren sich die anderen Werke. Da ist Helen Frankenthaler, die die Farbe nicht mehr als Malmittel nutzte, sondern in die Leinwand sickern liess. Ihre Vorbilder sind Jackson Pollock und Hans Hofmann, doch sind ihre Arbeiten weniger dramatisch. Es herrscht weniger Bewegung, die Werke strahlen eine fast lyrische Ruhe aus. Gerhard Hoehme und Eva Hesse sind ebenfalls mit großen Bildkompositionen in der Ausstellung vertreten und haben Pollocks Farbfäden in die dritte Dimension weitergesponnen. Sie haben sich in ihren Werken mit der Dreidimensionalität von Farbe auseinandergesetzt, genauso wie Lynda Benglis mit ihren gegossenen Farbskulpturen.

Wols, It’s all over – Es ist alles vorbei, 1946/47, copyright: ProLitteris

Wols, It’s all over – Es ist alles vorbei – The City, 1946/47
Öl auf Leinwand
The Menil Collection, Houston
Foto: P. Hester, Houston
© 2008, ProLitteris, Zürich

Eines zeigt die Ausstellung deutlich: den Variationsmöglichkeiten Farbe und Linie als Ausdruck von Bewegung darzustellen, sind keine Grenzen gesetzt. Beeinflusst von der surrealistischen Idee des “écriture automatique”, des automatisierten, unreflektierten Ausdrückens, haben auch die europäischen Künstler des Informels gestisch-abstrakte Gemälde geschaffen. Wols (eigentlich Alfred Otto Wolfgang Schulze) und Jean Fautrier sind herausragende Beispiele dafür.

Ebenfalls mit einer Werkgruppe vertreten ist Cy Twombly. Auch seine Arbeiten repräsentieren einen ganz eigenen Stil des Abstrakten Expressionismus. Seine filigran wirkenden Großgormate vereinen abstrakte Malerei mit handschriftartigen Zeichnungen, die sich wie ein feines Gewebe über das Bild legen. Dagegen wirken die Bilder von Kazuo Shiragi fast schon brutal. Der Japaner meditierte erst stundenlang und malte dann von der Decke baumelnd seine Bilder mit den Füßen.

Natürlich dürfen in einer Ausstellung zum Action Painting auch die CoBrA-Maler Karel Appel und Ansger Jorn nicht fehlen, genauso wie die Malerstars Willem de Kooning und Franz Kline. Auch Arshile Gorky ist vetreten. Gorky, der mit Pollock an der Art Students League in New York studiert hatte, war einer der ersten, der mit der gestischen Malerei experimentierte. Trotzdem behielt er immer noch Fragmente der figurativen Malerei bei. Er wurde zum Lehrer einer ganzen Generation von Künstlern der “New York School”.

Eines zeigt auch diese Ausstellung wieder: Das Action Painting erfordert immer auch einen aktiven Betrachter, durch den das Werk erst vollendet wird oder wie es Mark Rothko einst ausdrückte: “Ein Bild lebt durch die Gesellschaft eines sensiblen Betrachters, in dessen Bewusstsein es sich entfaltet und wächst.”

Da Basel die einzige Station in Europa ist, kann man nur sagen: Eine wirklich sehenswerte Ausstellung, die man sich nicht entgehen lassen darf. Alleine schon um Pollocks Arbeiten zu sehen, lohnt sich der Weg, denn den Eindruck von Tiefe und Dynamik erhält man nur an den Originalen. Für mich ist die Ausstellung schon jetzt eine der schönsten und wichtigsten des Jahres. Die schönste Entdeckung für mich ist Joan Mitchells Gemälde ohne Titel von 1960. Wunderbar!

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