Fotos des alten Paris

17. März 2008 | Kein Kommentar

Für Liebhaber des alten Paris und Fotografie-Enthusiasten bietet das Fotomuseum Winterthur in der Schweiz einen besonderen Leckerbissen. Das Museum widmet Eugène Atget (1857-1927) mit “Paris um 1900″ eine Retrospektive (bis 25. Mai 2008). 350 Fotografien aus aller Welt sind im Fotomuseum versammelt.

Atget hat wie kein anderer Fotograf zwischen 1897 und 1927 das Alte Paris in seinen Bildern festgehalten. Es ist das Paris, das zu jener ZeitKunsthauptstadt der Welt war und das Toulouse-Lautec, Degas, Picasso und viel andere in ihren Gemälden malten. Doch Atgets Aufnahmen gehen weiter. Während die Künstler vor allem die Interieurs der Jahrhundertwende festhielten, zeigte Atget die Stadt in ihren unterschiedlichen Facetten: enge Gassen und Höfe im historischen Zentrum mit alten Gebäuden, die teilweise kurz vor dem Abriss stehen, prächtige Paläste aus der Zeit vor der Französischen Revolution, Brücken und Kais am Ufer der Seine, aber auch Geschäfte mit ihren Auslagen in den Schaufenstern. Er fotografierte Treppenhäuser und architektonische Details an den Fassaden und nahm Interieurs von Wohnungen auf.

Eugène Atget, Innenhof, Rue de Valence 7, Juni 1922

Eugène Atget, Innenhof, Rue de Valence 7, Juni 1922
Serie: Art dans le vieux Paris
Albumin-Abzug, 18 x 24 cm
© Musée Carnavalet, Paris

Aber auch die Menschen gehören zu Eugène Atgets Sujets. Er fotografiert Strassenhändler, kleine Gewerbetreibende, Lumpensammler und Prostituierte sowie Jahrmärkte und Kirchweihfeste in den verschiedenen Stadtteilen. Auch die städtischen Aussenbezirke und Randzonen, in denen oft Arme und Obdachlose hausten, waren seine Bildmotive.

Atget, der seine Laufbahn als Schauspieler begonnen hatte und sich dann vergeblich als Maler versucht hatte, begann erst 1888 als Fotograf zu arbeiten. Er bot zunächst seine Aufnahmen, die er „Documents pour Artistes“ nannte, als Vorlagen für Künstler und Kunsthandwerker an. Ab 1898 widmete er sich zunehmend der systematischen Erfassung der baulichen Zeugnisse aus der Zeit vor 1789. Die Abnehmer dieser Fotografien wurden nun Institutionen wie die Bibliothèque historique de la Ville de Paris, die Bibliothèque nationale, aber auch Museen. Seine Tätigkeit fiel mit dem Bewusstsein zusammen, an einer Zeitenwende zur Moderne zu stehen. Daraus resultierten die Bemühungen von verschiedenen Institutionen, das alte Paris im Zustand vor den baulichen Veränderungen festhalten zu lassen.

Atgets Aufnahmen unterscheiden sich von denen seiner Kollegen, die über die streng bauliche Dokumentation nicht hinausgehen, durch ihren Motivreichtum und durch eigenständige gestalterische Lösungen. Er wählte seine Sujets selbst. Oft verwendete er starke Lichtgegensätze, Schatten und Formüberschneidungen, die dem Bild Plastizität verleihen. Dabei benutzte er eine schwere Plattenkamera, ein Stativ und Glasnegative.

Eugène Atget, Porte d’Italie, 1912 (Stadtrandbewohner)

Eugène Atget, Porte d’Italie, 1912 (Stadtrandbewohner)
Serie: Paris pittoresque, 2. Serie
Albumin-Abzug, 24 x 18 cm
© BnF, Estampes et Photographie

Mitte der zwanziger Jahre wurde Atget von jungen Avantgardekünstlern entdeckt. Man Ray, der wie er am Montparnasse wohnte, erwarb etwa vierzig Aufnahmen und veröffentlichte 1926 vier von ihnen in La Révolution surréaliste. Man Rays junge Assistentin, die Fotografin Berenice Abbott, besuchte den Fotografen mehrfach und kaufte von ihm Abzüge. Nach seinem Tod 1927 erwarb sie ca. 1.500 Negative und 10.000 der im Atelier verbliebenen Abzüge und brachte sie in die USA. 1968 verkaufte Abbott ihren Schatz an das Museum of Modern Art in New York.

Die Ausstellung, die zu Eugène Atgets 150. Geburtstag im letzten Jahr zusammengestellt wurde und bereits in Berlin zu sehen war, umfasst sieben Kapitel. Ein besonderer Höhepunkt sind die von Atget selbst zusammengestellten Alben zu verschiedenen Themen wie Pariser Wohnungen, Schaufenster und Befestigungsanlagen. Die Aufnahmen stammen im wesentlichen aus den Beständen der Bibliothèque nationale de France und aus weiteren öffentlichen und privaten Sammlungen in Frankreich und im Ausland. Die Aufnahmen sind auch deshalb so interessant, weil sie das Bild, das man durch die Gemälde der Jahrhundertwende hat, vervollständigen. Wirklich sehenswert.

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