Die Berliner Galerie en passant präsentiert bis zum 26. April 2008 eine Ausstellung, die außerordentlich interessant ist. Dort stellt die Fotografin Sabine Wild unter dem Titel “Aufriss” neue Arbeiten vor. Mit der Kamera war sie im urbanen Dschungel New Yorks unterwegs. Das alleine wäre noch nichts wirklich Interessantes, doch Wild verfremdet den Ausblick und legt so den wahren Charakter der Großstadt frei. Das klingt paradox, hat bei Wild aber Methode.

Sabine Wild, NY Aufriss XX, 2008, Foto: copyright Sabine Wild

Sabine Wild, NY Aufriss XX, 2008, Foto: © Sabine Wild

Wilds Bilder leben vor allem von zwei fotografisch-künstlerischen Mitteln: Zum einen arbeitet sie durch vertikale Kamerabewegungen mit Unschärfen, was die visuelle Verfügbarkeit und den Wiedererkenungswert erheblich behindert. So anonymisiert sie ihre Bilder, die sonst so lebhafte Metropole New York wird zur anonymen, menschenleeren Großstadtwüste in der nur die steinernen Monumente Bestand haben. Außerdem wird die Vertikale so extrem betont, Wolkenkratzer und Straßenschluchten erscheinen noch bedrohlicher.

Zum anderen überarbeitet Wild die Bilder so, dass die Unschärfe erhalten bleibt, gleichzeitig aber vertikale und horizontale Linien wie Rasterstrukturen klar hervortreten. Diese entstandenen Strukturen leuchten, vermiteln dem Bild Schärfe und Tiefe, obwohl das Auge diese Tiefe aufgrund der Unschärfe nicht wirklich erfassen kann. Verunsichert schaut man auf die Bilder und sucht Halt. Immer wieder tauchen hell leuchtende Farbräume auf.

Sabine Wild, NY Aufriss XIX, 2008, Foto: copyright Sabine Wild

Sabine Wild, NY Aufriss XIX, 2008, Foto: © Sabine Wild

In den Fotos entsteht durch den Wechsel von unscharfen dunklen Farbräumen und hellen leuchtenden Strukturen eine ungewöhnliche Spannung und ein besonderer Rhythmus. Diese fotografische Abstraktion ist ungewöhnlich und verleiht den Fotos eine fast schon malerische Bildwirkung.

Obwohl Menschen und Fahrzeuge fehlen, kommt beim Betrachter das Gefühl ungeheurer Dynamik und Geschwindigkeit auf. Fast scheint es so, als würde sie am Auge des Betrachters vorbeirauschen. Auch wenn außer der starren Architektur nichts auf den Bildern erscheint, assoziert man die Bilder sofort mit dem hektischen Großstadtleben. Weil Details fehlen, wirken die Bilder leicht und tranparent, sie scheinen zu lumineszieren.

Sabine Wild, NY Aufriss XVIII, 2008, Foto: copyright Sabine Wild

Sabine Wild, NY Aufriss XVIII, 2008, Foto: © Sabine Wild

Der Ausstellungstitel ist klug gewählt. Zum einen reißen die Bilder die sichtbare Oberfläche auf, sie sind aber auch “skizzenhafte” Darstellungen von Gebäuden, genauso wie verkürzte Darstellungen von komplexen Zusammenhängen. So darf sich jeder Betrachter seinen eigenen Reim machen.

Wirklich schön, ich kann nur jedem einen Besuch der Galerie empfehlen. Einige von Sabine Wilds Arbeiten kann man auch über die Galerie Lumas erstehen. Neben den New Yorker Bildern sind auch die Serien Horizontale und Vertikale wirklich sehenswert. Mehr auf den Internetseiten der Künstlerin. Bis zum 26. April 2008 stellt Wild auch im ARD-Hauptstadtstudio aus.