Rauschenberg auf Reisen

5. August 2008 | Ein Kommentar

Der Name Robert Rauschenberg ist untrennbar verbunden mit der Pop-Art. Neben Andy Warhol, Roy Liechtenstein und Jasper Jones hat keiner diesen Stil so sehr geprägt wie er. Doch während die anderen Vertreter der Pop-Art vor allem als Maler arbeiteten, ging Rauschenberg schon früh einen Schritt weiter.

Robert Rauschenberg, Volon (Cardboard), 1971 Karton, 141 x 373 x 27,3 cm
© Robert Rauschenberg / VG Bild-Kunst, Bonn 2008
Foto: Ellen Labenski

Schon in den fünfziger Jahren begann Rauschenberg, Fundstücke und Alltagsgegenstände in seine Arbeiten einfliessen zu lassen. Seine Gemälde wuchsen in den Raum. Inspirieren liess er sich dabei von Dadaisten und abstrakten Expressionisten. Die “Combine Paintings” genannten Assemblagen verbinden Malerei mit alltäglichen Gegenständen wie Tapetenresten, Postkarten, Glühbrinen, Elektrogeräten und allerlei weiteren Fundstücken. So bezieht der Künstler seine Lebenswelt in die Werke ein. Rauschenbergs Antrieb war es, die Lücke zwischen realer Welt und Bildwelt zu schließen bzw. zu überbrücken. Im Zentrum seiner Werke steht die Frage, wie wir die Welt wahrnehmen.

In den sechziger Jahren arbeitete Rauschenberg vor allem mit bunten Collagen, die er aus amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften ausschnitt. Intensiv beschäftigt er sich mit der Ikonografie der amerikanischen Kultur, mit Kommerz, Politik und dem neuen Medium “Fernsehen”. Den Schnipseln gab er mit Farben neue Betonungen.

Immer wieder ging Rauschenberg auf die Suche nach neuen Möglichkeiten des Ausdrucks. Als er Anfang der siebziger Jahre nach Captiva Island in Kalifornien zog, begann er, intensiv zu reisen. Zwischen 1970 und 1976 besuchte er zahlreiche europäische Länder, aber auch Indien und Israel. Die in dieser Zeit entstandenen Werkgruppen werden nun in der Ausstellung “Robert Rauschenberg. Travelling 1970 – ‘76″ im Münchner Haus der Kunst gezeigt.

Die bisher selten präsentierten Werkgruppen “Cardboards” (1971), “Venetians” (1972–1973), “Early Egyptians” (1973–1974), “Made in Israel” (1974), “Hoarfrosts” (1974–1975) und “Jammers” (1975–1976) sind von außergewöhnlicher Schlichtheit und Präzision und wurden mit neuen Materialien und Techniken geschaffen, die Kunst bis heute inspirieren.

In den “Cardboards” zeigt sich Rauschenbergs Neigung zum Monochromen und Abstrakten. Der Künstler verwendete für die großformatigen Assemblagen gefundene Pappkartons und Pappen. Gebrauchsspuren, Aufkleber und Stempel blieben erhalten. Auf der Suche nach einem Material, das es einfach überall auf der Welt gibt, muss er wohl beim Umzug nach Captiva Island über die Umzugskartons gestolpert sein. Anders als die Dadaisten, die Pappe als ästhetisches Beiwerk in ihren Assemblagen verwendeten, verwendete Rauschenberg die Pappe als primäres Ausdrucksmittel.

Die “Venetians” entstanden nach einer Reise nach Venedig. Hier nutzte Rauschenberg vor allem Materialien aus der Massenproduktion und Fundstücke aus dem Haushalt. Stoffe, Stricke, Holz, Leder, Stein, Kabel und Drähte, Stühle Vasen, Kissen eine alte Badewanne und Altmetall kommen zum Einsatz. Charakteristisch sind die Bezüge zur venezianischen Bildwelt. Die Objekte sind aber nie rein gegenständlich und behalten ihre Selbstständigkeit und Identität. Das Alltägliche, Gewöhnliche, Banale wird zum Kunstgegenstand erhoben und in einen kulturellen Kontext gesetzt oder wie Rauschenberg in einem Interview sagte:”Die Stärke meiner Arbeit […] ist die Tatsache, dass ich mich entschlossen habe, das Gewöhnliche zu adeln.”

Bei den “Early Egyptians” fielt Rauschenberg wieder auf die Kartons zurück, sein Umgang mit dem Material änderte sich aber grundlegend. Die Pappschachteln wurden nicht mehr plattgedrückt und zerschnitten, sondern blieben heil. Stattdessen beklebte er sie mit Sand oder umwickelte sie mit Mullbinden, als ob es Mumien wären. Aus Papiertüten und Stoff bastelte er einen Sarkophag, aus dem die Mumie gerade entstiegen zu sein scheint. In den “Hoarfrosts” (Reif, Raureif) überlappen sich bedruckte Stoffe in zum Teil leuchtenden Farben und erzählen von Auflösung und Schwebezustand, von Verhüllen und Transparenz, Leichtigkeit und Schwere. In Ägypten war Rauschenberg übrigens nie, Inspiration für die Werke fand er im Louvre.

1975 besuchte Rauschenberg Indien. Als er zurückkam, entstand die Werkgruppe “Jammers”, ein wahrer Ausbruch an Farbenfreude. So zart die Hoarfrosts sind, so stark und klar sind die Jammers-Werke. Der Begriff “Jammer” erinnert an die Segel der großen Windjammer und soll einen Bezug zum Reisen setzen. Die Stoffe sind in leuchtenden Farben gehalten und aus Rechtecken, Quadraten, Streifen und Dreiecken zusammengesetzt.

Das Haus der Kunst hat in Zusammenarbeit mit dem Museo de Arte Contemporanea in Porto eine wirklich interessante Ausstellung konzipiert, die den kürzlich verstobenen Rauschenberg in interessanten Facetten zeigt, die bisher weitgehend unbekannt blieben. Die Ausstellung ist noch bis 14. September 2008 in München zu sehen.

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