Die dunklen Seiten der schönsten Sache

10. September 2008 | Kein Kommentar

Nobuyoshi Araki ist ein Star der Aktfotografie. In unendlich vielen Variationen spürt er der Sexualität in allen Facetten nach. Lust, Sex, Gewalt, Begierde, in seinen Arbeiten findet sich jede Facette der menschlichen Sexualität. Seine Bilder hängen in vielen Museen der Welt und doch wird immer wieder bezweifelt, dass Araki Kunst macht. Seine Bilder seien einfach zu nah an der Pornografie. Ganz widersprechen kann man dem nicht, aber die Grenze ist wohl fließend.

In der Ausstellung “Darkside” im Fotomuseum Winterthur ist Araki unter anderem mit eine Bild einer liegenden Frau vertreten. Man sieht von ihr aber nur die Lippen und beim ersten Hinschauen ist man verdutzt. Hat der Fotograf hier etwa tatsächlich das Intimste fotografiert? Erst beim zweiten Blick stellt man fest: nein, es ist der Mund einer Frau in Nahaufnahme. Araki spielt hier mit unseren Fantasien, er fotografiert Unverfängliches, dies jedoch so geschickt, dass wir sogleich eine Assoziation zur Sexualität entwickeln.

Ganz anders Sylvia Plachy, die mit “Memories O’ Love, Malibu” (1996), hinter den Kulissen eines Sexfilm fotografiert hat. Sexualität wird so zu einem kommerziellen und wenig lustvollen Akt. Überhaupt geht es in einigen Bildern kräftig zur Sache. Kopulierende Paare, heterosexuelle und homosexuelle Szenen, Sado-Maso-Bilder, Geschlechtsteile in allen Variationen und erotische Meisterwerke aus der Anfangszeit der Aktfotografie, als selbst eine entblößte Brust noch Skandale auslösen konnten. Heute schockt kaum noch eines der Bilder. Nur Anna Mendietas “Rape/ Murder Iowa” (1973) lässt den Betrachter frösteln. Eine Frau liegt entblößt über einem Tisch, nur ihre Bluse trägt sie noch. Den nackten Po hat sie dem Betrachter zugewandt, überall ist verschmiertes Blut, auf dem Tisch, auf dem Körper der Frau, am Tischbein.

Seit der Erfindung der Fotografie spielt sie in allen Bereichen unseres Lebens eine große Rolle, sowohl in der Öffentlichkeit. die Werbung nutzt Fotografie, Medien nutzen das Foto als Dokumentationsmittel, die Boulevardpresse befriedigt unsere voyeuristischen Neigungen. Immer dann wenn es “dunkel” (engl. dark) wird, wo wir uns von der Gesellschaft zurückziehen oder wo die Gesellschaft ein Tun ausgrenzt, wird die Fotografie für Erotik und Sexualität ein zentrales visuelles Instrument: als Dokument, als Stimulation, als Machtmittel und als künstlerische Gestaltungsform.

Fotografie zeigt und stilisiert Lust und Leidenschaft, Fantasie und Begierde, Macht und Gewalt, Voyeurismus und Selbstdarstellung in der Sexualität. Fantasieren und Begehren gehen mit der Fotografie einen aufregenden Pakt ein: Sexuelle Fantasien drängen nach Darstellung, suchen aktiv die
Blossstellung – und die Fotografie nutzt mit ihrem eigenen voyeuristischen Zug die Kraft der
(Bild-)Erotik für ihre Zwecke, um stark und verführerisch zu sein. Dabei geht es immer auch um die Bilder, die wir uns von “Sexualität” machen, um das endlose Verschwimmen von Fantasie und Realität in den Fotografien.

Das Ausstellungs- und Buchprojekt Darkside des Fotomuseums Winterthur diskutiert wird die Fotografie als Darstellungsinstrument und als wichtigen visuellen Katalysator von Sexualität und dokumentiert dessen Entwicklung. Ausgestellt sind Werke von mehr 150 Fotografen und Fotografinnen der vergangenen hundert Jahre. Mit dabei sind Stars wie Brassaï, Hans Bellmer, Man Ray, Pierre Molinier, von Germaine Krull, Ed van der Elsken, Walter Chappell, Robert Mapplethorpe, Andy Warhol, Nan Goldin, Nobuyoshi Araki, Daido Moriyama, Noritoshi Hirakawa, Arno Nollen, Paul Armand Gette.

Die Ausstellung “Darkside. Fotografische Begierde und fotografierte Sexualität” ist noch bis zum 16. November 2008 im Fotomuseum Winterthur zu sehen.

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