Kunst im 20. Jahrhundert
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Voll Porno!

Wie ich neulich lernen durfte, sagen Jugendliche heute nicht mehr „cool“ oder „geil“ wie zu meiner Zeit, sondern „voll porno“. Das trifft auch auf die Ausstellung „Diana und Actaeon. Der verbotene Blick auf die Nacktheit“ im Düseldorfer museum kunst palast zu, die ist nämlich wirklich sehenswert. Voll porno, das findet auch die BILD-Zeitung, die findet die Schau allerdings nicht cool, sondern echauffiert sich über die Darstellungen und meint, das sei einfach nur Pornographie und keine Kunst.

Ihren Namen hat die Ausstellung von Ovids Mythos der Diana und des Actaeon. Bei einem Streifzug durch den Wald entdeckt der Jäger Actaeon die Göttin Diana beim gemeinsamen Bad mit ihren Nymphen. Überrascht vom begehrenden Blick des Actaeon, verwandelt die nackte Göttin der Jagd den Jäger in einen Hirsch. Von seinen eigenen Hunden nicht mehr erkannt, zerfleischen diese den hilflosen Actaeon.

Die Ausstellung zeigt ein großes Konvolut von 300 Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und Grafiken sowie Fotografien und Videos, die sich dem Themenkomplex von Keuschheit und Begehren, von Sehen und Gesehen werden, von Voyeurismus und Exhibitionismus widmen. So illustriert die Schau auch ein Thema, dessen Darstellung bis heute als Tabu gilt: die explizite Zurschaustellung des Geschlechts. All zu schnell schreien viele hier eben sofort „Porno!“. Dabei will die Ausstellung nicht einfach nur eine weitere zum Thema der Erotik in der Kunst sein, sondern konzentriert sich mit präzisen Fragestellungen auf Bildwerke, die vom verbotenen Blick auf das zumeist weibliche Geschlecht handeln.

Die Ausstellung handelt von Begierde, der verschlungenen Verknüpfung von Geschlecht und Geschlechtlichkeit mit Schönheit, Wahrheit und Ekstase. Sie handelt von Tabus und Tabubruch, von Schuld und Bestrafung und von der Erkenntnis, die unschuldig nicht zu haben ist. Dabei thematisiert sie ebenso die vielschichtige Faszination des Blickes auf den schönen weiblichen Körper, aber auch das Entsetzen, welches der Anblick des demonstrativ und schamlos unverhüllten weiblichen Geschlechts beim Betrachter auslösen kann.

So wie bei Eric Fischls Bad Boy (1981). Wahrlich ein böser Junge. Durch die Jalousien eines Fensters fällt Licht auf ein Bett. Auf diesem räkelt sich eine nackte Schöne. Den jungen Mann im Vordergrund bemerkt sie nicht oder es ist ihr egal, dass er da ist. Sie gibt sich ganz dem Augenblick hin. Durch die gespreizten Beine sieht der Betrachter ihre ganze Weiblichkeit.

Der böse Junge hat dem Betrachter den Rücken zugewandt und schaut der Frau zu. Hinter ihm steht auf dem Schreibtisch eine Handtasche. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Öffnung der Handtasche einer Vagina nicht unähnlich ist. Die Hand des Voyeurs ist tief in der Handtasche verschwunden. Wie zufällig steht auch eine Obstschale mit Bananen auf dem Tisch. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, denn kein anderes Obst erinnert so sehr an einen Phallus, wie die Banane.

Ein tolles Kunstwerk, weil der Betrachter minutenlang vor der Werk stehen kann und darüber nachdenken kann, was dort geschieht. Der Maler hat viele Andeutungen und Informationen in das Bild gesteckt.

Der Frau scheint es egal zu sein, dass sie beobachtet wird, vielleicht zieht sie sogar einen Lustgewinn daraus, beobachtet zu werden. Die Hand in der Handtasche wirft gleich mehrere Fragen auf. Stiehlt der Bad Boy der Dame Geld? Die frivole Andeutung dürfte mehr sagen: Sigmund Freud höchstselbst deutete das Symbol der Handtasche als Vagina.

Ist er böse, weil er die Situation ausnutzt oder weil er der Frau in einem intimen Moment zuschaut und ihre Gleichgültigkeit ausnutzt? Deutet Fischl hier gar einen Ödipus-Komplex an,weil der Junge seien Mutter begehrt, was der Maler mit dem Griff in die Vagina – Verzeihung – in die Handtasche andeutet?

Oder ist etwa der Maler selbst der Bad Boy, weil er es wagte, der totgesagten figurativen Malerei mit diesem Bild neues Leben einzuhauchen? In Amerika löste das Bild Anfang der achtziger Jahre jedenfalls einen kleinen Skandal aus und machte den Maler über Nacht berühmt.

Die Ausstellung ist grandios und mit 300 Werken von 200 Künstlern mehr als opulent. Die Ausstellung aufgrund von ein paar wenigen grenzwertigen Bildern als pornographisch abzutun, wie es die BILD-Zeitung tut, ist nicht nur oberflächlich, es ist schlicht dumm. Natürlich sind Bilder wie die Fotografien von Nobuyoshi Araki so lange keine Pornografie, so lange es nicht um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse geht, es also ganz klar einen künstlerischen Willen des Künstlers gibt und die Bildaussage klar ist. Auch wenn ich kein großer Fan von Araki bin, ich habe keine Pornographie entdecken können.

Ein kleiner Wermutstropfen ist die Fülle der Werke, da wirkt die Auswahl einfach manchmal zu beliebig und es wird langweilig. Ein wenig mehr Vorauswahl wäre vielleicht klug gewesen. Und was mancher Betrachter als pornographisch empfindet, ist meist nicht mehr als die Zurschaustellung eben jenes intimsten Körperteils. Und das ist ist mehr langweilig und banal als wirklich pornographisch.

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