Eine “Neuentdeckung” in Emden

16. Januar 2009 | Kein Kommentar

Es ist mehr als bedauerlich, dass die Abstrakte Expressionistin Joan Mitchell (1925-1992) in Europa und auch in Amerika kaum bekannt ist, obwohl ihr Werk qualitativ dem von Pollock, De Kooning, Kline und Still in Nichts nachsteht. Die Kunsthalle Emden will die Malerin nun mit einer Retrospektive dem breiten Publikum bekannt machen.

Joan Mitchell, La Chantière, 1960,  Öl auf Leinwand, 194 x 147 cm, Foto: Kunsthalle Emden

Joan Mitchell, La Chantière, 1960, Öl auf Leinwand, 194 x 147 cm, Foto: Kunsthalle Emden

So wie Lee Krasner bis heute meist nur die “Ehefrau von Jackson Pollock” ist, ist Mitchell oft eine “Wegbegleiterin von Jackson Pollock”. Doch was bei Krasner wenigstens noch zutreffend ist, wird bei Mitchell zur Farce. Zwar gehörte Mitchell zu den Abstrakten Expressionisten, doch mit Pollock hatte sie nur wenig zu tun. Sie wurde Anfang der fünfziger Jahre Mitglied im “Club” einer Gemeinschaft von New Yorker Künstlern, die sich unter anderem als Gegenpol zu Pollocks allmächtigem Namen und seiner “Marktmacht” formierte. Pollock war nur selten im Club zu Gast und dort nicht gerne gesehen. Er war auch mehr als dreizehn Jahre älter und dürfte sich für Mitchell nur wenig interessiert haben.

Aber auch der Malstil der beiden Künstler ist sehr verschieden. Da wo Pollock brachial Farbe und Emotion zueinander brachte und sein innerstes nach außen kehrte, sind Mitchells Bilder lyrische Abstraktionen. Da wo Pollock in ausladenden und tänzelnden Bewegungen Farbe auf die Leinwand tröpfelte, goss, spritzte und schleuderte, arbeitete Mitchell mit dem Pinsel, mal brachial wie Pollock und manchmal zart wie Cy Twombly.

Mitchell hatte am Art Institute in Chicago studiert und kam nach New York, um bei Hans Hoffmann, einem der Wegbereiter und Vorläufer der Abstrakten Expressionisten zu lernen, bei dem auch Lee Krasner studierte. Doch schon nach der ersten Stunde gab sie auf.

Über Stanley William Hayters Atelier 17, wo sich Künstler zum Arbeiten und Experimentieren trafen, geriet sie in den Dunstkreis der Abstrakten Expressionisten und wurde eines der wenigen weiblichen Mitglieder des von Männern (und Machos) dominierten Eighth Street Clubs. Mitchell war aber nicht nur Frau, sie war auch eines der jüngsten Mitglieder. Trotzdem schaffte sie es, als gleichwertig akzeptiert zu werden, weil sie ein loses Mundwerk hatte (so die Biografen De Koonings) und sie einen ganz eigenen Stil pflegte.

1952 nahm sie mit gerade einmal sechsundzwanzig Jahren an der lgendären “Ninth Street Show” von Leo Castelli teil. Dort hingen ihre Werke neben Pollock, De Kooning, Kline und anderen Größen der amerikanischen Kunstszene. In Deutschland waren ihre Arbeiten 1959 bei der documenta II zu sehen.

Waren ihre Bilder bis 1952 vor allem von der gemalten Form dominiert, wurde danach die autonome Pinselgeste zum Bildgegenstand. Mitchell begann mit abstrahierten Formen, doch schnell wurden Farbe und deren Setzung auf der Leinwand zum eigentlichen Zweck der Malerei. Anders als bei vielen anderen “Action Paintern” blieb die Handschrift des Pinsel essentieller Bestandteil des Bildes. Immer mehr wurde aus der inszenierten Komposition reine Struktur und Farbe.

Ab 1955 schlug Mitchell einen neuen Weg ein und aus den strukturellen Verdichtungen wurden stark farbige Zonen von Strichbündeln. Assoziationen zu atmosphärischen, landschaftlichen Ausblicken waren gewollt und wurden von ihr durch Bildtitel wie Hudson River Day Line, The Cityscape und The Lake bewusst geschürt. Diese feinen Farbstrukturen blieben allerdings nur eine Episode und Mitchell kehrte zu den stärker gestischen Abstraktionen mit starken Farbkontrasten zurück.

Nachdem Mitchell 1955 den kanadischen Künstler Jean-Paul Riopelle in Frankreich kennenlernte und sich verliebte, pendelte sie zwischen den USA und Frankreich, um dann Ende der 1950er Jahre ganz nach Frankreich überzusiedeln. Hier setzte sie sich intensiv mit den “modernen” Europäern auseinander, mit Van Gogh, Mondrian, Monet und Cézanne, ohne mit dem von ihr begonnen Weg zu brechen.

Die Kuratoren der Emdener Kunsthalle haben vierunddreißig Gemälde zusammengetragen und eine beachtliche Ausstellung konzipiert. Diese ist noch bis 08. März 2009 in Emden zu sehen, dann wandert sie in den Palazzo Magnani in Reggio Emilia ( 21. März bis 19. Juli 2009) und anschließend in das Musée d’Art Americain in Giverny (Frankreich). Dort wird sie vom 21. August bis 31. Oktober 2009 zu sehen sein.

Ich kann einen Besuch nur dringend jedem empfehlen. Mehr Informationen gibt es unter: http://www.kunsthalle-emden.de.

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