Man mag in Zeiten der Finanzkrise viel Böses über Banken denken und das sicher auch zurecht. Viel Geld ist verbrannt worden, ohne Rücksicht auf Verluste wurde nach maximalen Renditen gegiert und Verantwortung wurde nach dem Desaster nur selten übernommen. Nun kann man fragen, ob Banken, die Mitarbeiter entlassen, gnadenlos Kredite eintreiben oder nach Staatshilfe rufen, tatsächlich noch Geld in Kunst investieren sollten. Ökonomisch gesehen mag das Unsinn sein, doch wo wäre die Kunstwelt ohne das Geld und das Engagement der Banken? Das werden einige Ausstellungsmacher in den nächsten Monaten zu spüren bekomen, denn die Banken fahren ihr Engagement spürbar zurück.
Welch ein Glück, dass die Bank Austria in ihrem Kunstforum weiter Ausstellungen zeigt, denn sonst wäre uns die wunderbare Retrospektive zum Werk von Georges Braque entgangen. Seit mehr als zwanzig Jahren ist zum ersten Mal wieder eine umfangreiche Ausstellung zum Oeuvre des Künstlers in Mitteleuropa zu sehen. Braque, Wegbegleiter Picassos und mit ihm wesentlicher Gestalter des Kubismus, ist in der Ausstellung mit 80 seiner wichtigsten Gemälde zu sehen.
Georges Braque, Großes Interieur mit Palette (Grand intérieur à la palette), 1942
The Menil Collection, Houston
© Foto: Hickey-Robertson, Houston
© VBK, Wien, 2008/09
Kern der Ausstellung sind natürlich die kubistischen Arbeiten. In einer einzigartigen künstlerischen Zusammenarbeit hatten Georges Braque und Pablo Picasso ab 1907 den Prozess der Autonomwerdung der Malerei vorangetrieben und damit die wichtigste künstlerische Revolution des 20. Jahrhunderts eingeläutet. Der Erste Weltkrieg unterbrach diese wichtige Schaffensphase – Georges Braque erlitt 1915 eine lebensgefährliche Schädelverletzung und nahm seine Arbeit erst Anfang 1917 wieder auf.
Die Ausstellung zeichnet nach, wie sich im Werk – ausgehend vom Formenrepertoire des Kubismus – im Laufe der 1920er und 1930er Jahre zusehends ein Zug der Konsolidierung und der Eindruck des Klassischen durchsetzt. Durch die partielle Wiedereinführung naturalistischer Formen, die Schönlinigkeit der Konturen und die Betonung des stofflichen Eigenwerts der Farbe entsteht eine gemäßigte Form des Kubismus mit der für Braque so typischen, dem Purismus gänzlich fremden, taktilen Sinnlichkeit. Dies wird in Variationen zum Sujet des Kamins oder des Tischchens nachvollziehbar, in denen Braque das Spiel mit Transparenz und Undurchsichtigkeit, realistischen und abstrakten Formen auf die Spitze treibt. Während des Zweiten Weltkriegs entstehen schlichte Interieurs und Stillleben, in denen Braque die Beschwerlichkeit und Monotonie des Pariser Lebens der Kriegsjahre zum Ausdruck bringt.
Es ist der “gesamte” Braque den die Ausstellung zeigen will: Braque im Umkreis der Fauves, Braque der Methodische, Braque der Erfinder des Papier collé, Braques Anleihen an der Dekorationsmalerei, in der er ausgebildet wurde, Braque der Meister des modernen Stilllebens und nicht zuletzt Braques Spätwerk. Anfang der 1950er Jahre kehrt Braque, der sich im normannischen Varengeville nun wieder am Ort seiner Kindheit befand, zur Landschaftsmalerei zurück – kleinformatige, stark texturierte Küstenstriche und Ackerfelder entstanden.
Eine besonders wichtige Stellung wird der visionären Bildserie der Ateliers innerhalb der Ausstellung eingeräumt, in der Braque sein unmittelbares Arbeitsumfeld zum Thema machte und damit seinem Ziel einer größtmöglichen Verdichtung von Materie und Raum, eines haptisch erlebbaren Raumes, am nächsten kommt. Georges Braque hatte die Entwicklung seiner Ideen unaufhörlich vorangetrieben, mit einem Sinn für die Metamorphose, die landläufige Differenzierungen zwischen Figuration und Abstraktion, aber auch zwischen den Genres hinfällig machte. Damit wurde er zu einem der wichtigsten Wegbereiter der Moderne.
Weitere Informationen: www.bankaustria-kunstforum.at
