Bildwelten in Basel

11. Februar 2009 | Kein Kommentar

Mit der “primitiven Kunst” ist das so eine Sache. Ich persönlich glaube ja, dass es wesentlich mehr Primitives in der zeitgenössischen europäischen Kunst gibt, als in der Kunst Afrikas und Ozeaniens der vergangenen Jahrhunderte, aber kunsthistorisch hat sich der Begriff nun mal einfach durchgesetzt. Vergessen wird immer wieder gerne, wie wichtig diese Kunst für die Entwicklung der Moderne war und Künstler von Picasso bis zu Pollock beeinflusste. Allerdings wird dieser Aspekt gelegentlich so sehr betont, dass die primitive Kunst nur als Steigbügelhalter und Gehilfe der europäischen Moderne gesehen wird.

Die Fondation Beyeler versucht dem entgegenzuwirken, in dem man in der Ausstellung “Bildwelten – Afrika, Ozeanien und die Moderne” den Holzskulpturen und Masken der außereuropäischen Kunst ein deutliches Übergewicht gönnt und ihnen europäische Meisterwerke reduziert gegenüberstellt, um den Einfluss sichtbar zu machen. So werden die afrikanischen und ozeanischen Werke zur ästhetischen Übermacht und die Gemälde und Skulpturen der Klassischen Moderne als zusätzliche Anschauungsobjekte in den Hintergrund gedrängt. So wird vor allem klar, welche Bildgewalt und Kraft die ethnografische Kunst entwickelte und warum europäische Künstler so fasziniert waren.

So treten Reliquiarfiguren der westafrikanischen Fang der Improvisation 10 von Kandinsky und Skulpturen der Senufo einigen Porträtgemälden Cézannes gegenüber. Die Ahnenbildnisse der Mundugumor (Neuguinea) treffen auf Picassos Sitzende Frauen und die fast schon abstrakten Figuren des Nukuoro-Atolls in Mikronesien auf ein Gemälde von Rousseau und Brancusis Vogel.

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Zwei Flötenköpfe der Mundugumor aus Papua-Neuguinea, 19. Jh., Museum der Kulturen, Basel
und Pablo Picassos Figure (Femme assise) von 1930, Fondation Beyeler, Riehen/Basel
Foto: © Hughes Dubois, Brüssel/Paris/ © 2008, ProLitteris, Zürich

Spannend auch die Gegenüberstellung von Mondrians Gemälden mit den Malagan-Skulpturen aus Papua-Neuguinea. Auch Miro, Braque, Klee, Matisse, Arp und Van Gogh stellen sich dem Vergleich. So wird erkennbar, dass zwar Grundformen von den Europäern übernommen wurden, doch Bildaussagen und -inhalte sehr von den “Originalen” abweichen. Die Kuratoren schaffen es zu überraschen, manches häte ich sicher so sicher nicht kombiniert und doch ist gerade das unglaublich gelungen und interessant. Erstaunlich ist auch, wie abstrakt oder modern manches alte Werk aus dem afrikanischen Raum wirkt. Da ist zum Beispiel die Figur aus der Werkstatt der Yombe- oder Woyo-Region (Demokratische Republik Kongo) aus dem 19. Jahrhundert. Aus Holz, Eisen, Glas, pflanzliche Fasern und Baumwolle haben die Künstler eine Figur geschaffen, die genauso gut aus dem Europa des 20. Jahrhunderts stammen könnte und sehr an eine Mischung aus Dadaismus und Expressionismus oder einen Roboter erinnert.

Figur, nkisi nkondi, Kongo, 19. Jh., Foto: Ferry Herrebrugh

Figur, nkisi nkondi, Werkstatt der Yombe- oder Woyo-Region, Demokratische Republik Kongo, 19. Jh.
Holz, Eisen, Glas, pflanzliche Fasern, Baumwolle, Höhe 93 cm, Afrika Museum, Berg en Dal
Foto: Ferry Herrebrugh

Ernst Beyeler hat schon früh angefangen, Kunst aus Afrika und Ozeanien zu sammeln und auszustellen. In der Ausstellung sind neben eigenen Exponaten auch Arbeiten aus wichtigen ethnografischen und ethnologischen Museen aus der ganzen Welt zu finden, darunter die schon erwähnten Reliquiarfiguren der Fang und Ritualskulpturen der Mumuye. Auch mehrere tito-aitu-Statuetten vom Nukuoro-Atoll sind zu sehen. Neben sieben kleineren werden auch zwei große Kultstatuen präsentiert. Außerdem ein sehr seltenes Federbild aus Hawaii und die spektakuläre Maske der Torres Strait aus dem Musée Barbier-Mueller in Genf.

Das alles macht so viel Spaß und ermöglicht tiefe Einblicke zum Verständnis der Wirkung ethnografischer Kunst auf die europäische Moderne. Man nur jedem Kunstinteressierten empfehlen, sich die Ausstellung anzuschauen.

Weitere Informationen: beyeler.com.

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