Städtische Affären der anderen Art

14. Juli 2009 | Kein Kommentar

Das Stadtbad Wedding war einst ein lebendiger Ort. Hier plantschten die Menschen des Stadteils bis das Schwimmbad 2001 dem Sparzwang der Stadt zum Opfer fiel. Nun ist das Stadtbad zum Stattbad geworden und soll lebendiger Kulturort werden. Im Haus sollen Ateliers und Studios entstehen, Kreativ-Arbeitsplätze und reichlich Platz für Ausstellungen, Konzerte, Theater und Lesungen. Organisiert wird die Neubelebung unter anderem durch die Berliner Agentur RIOTarts. Die Kunstagentur hat sich ganz der Street Art verschrieben und das Projekt Urban Affairs ins Leben gerufen, ein “Event”, das nun schon zum zweiten Mal Street Art in Berlin präsentiert. Veranstaltungsort ist, wie sollte es anders sein, eben jenes Stattbad.

Die Agentur hat einiges zusammengetragen und ermöglicht einen kleinen repräsentativen Überblick. Streetart, das ist längst nicht mehr nur einfaches Graffiti. Stencil Art, mit Schablonen gesprühte Kunstwerke sind einer der neueren Trends. Die Verkaufserlöse für Werke eines der Hauptprotagonisten, des fast schon legendären Banksy, erreichen inzwischen fast schon schwindelerregende Höhen. Zu den neueren Gattungen gehört auch das “Ad Busting”, bei dem Werbung im öffentlichen Raum “neu gestaltet” wird, um so die Aussage zu konterkarieren, zu verdrehen oder ins Lächerliche zu ziehen. Relativ neu ist auch “Tape Art”, bei der die Kunstwerke aus Plastikklebebändern gefertigt werden. In Berlin ist El Bocho vertreten, der mit seinen Klebebändern fast schon lyrische Werke schafft, die ein wenig an Pop-Art erinnern.

Wand des Stattbades Wedding, El Bocho, 2009

Wand des Stadtbades Wedding, Werk von El Bocho, 2009, Foto: El Bocho

Doch die Bandbreite ist noch viel größer. Der Künstler 1010 mischt Cutouts aus Papier mit Malerei. Der Künstler Mo Magic ist mit Videos von bunten Spielzeugautos vertreten, die an Marshmallows erinnern. Spannend und hintergründig sind die Arbeiten von Emess, der mit Graffitis, Schablonen, Plastiken und Skulpturen auf politische und gesellschaftliche Veränderungen aufmerksam machen will – nicht selten auf irritierende, provokante und ironische Art. Da prangt dann schon mal an der Baugrube des ehemaligen Palastes der Republik in großen Lettern: “DIE DDR HAT’S NIE GEGEBEN.” Spannend sind auch die Arbeiten von Anton Unai der auf ähnliche Weise wie Emess Kunst in den öffentlichen Raum integriert. Besonders die starken bildhauerischen Arbeiten begeistern. Sie sind meist zusammengesetzt aus Abfall der urbanen Gesellschaft, Fragmente des Massenkonsums und der Massenmedien werden zu neu zusammengesetzt. Aber auch die Bilder sind von besonderer Qualität, erzählen ganze Geschichten, nehmen literarische Referenzen auf und bedienen sich einer Ikonographie, die an Religion und Werbung erinnert.

Längst ist Street Art mehr als nur Subkultur und das Beschmieren von Häuserwänden und Zügen. Street Art ist gesellschaftskritisch, prangert soziale Missstände an oder macht auf Veränderungen des urbanen Raumes aufmerksam – oder anders ausgedrückt: Es ist Kunst. Noch immer sind die meisten Künstler anonym, doch inzwischen ist ihre Kunst längst kommerzialisiert und wird in Galerien gezeigt und verkauft. Geschadet hat das dem noch jungen Kunstzweig nicht, im Gegenteil, überall etabliert sich eine vitale Street Art-Szene und einige Künstler können davon inzwischen sogar recht gut leben.

Wer sich für Street Art interessiert, sollte auf jeden Fall bei Urban Affairs extended vorbeischauen. Es lohnt sich! Die Ausstellung wird begleitet von einem umfangreichen Rahmenprogramm und läuft noch bis zum 31. Juli 2009.

Mehr unter: urbanaffairs.de

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