Die schönsten Augenwimpern der Kunstgeschichte

18. November 2009 | Kein Kommentar

Das Städelmuseum in Frankfurt beglückt uns mit einem ganz besonderen Augenschmaus, einer monografisch angelegten Schau zum florentinischen Renaissance-Maler Sandro Botticelli (1445-1510). Es ist die erste im deutschsprachigen Raum und dürfte auf absehbare Zeit die einzige weltweit bleiben, da die Werke nur ungern verliehen und auf Reisen geschickt werden. Immerhin hat es das Städel geschafft, vierzig Arbeiten des Meisters zusammenzutragen, sowohl von Museen als auch von privaten Leihgebern.

Sandro Botticelli (1444/45-1510) Weibliches Idealbildnis (Bildnis der Simonetta Vespucci als Nymphe) Pappelholz, 81,8 x 54 cm Frankfurt, Städel Museum, Foto: Ursula Edelmann – Artothek

Sandro Botticelli, Weibliches Idealbildnis (Bildnis der Simonetta Vespucci als Nymphe)
Pappelholz, 81,8 x 54 cm Frankfurt, Städel Museum
Foto: Ursula Edelmann – Artothek

Sandro Botticelli wurde 1445 in Florenz als Sohn des Gerbers Mariano di Vanni Filipepi geboren. In seiner Jugend begann er eine Lehre als Goldschmied, merkte aber bald, dass das Interesse an der Malerei größer war. Botticelli wurde Lehrling des berühmtesten Malers jener Zeit, Fra Filippo Lippi (1406–1469). Inspiriert vom Humanismus mallt Boticelli anfangs vor allem Allegorien, die gekennzeichent sind von blassen, überlangen Frauengestalten mit zarten Gesichtern und schwermütigem Blick -voller graziler Schönheit und eleganter Anmut. Botticellis Gemälde vermengen antiken Ideale, gotische Bilddarstellung und humanistische Ideale. So wie in Minerva und der Kentaur. Die schöne Göttin, gekleidet in ein durchsichtiges Nichts mit Hellebarde und Schild. Sanft und ein wenig melancholisch blickt sie am Kentaur vorbei, dem sie durch die Haare steichelt. Der Kentaur, Sinnbild für ungezügelte Lust und Leidenschaft blickt eher ängstlich und zweifelnd, lässt sich aber von der Göttin, die für Weisheit, Wissen und Kunst steht, besänftigen. Tugend und Weisheit besiegen unbändige Sinnenfreude.

Boticelli gewinnt schnell an Popularität und erhält wichtige öffentliche Aufträge. Sein Gönner wird der mächtige Bankier und Staatsmann Lorenzo die Medici. Diesen und andere Mitglieder der Familie porträtiert der Maler zum Dank. Ungeschnörkelt zeigt Botticelli die Mitglieder der Familie, meist mit ebenso melancholischem Blick wie in den Allegorien. Fahl leuchtet die Haut der Adligen, ihr Blick meist schwermütig, die Porträts oft im Profil gemalt.

Eines der bekanntesten Porträts, im Besitz des Städels, eröffnet die Ausstellung. Es ist das Idealbildnis einer jungen Dame, die wahrscheinlich mit Simonetta Vespucci, der geliebten Turnierdame von Lorenzos Bruder Giuliano de Medici, zu identifizieren ist. Es geht in diesem Bildnis nicht so sehr um ein lebensnahes Konterfei der Dargestellten als vielmehr um das auch in der zeitgenössischen Poesie reflektierte Ideal einer Frau, die sich durch vollkommene Schönheit und ebenso vollkommene Tugendhaftigkeit auszeichnet. Ein solches Ideal definiert sich nicht zuletzt durch die Auseinandersetzung mit der Antike: So trägt die Schöne ein Schmuckstück um den Hals, das offensichtlich auf eine antike Gemme mit der Darstellung von Apoll und Marsyas zurückgeht, die gleichfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Botticellis berühmtes Bildnis des Giuliano aus der National Gallery of Art in Washington wird in Frankfurt dem Porträt seiner geliebten Simonetta gegenübergestellt. Was insbesondere bei den Porträts auffällt: Keiner malte Augenwimpern je so schön und zart wie Botticelli.

Das Spätwerk Botticellis steht ganz unter dem Einfluss der Religion. Zusammen mit anderen Künstlern wird er 1481 und 1482 von Papst Sixtus IV. nach Rom gerufen, um die sixtinische Kapelle auszumalen. Nach dem Tod seines Gönners Lorenzo de Medici stürzt der Bußprediger Girolamo Savonarola Florenz in das Chaos. Er prangert den ausschweifenden Lebensstil der Adligen an, vertreibt die Medici aus Florenz und gründet einen Gottesstaat. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse wendet sich Botticelli ganz religiösen Themen zu. In seinem Spätwerk finden sich nicht nur viele großformatige Gemälde, Altar und Tafelbilder, sondern auch Federzeichnungen wie die zu Dante Alighieris “Göttlicher Komödie.”
Ausstellungsansicht, Foto: Alex Heimann

Ausstellungsansicht, Foto: Alex Heimann

Die prächtige Ausstellung vereint neben den Arbeiten Botticellis auch vierzig weitere Gemälde von Zeitgenossen des Malers. Das Städel hat das Unmögliche möglich gemacht und tatsächlich alle wichtigen Werke versammelt. Einzig Die Geburt der Venus fehlt, die Uffizien verleihen das Werk nicht – schade, aber verständlich. Die Ausstellung gliedert sich in drei Bereiche: die Porträts, die myhtologischen Darstellungen und die religiösen Werke. Misslungen ist die Wandgestaltung. Das Rot wirkt zwar edel, nimmt den Bildern aber ein wenig von ihrer Farbigkeit und Strahlkraft. Eine dunklere Farbe wäre vielleicht klüger gewesen. Eine tolle Ausstellung, deren Besuch man sich nicht entgehen lassen sollte., die Gelegenheit dürfte einmalig sein.

Weitere Informationen auf den Sonderseiten zur Ausstellung.

Nachtrag: Der Hessische Rundfunk hat ein schönes Feature zur Ausstellung: Das Rätsel Frau – Geheimnisse in den Bildern Botticellis.

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