Hommage an die Künstlerinnen der Avangarde

6. Dezember 2011 | Kein Kommentar

Der Name Dora Maar ist vor allem mit Pablo Picasso verbunden. Von 1936 bis 1943 war Maar Muse, Modell und Geliebte Picassos. Doch Mitte der 1930er Jahre hatte Maar sich längst einen eigenen Namen als Fotografin gemacht und verkehrte in Künstlerkreisen. Trotzdem wurde sie nach 1936 kaum noch als eigenständige Künstlerin wahrgenommen, sie war die Frau an Picassos Seite, Gegenstand vieler seiner Gemälde und die Fotografin, die die Entstehung seiner Werke dokumentierte. Bis heute ist Dora Maar nur eingefleischten Kunstkennern als eigenständige Künstlerin bekannt.

Eine Ausstellung in Düsseldorf will das ändern. „Die andere Seite des Mondes. Künstlerinnen der Avantgarde“ lässt acht Künstlerinnen der 1920er und 1930er Jahre ins Rampenlicht treten. Diese Zeit war geprägt von heftigen gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen. Die Frauenbewegung war stark geworden, Frauen verlangten politische und gesellschaftliche Teilhabe und riefen nach sexueller Selbstbestimmung.

Vorgestellt werden neben Dora Maar auch Hannah Höch, Sophie Taeubner-Arp und Sonia Delaunay und die weniger bekannten Claude Cahun, Florence Henri, Katarzyna Kobro und Germaine Dulac. Sie alle hatten sich den radikalen Kunstbewegungen jener zeit angeschlossen, dem Surrealismus, dem Dadaismus oder dem Konstruktivismus. Sie alle zeichnen sich durch Unabhängigkeit, Offenheit und Selbstbewusstsein aus. Alle acht hatten ein Gespür für Themen und Trends ihrer Zeit. Vor allem die Rolle der Frau in der Gesellschaft war ihr Thema, aber auch ästhetische Fragen in der aktuellen Kunst waren maßgebliche Themen vieler Künstlerinnen.

Hannah Höch, Siebenmeilenstiefel, um 1934, Photomontage, 22,9 x 32,29 cm, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Foto: Christoph Irrgang Foto: © VG Bild-Kunst

Hannah Höch, Siebenmeilenstiefel, um 1934,
Photomontage, 22,9 x 32,29 cm, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett
Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Foto: Christoph Irrgang, © Kunstsammlung NRW

So fortschrittlich die Avantgarde in Europa und en USA auch war, Frauen hatten es schwer und wurden im besten Falle skeptisch betrachtet oder milde belächelt. Die Ankaufspolitik der Museen wurde von Männern verantwortet und so wundert es kaum, dass nur selten Werke der Künstlerinnen angekauft wurden.

Hannah Höch zählte zu den Pionierinnen des Dadaismus. Sie hatte mit Raoul Haussmann den Dadaismus in Berlin mitbegründet, ihre zeitkritischen Collagen wurden zum Markenzeichen des Dadaismus. Auch Sonia Delaunay war eine Pionierin. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Robert Delauney entwickelte sie den Orphismus, eine aus dem Kubismus entstandene Stilrichtung der Malerei, bei der Farbkreise aus Kontrastfarben zusammengesetzt wurden. Auch Sophie Taeubner-Arp hatte mit Hans Arp einen bekannten Künstler als Ehemann. Sie stand dem Dadaismus nahe und verknüpfte diesen mit geometrisch-abstrakter Kunst und wurde zu einer der ersten Vertreterinnen der konkreten Kunst in Europa.

Großen Respekt als Schriftstellerin genoss Claude Cahun in den Kreisen der Surrealisten. Ihre surrealistischen Fotografien gelten heute als radikalste Äußerungen weiblicher Identität in den 1930er Jahren. Cahun inszenierte sich darin als androgynes Wesen in einer surrealen Welt.

Besonders interessant sind aber die meist streng geometrischen Skulpturen der Bildhauerin Katarzyna Kobro, deren Ausstellung eine kleine Sensation ist, denn eigentlich dürfte ihr Werk gar nicht mehr vorhanden sein. In Polen versuche Kobro, ein Museum für Moderne Kunst in Lodz aufzubauen. Ferdinand Léger, Max Ernst und Sonia Delauney stifteten Werke, doch der Einmarsch der Nationalsozialisten machte diesem Unterfangen eine Strich durch die Rechnung. Kobros Werk wurde im Krieg in alle Winde verstreut und zerstört. Sie selbst musste ihre Holzskulpturen verbrennen, um kochen und heizen zu können. Nur sechs Jahre nach Kriegsende starb sie verarmt und vergessen in einer Einrichtung für unheilbar Kranke.

Der Besucher betritt die Ausstellung durch eine originalgetreue Rekonstruktion von Sophie Taeubner-Arps „Bar Aubette“ aus den Jahren 1926 bis 1928. Die mit abstrakten Kompositionen aus unterschiedlich farbigen Rechtecken ausgekleidete Bar stand einst in Straßburg. Anders als ihre männlichen Kollegen waren viele Künstlerinnen auch an der praktischen Anwendung ihrer Kunst interessiert. Delaunay verarbeitete ihre Muster zu Modedesigns, Kobro schuf architektonische Modelle.

Die Künstlerinnen waren hervorragend vernetzt. Sie waren in unterschiedlichen Künstlergruppen engagiert und kamen aus ganz Europa und doch hielten sie Kontakt. So waren Sonia Delauney und Sophie Taeubner-Arp eng befreundet und fuhren auch gemeinsam in Urlaub. Auch Florence Henri war mit den beiden gut bekannt. Man traf sich, schrieb sich Briefe und begutachtete das Werk der Kolleginnen.

230 Werke hat die Kunstsammlung NRW zusammen getragen, ein riesiges Konvolut. Direktorin Monika Ackermann und Kuratorin Susanne Meyer-Büser ist eine tolle Schau gelungen, leider werden die Künstlerinnen in jeweils eigenen Kabinetten präsentiert. Schöner und aufschlussreicher wäre es gewesen, wenn man die Werke einander gegenübergestellt hätte, um die gegenseitige Einflussnahme deutlicher erkennen zu können und erkennen zu können dass es einen regen Austausch und auch eine Beeinflussung gab. So muss man im reich bebilderten Katalog schmökern und die Lebensläufe der Künstlerinnen verfolgen.

Weitere Infos: Kunstsammlung NRW

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Hommage an die Künstlerinnen der Avangarde

  • Anzeige