Zeitgenössische Kunst
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Das Nichtdarstellbare abbilden

Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden zeigt abstrakte Werke von Gerhard Richter.

Wer Gerhard Richter im Atelier besucht, kann gar nicht fassen, dass der Maler vor wenigen Tagen seinen 84. Geburtstag feierte. Richter steht da vor riesigen Leinwänden, auf die er Farbe aufbringt und dann mit großen Rakeln Farbschicht über Farbschicht über die Leinwand zieht. Ein schweißtreibender Akt, den Künstler in diesem Alter meist nur noch von Assistenten ausführen lassen. Doch Richters Arbeit lässt sich nicht einfach fremdsteuern. In einem „gesteuerten Zufall“ entstehen poetische Werke, die ihr Geheimnis nie ganz preisgeben.

Im Zentrum der Ausstellung in Baden-Baden steht der 2014 entstandene Zyklus „Birkenau“. Es ist eines dieser „Wischbilder“, in denn ein silbrig schimmernder Vorhang aufreißt und den Blick freigibt auf Rot und Lila, darunter ein changierendes Giftgrün, manchmal auch ein fleischfarbenes Rosa. Fotografien, die 1944 im Konzentrationslager Birkenau aufgenommen wurden, bilden den Ausgangspunkt und die erste Schicht der Gemälde, der überarbeitende Malvorgänge folgten, bis das Grauen dem Blick entzogen wird. Fühlbar bleibt es dennoch.

Immer wieder hat Richter sich der Shoah intensiv gewidmet und mit sich gerungen. Kann man die Verbrechen malerisch darstellen? Mehrfach hat er versucht, sich dem Thema künstlerisch zu nähern. Schon in der Frühphase seines Werkes in den 1960er Jahren, die noch sehr von Fluxus und Pop-Art geprägt war, sammelte Richter im Werkkomplex „Atlas“ ein Panoptikum seines Lebens aus Fotos, Zeitungsausschnitte und Skizzen, die auch den Naziterror aus seiner Kindheit und Jugend bebildern. 2004 erfuhr er, dass seine Tante Marianne, die Opfer des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten war, von seinem späteren Schwiegervater Heinrich Eufinger als „Geisteskranke“ zwangssterilisiert worden war. Beide spielten in Richters Leben und Werk eine bedeutende Rolle, ohne dass er die Familientragödie kannte.

Mehrfach scheiterte er an den eigenen Vorstellungen. Die Vergangenheit trieb ihn aber um und so versuchte er es mit „Birkenau“ erneut. Er selbst gibt zu: „Es hat gedauert, bis ich die richtige Form gefunden habe.“ Wie bedeutend dieses Thema für ihn ist, zeigt der Umgang mit dem vierteiligen Werk. Es ließ ihn nicht los und so setzte er die Bilder auch in gleichgroße Fotografien um und veröffentlichte 93 fotografische Details der Bilder, genauso wie die Ursprungsfotos unter den Farbebenen. So seziert er das eigenen Werk mit formaler Strenge und Blick für das Wesentliche bis ins kleinste Detail.

Diese Methode der Detailbetrachtung ist in Richters Werk nicht neu und sie macht die Betrachtung der Bilder so spannend, denn er fokussiert den Blick des Betrachters auf ihm wichtige Ausschnitte in den Gemälden. Gleichzeitig erfährt man, was den Maler umtreibt. Überraschend ist vor allem, wie die Details aus einem eigentlich abstrakten Werk eine fast schon gegenständliche Bilderlandschaft entstehen lässt. Da meint man dann Wald zu erkennen, Menschen, gar das Konzentrationslager selbst. Dann verliert man die Konzentration kurz und der Farbschleier senkt sich wieder.

Wie wichtig und qualitativ wertvoll Gerhard Richters Bilder aber sind, sieht man, wenn man durch die Ausstellung in Baden-Baden spaziert. Neben abstrakten Arbeiten Richters aus allen Schaffensperioden hängen da auch Meisterwerke von Sol LeWitt, Sigmar Polke, Andy Warhol und den Abstrakten Expressionisten. Diese Gegenüberstellung belegt Richters Rang in der Kunst und auch seine ganz eigenständige Arbeit abseits der Strömungen des 20. Jahrhunderts.
Die Ausstellung beweist aber auch, dass man sich auch mit den Mitteln der Abstraktion dem Morden in Auschwitz-Birkenau nähern, das Unbeschreibliche festhalten und das Nichtdarstellbare abbilden kann. Die Werke zeigen das hohe Potential der Abstraktion zur Darstellung von Realität. Die Schau thematisiert aber auch unsere Emotionen, die Formen und Farben jenseits einer Darstellung realer Objekte auslösen können.

Bis 29. Mai 2016, „Gerhard Richter. Birkenau“, Museum Frieder Burda, Baden-Baden

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