Saarland, Sehenswert, Zeitgenössische Kunst
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Gerissene Farbe

Das Museum St. Wendel zeigt mit Papierarbeiten von Jo Enzweiler ein Überblick über das Schaffen des Saarländers

In den 1960er und 1970er Jahren war das Saarland tiefe Provinz. Hierher verirrte man sich nur, wenn man mit Kohle und Stahl zu tun hatte oder auf der Durchreise in den Frankreichurlaub war. Künstlerisch war die Region allerdings damals schon ein lebendiger Ort. Keimzelle dieser Kunstszene, die bis heute nachwirkt, war die „neue gruppe saar“ um Boris Kleint und Oskar Holweck, die sich ganz der konkret-konstruktiven Kunst verschrieben hatte. Nicht ganz unbeteiligt am Erfolg jener Jahre und den Nachwirkungen war Jo Enzweiler. Der heute Zweiundachtzigjährige hatte in den 1950er Jahren in München bei Ernst Geitlinger und am Hochschulinstitut für Kunst und Werkerziehung in Saarbrücken studiert. Dort war Kleint sein Professor. Bis in die 1970er Jahre war Enzweiler dann als Lehrer tätig, anschließend Hochschullehrer an der Pädagogischen Hochschule und schließlich Gründungsrektor der Kunsthochschule. So ganz nebenbei rief er mit Kollegen die Galerie St. Johann ins Leben und gründete 1993 das Institut für aktuelle Kunst, das er bis heute leitet.

Da bleibt wenig Zeit für die Kunst, so möchte man meinen. Doch die Ausstellung im Museum St. Wendel beweist, dass sich Enzweiler als Künstler stetig fortentwickelt hat und sich doch treu geblieben ist und dabei ein umfassendes Konvolut geschaffen hat.
Enzweiler hat sich schon früh der konkreten Kunst verschrieben und damit einen bewussten Kontrapunkt zu der damals vorherrschenden, emotionalen Malerei des Tachismus und Informel gesetzt. Sein Ziel: Eine Kunst zu schaffen, die reine Kunst ist und in der die Persönlichkeit des Künstlers weitgehend zurückgedrängt wird. Die Bilder sind nicht Ausdruck von Emotionen des Künstlers, sondern Essenz derselben. Seine Kunstwerke beziehen sich ausschließlich auf sich selbst und haben mit der sichtbaren Wirklichkeit nichts zu tun. Sie sind erst einmal nur Farbe, Form und Fläche. Das klingt sperrig und tatsächlich muss sich der Betrachter die Bilder erarbeiten und sich darauf einlassen. Das gelingt nur, wenn man sich von gewohnten Sichtweisen löst.

Die in der Ausstellung gezeigten Werke bestehen vorwiegend aus rechteckig unterteilten seriellen Bildfolgen. Enzweilers Lieblingsmaterial ist mehrschichtiger Karton, den er aufreißt und zu flachen, aber reliefhaften Collagen zusammenfügt. Manchmal fehlt nur die oberste Schicht, dann wieder sind mehrere Schichten aufgerissen. An der Risskante der Kartontafeln werden die Schichten sichtbar, Linien und Farbverläufe entstehen. Ganz unbewusst überlistet das Gehirn den Betrachter. Landschaften tun sich auf, Dünen, Bergrücken und Täler entstehen vor dem Auge. Minimale Unterschiede in den einzelnen Tafeln lassen den Eindruck entstehen, dass das Licht wandert. Das Gesamtbild bekommt einen ganz eigenen Rhythmus. Bei näherer Betrachtung stellt sich aber schnell heraus, dass es kein Vorne und kein Hinten gibt. Farbe und Form sind gleichberechtigt, einen Inhalt sucht man vergebens.

Die Ausstellung ist retrospektiv angelegt und zeigt Arbeiten von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Es ist erstaunlich, wie modern auch die älteren Werke Enzweilers wirken und wie wenig Kraft sie eingebüßt haben. Das spricht für ihre Zeitlosigkeit und ihren künstlerischen Wert.

Bis 31. August 2016, Jo Enzweiler: Bilderpaare – Bilderfolgen, Museum St. Wendel

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