Kunst im 20. Jahrhundert
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Verstörende Helden

Museumdirektor Max Hollein verabschiedet sich aus dem Städelmuseum mit einer bemerkenswerten Ausstellung zum Frühwerk von Georg Baselitz

In einem wahren Furor malte Georg Baselitz seine Werkgruppe der „Heldenbilder“ 1965/66. In nur einem Jahr schuf der damals 27-Jährige mehr als 70 Gemälde und Zeichnungen. Es war wohl aufgestaute Wut und Aggression in dem jungen Maler, die sich explosionsartig entlud. Das zeigt nicht nur der gewaltige Schaffensakt, sondern auch die Bilder. Expressiv, mit wilder Farbwahl und heftigem Pinselstrich malte Baselitz monumentale Figuren im Nirgendwo. Es sind Soldaten in zerschlissenen Uniformen oder gemarterte Maler mit Stigmata – von unseren Heldenvorstellungen sind sie weit entfernt. Ihren künstlerischen Reiz gewinnen die expressiven Werke aus dem Spannungsverhältnis von Figuration, fast schon gestischem Farbauftrag und autonomer Farbigkeit.
Aus innerer Notwendigkeit habe er die Bilder gemalt, so Baselitz. Die Gemälde scheinen eine Abrechnung mit der Gesellschaft zu sein, die zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Aufarbeitung der Geschehnisse noch immer nicht wirklich begonnen hatte und in Justiz, Verwaltung und Politik immer noch auf die alten Köpfe setzte. Ausgerechnet den Soldaten in zerschlissener Uniform wählte der Künstler zum Protagonisten seiner Bilder, jenen Vertreter eines untergegangenen Deutschlands, das so viel Leid über die Welt gebracht hatte. Viele seiner Gestalten bekommen durch ungewöhnliche Attribute und Titel eine neue Rolle. Da ist der Rebell, der Hirte oder der „Neue Typ“. Aber auch der Künstler wird zum Gegenstand. Als „Moderner Maler“ wird er von Zukunftsangst, Selbstzweifeln und Resignation geplagt und irrt entwurzelt durch die Welt.
Die Figuren haben muskulöse Körper mit breiten Schultern und kleinen Köpfen. Ihr Geschlechtsteil ist oftmals entblößt. Es sind keine gefallenen Helden, aber auch keine, die heroische Taten begangen haben. Ihr einziger Verdienst scheint es zu sein, überlebt zu haben. Trotz der Muskelpakete wirken die Protagonisten dünnhäutig, verletzlich und blicken verunsichert drein.
Stets sind die Helden im immer gleichen Leinwandformat frontal im Zentrum positioniert. Die trostlose Hintergrundlandschaft wird zum Rand der Bilder meist unschärfer. Immer wieder tauchen brennende Häuser oder entlaubte Bäume auf. Immer wieder sind Schubkarren drapiert oder Tornister hängen den Helden wie Blei auf dem Rücken. Die Füße stecken im zerfurchten Boden fest, Hände und Finger sind in Fallen gefangen.
Fast alle sind versehrt und teilweise entsetzlich zugerichtet. Und doch will sich Mitgefühl oder gar Mitleid nicht so recht einstellen. Die Figuren sind stolz und nicht ohne Pathos.
Entstanden waren die ersten Bilder in Florenz, wohin Baselitz mit einem Stipendium gegangen war, nachdem eine Ausstellung von Bildern mit masturbierenden Figuren in seiner ersten Einzelausstellung in der Berliner Galerie Werner & Katz zum Skandal geführt hatte. Sie endete in einer Beschlagnahmung durch die Staatsanwaltschaft. Die miefige Bundesrepublik hatte einen widerstrebenden Geist gefunden, der sich nun den Frust über die Zensur von der Seele arbeitete.
Das Haus hat mit der fabelhaften Präsentation seinen Ruf für hochkarätige Ausstellungen wieder einmal bewiesen. Durch variierende Wandfarben und eine lichte Hängung mit überraschenden Blickachsen wird ein tiefer Einblick in das Werk ermöglicht. Ein bisschen schade ist, dass man Gemälde und Zeichnungen getrennt hat, dabei wären die Vergleiche zwischen oftmals reduzierter Grafik und überbordender Malerei interessant gewesen, zumal von einigen Gemälden Variationen als Zeichnungen existieren.
Museumsdirektor Max Hollein verlässt Frankfurt in diesen Tagen Richtung San Francisco, wo er neuer Leiter der Fine Art Museums wird. Es war auch seine letzte Arbeit als Kurator für das Haus. Für ihn ist die Werkgruppe ein „Schlüsselwerk für die deutsche Malerei der Sechziger Jahre“. Zweifellos wird erstmals wirklich deutlich, wie wichtig die Arbeiten für die deutsche Kunst der Nachkriegszeit sind.

Georg Baselitz. Die Helden, bis 23. Oktober 2016, Städelmuseum, Frankfurt am Main

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