Autor: Bülent Gündüz

Mehr als nur Verkaufsshow

Die zweite Ausgabe der Kunstmesse Luxemburger Art Week bot einige Überraschungen Die Halle Victor Hugo im schicken Luxemburger Viertel Limpertsberg ist eine der typischen Multifunktionshallen in Großstädten. Hier finden Vortragsveranstaltungen statt, Auftritte, Bälle und Prunksitzungen der Karnevalsvereine. Seit 2015 ist der Saal im November aber auch Epizentrum der regionalen Kunstszene. Die Galerie Nosbaum Reding veranstaltete hier in der vergangenen Woche die zweite Luxembourg Art Week. Die Kunstmesse versammelte nicht nur 47 internationale Galerien, sondern bot von Mittwoch bis Sonntag auch ein umfangreiches Begleitprogramm aus Konzerten, Diskussionsrunden und Workshops. Auch die Museen der Stadt waren eingebunden. Kräftig gewachsen war die Messe in diesem Jahr. 2015 waren es noch 19 Galerien und etwa 7000 Besucher. Dieses Jahr sind es schon 47 Galerien und auch die Besucherzahl dürfte deutlich gestiegen sein. Initiator ist Galerist Alex Reding, der die Luxemburger Kunstszene in ihrer ganzen Breite zeigen möchte. Dazu hat er den jährlich stattfindenden „Salon du CAL“ um eine Kunstmesse erweitert. Der Salon bietet schon seit Jahren einen Überblick über die aktuellen Arbeiten der Mitglieder des Künstlerbundes „Cercle Artistique de …

Rauchende Grillen für alle

Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main erzählt die Geschichte des Farbholzschnittes im Wien der Jahrhundertwende Mit dem Ende der akademischen Malerei im 19. Jahrhundert waren die Künstler frei von formalen Zwängen. Ihr Wunsch, eigene Wege zu gehen, und die Zukunftseuphorie der Jahrhundertwende gebar eine Lust zu wilden Experimenten. Kunst sollte nicht mehr länger Staffage für die Reichen und Schönen sein. Ziel der Künstler war es nun, Kunst in die Gesellschaft zu tragen. Dafür brauchte es eine Kunst für alle. So erlebte die Grafik als günstige Alternative zum teuren Ölgemälde einen Aufschwung. Die Japanbegeisterung des Fin de Siècle brachte den fast vergessenen Farbholzschnitt zurück nach Europa. Die jungen Talente der Wiener Kunstgewerbeschule waren begeistert von den Möglichkeiten. Die Experimente mit der wiederentdeckten Technik führten zu einer Aufbruchsstimmung und zu einer neuen Vielfalt in der Kunst, die bis heute nachwirkt. Trotzdem wurde dieses Kapitel bis heute kaum beleuchtet, weil die Auseinandersetzung mit der Wiener Moderne vor allem von Klimt, Schiele und Kokoschka bestimmt wird und sich die drei kaum für Druckgrafik interessierten. Ausgangspunkt für die Entwicklung …

Verstörende Helden

Museumdirektor Max Hollein verabschiedet sich aus dem Städelmuseum mit einer bemerkenswerten Ausstellung zum Frühwerk von Georg Baselitz In einem wahren Furor malte Georg Baselitz seine Werkgruppe der „Heldenbilder“ 1965/66. In nur einem Jahr schuf der damals 27-Jährige mehr als 70 Gemälde und Zeichnungen. Es war wohl aufgestaute Wut und Aggression in dem jungen Maler, die sich explosionsartig entlud. Das zeigt nicht nur der gewaltige Schaffensakt, sondern auch die Bilder. Expressiv, mit wilder Farbwahl und heftigem Pinselstrich malte Baselitz monumentale Figuren im Nirgendwo. Es sind Soldaten in zerschlissenen Uniformen oder gemarterte Maler mit Stigmata – von unseren Heldenvorstellungen sind sie weit entfernt. Ihren künstlerischen Reiz gewinnen die expressiven Werke aus dem Spannungsverhältnis von Figuration, fast schon gestischem Farbauftrag und autonomer Farbigkeit. Aus innerer Notwendigkeit habe er die Bilder gemalt, so Baselitz. Die Gemälde scheinen eine Abrechnung mit der Gesellschaft zu sein, die zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Aufarbeitung der Geschehnisse noch immer nicht wirklich begonnen hatte und in Justiz, Verwaltung und Politik immer noch auf die alten Köpfe setzte. Ausgerechnet den …

Gerissene Farbe

Das Museum St. Wendel zeigt mit Papierarbeiten von Jo Enzweiler ein Überblick über das Schaffen des Saarländers In den 1960er und 1970er Jahren war das Saarland tiefe Provinz. Hierher verirrte man sich nur, wenn man mit Kohle und Stahl zu tun hatte oder auf der Durchreise in den Frankreichurlaub war. Künstlerisch war die Region allerdings damals schon ein lebendiger Ort. Keimzelle dieser Kunstszene, die bis heute nachwirkt, war die „neue gruppe saar“ um Boris Kleint und Oskar Holweck, die sich ganz der konkret-konstruktiven Kunst verschrieben hatte. Nicht ganz unbeteiligt am Erfolg jener Jahre und den Nachwirkungen war Jo Enzweiler. Der heute Zweiundachtzigjährige hatte in den 1950er Jahren in München bei Ernst Geitlinger und am Hochschulinstitut für Kunst und Werkerziehung in Saarbrücken studiert. Dort war Kleint sein Professor. Bis in die 1970er Jahre war Enzweiler dann als Lehrer tätig, anschließend Hochschullehrer an der Pädagogischen Hochschule und schließlich Gründungsrektor der Kunsthochschule. So ganz nebenbei rief er mit Kollegen die Galerie St. Johann ins Leben und gründete 1993 das Institut für aktuelle Kunst, das er bis heute leitet. …

Üppige Kritzeleien

Das Museum St. Wendel präsentiert in der Ausstellung „Geläufiges Gelände. Kritzelbarock“ Arbeiten des gebürtigen Saarbrückers Volker Lehnert aus den letzten Jahren Den Begriff „Kritzelei“ hören Künstler nicht gerne, denn meist wird damit abwertend über Kunst gesprochen. Auch Volkert Lehnert mag das Wort nicht so sehr. Trotzdem wählte er es als Titel seiner St. Wendeler Ausstellung. Schaut man sich die Arbeiten an, dann erinnern gerade die neueren Werke tatsächlich an Kritzeleien und die Zeichnungen scheinen auf den ersten Blick dem fieberhaften Suchen nach der „richtigen“ Linie geschuldet. Doch Lehnerts Zeichnungen sind keine zufälligen Gedankenspiele, sondern wohl kalkuliert und komponiert. Das krakelige Spiel mit der Linie ist hier kein handwerklicher Fehler, sondern führt zu einer Konzentration auf das Wesentliche. Mit diesem Kniff geht die Opulenz und Vielseitigkeit großstädtischer Architektur aber nicht verloren. Lehnert zeichnet vor allem mit Bleistiften. Immer wieder klebt er kleine Zeichnungsschnipsel dazu oder auch eine Notiz aus dem Kalender. Manchmal sind es auch nur Schraffuren oder liniertes Papier. Farbigkeit erreicht er mit Buntstiften, aber auch mit Beize, die er verdünnt wie Lasuren über der …

Das Nichtdarstellbare abbilden

Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden zeigt abstrakte Werke von Gerhard Richter. Wer Gerhard Richter im Atelier besucht, kann gar nicht fassen, dass der Maler vor wenigen Tagen seinen 84. Geburtstag feierte. Richter steht da vor riesigen Leinwänden, auf die er Farbe aufbringt und dann mit großen Rakeln Farbschicht über Farbschicht über die Leinwand zieht. Ein schweißtreibender Akt, den Künstler in diesem Alter meist nur noch von Assistenten ausführen lassen. Doch Richters Arbeit lässt sich nicht einfach fremdsteuern. In einem „gesteuerten Zufall“ entstehen poetische Werke, die ihr Geheimnis nie ganz preisgeben. Im Zentrum der Ausstellung in Baden-Baden steht der 2014 entstandene Zyklus „Birkenau“. Es ist eines dieser „Wischbilder“, in denn ein silbrig schimmernder Vorhang aufreißt und den Blick freigibt auf Rot und Lila, darunter ein changierendes Giftgrün, manchmal auch ein fleischfarbenes Rosa. Fotografien, die 1944 im Konzentrationslager Birkenau aufgenommen wurden, bilden den Ausgangspunkt und die erste Schicht der Gemälde, der überarbeitende Malvorgänge folgten, bis das Grauen dem Blick entzogen wird. Fühlbar bleibt es dennoch. Immer wieder hat Richter sich der Shoah intensiv gewidmet und mit …

Die Realität in Lichtpunkten

Das Saarlandmuseum zeigt grandiose Werke des Fotorealisten Franz Gertsch Nur wenigen Künstlern ist es vergönnt, ein Museum mit dem eigenen Namen zu erhalten. Noch viel weniger Künstler schaffen es aber, dessen Eröffnung noch mitzuerleben. Franz Gertsch wurde diese seltene Ehre im Jahr 2002 zuteil. Der Sammler Wilhelm Michel war von Gertschs Werken so fasziniert, dass er beschloss, seine Bilder in einem eigenen Museum öffentlich zugänglich zu machen. Gertsch hatte Ende der 1960er-Jahre begonnen, fotorealistisch zu malen und wurde schnell zu einem der führenden Protagonisten des Fotorealismus in Europa. Anfangs von Zeitungsbildern, dann von eigenen Fotografien ausgehend, malte er mit äußerster Präzision detaillierte Werke und gab ihnen die Illusion einer fotografischen Abbildung. Franz Gertsch: Pestwurz, 2013–15, Sammlung Dr. h.c. Willy Michel © Franz Gertsch/Stiftung Saarländischer Kulturbesitz 2015 Foto- und Hyperrealismus drohen abseits der perfekten Umsetzungen des Handwerks schnell langweilig und kitschig zu werden, weil sich viele Maler für die oberflächliche Erfassung von Gesehenem interessieren und dies übersteigert umsetzen. Da bleibt wenig Platz für eine eigene Bildrealität. Bei Gertsch war das nie der Fall. Seinen Werken wohnt …

Anti-Malerei aus Licht

Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden widmet dem Lichtkünstler Heinz Mack eine Retrospektive Die Düsseldorfer Künstler Otto Piene und Heinz Mack waren von der Nachkriegskunst enttäuscht. Zu sehr mit psychologischem Ballast aufgeladen schien ihnen die herrschende Malerei des Tachismus und Informel, die das Ich des Künstlers so sehr in den Mittelpunkt rückte. Mack und Piene wollten eine Stunde Null und einen Neuanfang in der Nachkriegskunst. Die beiden gründeten 1958 die Künstlergruppe ZERO, der sich bald auch Guenther Uecker anschloss. Im Museum Frieder Burda erhält Mack nun eine Einzelausstellung, die das Werk des Licht- und Kinetik-Künstlers in den Fokus rückt. Dabei hatte Mack eigentlich schon als Maler begonnen, von den gestischen Abstraktionen der 1950er-Jahre abzurücken. Seine frühen Bilder nannte er „Dynamische Strukturen“ und ließ mittels Schwarz und Weiß horizontale und vertikale Geraden entstehen. Später folgten Reliefs aus Metallfolien, Plexiglas, Keramik und Aluminium. Um 1960 entstanden die „Rotoren“. Einzelne Elemente mit Reliefstrukturen werden mittels Motoren bewegt und verändern so stets visuelle Struktur und Motiv. Neben der Bewegung wurde Licht zum zentralen Element in Macks Werk. In seinen …

Magisch leuchtende Landschaften

Das Saarländische Künstlerhaus zeigt aufregende Bilder von Daniel Enkaoua Daniel Enkaouas Sujets sind eher banal und altmeisterlich. Er malt Stillleben, Landschaften und Porträts seiner Familie. Nichts davon ist auf den ersten Blick wirklich aufregend. Dass seine Bilder trotzdem sehenswert sind, liegt nicht daran, was er malt, sondern wie er es malt. Kaum ein zeitgenössischer Maler versteht es, so virtuos mit Material, Farbe und Oberfläche umzugehen. Daniel Enkaoua: El Penedes. 2010/11, 202 cm x 280 cm, Öl auf leinwand, Foto: Daniel Enkaoua Die Hintergründe von Enkaouas Bildern sind auf den ersten Blick immer grau, offenbaren aber recht schnell ein reiches Farbspektrum, das der Maler sehr subtil einsetzt. Der Künstler trägt die Farbe pastos auf, die Oberfläche wirkt krustig und schrundig. Mit dem Messer glättet er das Material und kratzt die Bildoberfläche wieder auf, sodass die unteren Schichten sichtbar werden. Diesen Vorgang wiederholt er vielfach bis eine Struktur entsteht, die an ein Gewebe oder einen Rauputz erinnert. Oftmals sitzt er jahrelang an einem Bild, malt an mehreren Leinwänden gleichzeitig. Der Franzose stammt aus einer jüdisch-orthodoxen Familie und …

Wenn Graffiti auf Kunst trifft

Hochkarätige Urban Art in der Galerie Zimmerling & Jungfleisch Noch immer nehmen viele Vertreter der Hochkultur in Deutschland die Urban Art nicht ganz ernst. Diese Standesdünkel halten sich hartnäckig, auch wenn die Künstler in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich längst etablierte Größen im Kunstbetrieb sind. Für viele Museen sind die Sprayer keine ernstzunehmenden Künstler, sondern den Kinderschuhen entwachsene Vandalen, die nun an das große Geld des Kunstbetriebs wollen. Wie falsch das ist, beweist gerade die tolle Ausstellung „Ambiguity“ in der Galerie Zimmerling & Jungfleisch. Die Arbeiten der vier ausgestellten Künstler beweisen, welch hohen Qualitätsanspruch die Urban Art vertritt und wie sehr sie inzwischen mit der traditionelle Kunst verschmolzen ist. Da ist der US-Amerikaner Augustine Kofie, dessen Arbeiten eine wunderbar zeitgemäße Interpretation des Futurismus und Konstruktivismus in einem ganz eigenen, unverwechselbaren Stil sind, der an Gebäudezeichnungen erinnert. Oder der Franzose LXone mit seinen stark geometrisch geprägten Gemälden und Plastiken aus Beton, Plastik oder Pappe. Beiden Künstlern gemeinsam ist als Inspirationsquelle die urbanen Architektur. Auch Remi Roughs neuste Arbeiten können überzeugen. Der Londoner malt mit dem …

Modelle für den geistigen Gebrauch

Das Saarlandmuseum präsentiert minimalistische Gegenwartskunst aus Polen Extremer können Gegensätze in der Kunst kaum sein: Während in den Ausstellungsräumen der Modernen Galerie gerade die opulenten Meisterwerke Albert Weisgerbers expressionistisch glühen, zeigt das Museum im großen Saal für Wechselausstellungen minimalistische Werke des polnischen Künstlers Michał Budny. Wo Weisgerbers erotische Odalisken auf Anhieb begeistern, sperren sich Budnys minimalistische Werke allzu leichter Erkenntnis. Das Werk des Polen reicht von kleineren Objekten und Skulpturen über Assemblagen bis zu monumentalen Installationen. Die sechs gezeigten Arbeiten kommen auf den ersten Blick recht einfach daher und man muss sich auf sie einlassen, um sie zu verstehen. Nimmt man sich die Zeit, kann man Wunderbares entdecken. Der Künstler nennt seine Objekte „Modelle für den geistigen Gebrauch“. Sie sind nicht für den einfachen Konsum gedacht, sondern sollen beim Betrachter geistige Prozesse auslösen, die den Raum füllen. Gestalt und Material treten in den Hintergrund. Budny spielt nicht nur mit Oberfläche und Form, sondern auch mit der Architektur des Gebäudes. Akribisch beschäftigt sich der Pole mit der jeweiligen Museumsarchitektur und nimmt Räume und Lichtverhältnisse in die …