Autor: Bülent Gündüz

Ein Bruch mit den Konventionen

Das Frankfurter Städel feiert seinen 200. Geburtstag mit einer aufregenden Ausstellung zum Impressionismus Schon wieder eine Impressionisten-Ausstellung? Wurde da nicht langsam alles gezeigt, nicht schon jeder Aspekt eingehend beleuchtet? Eigentlich schon und mit dieser Antwort könnte man sich einen Ausstellungsbesuch sparen, wäre da nicht die opulente Bildwelt, die viele Menschen bis heute begeistert. Und tatsächlich schafft es das Städelmuseum mit der Ausstellung zum 200. Geburtstag, die Geschichte der Entstehung des Impressionismus noch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu erzählen. Claude Monet: Das Mittagessen, 1868 Öl auf Leinwand, 231,5 x 151 cm Städel Museum, Frankfurt am Main Foto: © Städel Museum, Frankfurt am Main Im Mittelpunkt stehen zwei Bilder gleichen Namens. Claude Monets „Das Mittagessen“ aus dem Jahr 1868 ist auf den ersten Blick ein bürgerliches Idyll, das kaum als impressionistisches Werk erkennbar ist und doch markiert es einen Ausgangspunkt der revolutionären Kunstbewegung. Monet malte seine Familie beim sonntäglichen Mittagsmahl. Dabei wählte er für die private Szene ein Großformat, das man bis zu diesem Zeitpunkt nur Königen zugestanden hatte. Die Provokation jedoch ist das Motiv, denn …

Ordnung ist das halbe Leben

Mia Unverzagt zeigt im Saarländischen Künstlerhaus eine große Werkgruppe Die Szenerie in der Galerie des Saarländischen Künstlerhauses mutet schon merkwürdig an. Am Eingang stehen rosa Pantoffeln für die Besucher bereit. So beschuht geht es dann in die Ausstellungsräume, an deren Wänden kühle Fotos von Damen hängen, die in einer Wäscherei zu arbeiten scheinen. Dazwischen zwei Installationen von einem Arbeitszimmer und einer kleinen Werkstatt, die aus den 1950er-Jahren zu stammen scheinen. Das Gesamtkunstwerk hat die ehemalige HBKsaar-Studentin Mia Unverzagt ersonnen. In der Werkgruppe „Messen – Wiegen – Ordnen“ geht sie spielerisch gesellschaftlichen Ordnungsmustern nach und untersucht deren Wirkung auf uns. Die Fotos stammen von einem Experiment, in dem die Bremer Künstlerin Menschen eingeladen hat, sich aus einem Berg von Hauskleidern und Gegenständen aus den 1940er- bis 1970er-Jahren etwas auszusuchen, was sie gerne tragen würden. Dann sollten die Versuchspersonen die ausgewählten Dinge messen, wiegen und ordnen. Unverzagt begleitete dies mit der Kamera. Hat man die Intention erkannt, wirken die beiden Installationen dazu dann plötzlich nicht mehr zusammenhanglos, denn Schreibtisch und Regal des Arbeitszimmers sind voller Unterlagen und …

Stelldichein der Urban Art

Die Galerie Zimmerling & Jungfleisch in Saarbrücken zeigt in der dritten Ausstellung einen Überblick über die Urban Art Patrick Jungfleisch legt ein hohes Tempo vor. Gerade einmal vier Monate gibt es die Galerie Zimmerling & Jungfleisch und die dritte Ausstellung mit Meisterwerken der Urban Art läuft bereits. Mit „Urban Selection“ lässt die Galerie die Muskeln spielen und zeigt einen Überblick über ihre besten Künstler. Jungfleisch ist besser bekannt als Reso und die großformatigen Tags des Urban-Art-Künstlers begrüßen die Ausstellungsbesucher gleich beim Betreten der Galerie. Die Arbeiten aus dem Jahr 2014 zeigen Resos sanfte Weiterentwicklung in den letzten Jahren. Immer noch arbeitet er mit den Buchstaben seines Künstlernamens und immer noch dreht, kippt und transformiert er die Buchstaben im virtuellen Bildraum bis zur Unkenntlichkeit. Doch die Bilder sind dynamischer, kleinteiliger, wirken energiegeladener als frühere Werke und damit auch emotionaler. Mit Jef Aérosol ist einer der Stars der Urban-Art-Szene in der Ausstellung vertreten. Die beiden Bilder aus der Crowd-Serie gehören zwar nicht zu den besten Arbeiten des Franzosen, sind aber mit ihrer Bildsprache schon fast Ikonen der …

Rohrkrepierer deluxe

17 Jahre lang war die „art frankfurt“ ein fester Termin im Kunstmessenkalender. Immerhin rund 2000 Künstler wurden von 150 Galerien präsentiert. 2005 war dann Schluss – es kamen einfach zu wenige besucher, die kaufkräftige Sammlerklientel fehlte fast völlig. Michael Neff verkleinerte die Messe radikal und nannte sie fortan „Fine Art Fair Frankfurt“. Aber nach zwei Ausgaben war auch damit Schluss. In diesem Jahr sollte die Mainmetropole nun wieder eine Kunstmesse bekommen. Groß angekündigt wurde das Projekt im vergangenen Oktober – recht spät. Ob es wohl daran lag, dass statt der angepeilten 150 bis 200 Ausstellern nur 60 kommen wollten oder war die Jury zu streng? Der eigenen Anspruch war hoch. Direktoren der Messe sind Wolf Krey von der Kunstmesse München und Galerist Eric Beuerle de Castro, als Beirat ließen sich Ottmar Hörl, Klaus Gallwitz, Hans Ottomeyer und Jean-Christophe Ammann anwerben – durchaus klangvolle Namen, die ein hohes Niveau versprachen. Ich hatte vor, die Messe zu besuchen, um mir einen persönlichen Eindruck zu machen, musste dann aber kurzfristig umdisponieren, weil mir ein anderer Termin dazwischen kam. …

Tunnel des Grauens

Die japanische Künstlerin Shiharu Shiota begeistert in der Stadtgalerie Saarbrücken mit raumfüllenden Installationen Gruselig. Aufregend. Unglaublich. Ehrfürchtig raunen Besucher der Stadtgalerie derlei, während sie durch die Ausstellungsräume flanieren. Der erste Ausstellungssaal ist in ein Halbdunkel gehüllt. Von den Ausmaßen des Raumes ist nicht viel geblieben. Als ob hier eine riesige Spinne ihr Werk vollbracht hat, ist der Raum mit einem dichten Gespinst aus schwarz-grau schimmernden Wollfäden gefüllt. Nur der entstandene schmale Tunnel lässt den Besuchern Platz, um hindurchzukommen. Unweigerlich wird man von dem Gang eingesaugt und gelangt in einen zweiten Raum, der zu einer Schreckenskammer wird. Eingewebt in das Gespinst sind hier sieben weiße Kleider. Eines scheint ein Brautkleid zu sein, aber auch Kinderkleidchen hängen hier. Aber wo sind ihre Besitzer? Was geschah mit den Menschen? Unweigerlich setzt das Kopfkino ein. Chiharu Shiota: Seven Dresses, Stadtgalerie Saarbrücken, 2015, Foto: Bülent Gündüz Diese atemberaubende Installation stammt Shiharu Shiota. In einer enormen Fleißarbeit hat die in Berlin lebende Japanerin mit Helfern in zehn Tagen und mit einigen Kilometern Wolle dieses kleine Wunder vollbracht. Und gleich noch ein …

Blick in die Galerie Zimmerling und Jungfleisch

Neue Galerie in Saarbrücken

Aus einer Bierlaune heraus kamen die Freunde Patrick Jungfleisch und Dirk Zimmerling im vergangenen Jahr auf die Idee, eine Galerie zu gründen. Rasch erkannten die beiden, dass sie ein ideales Team für ein solches Unterfangen wären und begannen mit der Umsetzung. Zimmerling bringt als Unternehmer und Vertriebsleiter das nötige kaufmännische Verständnis mit, Jungfleisch organisiert als Urban-Art-Künstler Reso schon seit vielen Jahren Ausstellungen. Er besitzt ausgezeichnete Kontakte und das nötige Fachwissen. Der programmatische Schwerpunkt der Galerie war aufgrund von Resos Arbeit war schnell umrissen und der potentielle Markt nicht uninteressant. Die vom Leben im urbanen Raum inspirierte Kunstrichtung der Urban Art gewinnt seit Jahren weltweit zunehmend an Bedeutung. Immer mehr Museen und Sammler interessieren sich für die Kunst, die ihren Ursprung in Graffiti und Street Art hat. Mit „Portraits & Profiles“ präsentiert die neue Galerie gleich drei bedeutende Künstler in durchdachter Hängung. Hohe Decken, viel Tageslicht und der Charme industrieller Architektur in der alten Buswerkstatt hinter dem Hauptbahnhof sind hervorragend geeignet, Kunst zu präsentieren. Blick in die Galerie Zimmerling & Jungfleisch, Foto: Galerie Zimmerling & Jungfleisch, …

Das Museum als Abenteuerspielplatz

Als das Musée d‘Art Moderne Grand-Duc Jean 2006 seine Pforten öffnete, versprach man einen lebendigen Ort für zeitgenössische Kunst. Ein großes Versprechen, denn zeitgenössische Kunst gilt gemeinhin als spröde, schwer verständlich und intellektuell überbefrachtet und die Ausstellungshäuser können nur selten mit großen Namen punkten. Viele Museen für aktuelle Kunst müssen um Besucher kämpfen und oftmals herrscht gähnende Leere. Nicht so im Mudam, das mit einer großen Portion kuratorischem Geschick Entdeckungen ermöglicht und die Besucher immer wieder begeistert. Derzeit zeigt das Museum im Erdgeschoss großformatige Arbeiten des hierzulande weitgehend unbekannten Künstlers Rui Moreira. Seine in kräftigen Farben gehaltenen Gouaches sind inhaltlich wie formal sehr komplex, aber wunderschön anzuschauen und voller kultureller Anspielungen, die es zu enträtseln gilt. Mit oftmals kleinen abstrakten und geometrischen Strukturen schafft der Portugiese riesige Werke auf Papier. Beeinflusst sind seine Bilder von seinen Reisen nach Afrika, Indien oder in den Norden Portugals. Viele Landschaftsbilder erinnern in der Ausführung an japanische Holzschnitte. Im anderen Flügel des Erdgeschosses läuft derzeit die Ausstellung Art & Me. „Kunst & ich“ ist so etwas wie ein Abenteuerspielplatz …

Qualität oder Quantität?

Als das Centre Pompidou 2010 in Metz eröffnet wurde, pilgerten die Besucher in Scharen in das neue Museum. Mit der Ausstellung „Meisterwerke?“ präsentierte die Dependance des Pariser Museums Schätze aus der Sammlung. Doch seither sinken die Besucherzahlen des Museums kontinuierlich. Selbst gelungene Ausstellungen wie die mit den Wandbildern Sol LeWitts, die Ausstellung „1917″, „Paparazzi“ oder „Der Blick von oben“ konnten diesen Trend nicht aufhalten. Die Politik war enttäuscht, weil bei Politikern nicht Qualität, sondern Quantität zählt, und so setzte sich eine Runde aus lothringischen Regionalpolitikern und Kulturministerin Aurélie Filipetti gegen CPM-Direktor Laurent Le Bon durch und änderte das Konzept des Hauses. Seit März und noch bis 2016 zeigt das Haus nun in einer Dauerausstellung im großen Ausstellungssaal „Phares“, „Leuchttürme“. Als Trostpflaster gab es noch 500 000 Euro für die neue Schau und das Museum soll weitere 4,6 Mio. Euro aus dem Regional-Pakt Lothringen bekommen. Eventuell soll die Ausstellung auch über 2016 hinaus bestehen bleiben und nur ein Teil der Werke ausgetauscht werden, so wie es die Louvre-Dependance in Lens tut. Die neue Dauerausstellung zeigt vor …

Schmerzhafte Begegnungen in der Wanne

Wer am Freitag Abend an der Stadtgalerie vorbeikam, erlebte im Innenhof eine gespenstische Szenerie. Eine Frau und ein Mann schleppten wortlos Eimer mit Splitt und kippten ihn in eine Badewanne. Irgendwann bestiegen sie diese und rieben sich und den anderen mit den Steinchen ein. Man sah ihnen immer wieder den Schmerz und die Anstrengungen an. Plötzlich erhoben sich die beiden, gingen zu einer zweiten Wanne und begannen sich zu waschen. Auch hier kam es zu einem Miteinander. Man schrubbte sich gegenseitig, besann sich immer wieder auf sich selbst, tauchte in das Wasser ein und keuchend wieder auf. Irgendwann stieg das Paar aus der Wanne heraus und verschwand. Die Szene entpuppte sich als grandiose Live-Performance der deutsch-türkischen Künstlerin Nezaket Ekici und des Israelis Shahar Marcus und zweifellos ist dies die bisher eindrücklichste Aufführung des Duos. Das eigentliche Medium der Künstler ist ihr Körper mit dem sie in Beziehung zueinander treten, Energien aufbauen und sich entladen lassen und so miteinander kommunizieren. Insbesondere Ekici geht dabei immer wieder sichtbar an ihre Grenzen. Kein Wunder, ist die Deutsch-Türkin doch …

Meisterhaftes Spiel mit der Irritation

Svenja Maaß hat eine Vorliebe für Tiere. Flauschige Schafe bevölkern ihre Bilder, neugierige Erdmännchen, kopulierende Frösche, niedliche Hunde, schläfrige Kängurus und gelangweilte Affen. Hinzu gesellen sich Würste, Wolken, Kerzen, Pilze und was sonst noch zu einer guten Geschichte gehört. Die Hintergründe sind mal geometrisch abstrakt, dann wieder gestisch oder einfarbig und manchmal eine Kombination daraus. Die in Hamburg lebende Bielefelderin erzählt in den Bildern surrealistische Geschichten. Maaß’ Bilder sprühen vor Humor und Witz. Sie bedient sich dabei eines ikonographischen Fundus, der keine Grenzen zu kennen scheint. Meist hat sie vor Beginn der Arbeit nur eine vage Idee, was sie erzählen will und beginnt dann zu malen. Sie komponiert frei, Ideen und Gedankenblitze formen während des Malaktes im Kopf der Malerin eine Geschichte, die sie in den Bildern verewigt. Das Schöne daran ist, wie herrlich zusammenhanglos die Bildelemente wirken. Dem Betrachter wird so keine Geschichte aufgezwungen und er sich die Handlung selbst zusammenspinnen kann. Auch die Titel sind keine große Hilfe, sie verwirren mehr, als sie erklären. Schon länger malt Maaß in ihrem ganz eigenen Stil. …

Spiel der Formen

Gabriela von Habsburg stellt im Haus der Unternehmensverbände in Saarbrücken aus Gabriela von Habsburg ist eine zierliche Person. Müsste man raten, welche Kunst sie begeistert, man würde wohl auf Malerei tippen. Doch weit gefehlt: Wenn die Künstlerin im Atelier steht, dann krempelt sie die Ärmel hoch, nimmt Schweißgerät und Winkelschleifer zur Hand und bearbeitet dicke Stahlplatten. „Von Habsburg“ ist kein zufälliger Künstlername: Sie ist die Enkelin des letzten österreichischen Kaisers und entstammt dem Hause Habsburg-Lothringen. Geboren wurde die Künstlerin in Luxemburg, aufgewachsen ist sie in Bayern. Nach einem Philosophie-Studium lernte sie Ende der 1970er-Jahre an der Akademie der Bildenden Künste in München unter Robert Jacobsen und Eduardo Paolozzi. Von den beiden übernahm sie die Liebe zur Bildhauerei und noch heute erinnern ihre Arbeiten an die Formensprache Jacobsens. Zwischen 2001 und 2009 war von Habsburg Professorin an der Kunstakademie in Tiflis und ist seit 2014 Inhaberin eines Lehrstuhls an der Visual Art and Design School in der georgischen Hauptstadt. Längst ist Tiflis zu einer zweiten Heimat geworden. Wenn sie von Georgien erzählt, gerät sie ins Schwärmen …