20. Juli 2010 |
Dr. Ralph Melcher ist Vorstand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Unter ihrem Dach vereint die SSK die wichtigsten Museen des Saarlandes. Doch die Stiftung und ihr Chef haben ein Problem.
Schon im letzen Jahr wurde angesichts der Ausschreibung für einen vierten Pavillon des Saarlandmuseums heftig gestritten, ob es dabei mit rechten Dingen zuging, weil der Siegerentwurf nicht den Vorgaben der Wettbewerbsausschreibung entsprach. Bürger und Stadtverwaltung waren mit dem ausgesuchten Entwurf nicht einverstanden, weil man Angst hatte, dass der Anbau nicht in das Stadtbild und zum Museum passen könnte. Gerade erst hatten sich die Wogen geglättet. Nun gibt es einen Bericht der saarländischen Rechnungshofes, der das Finanzgebahren der Stiftung unter die Lupe nahm und gleich mehrere Dinge beanstandete.
Die Prüfer werfen dem promovierten Kunsthistoriker Melcher laut der Saarbrücker Zeitung vor, auf Dienstreisen in Begleitung seiner Ehefrau Steuergelder verschwendet zu haben. So soll Melcher ins Luxushotels abgestiegen sein und in den teuersten Restaurants diniert haben. Dabei soll er unter anderem in einem Restaurant 594 Euro ausgegeben haben, darunter waren zwei Flaschen Wein für jeweils 120 Euro. Bei Reisen nach Marbella, Venedig, London, Berlin, Paris und Wolfsburg soll Melcher schon mal bis zu 465 Euro pro Nacht bezahlt haben. Insgesamt habe Melcher zwischen im untersuchten Zeitraum zwischen 2006 und 2008 119 Belege (rund 20.500 Euro) aus der gehobenen Kategorie abgerechnet haben, darunter auch Einladungen an den ehemaligen Bildungsminister und jetzigen Fraktionsvorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion Schreiner und die Bildungsministerin Kramp-Karrenbauer.
Als problematisch gilt auch eine Gehalterhöhung im Jahr 2007 um großzügige 3000 Euro. Melcher erhielt bei seiner Anstellung am 1. Januar 2004 das 1,4 fache der Vergütungsgruppe I des Bundesangestelltentarifvertrages. Dies bedeutete damals nach Recherchen der SZ rund 6000 Euro monatlich. Doch schon ein Jahr vor Ablauf seines Vertrages wurde mit Wirkung zum 1. Janur 2008 ein Änderungsvertrag „auf Grund seines außerordentlichen Engagements für die Stiftung“ unterzeichnet. Melcher bekam das 1,85-fache der Entgeltgruppe 15, Stufe 5 des Tarifvertrages der Länder. Dies dürfte einem Gehalt von etwa 9500 Euro entsprechen. Schon seit August 2006 wurde Melcher eine zusätzliche Sonderzahlung von monatlich 1250 Euro gewährt. Die Extra-Finanzspritze wurde, so der Rechnungshof, mit „über die normalen Dienstaufgaben hinaus gehendem zusätzlichem Arbeitsaufwand im Rahmen des Bauvorhabens Vierter Pavillon“ begründet.
Unter dem Strich wird Melchers Gehalt auf 10 700 Euro geschätzt. Damit gehöre der Stiftungschef nach Feststellungen der Prüfer im bundesweiten Vergleich zu den Top-Verdienern der Museumsszene. Der Rechnungshof startete eine Umfrage in den Bundesländern mit vergleichbaren Einrichtungen. Resultat: „Nach dem derzeitigen Kenntnisstand erhält kein einziger Leiter der in den bundesweiten Vergleich einbezogenen 21 Einrichtungen ein mit den Bezügen des SSK-Vorstandes vergleichbares Gehalt.“ Die Forderung des Rechnungshofes ist eine Reduzierung des Gehalts auf etwa 6700 Euro.
Das damit eingesparte Geld soll, so ein Vorschlag der Prüfer, in die Stelle eines gleichberechtigten und gleichbezahlten kaufmännischen Leiters neben dem kunstwissenschaftlichen Vorstand investiert werden. Diese Doppelspitze könnte unter dem Strich „kostenneutral“ realisiert werden, denn die Stelle des derzeitigen Verwaltungsleiters solle dann wegfallen. Keine schlechte Idee und bei vergleichbaren Einrichtungen längst Gang und Gäbe.
Doch der Rechnungshof beanstandet noch mehr. Wegen des Baus des vierten Ausstellungspavillons auf dem Gelände des Saarlandmuseums war ein Weiterbetrieb des Restaurants im Saarlandmuseum nicht mehr möglich. Deshalb wurde der bis zum August 2013 laufende Pachtvertrag vorzeitig im Sommer 2009 aufgelöst. Der Pächter erhielt dafür eine Entschädigungszahlung von 310.000 Euro von der Stiftung. Aus Sicht des Rechnungshofs ist die Summe um mindestens 100.000 Euro zu hoch. Der Stiftungsvorstand habe es versäumt, den Pächter rechtzeitig zu informieren. Das im August 2003 laufende Pachtverhältnis war ursprünglich auf fünf Jahre festgelegt, doch der Pächter zog eine vorzeitige Option auf Verlängerung, obwohl ihm bekannt gewesen sein müsse, dass eine Weiternutzung nicht möglich sei. Der Gastronom wollte eine Abfindung von 539.000 Euro und habe letztlich nach Verhandlungen 310.000 Euro erhalten. Das sei zu hoch, so der Landesrechnungshof, man hätte es im Zweifelsfalle auf einen Rechtsstreit ankommen lassen sollen, so die Prüfer.
Inzwischen rumort es im Saarland. SPD-Generalsekretär Reinhold Jost fordert umfassende Aufklärung von der Landesregierung und eine Suspendierung Melchers. Die LINKE ist entsetzt ob der dekadenten Völlerei auf Steuerzahlers Kosten. Staatskanzleichef und Minister für Kultur Karl Rauber (CDU) verspricht baldige Aufklärung, schont seinen Stiftungsvorstand aber bisher. Den Chef des Völklinger Weltkulturerbes Meinrad Maria Grewenig packt anscheinend die Angst und er schimpft, dass man so mit Führungskräften nicht umgehen könne: “Das wirft kein gutes Licht auf das Saarland.” Grewenig warnt vor “Provinzniveau” im Lande.
Und Melcher? Der gibt sich zerknirscht und fürchtet um seine Karriere. In einem Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung betonte er, sicher zu sein, keine juristische Verfehlung begangen zu haben und verspricht, den Schaden wieder gut zu machen. Rund 30.000 Euro müsste Melcher dann zurückzahlen. Er sieht sich im recht, habe sein Spesenkonto nie überzogen und es gab nie Beanstandungen des Kuratoriums. Kein Wunder. Die ehrenamtlichen Kuratoren haben die Belege nie wirklich gesehen. Melcher gab diese an den ihm unterstellten Verwaltungsleiter weiter und der hatte keine Beanstandungen.
Der Fall wirft zwei Fragen auf. Warum haben die Kontrollinstanzen versagt? Ganz einfach: Weil es keine gab. Der dem Stiftungsvorstand Melcher unterstellte Verwaltungsleiter wird seinen Vorgesetzten kaum anschwärzen oder ihn wegen seiner Spesenpraxis rügen. Das Kuratorium der Stiftung und das zuständige Ministerium haben sich nie für die Spesenpraxis interessiert. Ein leicht zu lösendes Problem, in dem man die Zuständigkeit für die Kontrolle des Stiftungsvorstandes in das Ministerium verlagert und einen gleichberechtigten kaufmännischen Leiter neben Melcher installiert.
Viel interessanter ist aber die Frage: Wie viel Geld darf der Chef eines Museums für Reisen und Restaurantbesuche ausgeben? Ein Museumsdirektor muss viel reisen. Er muss Kontakte pflegen, muss sich mit Sammlern und Leihgebern treffen, wichtige Ausstellungen und Kongresse besuchen, das Land und seine Museen repräsentieren. Dazu gehört auch, dass der Museumsdirektor natürlich nicht in einer Jugendherberge schläft und Gönner und Kollegen zum Imbiss einlädt. Wer über Millionenwerte verhandelt, sollte sich tatsächlich im entsprechenden Umfeld bewegen dürfen. Dies muss aber transparent geschehen und nach dem Motto: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Doch Melcher hat überzogen. Zu viele Belege, zu viel Geld für ihn und seine Frau mit zu hohen Kosten. Wie will man dem Steuerzahler vermitteln, dass der Museumschef und seine Frau auf Kosten der Steuerzahler für knapp 600 Euro speist?
Wahrscheinlich hat Melcher juristisch nichts falsch gemacht, auch wenn die Staatsanwaltschaft vom Anfangsverdacht der Untreue ausgeht und ermittelt. Ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl hätte aber gut getan. Vielleicht wäre ein Spesenkonto speziell für die Repräsentationspflichten nicht verkehrt und eine Lösung.
Melcher verdient ausgezeichnet und muss viel leisten. Anders als sein Vorgänger Güse ist er nicht mehr nur für das Saarlandmuseum zuständig. Dort muss er sich um das Tagesgeschäft und den Bau des neuen Ausstellungspavillons kümmern. Außerdem musste Melcher die zuvor von einem zweiköpfigen ehrenamtlichen Stiftungsvorstand geführten Personal- und Finanzgeschäfte übernehmen. Vielleicht war auch das ein Fehler. Man hat Melcher zu viel aufgebürdet und ihn dann alleine gelassen. Nicht das Melcher ein Opfer der Umstände wäre, doch das sollte man ihm das zu Gute halten. Sollte Melcher bleiben, wird es sich in Zukunft vielleicht wieder mehr um die kunstwissenschaftliche Arbeit kümmern. Denn da gibt es genug Verbesserungsmöglichkeiten. Schöne und innovative Ausstellungen sind harte Arbeit – nur leider selten in teuren Restaurants. Wie Melcher bei all den anderen Aufgaben noch Zeit als Kuratoren haben sollte, bleibt ein Rätsel.
Ein kleiner Hinweis: Alle Kommentare, die die sofortige Auflösung des Saarlandes fordern, werden von mir als Saarländer natürlich gelöscht!
Und: natürlich ist das Saarland nicht provinziell, sondern ein kleiner, schöner und mondäner Landstrich im Herzen Europas!
9. Juni 2010 |
So, die Arbeiten an meinem Buch gehen dem Ende entgegen, ich habe also wieder mehr Zeit, mich dem Blog zu widmen, den ich in letzter Zeit sträflich vernachlässigt habe. Ihr dürft also künftig wieder häufiger neue Artikel lesen.
Eine kleine Neuerung findet sich rechts in der Sidebar. Dort ist ein kleiner bunter Button von Flattr, den man allerdings nur sieht, wenn man den Artikel als Einzelartikel liest und nicht, wenn man die Indexseite sieht. Der Grund: Der Blinki-blinki-bunt-bunt-Button sieht nicht so schön aus und zerstört das Design der Seite. Flattr ist ein relativ neuer Micro-Paymentdienst oder in verständlichem Deutsch: ein Dienst, mit dem man kleinere Beträge für Artikel zahlen kann, wenn sie gefallen. Eine kleine Kaffeekasse also. Das Prinzip funktioniert ganz einfach: Man meldet sich bei Flattr an und legt einen Betrag fest, den man monatlich für Online-Inhalte ausgeben will. Dann klickt man immer dort, wo einem etwas gut gefällt, auf den Button. Am Ende des Monats wird die vorher festgelegte Gesamtsumme auf die angeklickten Artikel verteilt. Wer also zwei Euro pro Monat für Online-Inhalte ausgeben will und zehn mal geklickt hat, schenkt jedem Autor zwanzig Cent, klickt er zwanzig Mal auf einen Flattr-Button, bekommt jeder Autor bzw. jeder Klick wenn Artikel eines Autors mehrfach angeklickt werden, zehn Cent. Ganz schön ist auch die Idee des Gebens and Nehmens, denn man kann nur etwas bekommen, wenn man auch selbst etwas verteilt. Weitere Informationen gibt es bei Flattr.
Eine schöne Idee, die erst am Anfang steht, aber sich hoffentlich durchsetzt und so Qualität im Netz belohnt.
18. Dezember 2009 |
…geht ein Jahr zu Ende. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein friedliches und frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
360° macht Pause bis zum 04. Januar 2009.
15. August 2009 |
Liebe Leserinnen und Leser, 360° gönnt sich Urlaub und macht bis zum 31. August 2009 Pause!
10. August 2009 |
Die Provence und die nahe gelegene Côte d’Azur sind ein schönes und empfehlenswertes Urlaubsziel. Für jeden ist es etwas dabei, die wildromantische Landschaft der Provence, mondäne Städte an der Côte d’Azur, schöne Strände, gutes Wetter, tolle Weine und noch besseres Essen… Auch Künstler wussten die Region zu schätzen. Licht und Farben sind hier ganz anders als im manchmal tristen Paris. Van Gogh lebte einige Monate hier und auch Gauguin kam in die Provence. Am innigsten verbunden war jedoch Cézanne mit der Region, besonders angetan hatte es ihm der Blick von seinem Atelier in Aix-en-Provence auf die Montagne Sainte-Victoire, deren Massiv er in zahlreichen Bildern und in vielen Variationen verewigte.
Am Fuße des Bergmassivs liegt das kleine Örtchen Vauvenargues, das von einem romantischen Schloss überragt wird. Dieses Anwesen erwarb Picasso 1958, lebte dort bis 1960 und nutze das Schloss als Atelier bis zu seinem Tod im Jahre 1973. Geerbt hat Chateaux de Vauvenargues Catherine Hutin, die Tochter von Picassos Frau Jacqueline aus erster Ehe. Seitdem ist das Haus verschlossen und nur den Mitgliedern der Familie Picasso zugänglich.

Der malerische Ort Vauvenargues, im Vordergrund das gleichnamige Chateau
Foto: Marie de Vauvenargues
Hutin wollte das Schloss langfristig für den Tourismus öffnen, doch die Einwohner des Ortes wehrten sich. Sie wollten keien Massentourismus in ihrem Ort und protestierten – nicht ganz unverständlich. Also entschloss man sich, dass Chateau wenigstens einen Sommer lang unter Auflagen für Besucher zugänglich zu machen. Nur in Gruppen und höchstens 75 Personen pro Tag dürfen noch bis zum 27. September 2009 das Schloss besichtigen. Danach ist Schluss.
Die wichtigsten Räume dürfen besichtigt werden: Schlafzimmer, Esszimmer, Badezimmer und Atelier, die Räume, in denen sich auch Picasso hauptsächlich aufhielt. Die Räume sind spartanisch eingerichtet. Picasso hing Werke von Künstlerkollegen auf, seine eigenen Bilder und Skulpturen bereicherten das Haus ebenfalls. Im Badezimmer prangt eine Wandmalerei, ein musizierender Faun, und das Kopfteil des Bettes sowie der Teppich im Schlafzimmer sind ebenfalls von Picasso entworfen worden. Im weitläufigen Park liegen die Gräber von Picasso und Jacqueline, die ebenfalls besichtigt werden können.
Wer nicht nach Südfrankreich pilgern kann oder will, dem sei das bei Feymedia erschienene Buch “Picassos Häuser” empfohlen. Der opulente Bildband beleuchtet Picassos Villen und Anwesen in Cannes, Vallauris, Mougins und das Chateau in Vauvenargues.
Weitere Informationen und Buchungen im Musée Grant, in dem zeitgleich die Ausstellung “Picasso Cézanne” zu sehen ist.
16. Januar 2009 |
Ab heute kann man auch bei twitter über 360° auf dem Laufenden bleiben. Wer einen Account bei twitter hat, klickt einfach rechts in der Sidebar unter Feeds auf twitter und dann auf “follow”. Wer noch keinen Account hat, muss sich in ein paar Schritten einen anlegen. Dann bekommt man kurze Textnachrichten mit den Überschriften der Artikel und einem Link, wenn ich hier etwas Neues publiziert habe. Vorteilhaft ist das insbesondere, wen man die Artikel auf dem Handy lesen möchte. Viel Spaß!
20. Dezember 2008 |
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern von 360° ein schönes und besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
360° macht jetzt bis zum 04. Januar 2009 Pause.
20. Dezember 2008 |
Wie auch im letzten Jahr, soll es auch in diesem Jahr für einige Akteure der Kunstwelt eine kleinere Ehrung geben.
Beste Ausstellung: Kandinsky Absolut.Abstrakt, Lenbachhaus, München
Bestes Museum/ Kunsthalle: Museum Frieder Burda, Baden-Baden
Beste Galerie: Galerie Lichtpunkt, München
Künstlerin des Jahres: Sabine Wild
12. Dezember 2008 |

Sabine Wild, Stuttgarter Landtag, 2008
Bis zum 21. Februar 2009 ist in der Stuttgarter Galerie Dengler und Dengler die Ausstellung “Sightseeing” mit neuen und älteren Arbeiten der Fotografin Sabine Wild zu sehen. Ich hatte ja schon zwei Mal (hier und hier) etwas zu Sabine Wild geschrieben, die Galerie sagt es aber auch ganz schön:
Die Verunklärung der Details in scheinbar pastoser Ölfarbe, läßt das einzelne Bauwerk in der Wirkung zurücktreten, zugunsten der städtebaulichen Situation oder des einzelnen Baukörpers im Stadtraum. Die nüchterne Kälte einer Glasfassade wird durch Malerei emotional überlagert. Gleichzeitig verweigert die digitale Malerei die persönliche Geste, das was Harold Rosenberg die Spur des Künstlers genannt hatte. So stehen die zumeist menschenleeren Stadtbilder von Sabine Wild im Zentrum mehrerer Spannungsfelder, zwischen präziser Photographie und gestischer Malerei, zwischen technischer Perfektion ohne physische Berührung des Subjekts und der vermeintlichen Spuren des Subjektiven, zwischen Vernunft und Gefühl.
Ich bin auch immer wieder versucht, die Bilder anzutatschen, um zu schauen, ob sie nicht doch gemalt wurden (nein, sind sie natürlich nicht). Neben Arbeiten aus New York und Berlin sind auch Arbeiten von Stuttgarter Bauwerken zu sehen. Ich persönlich kann über die tollen Arbeiten von Wild und ihre Technik immer wieder staunen. Unbedingt anschauen!
10. September 2008 |
Nobuyoshi Araki ist ein Star der Aktfotografie. In unendlich vielen Variationen spürt er der Sexualität in allen Facetten nach. Lust, Sex, Gewalt, Begierde, in seinen Arbeiten findet sich jede Facette der menschlichen Sexualität. Seine Bilder hängen in vielen Museen der Welt und doch wird immer wieder bezweifelt, dass Araki Kunst macht. Seine Bilder seien einfach zu nah an der Pornografie. Ganz widersprechen kann man dem nicht, aber die Grenze ist wohl fließend.
In der Ausstellung “Darkside” im Fotomuseum Winterthur ist Araki unter anderem mit eine Bild einer liegenden Frau vertreten. Man sieht von ihr aber nur die Lippen und beim ersten Hinschauen ist man verdutzt. Hat der Fotograf hier etwa tatsächlich das Intimste fotografiert? Erst beim zweiten Blick stellt man fest: nein, es ist der Mund einer Frau in Nahaufnahme. Araki spielt hier mit unseren Fantasien, er fotografiert Unverfängliches, dies jedoch so geschickt, dass wir sogleich eine Assoziation zur Sexualität entwickeln.

Ganz anders Sylvia Plachy, die mit “Memories O’ Love, Malibu” (1996), hinter den Kulissen eines Sexfilm fotografiert hat. Sexualität wird so zu einem kommerziellen und wenig lustvollen Akt. Überhaupt geht es in einigen Bildern kräftig zur Sache. Kopulierende Paare, heterosexuelle und homosexuelle Szenen, Sado-Maso-Bilder, Geschlechtsteile in allen Variationen und erotische Meisterwerke aus der Anfangszeit der Aktfotografie, als selbst eine entblößte Brust noch Skandale auslösen konnten. Heute schockt kaum noch eines der Bilder. Nur Anna Mendietas “Rape/ Murder Iowa” (1973) lässt den Betrachter frösteln. Eine Frau liegt entblößt über einem Tisch, nur ihre Bluse trägt sie noch. Den nackten Po hat sie dem Betrachter zugewandt, überall ist verschmiertes Blut, auf dem Tisch, auf dem Körper der Frau, am Tischbein.
Seit der Erfindung der Fotografie spielt sie in allen Bereichen unseres Lebens eine große Rolle, sowohl in der Öffentlichkeit. die Werbung nutzt Fotografie, Medien nutzen das Foto als Dokumentationsmittel, die Boulevardpresse befriedigt unsere voyeuristischen Neigungen. Immer dann wenn es “dunkel” (engl. dark) wird, wo wir uns von der Gesellschaft zurückziehen oder wo die Gesellschaft ein Tun ausgrenzt, wird die Fotografie für Erotik und Sexualität ein zentrales visuelles Instrument: als Dokument, als Stimulation, als Machtmittel und als künstlerische Gestaltungsform.
Fotografie zeigt und stilisiert Lust und Leidenschaft, Fantasie und Begierde, Macht und Gewalt, Voyeurismus und Selbstdarstellung in der Sexualität. Fantasieren und Begehren gehen mit der Fotografie einen aufregenden Pakt ein: Sexuelle Fantasien drängen nach Darstellung, suchen aktiv die
Blossstellung – und die Fotografie nutzt mit ihrem eigenen voyeuristischen Zug die Kraft der
(Bild-)Erotik für ihre Zwecke, um stark und verführerisch zu sein. Dabei geht es immer auch um die Bilder, die wir uns von “Sexualität” machen, um das endlose Verschwimmen von Fantasie und Realität in den Fotografien.
Das Ausstellungs- und Buchprojekt Darkside des Fotomuseums Winterthur diskutiert wird die Fotografie als Darstellungsinstrument und als wichtigen visuellen Katalysator von Sexualität und dokumentiert dessen Entwicklung. Ausgestellt sind Werke von mehr 150 Fotografen und Fotografinnen der vergangenen hundert Jahre. Mit dabei sind Stars wie Brassaï, Hans Bellmer, Man Ray, Pierre Molinier, von Germaine Krull, Ed van der Elsken, Walter Chappell, Robert Mapplethorpe, Andy Warhol, Nan Goldin, Nobuyoshi Araki, Daido Moriyama, Noritoshi Hirakawa, Arno Nollen, Paul Armand Gette.
Die Ausstellung “Darkside. Fotografische Begierde und fotografierte Sexualität” ist noch bis zum 16. November 2008 im Fotomuseum Winterthur zu sehen.