Bis zum 21. Februar 2009 ist in der Stuttgarter Galerie Dengler und Dengler die Ausstellung “Sightseeing” mit neuen und älteren Arbeiten der Fotografin Sabine Wild zu sehen. Ich hatte ja schon zwei Mal (hier und hier) etwas zu Sabine Wild geschrieben, die Galerie sagt es aber auch ganz schön:
Die Verunklärung der Details in scheinbar pastoser Ölfarbe, läßt das einzelne Bauwerk in der Wirkung zurücktreten, zugunsten der städtebaulichen Situation oder des einzelnen Baukörpers im Stadtraum. Die nüchterne Kälte einer Glasfassade wird durch Malerei emotional überlagert. Gleichzeitig verweigert die digitale Malerei die persönliche Geste, das was Harold Rosenberg die Spur des Künstlers genannt hatte. So stehen die zumeist menschenleeren Stadtbilder von Sabine Wild im Zentrum mehrerer Spannungsfelder, zwischen präziser Photographie und gestischer Malerei, zwischen technischer Perfektion ohne physische Berührung des Subjekts und der vermeintlichen Spuren des Subjektiven, zwischen Vernunft und Gefühl.
Ich bin auch immer wieder versucht, die Bilder anzutatschen, um zu schauen, ob sie nicht doch gemalt wurden (nein, sind sie natürlich nicht). Neben Arbeiten aus New York und Berlin sind auch Arbeiten von Stuttgarter Bauwerken zu sehen. Ich persönlich kann über die tollen Arbeiten von Wild und ihre Technik immer wieder staunen. Unbedingt anschauen!
Nobuyoshi Araki ist ein Star der Aktfotografie. In unendlich vielen Variationen spürt er der Sexualität in allen Facetten nach. Lust, Sex, Gewalt, Begierde, in seinen Arbeiten findet sich jede Facette der menschlichen Sexualität. Seine Bilder hängen in vielen Museen der Welt und doch wird immer wieder bezweifelt, dass Araki Kunst macht. Seine Bilder seien einfach zu nah an der Pornografie. Ganz widersprechen kann man dem nicht, aber die Grenze ist wohl fließend.
In der Ausstellung “Darkside” im Fotomuseum Winterthur ist Araki unter anderem mit eine Bild einer liegenden Frau vertreten. Man sieht von ihr aber nur die Lippen und beim ersten Hinschauen ist man verdutzt. Hat der Fotograf hier etwa tatsächlich das Intimste fotografiert? Erst beim zweiten Blick stellt man fest: nein, es ist der Mund einer Frau in Nahaufnahme. Araki spielt hier mit unseren Fantasien, er fotografiert Unverfängliches, dies jedoch so geschickt, dass wir sogleich eine Assoziation zur Sexualität entwickeln.
Ganz anders Sylvia Plachy, die mit “Memories O’ Love, Malibu” (1996), hinter den Kulissen eines Sexfilm fotografiert hat. Sexualität wird so zu einem kommerziellen und wenig lustvollen Akt. Überhaupt geht es in einigen Bildern kräftig zur Sache. Kopulierende Paare, heterosexuelle und homosexuelle Szenen, Sado-Maso-Bilder, Geschlechtsteile in allen Variationen und erotische Meisterwerke aus der Anfangszeit der Aktfotografie, als selbst eine entblößte Brust noch Skandale auslösen konnten. Heute schockt kaum noch eines der Bilder. Nur Anna Mendietas “Rape/ Murder Iowa” (1973) lässt den Betrachter frösteln. Eine Frau liegt entblößt über einem Tisch, nur ihre Bluse trägt sie noch. Den nackten Po hat sie dem Betrachter zugewandt, überall ist verschmiertes Blut, auf dem Tisch, auf dem Körper der Frau, am Tischbein.
Seit der Erfindung der Fotografie spielt sie in allen Bereichen unseres Lebens eine große Rolle, sowohl in der Öffentlichkeit. die Werbung nutzt Fotografie, Medien nutzen das Foto als Dokumentationsmittel, die Boulevardpresse befriedigt unsere voyeuristischen Neigungen. Immer dann wenn es “dunkel” (engl. dark) wird, wo wir uns von der Gesellschaft zurückziehen oder wo die Gesellschaft ein Tun ausgrenzt, wird die Fotografie für Erotik und Sexualität ein zentrales visuelles Instrument: als Dokument, als Stimulation, als Machtmittel und als künstlerische Gestaltungsform.
Fotografie zeigt und stilisiert Lust und Leidenschaft, Fantasie und Begierde, Macht und Gewalt, Voyeurismus und Selbstdarstellung in der Sexualität. Fantasieren und Begehren gehen mit der Fotografie einen aufregenden Pakt ein: Sexuelle Fantasien drängen nach Darstellung, suchen aktiv die
Blossstellung – und die Fotografie nutzt mit ihrem eigenen voyeuristischen Zug die Kraft der
(Bild-)Erotik für ihre Zwecke, um stark und verführerisch zu sein. Dabei geht es immer auch um die Bilder, die wir uns von “Sexualität” machen, um das endlose Verschwimmen von Fantasie und Realität in den Fotografien.
Das Ausstellungs- und Buchprojekt Darkside des Fotomuseums Winterthur diskutiert wird die Fotografie als Darstellungsinstrument und als wichtigen visuellen Katalysator von Sexualität und dokumentiert dessen Entwicklung. Ausgestellt sind Werke von mehr 150 Fotografen und Fotografinnen der vergangenen hundert Jahre. Mit dabei sind Stars wie Brassaï, Hans Bellmer, Man Ray, Pierre Molinier, von Germaine Krull, Ed van der Elsken, Walter Chappell, Robert Mapplethorpe, Andy Warhol, Nan Goldin, Nobuyoshi Araki, Daido Moriyama, Noritoshi Hirakawa, Arno Nollen, Paul Armand Gette.
Die Ausstellung “Darkside. Fotografische Begierde und fotografierte Sexualität” ist noch bis zum 16. November 2008 im Fotomuseum Winterthur zu sehen.
Andy Warhol würde heute seinen 80. Geburtstag feiern. Und pünktlich zu diesem Ehrentag kommt ein Film in die deutschen Kinos, in dem der Pop-Art-Künstler nicht gut wegkommt. Der Film “Factory Girl” beleuchtet die Beziehung des Künstlers zu Model, Schauspielerin und It-Girl Edith “Edie” Sedgwick.
Warhol lernte Edie bei einer Party kennen und war sofort begeistert von ihr. Sie wurde seine Muse und Begleiterin. Er machte sie zur Stil-Ikone der sechziger Jahre und zum Star der “Factory”, mit ihr drehte er seine experimentellen Filme.
Die junge Frau war allerdings nicht nur bildschön und intelligent, sie war auch labil. Als sich Warhol nach einem Jahr von ihr abwandte, drehte sich ihr Leben fast nur noch um Partys, Alkohol und andere Drogen. 1971 starb sie an einer Überdosis Barbiturate. Da war sie gerade einmal 28 Jahre alt.
Der Titel des Films bezieht sich auf die „Factory“ genannten Ateliers in New Yorker Fabrikhallen. Die Factorys waren Atelier, Filmstudio und Szenetreffpunkt der kreativen Szene New Yorks.
Ich selbst habe den Film noch nicht gesehen, doch KollegInnen haben den Factory Girl schon rezensiert. Die Kommentare reichen von “klasse” bis “langweilig” und “oberflächlich”. Der geneigte Leser findet Besprechungen beisueddeutsche, spiegel, taz, tagesspiegel.
Ach, und wer den Film schon gesehen hat, darf seine Meinung gerne in den Kommentaren kundtun.
Es gab einige Aufregung um das neue Fenster im Kölner Dom. Kein Geringerer als Gerhard Richter durfte dort ein Fenster des Seitenschiffs neu gestalten. Er wählte ein Bild, das an eine farbige Verpixelung erinnerte und das Innere des Doms in ein Meer aus Farben tauchte. Viele Menschen waren hellauf begeistert, andere, wie der Kölner Kardinal Meisner, waren weniger begeistert und hätten sich ein etwas gegenständlicheres Bild gewünscht.
Nun gibt der Kulturminister des Vatikan, Gianfranco Ravasi, in der FAZ ein lesenswertes Interview und denkt sogar darüber nach, bei der Biennale in Venedig einen “Vatikan-Pavillon” bespielen zu lassen. Interessant ist vor allem der Satz: “Mir scheint auch, dass diese Pixel-Fenster von Gerhard Richter gut in den Kölner Dom passen”, auch wenn er zugibt, es noch nicht im Dom gesehen zu haben. Der Vatikan findet das Fenster gut und zeigt sich aufgeschlossen gegenüber moderner Kunst, es geschehen noch Zeichen und Wunder. Ich bin gespannt, der Pavillon dürfte auf jeden Fall spannend werden, wenn sich der Vatikan traut, den Künstlern freie Hand zu lassen.
Henning Brandis (*1944) ist einer der Künstler, die ich alleine schon deshalb mag, weil sie unglaublich wandlungsfähig sind, ihr Werk geprägt ist von vielschichtigen Experimenten und voller Lebensweisheit. Künstler wie Brandis probieren unheimlich viel aus, saugen Techniken und Stile auf und probieren sich daran aus, nehmen neue Impulse sofort auf und schauen sich in der Welt um, nach allem was interessant sein könnte. Jetzt zeigt die Villa Oppenheim in Berlin eine Ausstellung mit Werken des Beuys-Meisterschülers.
Brandis wurde 1944 in Göttingen geboren. In den Sechzigern arbeitete er mit Farblithografien, bastelte aus Reproresten und Abfall Collagen, experimentierte mit der Fotografie und begann ein Kunststudium. In Düsseldorf wurde er Schüler von Dieter Roth, wechselte aber, nachdem er Joseph Beuys kennenlernt hat, in dessen Klasse und wird sogar Meisterschüler. Er entdeckte die Fluxus-Kunst für sich und startete erste Aktionen. Bis heute malt, zeichnet, fotografiert, installiert und veranstaltet Aktionen und Performances.
Seine Kunst ist immer wieder geprägt von biographischen Notizen und Anklängen ohne dabei ihre Allgemeingültigkeit für die elementaren Dinge des Lebens zu verlieren. Brandis begibt sich mehrere Jahre auf Wanderschaft und verweilt in Klöstern, viele seiner Arbeiten nehmen asiatische und afrikanische Darstellungsformen auf. Es entstehen vielschichtige, expermientelle Arbeiten, die in dieser Dichte selten sind.
In seinen nun vorgestellten Arbeiten geht Henning Brandis dem von Astrophysikern diskutierten Phänomen der “Dunklen Energie” nach, der Ursache für das sich kontinuierlich ausdehnende Universum.
Die vier Räume der Villa Oppenheim gliedern sich nach verschiedenen Schwerpunkten: In einem abgedunkelten Raum werden auf einem großflächigen dunklen Quader Arbeiten präsentiert, ein Rekurs auf den Titel der Ausstellung. Fiktive Briefe mit biografischen Anhaltspunkten und Relikte aus Brandis’ “Kunstkammer” mit Frühwerken aus den Jahren 1978 bis 1992 erwarten die Besucher in den anderen Räumen. Brandis’ Universum ist wirklich sehenswert, genauso wie seine Internetseite! Der Besuch wird sich lohnen.
Anselm Kiefer erhält in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der Stiftungsrat begründete seine ungewöhnliche Wahl damit, dass der Maler und Bildhauer eine Bildsprache entwickelt, “die aus dem Betrachter auch einen Leser macht”.
So, nun ist sie also vorbei, die Art Cologne 2008. Viel musste sie in den letzten Jahren erdulden. Immer wieder wird sie tot geredet oder geschrieben, gemäkelt über Konzept und Teppiche (siehe FAZ), der Messetermin wurde vom Herbst auf das Frühjahr gelegt, der Direktor wenige Wochen vor Messebeginn entlassen, weil die Galeristen gegen ihn putschten. Wie war sie also, die Art Cologne 2008, und wie steht es um die Messe? » Weiterlesen «
Avantgarde macht bis Anfang Januar Pause. Ich wünsche allen LeserInnen, FreundInnen und KollegInnen schöne und geruhsame Weihnachtstage und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
Also irgendwie ist es ja in Mode, dass zu Jahresende Preise, Ehrungen und Würdigungen vergeben werden. Das führe ich jetzt auch ein, allerdings gibt es nichts außer der Ehre – keine Pokal, keine Urkunde und kein Geld, nur (meine) Anerkennung. Die Jury bin ich und ich vergebe die Ehrungen natürlich vollkommen sub objektiv! And the results of the jury are:
Beste Ausstellung: Picasso – Malen gegen die Zeit, Düsseldorf
Bestes Museum/ beste Kunsthalle: Schirn Kunsthalle, Frankfurt
Beste Galerie: Galerie Nourbakhsch, Berlin
Bester Kunstblog: vernissage.tv
KünstlerIn des Jahres: Daniel Richter
Herzlichen Glückwunsch! Und jetzt dürft Ihr in den Kommentaren wi(e)dersprechen.