3. April 2011
Das chinesische Nationalmuseum in Beijing hat am Freitag nach langer Renovierungszeit seine Wiedereröffnung gefeiert. Zelebriert wird die Einweihung mit der Ausstellung “Kunst der Aufklärung”, die sich der Geschichte der Aufklärung in Europa widmet. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Ausstellung im chinesischen Nationalmuseum stattfindet. Das Museum liegt am nördlichen Rand des Tiananmen-Platzes. Hier setzte die chinesische Regierung 1989 der studentischen Revolte ein blutiges Ende. Zu diesem Kapitel chinesischer Geschichte findet sich im Museum nichts, dafür beleuchtet das Museum die Geschichte Chinas von der chinesischen Antike bis in die Gegenwart. Neben Altertümern sind Exponate aus der Parteigeschichte, der Revolution und der neuen Kunst zu bestaunen.
Das Museum war in den letzten Jahren wegen Renovierung geschlossen. Das deutsche Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner hat es für 260 Millionen Euro saniert und deutlich vergrößert. Schon der Haupteingang ist imposant. Die Eingangshalle alleine ist so groß, dass sie manch anderes Museum komplett beherbergen könnte. 260 Meter lang und vier Stockwerke ist sie hoch, lichtdurchflutet und leer. Nur eine majestätische Treppe beherrscht den Raum.
Rund 200.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche hat das Museum nun und ist damit das größte Museum der Welt. Es vereinigte schon 2002 die Sammlungen des Museums für chinesische Geschichte und des Revolutionsmuseums und verfügt mit über einer Million Exponaten auch über eine der größten Sammlungen der Welt. Dafür mussten chinesische Museen auf Anordnung des Kulturministeriums ihre besten Exponate abgeben. Künftig will Lü Zhangshen, Generaldirektor des Museums, mit zusätzlichen Wechselausstellungen in der ersten Liga der Museen mitspielen.
National Museum of China, Peking 2011 © Gerkan, Marg und Partner, Foto: Christian Gahl
Außen und innen wurde das Museum aufgepeppt und wirkt wie eine Mischung aus Sowjetprunk, chinesischer Pagode und europäischer Museumsarchitektur. Merkwürdigerweise schadet das dem Bau nicht, er wirkt durchaus gelungen. Im Innen strahlen edle Materialien und die verschwenderische Größe mondäne Exklusivität aus, große Fenster und Oberlichter sorgen für lichtdurchflutete Räume. Dem eingeschüchterten Besucher wird sofort klar: China will nicht nur ökonomisch und militärisch Weltmacht sein, sondern auch kulturell.
Die drei größten deutschen Sammlungen in Berlin, Dresden und München haben sich als Leihgeber und Mitorganisatoren der Eröffnungsausstellung zusammengetan, um die Ausstellung mit den chinesischen Kollegen zu stemmen. Die Politik beider Länder ebnete den Weg, um den intensiven Kulturaustausch weiter vertiefen. Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin betont gerne, wie groß die Ehre sei, dieses Museum als Erste kuratieren zu dürfen und wie freundschaftlich und gut die Zusammenarbeit war.
Aufklärung? Geht das in einem autoritären Staat überhaupt? Es wurde kolporiert, dass die Übersetzer der Ausstellung Mühe hatten, überhaupt ein chinesisches Wort dafür zu finden. Man wollte nicht zu revolutionär klingen und sexuelle Untertöne vermeiden. Die Epoche der europäischen Aufklärung ist in China nicht unbekannt. Sie gehört sogar zum Unterrichtsstoff in den Schulen. Längst debattieren Intellektuelle in dem kommunistischen Staat über die europäische Aufklärung und die daraus hervorgehenden Menschenrechte. Habe Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen, so eines der Maximen Immanuel Kants aus dieser Zeit. Doch ist das von dem allmächtigen ZK der Kommunistischen Partei überhaupt gewünscht?
Die europäische Aufklärung in einem Land wie China, kann das funktionieren? Wollen die Macher der Ausstellung, die vom Auswärtigen Amt gefördert wurde, etwa den Funken einer Revolution entzünden? Mitnichten, ihnen geht es vor allem um die Veranschaulichung der europäischen Gesellschaft im 18. Jahrhundert und ihren Wandlungen. Neben Kunstwerken sind auch wissenschaftliche Apparate, Kleider und Kunsthandwerk ausgestellt. Das hat wohl auch dazu geführt, dass das Projekt von Eingriffen de chinesischen Behörden verschont blieb.
Blick in die Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung", März 2011 © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Frank Barbian
Ohne Zweifel ist die spektakuläre Ausstellung sehenswert. In neun Kapiteln werden 579 Exponate vom späten Rokoko bis zu Realismus und Klassizismus gezeigt. Zu Verstärkung haben die Macher auch späte Geister wie Caspar David Friedrich zur Verstärkung hinzugeholt und illustrieren mit Warhol die Nachwirkungen bis in die Moderne. Sie sollen ein umfassendes Bild der Veränderungen in Europa ermöglichen. Recht gut lässt sich das an den Kunstexponaten nachvollziehen. Wie ein riesiges Bilderbuch illustrieren sie den Wandel jener Zeit. Im Zentrum steht ein Bildnis einer jungen Dame. Das Porträt der Heinrike Dannecker zeigt, wie sehr sich die Gesellschaft wandelte. Selbstbewusst schaut die junge Frau den Betrachter an. Sie sitzt vor einer idealisierten Landschaft in einem Kleid aus Blau, Rot und weiß, den Farben der französischen Revolution. Die junge Dame ist die Verkörperung der bürgerlichen Zivilgesellschaft, die sich von Monarchie und religiöser Bevormundung löste und das Individuum in den Mittelpunkt rückte. Sozialkritik und Emanzipation wurden hoffähig, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zum Motto der jungen Demokratie.
Eines dürfte der Ausstellung sicher sein: die Aufmerksamkeit des Massenpublikums. Zwar kennen viele Chinesen Dichter und Denker jener Epoche, doch tiefergehende Kenntnisse fehlen ihnen, so dürfte die Ausstellung zum Renner werden. Man erwartet fünfstellige Besucherzahlen, bis zu 20.000 Gäste will das Museum pro Tag empfangen. Während von der Ausstellung selbst keine Revolution ausgehen dürfte, bietet das Rahmenprogramm allerlei Zündstoff. In Diskussionen will man die europäische Demokratiegeschichte den Chinesen näher bringen, das dürfte interessant werden. Das Museum wurde am 1. April 2011 in Anwesenheit von Außenminister Guido Westerwelle eröffnet.
25. März 2010
Der spanische Künstler Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828) gilt bis heute als Wegbereiter der modernen Kunst in Europa, war Vorbild für Künstler wie Picasso und hat das Zeitalter der Aufklärung entscheidend mitgeprägt. In dem sozial, religiös und kulturell zerrissenen Spanien des ausgehenden 18. Jahrhunderts wagte der königliche Hofmaler Goya eine Gratwanderung zwischen klassischer Auftragskunst für den spanischen Adel und das Bürgertum sowie Sozial- und Gesellschaftskritik, die er oftmals in karikaturhaften Bildern “versteckte”. Seine kritischen Arbeiten finden sich vor allem in vier Serien von Aquatintaradierungen wieder, die in einer Sonderausstellung der Kunstsammlungen Zwickau vollständig gezeigt werden.
CAPRICHOS, Blatt 10, El Amor y la muerte, Die Liebe und der Tod
21,5 x 15 cm, Radierung, Aquatinta poliert, Grabstichel, Harris 45/III
Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft Freiburg i.Br.
“Los Caprichos” (“Einfälle”), der aus 80 Blättern bestehende Zyklus, entstand in den Jahren 1797-1799 und zeichnet das Bild einer dekadenten, sich am Abgrund befindenden Gesellschaft nach. “Los Desastres de la Guerra” (“Die Schrecken des Krieges”), 80-teilig, thematisieren die menschlichen Grausamkeiten und die verheerende Hungersnot während der napoleonischen Herrschaft und des spanisch-französischen Krieges (1808-1813). Diese bislang noch nie da gewesene Brutalität und Direktheit in der Darstellung hat bis in die heutige Zeit hinein zahlreiche Künstler bewegt und inspiriert. “La Tauromaquia” (“Die Kunst des Stierkampfs”), zwischen 1814 und 1816 entstanden, erscheint im Vergleich zu den anderen Radierserien beinahe harmlos. Erst auf den zweiten Blick wird die hohe technische Qualität der 33 Blätter deutlich, die, mit der Fotografie vergleichbar, sekundenschnelle Momente festzuhalten scheinen und die Spannung eines spanischen Stierkampfes meisterhaft wiedergibt. “Los Proverbios” (“Sprichwörter”) oder auch “Los Disparates” (“Torheiten”) ist die wohl rätselhafteste Serie innerhalb des druckgraphischen Werkes. Die 22 Blätter markieren das Spätwerk Goyas und sind vermutlich in den Jahren von 1815 bis 1824 entstanden. Eigentümlich fliegende Hexenwesen oder in die Luft gewirbelte Gestalten sind darin häufig wiederkehrende Motive, welche die Nähe zu Goyas bedeutenden “Pinturas negras”(”Schwarze Gemälde”), heute im Prado (Madrid) ausgestellt, aufzeigen.
Die insgesamt 253 druckgraphischen Blätter (es werden auch die zusätzlichen Blätter zu den einzelnen Serien gezeigt) stammen aus dem umfangreichen Bestand des Morat-Instituts für Kunst und Kunstwissenschaft in Freiburg im Breisgau und gelten sowohl hinsichtlich ihres Umfangs als auch ihrer Qualität als einzigartig. Ein wirklicher Leckerbissen, den das Museum da präsentiert und für Kunstinteressierte ein Muss.
Zur Ausstellung ist ein reich bebildeter Katalog zum Preis von 20 Euro erschienen: Francisco de Goya – Radierungen. Die Sammlung des Morat-Instituts, Edition Braus, 168 Seiten. Die Ausstellung läuft noch bis zum 02. Mai 2010. weitere Informationen: www.kunstsammlungen-zwickau.de
27. November 2006
Foto aus “Goyas Geister”
© TOBIS Film
Jedes Jahr kommen ein oder zwei Künstlerfilme ins Kino. Und leider sind die meisten nicht wirklich gut. Nicht wirklich gut im Sinne dessen, was man als kunstinteressierter Mensch erwartet. Eigentlich sollte ein solcher Film Leben und Werk eines Künstlers beleuchten, seinen Werdegang und sein Arbeiten. Natürlich darf es auch ein bisschen Liebe, Schmerz und Rivalität geben, um dem Stoff die nötige Würze zu verleihen und Zuschauer in Massen ins Kino zu locken. Doch leider treten bei den meisten Filmen über Künstler Liebe, Herzschmerz und Dramatik in den Vordergrund. Leben und Werk dienen nur als Aufhänger und schmückendes Beiwerk. “Das Mädchen mit dem Perlenohrring” ist ein gutes Beispiel für solch einen Film.
So auch im Fall von Goyas Geister. Dabei gäbe Goya eigentlich eine perfekte Kinofigur ab. Er war eine schillernde Persönlichkeit, Revoluzzer gegen Klerus und Krieg. Bei allem Interesse an den Leiden des einfachen Volkes auch ein von Geltungssucht Getriebener, der gerne in aristokratischen Kreisen verkehrte. Rebell und Beobachter seiner Zeit.
Doch von all dem zeigt der Film wenig, statt dessen dreht sich alles um Goya und dessen Modell Inés, eingebettet in die Unbill jener Zeit. Regisseur Milos Forman hat sich so in die historischen Ereignisse und die Dramen um die schöne Inés gesteigert, dass er ganz vergesen hat, welch wunderbaren Stoff das Leben und die Person Fransico Goya abgibt. Die innere Zerrissenheit von Goya, sein ambivalentes Leben, die Verarbeitung der politischen Geschehnisse seiner Zeit in seinen Werken stehen im Hintergrund.
Goya wird als Mitläufer dargestellt, der sein Fähnlein in den Wind hängt. Das stimmt so aber nicht, nur wehrt sich Goya eben mit seinen Mitteln. Düster ist die Stimmung in den grandiosen Radierungen “Desastres de la guerra”, in denen der Maler die Grausamkeiten des Kriges verarbeitet. Hohn über die menschlichen Unzulänglichkeiten spricht aus den “Caprichos”, Todesangst aus den Suenos (Träumen). Und wenn Goya die Familie Karls IV. malt, dann ist dies keine einfaches Porträt des feisten Herrschers, sondern ein Bildnis für die Dekadenz und Eitelkeit des Königs und seiner Familie.
Trotz der Unzulänglichkeiten lohnt sich ein Kinobesuch trotzdem für diejenigen, die auf Liebesgeschichten und historische Stoffe in opulenter Umsetzung stehen. Man darf nur nicht die Erwartung haben, tief in die Seele Goyas blicken zu dürfen.
14. November 2006
Franz Xaver Messerschmidt, “Demokrit” (nach 1770, Alabaster), “Innerlich verschlossener Gram” (nach 1770, Blei) und „Der weinerliche Alte“ (nach 1770, Zinn)
Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, Fotos: Peter Frankenstein, Hendrik Zwietasch
Nein, mit den Charakterköpfen sind nicht Liebieghaus-Direktor Max Hollein oder seine Kuratorin Dr. Maraike Bückling gemeint, sondern die “Phantastischen Köpfe des Franz Xaver Messerschmidt.” Erstmals steht der ungewöhnliche, österreichische Künstler(1736-1783) im Blickpunkt einer großen Ausstellung. Der Bildhauer ist für viele einer der wichtigsten Vertreter der Aufklärung in Österreich. Geschätzt von Maria Theresia war er in seinem Heimatland sogar so etwas wie ein Hofbildhauer und erhielt vom Hofe zahlreiche Aufträge. Zahlreiche Künstler, unter ihnen Francis Bacon und Arnulf Rainer, haben sich von seinem Werk inspirieren lassen.
Seinen heutigen Ruhm verdankt Messerschmidt vor allem den “Charakterköpfen”, einer Reihe von Porträtbüsten mit grimassenhaften, clownesken, schreienden und lachenden Gesichtern, deren kraftvolle Ausstrahlung den Betrachter in den Bann zieht und fasziniert. Die Ausstellung will die Hintergründe von Messerschmidts Arbeit analysieren und sucht nach der Intention seiner Arbeiten. Sollen die Köpfe grundlegende menschliche Gefühle wie Angst, Ekel, Trauer, Freude und Ärger darstellen? Die stark physiognomische Darstellung von Gefühlen und die scheinbar willkürliche Kombination unterschiedlicher Ausdrucksformen spricht dagegen. Manche Muskelbewegungen sind äußerst realistisch wiedergegeben, sind aber oft gar nicht gleichzeitig durchführbar. Die grotesken Gesichtszüge irritieren. Wollte Messerschmidt mit dem Minenspiel in die Seele der Menschen schauen? Sollen die Entgleisungen der Gesichtszüge die Regungen der Seele widerspiegeln?
Eine spannende und interessante Ausstellung, in der man sich ein Lächeln angesichts der oft bizarren Grimassen nicht immer verkeifen kann. Sehtipp! Mehr unter www.liebieghaus.de
7. Mai 2006
Caspar David Friedrich, Böhmische Landschaft, um 1808, Staatsgalerie Stuttgart
Das Museum Folkwang in Essen zeigt seit Freitag (und noch bis 20. August 2006) eine einmalige Retrospektive zum Werk des Romantikers Caspar David Friedrich (1774-1884). Zu sehen sind 70 Gemälde und 120 Arbeiten auf Papier. Zum ersten Mal wurde auch Friedrichs Meisterwerk “Kreidefelsen auf Rügen” für eine Ausstellung verliehen. Die Ausstellung zeigt so einen hervorragenden Überblick über das Oeuvre von CDF. Urteil: Sehenswerte Ausstellung, die man sich nicht entgehen lassen sollte!
Mehr unter: Ausstellung Caspar David Friedrich – Die Erfindung der Romantik