Ein Laster namens Surrealismus

5. Januar 2012 | Kein Kommentar

Ein Tiger springt aus dem Maul eines Tigers der aus einem Fisch springt, der aus einem Granatapfel springt. Dem wütenden Tier voran fliegt ein Gewehr mit aufgestecktem Bajonett auf eine liegende Nackte zu, die ganz entspannt auf einer Erdscholle in einem unendlichen Ozean ruht. Im Hintergrund ein weißer Elefant mit einem Obelisken auf dem Rücken auf meterhohen stelzenartigen Spinnenbeinen. Ein Kreislauf aus Geburt, Leben und Tod, gewürzt mit einer Prise männlicher Potenz und Begierde und weiblicher Anmut. Im Vordergrund umschwirrt eine Biene einen schwebenden Granatapfel. Diesen wahnwitzigen Traum in schönsten Farben malte Dalí und er gilt vielen als eine der Ikonen des Surealismus. Dabei war Dalí von Breton, dem Anführer der surrealistischen Bewegung, längst verbannt worden als er das Bild malte, weil er sich den dogmatischen Regeln des Surrealismus nicht unterwerfen wollte.

Salvador Dalí, Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Erwachen, 1944, Öl auf Holz, 51x41cm Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid Foto: © Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid © 2011, Fundació Gala-Salvador Dalí / ProLitteris, Zürich

Salvador Dalí, Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Erwachen, 1944
Öl auf Holz, 51×41cm Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid
Foto: © Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid © 2011, Fundació Gala-Salvador Dalí / ProLitteris, Zürich

Für Breton war „das Laster namens Surrealismus […] der zügellose leidenschaftliche Gebrauch der Droge Bild.“ Fast vergessen ist inzwischen, dass die Surrealisten der ersten Stunde vor allem Literaten waren, die von den Albernheiten des Dadaismus genug hatten. Man wollte der Kälte der Nachkriegsgesellschaft nicht mehr nicht mehr länger mit Blödelei entgegnen, sondern die Gesellschaft und ihre Menschen aktiv verändern. Breton udn seine Kollegen wollten das Unwirkliche und Traumhafte in der Kunst verankern und den durch die Logik begrenzten menschlichen Erfahrungsbereich durch das Fantastische und Absurde erweitern. Geschehen sollte das mittels der „Écriture automatique“, dem automatischen Schreiben. Dazu sollte der Verstand ausgeschaltet werden und möglichst automatisch ohne Nachdenken geschrieben werden, um die Tiefen menschlichen Bewusstseins sichtbar zu machen. Schnell kamen zu den Literaten auch Künstler hinzu. Dalí, Magritte, Miró, Masson und Max Ernst, selbst Picasso ließ sich von der surrealistischen Gedankenwelt inspirieren.

Die Fondation Beyeler in Basel zeigt nun in einer grandiosen Ausstellung die Geschichte des Surealismus. Das Hauptaugenmerk legt die Ausstellung auf Dalí, Miró und Magritte, deren Malstil beispielhaft für die beiden Richtungen des Surrealismus steht. Dalí malt in hyperrealistischer Malweise absurdeste Traumsequenzen. Magritte hingegen vereinte in seinem realistischen Malstil gegensätzliche Dinge, wie etwa die wunderschöne Pfeife unter der steht, das dies keine Pfeife sei. Und schließlich Míro, der mit seinen kryptischen Symbolwelten die Écriture automatique visuell perfekt umsetzte.

Die Ausstellung beleuchtet die Geschichte des Surrealismus zu seinen Glanzzeiten im Paris der 1920er und 1930er Jahre, bevor die Protagonisten dann vor dem Krieg in die USA flüchteten. Neben den Gemälden sind auch Zeichnungen, Fotos, Briefe und handschriftliche Notizen ausgestellt. Neben den drei Malern sind auch Vorläufer zu sehen, aber auch weitere Maler, Lyriker und Schriftsteller und die wichtigsten Förderer und Sammler des Surrealismus, insbesondere Peggy Guggenheim. Keine andere prägte den Surrealismus als Sammlerin so sehr wie sie. Sie förderte die Künstler, folgte ihnen in das Exil in den USA, bis die engen Bande zu Bruch gingen und Guggenheim sich den Abstrakten Expressionisten zuwandte.

290 Exponate hat die Fondation Beyeler zusammengetragen und lässt die Besucher ganz in die Welt des Surrealismus eintauchen. Zur Ausstellung erschien ein wissenschaftlicher Katalog mit umfangreichem Bildmaterial – ein Kauf lohnt sich.

Hommage an die Künstlerinnen der Avangarde

6. Dezember 2011 | Kein Kommentar

Der Name Dora Maar ist vor allem mit Pablo Picasso verbunden. Von 1936 bis 1943 war Maar Muse, Modell und Geliebte Picassos. Doch Mitte der 1930er Jahre hatte Maar sich längst einen eigenen Namen als Fotografin gemacht und verkehrte in Künstlerkreisen. Trotzdem wurde sie nach 1936 kaum noch als eigenständige Künstlerin wahrgenommen, sie war die Frau an Picassos Seite, Gegenstand vieler seiner Gemälde und die Fotografin, die die Entstehung seiner Werke dokumentierte. Bis heute ist Dora Maar nur eingefleischten Kunstkennern als eigenständige Künstlerin bekannt.

Eine Ausstellung in Düsseldorf will das ändern. „Die andere Seite des Mondes. Künstlerinnen der Avantgarde“ lässt acht Künstlerinnen der 1920er und 1930er Jahre ins Rampenlicht treten. Diese Zeit war geprägt von heftigen gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen. Die Frauenbewegung war stark geworden, Frauen verlangten politische und gesellschaftliche Teilhabe und riefen nach sexueller Selbstbestimmung.

Vorgestellt werden neben Dora Maar auch Hannah Höch, Sophie Taeubner-Arp und Sonia Delaunay und die weniger bekannten Claude Cahun, Florence Henri, Katarzyna Kobro und Germaine Dulac. Sie alle hatten sich den radikalen Kunstbewegungen jener zeit angeschlossen, dem Surrealismus, dem Dadaismus oder dem Konstruktivismus. Sie alle zeichnen sich durch Unabhängigkeit, Offenheit und Selbstbewusstsein aus. Alle acht hatten ein Gespür für Themen und Trends ihrer Zeit. Vor allem die Rolle der Frau in der Gesellschaft war ihr Thema, aber auch ästhetische Fragen in der aktuellen Kunst waren maßgebliche Themen vieler Künstlerinnen.

Hannah Höch, Siebenmeilenstiefel, um 1934, Photomontage, 22,9 x 32,29 cm, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Foto: Christoph Irrgang Foto: © VG Bild-Kunst

Hannah Höch, Siebenmeilenstiefel, um 1934,
Photomontage, 22,9 x 32,29 cm, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett
Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Foto: Christoph Irrgang, © Kunstsammlung NRW

So fortschrittlich die Avantgarde in Europa und en USA auch war, Frauen hatten es schwer und wurden im besten Falle skeptisch betrachtet oder milde belächelt. Die Ankaufspolitik der Museen wurde von Männern verantwortet und so wundert es kaum, dass nur selten Werke der Künstlerinnen angekauft wurden.

Hannah Höch zählte zu den Pionierinnen des Dadaismus. Sie hatte mit Raoul Haussmann den Dadaismus in Berlin mitbegründet, ihre zeitkritischen Collagen wurden zum Markenzeichen des Dadaismus. Auch Sonia Delaunay war eine Pionierin. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Robert Delauney entwickelte sie den Orphismus, eine aus dem Kubismus entstandene Stilrichtung der Malerei, bei der Farbkreise aus Kontrastfarben zusammengesetzt wurden. Auch Sophie Taeubner-Arp hatte mit Hans Arp einen bekannten Künstler als Ehemann. Sie stand dem Dadaismus nahe und verknüpfte diesen mit geometrisch-abstrakter Kunst und wurde zu einer der ersten Vertreterinnen der konkreten Kunst in Europa.

Großen Respekt als Schriftstellerin genoss Claude Cahun in den Kreisen der Surrealisten. Ihre surrealistischen Fotografien gelten heute als radikalste Äußerungen weiblicher Identität in den 1930er Jahren. Cahun inszenierte sich darin als androgynes Wesen in einer surrealen Welt.

Besonders interessant sind aber die meist streng geometrischen Skulpturen der Bildhauerin Katarzyna Kobro, deren Ausstellung eine kleine Sensation ist, denn eigentlich dürfte ihr Werk gar nicht mehr vorhanden sein. In Polen versuche Kobro, ein Museum für Moderne Kunst in Lodz aufzubauen. Ferdinand Léger, Max Ernst und Sonia Delauney stifteten Werke, doch der Einmarsch der Nationalsozialisten machte diesem Unterfangen eine Strich durch die Rechnung. Kobros Werk wurde im Krieg in alle Winde verstreut und zerstört. Sie selbst musste ihre Holzskulpturen verbrennen, um kochen und heizen zu können. Nur sechs Jahre nach Kriegsende starb sie verarmt und vergessen in einer Einrichtung für unheilbar Kranke.

Der Besucher betritt die Ausstellung durch eine originalgetreue Rekonstruktion von Sophie Taeubner-Arps „Bar Aubette“ aus den Jahren 1926 bis 1928. Die mit abstrakten Kompositionen aus unterschiedlich farbigen Rechtecken ausgekleidete Bar stand einst in Straßburg. Anders als ihre männlichen Kollegen waren viele Künstlerinnen auch an der praktischen Anwendung ihrer Kunst interessiert. Delaunay verarbeitete ihre Muster zu Modedesigns, Kobro schuf architektonische Modelle.

Die Künstlerinnen waren hervorragend vernetzt. Sie waren in unterschiedlichen Künstlergruppen engagiert und kamen aus ganz Europa und doch hielten sie Kontakt. So waren Sonia Delauney und Sophie Taeubner-Arp eng befreundet und fuhren auch gemeinsam in Urlaub. Auch Florence Henri war mit den beiden gut bekannt. Man traf sich, schrieb sich Briefe und begutachtete das Werk der Kolleginnen.

230 Werke hat die Kunstsammlung NRW zusammen getragen, ein riesiges Konvolut. Direktorin Monika Ackermann und Kuratorin Susanne Meyer-Büser ist eine tolle Schau gelungen, leider werden die Künstlerinnen in jeweils eigenen Kabinetten präsentiert. Schöner und aufschlussreicher wäre es gewesen, wenn man die Werke einander gegenübergestellt hätte, um die gegenseitige Einflussnahme deutlicher erkennen zu können und erkennen zu können dass es einen regen Austausch und auch eine Beeinflussung gab. So muss man im reich bebilderten Katalog schmökern und die Lebensläufe der Künstlerinnen verfolgen.

Weitere Infos: Kunstsammlung NRW

Neue Online-Datenbank zu den Großen Deutschen Kunstausstellungen

2. Dezember 2011 | Kein Kommentar

München war zur Zeit des Nationalsozialismus deutsche Hauptstadt der Kunst. Während in der Galerie am Hofgarten “entartete Kunst” gezeigt wurde, war das Haus der Kunst von 1937 bis 1944 Ausstellungsort der Großen Deutschen Kunstausstellung, der jährlichen Leistungsschau deutscher Künstlerinnen und Künstler von Hitlers Gnaden. Seit Ende Oktober ist nun die Website GDK-research.de online, eine Datenbank mit umfangreichem Material zu den Kunstausstellungen. Man kann dort Bilder und Informationen zu den Ausstellungen und Werken abrufen. Das Projekt, das mit 500.000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeisnchaft gefördert wurde, wurde vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München, dem Haus der Kunst und dem Deutschen Historischen Museum in Berlin initiiert. Eine wahre Fundgrube für wWissenschaftler und Initeressierte.

Website: www.gdk-research.de

Kunst bis in die Unendlichkeit

26. Oktober 2011 | Kein Kommentar

Louise Bourgeois ist eine Jahrhundertkünstlerin und das im doppelten Wortsinne. Sie ist nicht nur eine Ausnahmekünstlerin, sie hat nahezu das ganze 20. Jahrhundert erlebt, ist bedeutenden Künstlern begegnet, hat sich von ihnen inspirieren lassen und wurde so zum Bindeglied zwischen Moderne und zeitgenössischer Kunst.

Bourgeois wurde 1911 in Paris geboren, ging dort zur Schule, studierte Philosophie an der Sorbonne und Kunst bei Fernand Léger. Als sie den Kunsthistoriker Robert Goldwater traf, verliebte sie sich, heiratete und ging mit ihm nach New York. Dort tauchte sie in die entstehende Kunstszene ein, begegnete den vor dem Krieg geflohenen Surrealisten, traf die Abstrakten Expressionisten um De Kooning und Pollock und lernte die Minimal Art- und die Pop Art-Künstler kennen. Ein spannendes und aufregendes Leben.

Louise Bourgeois Fondation Beyeler, Riehen / Basel mit Maman, 1999 Bronze mit Silbernitratpatina, Edelstahl und Marmor, 927,1 x 891,5 x 1023,6 cm Collection The Easton Foundation,courtesy Hauser & Wirth und Cheim & Read Foto: Serge Hasenböhler © Louise Bourgeois Trust

Louise Bourgeois, Fondation Beyeler, Riehen / Basel mit Maman, 1999
Bronze mit Silbernitratpatina, Edelstahl und Marmor, 927,1 x 891,5 x 1023,6 cm
Collection The Easton Foundation,courtesy Hauser & Wirth und Cheim & Read
Foto: Serge Hasenböhler, © Louise Bourgeois Trust

Lange war der Name Bourgeois nur Kunstkennern ein Begriff. Das änderte sich erst, als ihr das MoMA 1982 in New York eine Retrospektive ausrichtete und sie so einem größeren Publikum bekannt machte. Da war sie 71 Jahre alt. Die letzte Retrospektive kurz vor ihrem Tod im Jahr 2010 wurde zu einem Triumphzug. Sie wurde in der Londoner Tate Modern, im Centre Pompidou in Paris und im Guggenheim Museum gezeigt.

Zum hundertsten Geburtstag der Künstlerin richtet nun die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel eine Retrospektive aus – die letzte, die die Künstlerin noch mitkonzipierte. Die Ausstellung À l’infini versammelt zwanzig beispielhafte Exponate aus allen Schaffensperioden, darunter auch Spätwerke, die noch nie öffentlich zu sehen waren.

Künstlerisch zu arbeiten bedeutete für Bourgeois immer die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, die Umsetzung von bewussten Emotionen und unbewussten Gefühlen. Kunst war für Bourgois immer auch Psychotherapie, die sie davor bewahren sollte, verrückt zu werden, wie sie in einem Interview gestand. Ihre Kindheit liegt wie ein Trauma über ihren Arbeiten. Die geliebte Mutter starb früh nach schwerer Krankheit, der Vater kümmerte sich kaum um sie und demütigte sie oft so sehr, dass sie noch Jahrzehnte später in Interviews die Tränen nur mühsam unterdrücken konnte.

Im Park des Museums empfängt den Besucher Maman, die ein Schlüsselwerk in Bourgeois’ Schaffen ist. Die zehn Meter hohe Bronzespinne mit ihren Marmoreiern im Hinterteil wirkt bedrohlich und beängstigend. Umso erstaunlicher, dass Bourgeois sie als Metapher für die geliebte Mutter sieht. Die Mutter war Weberin und restaurierte historische Stoffe. Wie eine Spinne erneuerte sie Gewebe und weil ihre Mutter für sie ein Monument gewesen sei, sei die Spinne eben monumental groß. Die Spinne hat aber auch etwas Beschützendes, sie trägt ihre Eier hinten im Körper, den sie schützend unter sich streckt und die Beine wie einen Baldachin ausbreitet. So strahlt die Spinne auch etwas Fürsorgliches aus.

Immer wieder stehen bei der oft nur als Bildhauerin wahrgenommenen Künstlerin bildhafte Erzählungen im Mittelpunkt, mal als Zeichnung, oft aber auch als Installation.
Angst und Schmerz waren dabei oft die Themen der Künstlerin. In der Ausstellung sind die legendären Cells zu sehen, in Käfigen eingefangene Momentaufnahmen eines Lebens. Durch Fenster, Türen, Gitter oder Glas kann man einen blick darauf werfen. Am Ende der Ausstellung begegnet man der Passage dangereux von 1997, einer Art Super-Cell, irgendetwas zwischen Folterkammer und Kinderzimmer. In einem begehbaren Käfig finden sich Knochen, Spiegel, Stühle und ein kleines Likörflakon, das Bourgeois von Le Corbusier geschenkt bekam. In ihm schwimmt eine tote Fliege, sie ist an ihrer Lust zu naschen zu Grunde gegangen.

Bourgeois litt an Schlafstörungen. Sie stand dann nachts oft auf und begann zu zeichnen. Mitte der neunziger Jahre entstanden so die Insomnia-Drawings, die einen unverstellten, tiefen Blick in das Seelenleben der Künstlerin ermöglichen. Das Konvolut aus über 200 Blättern ist die Quintessenz ihres künstlerischen Schaffens. Skizzen und Zeichnungen wechseln ab mit Texten und Notizen, die sich auf ihr alltägliches Leben beziehen. Bemerkenswert sind auch die vierzehn Zeichnungen der Serie À l’infini, die der Ausstellung den Namen gaben. Ihren Ursprung hat die Serie in einer Radierung, in der sich zwei Fäden begegnen und ein Gewebe bilden. Daraus erschuf Bourgeois eine Serie, die den ewigen Zyklus des Lebens darstellt, das Werden und Vergehen des Menschen.

Etwas ungeschickt ist die Gegenüberstellung von Bourgeois Arbeiten mit Künstlern, die sie nachhaltig beeinflussten. Viele der zarten und anmutigen Arbeiten von Bourgeois gehen in der Bildgewalt ihrer Gegenüber einfach unter oder der Betrachter fragt sich, was die Ausstellungsmacher damit sagen wollten. Gelungen scheint nur die Konfrontation von Bourgeois’ Red Fragmented Figure (1953), einer Stele aus grob behauenen roten Holzklötzen, mit Légers Contrastes de formes. Die Skulptur scheint die roten geometrischen Formen des Bildes geradezu in den Raum zu spiegeln.

Die Gegenüberstellung von Bourgeois’ Werken mit denen der großen Männer des 20. Jahrhunderts zeigt vor allem eines: Ihr Werk ist unvergleichlich zart und feminin und so ganz anders als das Ihrer Kollegen. Bourgeois nimmt mit ihren lyrischen und nachdenklichen Arbeiten eine Ausnahmestellung in der Kunst des 20. Jahrhunderts ein. Sie war eine der ersten, die den lange schwelenden Kampf zwischen Abstrakten und Figurativen beendete und die Kunst um eine eigenständige Deutungsebene bereicherte.

Eine Frage des Geschmacks

7. September 2011 | Kein Kommentar

Anselm Reyle präsentiert uns in seinem Gemälde Weideglück ein quietschbuntes Landschaftsidyll: Ein zufriedenes Pferd liegt entspannt auf einer Wiese vor einem strahlend blauen Himmel. Mit allerlei Schraffuren, Texturen und silbern glänzenden Lacken wurden Hell und Dunkel und Farbspiele angedeutet. Doch etwas irritiert. Überall auf dem Bild sind kleine Felder mit Zahlen sichtbar. Reyle spielt auf das bei Hobbykünstlern beliebte „Malen nach Zahlen“ an. Der Maler spielt mit der Grenze zwischen Kunst und Kitsch. Was ist Kunst und was Kitsch, wie viel Kommerz steckt in einem Bild und was macht dessen Wert aus? Was macht Kunst überhaupt aus? Zählt einzig der Wille ein Kunstwerk schaffen zu wollen, ist es handwerkliches Können oder ist es der Name des Künstlers? Sind es die Farben und die gekratzten Schraffuren im Bild, die den Willen des Erschaffers zur Kunst dokumentieren und sich über das industrielle Produkt hinwegsetzen?

Anselm Reyle Weideglück 2010, Mischtechnik auf Leinwand,  225 x 275 x 6,5 cm, Courtesy der Künstler, Fotograf: Matthias Kolb

Anselm Reyle, Weideglück, 2010
Mischtechnik auf Leinwand, 225 x 275 x 6,5 cm
Courtesy der Künstler, Fotograf: Matthias Kolb

Die erste Ausstellung des neuen Baden-Badener Kunsthallendirektors Johan Holten will untersuchen, ob gängige Kategorien des Geschmacks heute noch brauchbar sind und welche Bedeutung sie innerhalb der zeitgenössischen Kunst haben. Holten selbst kommt zu dem Schluss, dass sich visuelle Einordnungen zur Beurteilung von Kunst so stark verändert haben, dass sie „heute vollkommen untauglich sind, Kunst zu beurteilen.“ Kunst ist heute schon lange nicht mehr schön und meist auch nicht geschmackvoll. Was bedeutet guter Geschmack in einer Welt die sehr schnelllebig geworden ist und in der fast alles erlaubt ist? Was heute noch in ist, kann morgen längst out sein. Für Museen wird es immer schwerer zu entscheiden, was sie ausstellen, sammeln und für die Nachwelt konservieren sollen. Objektive Kriterien zu definieren, fällt vielen Kuratoren und Kritikern immer schwerer.

Vieles was einst als geschmackvoll galt, ist heute überholt. So zeigt die Kunsthalle Landschaftsbilder aus dem 19. Jahrhundert. Doch was damals Genuss und Schönheit suggerieren sollte, ist heute nicht mehr zeitgemäß, wirkt angestaubt und würde in hippen Berliner Wohnungen mit Sichtbetonwänden skurril wirken. Dabei waren die arkadischen Landschaften mit ihren Ruinen, Bächen und Wäldern einst gesellschaftliches Schönheitsideal und Museen wollten ihre Besucher zum Wahren, Schönen und Guten erziehen. Erst gegen Ende des Jahrhunderts begannen Künstler dagegen aufzubegehren. Die Impressionisten wollten nicht mehr nach akademischen Idealen malen, sie wollen Farbe und Licht auf die Leinwand bannen und spätestens mit den Expressionisten und den Kubisten gewann die eigene Sichtweise des Künstlers im frühen 20. Jahrhundert die Oberhand.

Während sich die Palette künstlerischer Möglichkeiten extrem erweitert hat und neben Bildhauerei und Malerei auch Videokunst, Performance und Installation hinzukamen, scheinen handwerkliche Fähigkeiten immer mehr an Gewicht zu verlieren.
Welche zeitgenössische Kunst aber soll ein Museum heute ausstellen? Noch immer kommen die Besucher in die Häuser in der Erwartung, das Gute und Schöne präsentiert zu bekommen. Aber kann das eine Kunsthalle heute noch leisten?
Nicht ohne Ironie ist die Lage der Kunsthalle in Baden-Baden, die direkt neben dem Privatmuseum von Frieder Burda residiert. Burda zeigt, was ihm persönlich gefällt, einen Bildungsauftrag muss er nicht erfüllen. Nicht ohne Ironie ist auch die gleichzeitig dort laufende Schau mit Werken von Neo Rauch, einem der angesagten Künstler der Leipziger Schule, deren Preise gerade schwindelerregende Höhen erreichen.

Heute scheint der Kunstgeschmack eher vom Preis dominiert, die Sammler hecheln dem hinterher, was der Markt als „sammelnswert“ erachtet. Das ärgert auch viele Künstler, die in dem Dilemma zwischen Anerkennung und Kommerzialisierung ihrer Arbeit feststecken. Viele von ihnen würden sich dem Streben nach Konsum und Kommerz gerne entziehen. Es gilt inzwischen als schick gegen die Macht des Marktes zu rebellieren und so werden schon mal Alltagsgegenstände in langweiliger Wiederkehr von Duchamps Ready-Mades aufgestellt um gegen die zunehmende Kommerzialisierung zu protestieren, wie etwa in Josefine Mecksepers Arbeiten, die in der Baden-Badener Kunsthalle billige Klobürsten und Slips wie Luxusaccessoires in die Vitrine stellt. Ist das jetzt Kunst oder Kitsch? Oder Kitsch, der durch eine inhaltliche Aussage zu Kunst wird?

Die Frage ob Kunst oder Kitsch ist nicht immer einfach zu beantworten, die Grenzen fließend und oft liegt die Entscheidung im Auge des Betrachters. Jeff Koons ist ein Meister dieser Spielerei. Seine Kitschskulpturen haben Kultstatus. Er überhöht kitschigen Nippes zu Ikonen des Kommerzes. Allein der Preis und der arrivierte Name des Künstlers bestimmt hier, ob etwas Kunst ist oder eben nicht. Je teurer, desto Kunst. Für die einen sind Koons Werke gesellschaftskritische Kunst, weil er damit das Wesen des Kunstmarkts bloß legt, für die anderen ist es nichts als billiger Kitsch, der zum Statussymbol erhoben wird – nur in einem sind sich beide Seiten einig: Die Signatur des Künstlers macht es wirklich teuer.

Kitsch? Das war für den Kunstkritiker Clement Greenberg, der den Abstrakten Expressionisten um Pollock und De Kooning den Weg ebnete, vor allem das, was dem Massengeschmack entsprach und zum Massengeschmack kann Kunst sehr schnell werden. So fotografierte Martin Paar einen Besucher auf einer Messe in Dubai. Der Kunstkenner schaut sich ein gekleckstes und getröpfeltes Gemälde an. Sein Muster setzt sich zufällig fast haargenau auf dem Hemd des Betrachters fort. Die Kunst verkommt zum massentauglichen Modeartikel.

Und so lehrt uns die Ausstellung vor allem eines: Geschmack scheint beliebig zu sein und ganz im Auge des Betrachters zu liegen. Was bleibt dem Besucher? Er muss in diesem Zeiten vor allem auf den eigenen Geschmack vertrauen. Kunstinstitutionen oder Kritiker können nur Anleitungen bieten und der Kunstmarkt ist kein guter Ratgeber, weil das was heute noch teuer verkauft wird, morgen schon wie Blei an den Wänden der Galerien hängt. Dass der „teure Geschmack“ ein schlechter Ratgeber ist, zeigen Martin Parrs in der Ausstellung hängende Fotos von Kunst- und Millionärsmessen. Kunst verkommt zum protzigen Statussymbol und inhaltleeren Dekorationsartikel der Schönen und Reichen.

„Geschmack –der gute, der schlechte und der wirklich teure“ ist eine wunderbare Ausstellung zum Nachdenken darüber, was wir gut finden und warum wir das tun. Zur Ausstellung erschien ein lesenswerter Katalog mit Essays.

Traurige Nachrichten aus London

22. Juli 2011 | Kein Kommentar

Eine traurige Nachricht rauscht heute durch den (digitalen) Blätterwald. Lucien Freud, genialer Maler und Enkel des Psychiaters Sigmund Freud, ist 88-jährig am Mittwoch nach kurzer Krankheit verstorben. Er wird mir und der Kunstwelt sicher fehlen. Wie kein anderer schaffte er es, menschliche Seelenzustände auf Körpern abzubilden und Gefühle zu Fleisch werden zu lassen. Seine einzigartige Malweise ist unverkennbar. Auch wenn er sich in den letzten Jahren mit seiner zum Markenzeichen gewordenen Kunst wiederholt hat, geht von den Arbeiten eine ungeheure Faszination aus.

Ein paar Nachrufe:
* Britischer Maler Freud ist tot – sueddeutsche.de

* Jahrhundertmaler Lucien Freud ist tot – faz.net

* Britischer Maler Lucien Freud ist tot -spiegel.de

* Abschied von einer Legende – art-magazin.de

* Lucien Freud in Pictures – guardian.co.uk (engl.)

* The Man who revitalized the fine art of portraits dies – Independent (engl.)

Blickachsen durch Bad Homburg

23. Juni 2011 | Kein Kommentar

Bad Homburg ist ein beschauliches kleines Städtchen vor den (nördlichen) Toren von Frankfurt. Hier geht es geruhsam zu, die Stadt gilt als bessere Wohngegend und der Kurcharakter tut ein Übriges. Mittelpunkt der Stadt ist der Kurpark, ein wunderschöner Park mit altem Baumstand und großen Rasen- und Wiesenflächen und diese werden alle zwei Jahre zum Freilichtmuseum für zeitgenössische Bildhauerei.
Tony Cragg, Early Forms, 2001 130 x 410 x 160 cm, Bad Homburg, Kurpark

Tony Cragg, Early Forms, 2001 130 x 410 x 160 cm, Bad Homburg, Kurpark
(Courtesy Galerie Scheffel, Bad Homburg, und Tony Cragg)

Zu verdanken hat die Stadt das Projekt dem umtriebigen Galeristen Christian Scheffel, der in der Stadt seine Galerie betreibt. Er hat das Projekt 1997 im Kleinen begonnen, inzwischen findet die achte Ausstellung statt, die Stadt ist inzwischen Mitveranstalter und der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier hat die Schirmherrschaft übernommen. Inzwischen ist längst nicht mehr nur der Kurpark Ausstellungsort, sondern auch der romantische Schlossgarten und erstmals überwindet die Ausstellung die Stadtgrenzen und ist auch in der Darmstädter Stadtkirche und der Kunsthalle vertreten, im Camp-Phönix-Park in Eschborn, dem Skulpturenpark in Niederhöchstadt und an der Goethe-Universität in Frankfurt auf dem Campus Westend und dem Campus Riedberg.

64 Skulpturen haben die Veranstalter zusammengetragen, darunter namhafte Bildhauer wie Joep van Lieshout, Magdalena Abakanowicz, Nigel Hall, David Nash, Tony Cragg und Bernar Venet. Wem da snicht genug ist, der kann ja die aktuelle Ausstellung der Altana-Kunststiftung im Sinclair-Haus besuchen. Der Ausflug nach Bad Homburg lohnt sich – versprochen!

Mehr: Blickachsen 8 (bis 3. Oktober 2011).

Ein kleines Wunder: 271 Werke von Picasso entdeckt

1. Dezember 2010 | Kein Kommentar

Der Anwalt der Picasso-Nachlassverwalter Jean-Jacques Neuer teilte am Montag mit, dass in Frankreich 271 bislang unbekannte Kunstwerke von Pablo Picasso aufgetaucht sind. Der Fund im Gesamtwert von mindestens 60 Millionen Euro habe sich im Besitz eines pensionierten Elektrikers befunden, der in den siebziger Jahren für Picasso gearbeitet hatte. Experten gehen von der Echtheit der Werke aus.

Wie die Arbeiten in den Besitz des Mannes gelangten, ist unklar. Der Handwerker Pierre Le Guennec behauptet, Picasso und dessen Frau Jacqueline hätten ihm die Arbeiten geschenkt, als er Anfang der siebziger Jahre in den Villen des Malers in Südfrankreich Elektroinstallationen durchgeführt habe. In Picassos Villa “La Californie” in Cannes, im Château Vauvenargues sowie in seinem Landhaus in Mougins habe er Alarmanlagen eingebaut und elektrische Installationen in Stand gehalten. Picassos Erben jedoch halten eine Schenkung für höchst unwahrscheinlich und haben gegen den Elektriker Anzeige wegen Hehlerei erstattet. Da die Arbeiten weder signiert noch datiert sind, ist zweifelhaft, ob Picasso die Arbeiten tatsächlich aus der Hand gab oder sie weggeworfen hatte, denn der Maler war sehr gewissenhaft, was Datierung und Signierung seiner Arbeiten betraf. Möglich ist auch, dass die Arbeiten gestohlen wurden.

Im Januar hatte der Elektriker Kontakt zu Claude Picasso, Sohn und Nachlassverwalter des Künstlers, gesucht und um Echtheitszertifikate für 26 Werke gebeten. Dem Schreiben hatte der Mann unscharfe Fotos der Werke beigelegt. Im März sandte er Picasso 39 weitere Fotos und dann noch einmal 30 im April. Die Arbeiten hatten die letzten 40 Jahre in einem Pappkarton in der Garage gelegen. Angeblich wusste der Le Guennec nicht, wie wertvoll die Arbeiten sind.

Claude Picasso war höchst erstaunt und verzückt. Er teilte mit, dass er anhand der Fotos keine Beurteilung abgeben könne undr lud den Mann nach Paris ein. Im September besuchte ihn der Elektriker im Büro der Picasso-Administration. Im Gepäck hatte er 175 Werke des Künstlers, darunter zwei Mappen mit 97 Zeichnungen. Die Überraschung war groß, denn keine davon ist in den Archiven der Succession Picasso verzeichnet und niemand hatte sie bisher gesehen. Unter den Arbeiten auf Papier sind auch die neun “kubistischen Collagen” aus dem Jahr 1912. Sie galten als verloren, nachdem Picassos Atelier in Montrouge überschwemmt worden war. Im Besitz des Elektrikers befand sich außerdem ein Aquarell aus der blauen Periode, zahlreiche Gouachen, eine Serie von 30 Lithographien sowie mehr als 200 Zeichnungen.

Nachdem Mitarbeiter der Succession Picasso die Arbeiten mehrere Stunden gesichtet hatten, erstattete Claude Picasso Anzeige und die Staatsanwaltschaft in Grasse beschlagnahmte die Werke Anfang Oktober im Haus des Elektrikers. Niemals hätte sein Vater ein solches Konvolut verschenkt. Picasso galt als großzügig und habe schon einmal schweren Herzens ein Werk oder zwei verschenkt, diese jedoch stets signiert und datiert und meist auch eine Widmung hinzugefügt. Es sei unvorstellbar, dass sein Vater eine solche Menge an bedeutenden Werken verschenkt habe. Da ein Diebstahldelikt bereits verjährt wäre, erstattete man Anzeige wegen Hehlerei. Nun wird der Fall wohl vor Gericht behandelt.

Eine kleine Auswahl der Arbeiten zeigt La Libération.

Liebesgeschichten in Hannover

18. Juli 2010 | Kein Kommentar

Die Liebe gehört zu den zentralen Themen der Kunst – kein Wunder, ist sie doch zentrales Thema des Lebens. Dreht sich nicht alles um Liebe, Sehnsucht und Verlangen? Das Sprengel Museum in Hannover zeigt noch bis zum 15. August 2010 die Ausstellung “Liebesgeschichten – Sehnsucht, Hingabe und Erfüllung in Werken von Munch und Nolde bis Picasso.” Die Ausstellung ist ein Streifzug durch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und es fällt sofort auf: Die Liebe war eines der bestimmenden Themen dieser Zeit und doch haben sich die Künstler der Liebe sehr unterschiedlich genähert. Tatsächlich stehen oftmals Liebesgeschichten hinter den Bildern.

In Munchs Werk ist die Liebe meist eng verknüpft mit Tod, Krankheit, Trauer. Liebe schien für Munch keine große Erfüllung zu sein, sein Leben war geprägt von eher problematischen Beziehungen zu Frauen. Munch hatte sich 1899 in Tula Larssen verliebt, eine junge Dame aus besserem Hause. Trotz seiner Aversion gegen die Ehe willigte Munch sogar ein, Tulla zu heiraten, doch für ihn war dies nur Fassade, um die Ehre des Fräuleins zu wahren. Die Beziehung war für beide aufreibend und endete im Streit. Larrsen schoss dem Maler bei einem Streit 1902 in die Hand. Es verwundert also nicht, wenn er einen im gleichen Jahr entstandenen weiblichen Halbakt mit dem Zusatz “Das Biest” verknüpfte.

Pablo Picasso, Homme et femme (Mann und Frau), Vallauris, 1962
Weiße und farbige Kreiden, Bleistift und Wachsstifte, farbige Lavierungen (Grundierung)
Foto: © Sprengel Museum Hannover/ Michael Herling/ Aline Gwose”

Ganz anders ist Pablo Picassos Umgang mit dem Thema. Sein Werk ist durchzogen von Liebe, Erotik und Sexualität. Kein anderer Künstler hat sich so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, bei keinem anderen ist das künstlerische Werk so sehr Spiegel der eigenen Liebesangelegenheiten. Picasso erzählt Geschichten von Verlangen und Begierde, von Liebe und Lust. Seine Bilder sind immer auch Spiegel der persönlichen Liebesgeschichten: Abgesang auf eine endende Liebe, Vorbote für eine neue Liebe, Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität, Verlangen nach dem anderen Geschlecht.

Während für die Brücke-Künstler Liebe Teil eines utopischen Lebensentwurfes frei von bürgerlichen Zwängen war, war für Künstler wie Otto Dix, Christian Schad oder George Grosz Liebe und Sexualität vor allem Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse der 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Künstler aus dem Kreis der Surrealisten konfrontieren uns mit Träumen von der Liebe, begierigen Fantasien aber auch Albträumen. Die Künstler der Nachkriegsgenerationen führen dem Betrachter dann existenzielle Fragen der Liebe vor Augen.

Die Ausstellung mit 190 Werken macht deutlich, wie sehr sich die Künstler mit der Liebe beschäftigt haben und in welcher Bandbreite es behandelt wurde. Meist sind Kunst, Liebe und Biografie der Künstler eng verwoben, die Sicht der Künstler sehr persönlich. Anders als die Maler vor ihnen malen die Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr idealisierte Schönheiten oder porträtierten Damen des Hofes, sie malen ihre Geliebten, ihre Frauen, ihre Angebeteten oder Mätressen.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Weitere Informationen unter: www.sprengel-museum.de.

Picasso im Metropolitan Museum

11. Mai 2010 | Kein Kommentar

Die Sammlerin Gertrude Stein hat einmal in Bezug auf das fortschrittliche Museum of Modern Art gesagt, ein Museum könne nur modern oder ein Museum sein. Das war für sie auch der Anlass ihre beiden Picasso-Werke an das eher konservative Metropolitan Museum zu geben. Das hat in den letzten 60 Jahren aus diesen beiden Werken eine Picasso-Sammlung von über 500 Werken zusammengehortet. Nur 36 Werke hat man gekauft, die anderen erhielt das Museum geschenkt oder als Dauerleihgabe. Zwar hat das MoMA die bedeutendere Picasso-Sammlung, doch das Metropolitan Museum muss sich nicht verstecken. Insbesondere das Frühwerk und die Druckgrafiken des spanischen Malers sind hier gut vertreten.

Nun hat das Museum in New York sein Depot geöffnet und aus den Schätzen eine Retrospektive mit 300 Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen, Keramiken und Grafiken zusammengestellt. Bei so viel geballter Werkschau hat man sich gar nicht erst die Mühe gemacht, nach einer Themenstellung für kunsthistorische Ergüsse zu suchen, sondern lässt die Werke chronologisch gehängt für sich sprechen. Das beginnt mit einem Selbstporträt des 20-jährigen Malers und geht bis zu “Stehender Akt und sitzender Musketier” des 87-jährigen Picasso. Leider merkt man der Sammlung an, dass sie überwiegend aus Schenkungen besteht und somit keine klare Sammlungspolitik erkennen lässt. Die Ausstellung wirkt wie eine Retrospektive, der man die besten Stücke genommen hat. Das ist angesichts der immensen Vorbereitungen mit acht Kuratoren, mehreren Restauratoren und Picasso-Forschern eigentlich ein bisschen wenig. Sehenswert ist die Schau aber trotzdem, denn viele Arbeiten waren bisher nur selten zu sehen. Auch die neuen Erkenntnisse bei einigen Bildern, die durchleuchtet wurden, sind spannend, weil sie zeigen, welche Geheimnisse in und unter den sichtbaren Bildern liegen und Picassos Malweise offenbaren.

Richtig spannend wird die Ausstellung erst, wenn man rüber in das MoMA wandert, wo zeitgleich die Ausstellung “Picasso – Themen und Variationen” stattfindet. Deren Erkentnisse sind zwar auch nicht neu, doch es macht Spaß, durch die Ausstellung zu laufen und Picassos Formenvielfalt zu bewundern. Besucht man auch noch die Dauerausstellung mit den Picasso-Highlights, hat man eine einmalige Chance, einen wirklich vollständigen Überblick über Picassos Schaffen zu gewinnen. Diese Möglichkeit hat man nicht jeden Tag.

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