Alle Artikel in: Kunst im 20. Jahrhundert

Rauchende Grillen für alle

Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main erzählt die Geschichte des Farbholzschnittes im Wien der Jahrhundertwende Mit dem Ende der akademischen Malerei im 19. Jahrhundert waren die Künstler frei von formalen Zwängen. Ihr Wunsch, eigene Wege zu gehen, und die Zukunftseuphorie der Jahrhundertwende gebar eine Lust zu wilden Experimenten. Kunst sollte nicht mehr länger Staffage für die Reichen und Schönen sein. Ziel der Künstler war es nun, Kunst in die Gesellschaft zu tragen. Dafür brauchte es eine Kunst für alle. So erlebte die Grafik als günstige Alternative zum teuren Ölgemälde einen Aufschwung. Die Japanbegeisterung des Fin de Siècle brachte den fast vergessenen Farbholzschnitt zurück nach Europa. Die jungen Talente der Wiener Kunstgewerbeschule waren begeistert von den Möglichkeiten. Die Experimente mit der wiederentdeckten Technik führten zu einer Aufbruchsstimmung und zu einer neuen Vielfalt in der Kunst, die bis heute nachwirkt. Trotzdem wurde dieses Kapitel bis heute kaum beleuchtet, weil die Auseinandersetzung mit der Wiener Moderne vor allem von Klimt, Schiele und Kokoschka bestimmt wird und sich die drei kaum für Druckgrafik interessierten. Ausgangspunkt für die Entwicklung …

Verstörende Helden

Museumdirektor Max Hollein verabschiedet sich aus dem Städelmuseum mit einer bemerkenswerten Ausstellung zum Frühwerk von Georg Baselitz In einem wahren Furor malte Georg Baselitz seine Werkgruppe der „Heldenbilder“ 1965/66. In nur einem Jahr schuf der damals 27-Jährige mehr als 70 Gemälde und Zeichnungen. Es war wohl aufgestaute Wut und Aggression in dem jungen Maler, die sich explosionsartig entlud. Das zeigt nicht nur der gewaltige Schaffensakt, sondern auch die Bilder. Expressiv, mit wilder Farbwahl und heftigem Pinselstrich malte Baselitz monumentale Figuren im Nirgendwo. Es sind Soldaten in zerschlissenen Uniformen oder gemarterte Maler mit Stigmata – von unseren Heldenvorstellungen sind sie weit entfernt. Ihren künstlerischen Reiz gewinnen die expressiven Werke aus dem Spannungsverhältnis von Figuration, fast schon gestischem Farbauftrag und autonomer Farbigkeit. Aus innerer Notwendigkeit habe er die Bilder gemalt, so Baselitz. Die Gemälde scheinen eine Abrechnung mit der Gesellschaft zu sein, die zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Aufarbeitung der Geschehnisse noch immer nicht wirklich begonnen hatte und in Justiz, Verwaltung und Politik immer noch auf die alten Köpfe setzte. Ausgerechnet den …

Anti-Malerei aus Licht

Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden widmet dem Lichtkünstler Heinz Mack eine Retrospektive Die Düsseldorfer Künstler Otto Piene und Heinz Mack waren von der Nachkriegskunst enttäuscht. Zu sehr mit psychologischem Ballast aufgeladen schien ihnen die herrschende Malerei des Tachismus und Informel, die das Ich des Künstlers so sehr in den Mittelpunkt rückte. Mack und Piene wollten eine Stunde Null und einen Neuanfang in der Nachkriegskunst. Die beiden gründeten 1958 die Künstlergruppe ZERO, der sich bald auch Guenther Uecker anschloss. Im Museum Frieder Burda erhält Mack nun eine Einzelausstellung, die das Werk des Licht- und Kinetik-Künstlers in den Fokus rückt. Dabei hatte Mack eigentlich schon als Maler begonnen, von den gestischen Abstraktionen der 1950er-Jahre abzurücken. Seine frühen Bilder nannte er „Dynamische Strukturen“ und ließ mittels Schwarz und Weiß horizontale und vertikale Geraden entstehen. Später folgten Reliefs aus Metallfolien, Plexiglas, Keramik und Aluminium. Um 1960 entstanden die „Rotoren“. Einzelne Elemente mit Reliefstrukturen werden mittels Motoren bewegt und verändern so stets visuelle Struktur und Motiv. Neben der Bewegung wurde Licht zum zentralen Element in Macks Werk. In seinen …

Qualität oder Quantität?

Als das Centre Pompidou 2010 in Metz eröffnet wurde, pilgerten die Besucher in Scharen in das neue Museum. Mit der Ausstellung „Meisterwerke?“ präsentierte die Dependance des Pariser Museums Schätze aus der Sammlung. Doch seither sinken die Besucherzahlen des Museums kontinuierlich. Selbst gelungene Ausstellungen wie die mit den Wandbildern Sol LeWitts, die Ausstellung „1917″, „Paparazzi“ oder „Der Blick von oben“ konnten diesen Trend nicht aufhalten. Die Politik war enttäuscht, weil bei Politikern nicht Qualität, sondern Quantität zählt, und so setzte sich eine Runde aus lothringischen Regionalpolitikern und Kulturministerin Aurélie Filipetti gegen CPM-Direktor Laurent Le Bon durch und änderte das Konzept des Hauses. Seit März und noch bis 2016 zeigt das Haus nun in einer Dauerausstellung im großen Ausstellungssaal „Phares“, „Leuchttürme“. Als Trostpflaster gab es noch 500 000 Euro für die neue Schau und das Museum soll weitere 4,6 Mio. Euro aus dem Regional-Pakt Lothringen bekommen. Eventuell soll die Ausstellung auch über 2016 hinaus bestehen bleiben und nur ein Teil der Werke ausgetauscht werden, so wie es die Louvre-Dependance in Lens tut. Die neue Dauerausstellung zeigt vor …

Der vergessene Impressionist

Im Umfeld der Impressionisten noch Entdeckungen zu machen, ist gar nicht so einfach. In den letzten 100 Jahren wurden nahezu alle Bereiche dieser Kunstrichtung ausgeleuchtet, sicher auch, weil sie sich heute großer Beliebtheit erfreuen und Namen wie Claude Monet, Auguste Renoir und Camille Pissarro für volle Museen sorgen. Es ist deshalb nicht übetrieben, von einer kleinen Sensation und einem visuellen Leckerbissen zu sprechen, wenn das Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden jetzt eine Ausstellung zu Lesser Ury auf die Beine gestellt hat, einem der vergessenen, großen deutschen Impressionisten. Ury wurde 1861 in Birnbaum in der Provinz Posen geboren. Er studierte 1879 bis 1880 Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Andreas Müller und Heinrich Lauenstein, anschließend in Brüssel und Paris. 1886 immatrikulierte er sich kurzzeitig in München an der Akademie der Bildenden Künste. Ab 1887 lebte Ury dann in Berlin und gehörte zur Jahrhundertwende gemeinsam mit Max Slevogt, Lovis Corinth und Max Liebermann zu den wichtigsten deutschen Malern. Ury stand den Impressionisten nahe, doch anders als die französischen Impressionisten malte er kaum …

Manischer Geschichtenerzähler

Die erste Ausstellung von Philip Guston in den neuen Räumen der New Yorker Marlborough Gallery wurde zum Stadtgespräch. Plötzlich und ohne Vorwarnung malte der lange Jahre als Abstrakter Expressionist bekannte Guston wieder figurativ. „Verrat“ brüllten da nicht wenige seiner Weggefährten und auch die Kritiker kanzelten die neuen Werke gnadenlos ab. Dabei war Guston nie wirklich einer der abstrakt-expressiven Maler der New Yorker Schule, die in oftmals wilder Gestik ihre innere Gefühlswelt auf die Leinwand brachten. Der Abstrakte Expressionismus war nie seine Welt geworden und stets hatte er als Außenseiter gegolten. Seine Arbeiten aus den Fünfzigerjahren sind diffuse Landschaften aus kurzen breiten Pinselstrichen und beseelt von Farbe und Licht. Das erinnert eher an Monet als an die New Yorker Künstler jener Zeit. Guston war 1913 als Philip Goldstein in Montreal geboren worden und wuchs in Los Angeles auf. Früh galt er als großes Talent. Doch während die New Yorker Kunstszene in großformatigen Abstraktionen schwelgte, blieb Guston in der künstlerischen Provinz Los Angeles, malte gegenständlich und arbeitete sich an der europäischen Kunstgeschichte ab. Besonders der frühe Picasso …

Märchenhafte Illustrationen

Für Generationen von Kindern waren die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm die ersten Bücher, aus denen ihnen beim Zubettgehen vorgelesen wurde. Bis heute erfreuen sie sich großer Beliebtheit, daran konnten auch Harry Potter und „Der Herr der Ringe“ nicht viel ändern und bis heute erscheinen immer wieder Prachtausgaben mit prunkvollen Illustrationen, die beweisen, welchen Rang die Grimm’sche Märchenwelt in der deutschen Literatur hat. Dass dies vor 100 Jahren nicht anders war, zeigt eine Ausstellung in der Alten Sammlung des Saarlandmuseums in Saarbrücken. Der saarländische Künstler Albert Weisgerber hatte 1901 über 100 Handzeichnungen als Illustrationen für den zweiten Band eines Märchenbuchs der Reihe „Gerlachs Jugendbücherei“ des Wiener Gerlach-Verlages angefertigt. Von den insgesamt elf Zeichnungsfolgen sind nun die acht schönsten zu sehen, darunter einige weniger bekannte Märchen, wie etwa „Die Eule“ oder „Fundevogel“.

Ein Kosmos aus Punkten

Es ist ein echtes Erlebnis: Betritt man den hintersten Raum im Erdgeschoss der Pfalzgalerie geht der Blick sofort auf die gegenüberliegende Wand. Dort hängt ein wandfüllendes dreiteiliges Bild in leuchtenden Farben. Richard Pousette-Dart hat aus hunderttausenden kreisformenden Punkten einen strahlenden Kosmos aus Licht und Farbe zusammengesetzt. Das Bild erinnert an eine flirrende Sommernacht und scheint ein wenig an Van Goghs berühmte „Sternennacht“ angelehnt zu sein. „Radiance“ ist zweifellos eines von Pousette-Darts bedeutendsten Werken und ein Musterexemplar seiner Arbeit. Der Amerikaner war einer der jüngsten Abstrakten Expressionisten, jener Künstler, die New York im 20. Jahrhundert zum Zentrum der Kunst machten. Der 1992 verstorbene Pousette-Dart wurde 1916 in Minnesota geboren und wuchs in Valhalla bei New York auf. Nach einer abgebrochenen College-Ausbildung übersiedelte er nach Manhattan, malte intensiv und schlug sich als Assistent eines Bildhauers durch. Bald schon kam er mit der aufstrebenden New Yorker Kunstszene in Kontakt, lernte die jungen Wilden um Pollock und de Kooning kennen und schloss sich ihnen an. Doch schon 1951 hatte er genug von dem großstädtischen Kunstbetrieb, zog mit der Familie …

Der vergessene Lieblingsmaler der Deutschen

Was hat man Hans Thoma nicht alles für Etiketten angeheftet: Für seine Kollegen war er wegen seiner pittoresken Schwarzwaldbilder der „Hühnermaler“, Meyers Konversationslexikon lobte ihn 1909 als „Lieblingsmaler der Deutschen“ und für die Nationalsozialisten war er der letzte „große urdeutsche Maler“. Hängen geblieben ist vor allem das Lob der NS-Ideologen, weshalb er nach dem Zweiten Weltkrieg in den Museumsdepots verschwand. Dabei konnte sich Thoma gar nicht mehr wehren, denn er war schon 1924 gestorben, lange bevor Adolf Hitler Gefallen an dem Maler fand und seine Bilder für das Führermuseum zusammenkaufte. Ausstellungsansicht „Hans Thoma. ‚Lieblingsmaler des deutschen Volkes‘“ Städel Museum, Frankfurt am Main, 2013 Foto: Norbert Miguletz Heute besitzt das Frankfurter Städel Museum die größte Thoma-Sammlung. Das Haus ist nicht ganz unschuldig am Ruf des Malers. 1934 zeigte man hier eine monografische Thoma-Präsentation der NS-Kulturgemeinde und gab 1939 eine Broschüre heraus, die Thomas „arische“ Abstammung feierte. Damit war der Ruf als Lieblingsmaler der Nationalsozialisten gefestigt. Es lag also nahe, dass das Museum dem Künstler nun endlich ein wenig Rehabilitation angedeihen lassen möchte. Das Städel versucht sich …

Ein neuer Blick von oben

Es muss ein erhebendes Gefühl gewesen sein, als der erste Heißluftballon der Gebrüder Montgolfière vom Boden abhob und lautlos durch die Lüfte schwebte. Plötzlich gewann der Mensch einen ganz neuen Blick auf seine Welt. Mit den ersten Fotografien aus Ballons erlebten dann auch die am Boden Gebliebenen 1858 den neuen Blickwinkel. Auch die Künstler konnten sich für die neue Perspektive begeistern. Kubistische Maler wie Picasso und George Braque, aber auch Robert Delauney, waren von dem neuen Blick so angetan, dass sie nicht nur steilere Blickwinkel für ihre Werke wählten, sondern das traditionelle dreidimensionale Raumkonzept gleich ganz in Frage stellten. Im Ersten Weltkrieg kamen den Luftbildern neue Aufgaben zu. Mit ihnen konnte die militärische Aufklärung Kriegsschauplätze und Kriegsschäden dokumentieren. Die unzähligen Fotos der zerbombten Landschaften mit den Schützengräben muten oftmals graphisch-abstrakt an. Die Ausstellung illustriert lebhaft den Eindruck, den diese Bilder auf die Avantgarde-Künstler machten: Die Arbeiten wurden zunehmend flacher, Perspektive und Gegenständlichkeit gingen verloren. Die Gegenüberstellung von Luftbildern mit einigen Gemälden und Zeichnungen Kasimir Malewitschs und Wassily Kandinskys, aber auch Piet Mondrians und Paul Klees …

Kunst mit minimalen Mitteln

Yoko Ono war 1964 eine der ersten Performance-Künstlerinnen. Doch ihr Schaffen stand stets im Schatten ihrer Ehe mit John Lennon. Zu ihrem achtzigsten Geburtstag zeigt die Frankfurter Schirn eine Retrospektive. Auf dem Boden der Carnegie Hall sitzt eine junge Japanerin in einem schwarzen Kleid. Besucher flanieren an ihr vorbei, greifen zu einer Schere und schneiden ein Stück aus ihrer Kleidung heraus, bis die Künstlerin nackt ist. Während der Prozedur sieht man ihr das Unbehagen an, sie quält sich, die Demütigung steht der jungen Künstlerin in das Gesicht geschrieben. Ein starkes Bild: Es geht um die Darstellung von Ausgeliefertsein, um Gewalt und die Überschreitung intimer Grenzen. Die junge Frau war Yoko Ono und die Kunstaktion „Cut Piece“ wurde zu einem Meilenstein der Performancekunst.

Wilder Ritt durch die aktuelle Kunst

Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt Werke der Bundeskunstsammlung Wer sich über das aktuelle Kunstschaffen in Deutschland ein umfassendes Bild machen möchte, für den ist die Bundeskunsthalle in Bonn ein lohnendes Ziel. Zum vierten Mal seit 1995 zeigt die Bundeskunsthalle in Bonn unter dem Titel „Nur hier“ 100 Werke jüngerer Künstler von Malerei, über Skulptur, Fotografie und Video bis zu Installationen. Wie immer gibt es vieles zu sehen und einiges zu entdecken, wie etwa Jörg Herolds Fotografien, die er mit Wasserfarben und Beize bearbeitet hat, Thomas Kilppers Linolschnitte oder die raumfüllende Installation von Diego Hernandez. Es ist ein wilder Ritt durch die deutsche Kunstszene der letzten Jahre. Die Arbeiten stammen aus der „Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland“ oder kurz: aus der Bundeskunstsammlung. Der damalige Präsident des deutschen Künstlerbundes Georg Meistermann hatte Bundeskanzler Willi Brandt 1970 davon überzeugt, deutsche Kunst anzukaufen und damit das deutsche Kunstgeschehen zu dokumentieren und zu archivieren. Heute umfasst die Sammlung etwa 1500 Werke von 1949 bis in die Gegenwart. Den Begriff „deutsche Kunst“ fasst man bis heute weit. Die Angekauften müssen …