2. Juni 2010 |
Gerhard Richter ist sauer. Der Maler ärgert sich über die Einladung von Susanne Gaensheimer an Christoph Schlingensief, den deutschen Pavillon bei der nächsten Biennale in Venedig im Jahr 2011 zu bespielen. „Das ist ein Skandal. Die nehmen einen Performer, dabei haben wir tausende Künstler“ und er sieht darin einen “Niedergang der Malerei”. Das hört sich ein bisschen so an, als seien Performance-Künslter keine Künstler und zeugt von einer gewissen Ignoranz oder Arroganz. Aber gut.
Dass sich die für mich über jeden Zweifel erhabene Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt für einen Performancekünstler entschieden hat, kann man ihr kaum vorwerfen, schon gar nicht, wenn man sich die Architektur des Pavillons anschaut, in dem es kaum möglich ist, Malerei wirklich angemessen zu präsentieren. Aber musste es Schlingensief sein? Mich nervt dieses Krawallige bei Schlingensief, das Spektakel, das er veranstaltet und ich glaube, das sind auch die Bedenken von Richter. Könnte es die Sorge sein, dass der Deutsche Pavillon zum “Event” verkommt? Auch wenn Schlingensief neben seiner Theater-, Opern- und Filmarbeit als Aktionskünstler agiert, so würde ich ihn doch nicht als Bildenden Künstler verorten und deshalb auch nicht zur Biennale schicken.
Die Kuratorin hat sich zur Kritik von Richter in einem offenen Brief geäußert und weist diese zurück: „Ich schätze Gerhard Richter als einen der bedeutendsten lebenden Künstler des 20. Jahrhunderts. Er hat in der Malerei neue Maßstäbe gesetzt und Perspektiven grundlegend erweitert. Mit Christoph Schlingensief habe ich mich für den Deutschen Pavillon ganz bewusst für einen Künstler entschieden, der nicht nur inhaltlich sondern auch formal Eindeutigkeiten hinterfragt und Grenzen überschreitet. Im Zusammenhang mit dem Deutschen Pavillon verstehe ich seine Arbeit durchaus auch als einen Beitrag zur Diskussion über die Entgrenzung der Künste und natürlich auch zur Frage der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst. In diesem Sinne freue ich mich auf eine konstruktive und auch kritische Diskussion.“
Gut, schlimmer als Liam Gillicks IKEA-Küche kann es auch nicht mehr werden.
1. Juni 2010 |
Die französische Künstlerin Louise Bourgeois ist gestern im Alter von 98 Jahren in New York an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben.
Mehr dazu bei ZEIT und FAZ
25. Februar 2010 |
Stuttgart hat eine neue Kunstattraktion. Der südkoreanische Künstler Byung Chul Kim hat im Rahmen des Stuttgarter Stadtteilprojekts Diskret_Ost im Juli 2009 das Performance-Hotel eröffnet. Die Besonderheit: Gäste dürfen kostenlos übernachten, wenn sie eine Performance darbieten. Was die Gäste machen möchten, bleibt ihnen selbst überlassen. Malerei, Skulptur, Tanzperformance, Gesang, Theater oder Lesung – alles ist erlaubt. Etliche Künstler und Künstlerinnen haben sich schon am, im und um das Haus ausgetobt. Auch Kochen, Grillen oder die Vorbereitung des Frühstücks gehen bei dem Hotelbesitzer als Performance durch – wenn es denn gut gemacht ist.
Außenansicht des Hotels
Foto: Performance Hotel
Wer nicht künstlerisch tätig werden will, darf natürlich auch bezahlen. Die Preise halten sich im Rahmen. Wer Isomatte und Schlafsack mitbringt, zahlt lediglich drei Euro, auf einem Feldbett kann man für zehn Euro nächtigen und für 13 Euro schläft man auf einer richtigen Matratze. Natürlich sieht es Kim aber am liebsten, wenn die Hotelgäste mit künstlerischen Darbietungen zahlen.
Das Hotel liegt im östlichen Teil Stuttgarts in der Gablerstraße und ist einem ehemaligen Winzerhaus aus dem 19. Jahrhundert untergebracht. Eine Villa Kunterbunt, zwei Stockwerke hoch, die Fassade tapeziert bis unters Dach mit Kunst und Plakaten. Vor dem Haus ein Pappschild im Barockrahmen mit den Preisen. Besonderen Fünf-Sterne-Luxus bietet das Bad in Altrosa mit dem Fernseher. Außerdem gibt es eine WG-Küche mit Esstisch, zwei Schlafräume und zwei Performance-Räume. Den Wellnessbereich finden die Gäste im Garten hinter dem Haus. Hier steht eine Badewanne unter freiem (Sternen-)Himmel.
Auch wenn er nichts einnimmt, Angst vor dem Monatsende muss “Hoteldirektor” Kim nicht haben. Sein Hotel ist ein Projekt der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, die für alle Kosten aufkommt. Die Stadt hatte den Studenten das Haus im vergangenen Juli für zunächst ein Jahr übergeben. Diese renovierten das Haus und statteten es mit Möbeln aus. Eigentlich sollten hier Ateliers entstehen, doch dann kam Kim auf die Idee mit dem Performance-Hotel. Er selbst musste hier ein paar Nächte verbringen, weil er keine Wohnung hatte und dachte sich, dass hier eigentlich jeder Künstler umsonst übernachten sollte. Nun wird jeder Gast zum Künstler, wenn er denn möchte.
Eine wirklich schöne Idee als Protest gegen die Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes und so herrlich kreativ. Mehr davon!
Weitere Informationen unter: performancehotel.wordpress.com und distriktost.wordpress.com.
2. Oktober 2009 |
China feiert dieser Tage das 60. Jubiläum der Gründung der Volksrepublik – und das mit allerlei Pomp und Getöse. In Deutschland sind derweil zwei Ausstellungen zu sehen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch so ähnlich sind. Ai Weiwei, zeitgenössischer chinesischer Künstler und Publikumsliebling bei der letzten documenta zeigt im Haus der Kunst in München seine neusten Arbeiten. Seine Arbeiten prangern die gesellschaftlichen und politischen Missstände in China an, sein Engagement bringt ihm des öfteren Ärger in seiner Heimat ein.
Am 12. Mai 2008 hatte die Erde in der Provinz Sichuan gebebt. Ai Weiwei wollte in der Region recherchieren, doch die Staatsmacht versuchte, das mit allen Mitteln zu verhindern. Ai Weiwei schaffte es trotzdem, die Namen von 4000 Kindern zu recherchieren, die umgekommen waren und veröffentlichte sie. Wie er, wollte auch Tan Zuoren recherchieren, warum in der Region so viele Schulen einstürzten. Er vermutete Schlampereien bei den Bauarbeiten. Doch er wurde verhaftet und wegen “Unterrgabung der Staatsgewalt” angeklagt. Ai Weiwei reiste extra zum Prozess an, um dem Mitstreiter mit seiner Zeugenaussage zu helfen. In der nacht vor der Zeugenaussage wurde er jedoch verhaftet und misshandelt. Folge dieser “Polizeiaktion” war ein Hämatom im Gehirn, welches in München operiert wurde.
Die Ausstellung “So Sorry” stellt zwei großformatige, eigens für das Haus der Kunst entworfene Arbeiten vor. Außerdem vereint sie frühe Fotografien mit den seit 2003 entstandenen Filmen, der Dokumentation von dem documenta-Projekt “Fairytale” sowie einer Auswahl der seit 1997 entstandenen Werke. Der Titel “So Sorry” zielt auf die neue Entschuldigungskultur ab, mit der Politik und Wirtschaft auf Fehlentwicklungen am Finanzmarkt und andere globale Krisen reagieren.
Die Arbeit “Remembering” wird für die Fassade des Haus der Kunst entworfen und besteht aus 9.000 eigens angefertigten Rucksäcken. Ai Weiwei ruft hiermit das Erdbeben in Sichuan ins Gedächtnis, denn bei den eingestürzten Schulen fanden sich viele Rucksäcke der verschütteten Kinder. Jeder Rucksack hat eine von insgesamt fünf verschiedenen Farben. Ihre Anordnung ergibt in chinesischen Schriftzeichen den Satz “Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt”, mit dem die Mutter eines Erdbebenopfers ihrer Tochter gedachte. Das pixelhaft wirkende Großbild erstreckt sich über eine Länge von 100 Metern und eine Höhe von zehn Meter über die gesamte Fassade und ist mit einer
Stahlkonstruktion an den Säulen vorm Haus befestigt.

Ai Weiwei, Remembering, 2009
Rucksäcke und Metallgestänge, 925 x 10605 x 10 cm
© Ai Weiwei
Ebenfalls für die Ausstellung gefertigt ist der Wollteppich “Soft Ground”, der im grölten Ausstellungsraum eine Fläche von 380 Quadratmetern bedeckt. Das Muster von “Soft
Ground” ist eine getreue Reproduktion der 969 steinernen Bodenfliesen über die der Teppich gebreitet wird. Um die Bodenfliesen und die Spuren, die 70 Jahre
Ausstellungsbetrieb hinterlassen haben, präzise zu rekonstruieren, wurde jede Fliese im Vorfeld einzeln fotografiert und ihre Position verzeichnet. In einer Wollweberei in der
Provinz Hebei handgefertigt, fungiert “Soft Ground” nun als Dämpfer, der den Boden schont und auch eine akustische Wirkung hat.
Zu Ai Weiweis jüngsten und in der Ausstellung präsentierten Werken gehören außerdem: “Rooted upon”, eine 100-teilige Großinstallation von Baumstämmen und -wurzeln aus ganz China, die auf “Soft Ground” installiert wird, sowie “Cube in Ebony”, ein Kubus aus massivem Rosenholz und “Bamboo and Porcelain”, eine in Zusammenarbeit mit Herzog & de Meuron entstandene Installation für die Fassade an der Rückseite des Haus der Kunst.
Zeitgleich zeigt in Frankfurt die Schirn Kunsthalle die Werkgruppe “Der Hof für die Pachteinnahme”, die die Situation der Bauern vor der kommunistischen Staatsgründung anschaulich darstellen und die Vorteile des Kommunismus preisen soll. Geschaffen wurde die 97 (!) Meter lange Skulptur aus Lehm 1965 von einem namenlosen chinesischen Künstlerkollektiv. In sieben aufeinander folgenden Szenen sind die Schrecken des Kapitalismus unter dem Kaiser dargestellt. Dargestellt wurde in der Figurengruppe aus Aufsehern, Ganoven, Bauern und Arbeitern die Ablieferung der Pachteinnahmen an den Feudalherren.

Hof für die Pachteinnahme, 1974–1978 (Original 1965)
Szene 1 – Den Pachtzins abliefern Ausstellungsansicht
Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2009
Man könnte das Werk schnell als Propagandakunst des sozialistischen Realismus abtun, doch das wäre zu einfach. Das Diorama berührt den Betrachter durchaus. Physiognomie und Gestik der Figuren sind realistisch und ausdrucksvoll, die lebensgroßen Gestalten verstärken den realistischen Eindruck. Leid und Mühsal der Landbevölkerung sind eindrucksvoll dargestellt. Ursprünglicher Aufstellungsort ist eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Anwesen des berüchtigten Feudalherren Liu Wencai, dessen Gräueltaten in dem Werk verewigt wurden und der auch selbst in einer Szene erscheint, in der er sich gelangweilt in seinem Thron räkelt und auf die um Gnade flehenden Bauern herabblickt.
Seit seiner Entstehung erfreut sich das Kunstwerk großer Beliebtheit. Gerne wird die Geschichte kolportiert, dass manche Betrachter so erbost sind, dass sie versuchten, Aufseher und den Feudalherren zu verprügeln. Zahlreiche Leihanfragen aus dem In- und Ausland führten 1973 zu einer transportablen Kopie aus verkupfertem Fiberglas, die nun bis 04. Januar 2010 in der Schirn ausgestellt wird.
Unter blog.aiweieei.com bloggt Ai Weiwei. Auf aiweiwei.blog.hausderkunst.de bloggt er auch aktuell zu den Geschehnissen rund um die Ausstellung in München.
14. Juli 2009 |
Das Stadtbad Wedding war einst ein lebendiger Ort. Hier plantschten die Menschen des Stadteils bis das Schwimmbad 2001 dem Sparzwang der Stadt zum Opfer fiel. Nun ist das Stadtbad zum Stattbad geworden und soll lebendiger Kulturort werden. Im Haus sollen Ateliers und Studios entstehen, Kreativ-Arbeitsplätze und reichlich Platz für Ausstellungen, Konzerte, Theater und Lesungen. Organisiert wird die Neubelebung unter anderem durch die Berliner Agentur RIOTarts. Die Kunstagentur hat sich ganz der Street Art verschrieben und das Projekt Urban Affairs ins Leben gerufen, ein “Event”, das nun schon zum zweiten Mal Street Art in Berlin präsentiert. Veranstaltungsort ist, wie sollte es anders sein, eben jenes Stattbad.
Die Agentur hat einiges zusammengetragen und ermöglicht einen kleinen repräsentativen Überblick. Streetart, das ist längst nicht mehr nur einfaches Graffiti. Stencil Art, mit Schablonen gesprühte Kunstwerke sind einer der neueren Trends. Die Verkaufserlöse für Werke eines der Hauptprotagonisten, des fast schon legendären Banksy, erreichen inzwischen fast schon schwindelerregende Höhen. Zu den neueren Gattungen gehört auch das “Ad Busting”, bei dem Werbung im öffentlichen Raum “neu gestaltet” wird, um so die Aussage zu konterkarieren, zu verdrehen oder ins Lächerliche zu ziehen. Relativ neu ist auch “Tape Art”, bei der die Kunstwerke aus Plastikklebebändern gefertigt werden. In Berlin ist El Bocho vertreten, der mit seinen Klebebändern fast schon lyrische Werke schafft, die ein wenig an Pop-Art erinnern.

Wand des Stadtbades Wedding, Werk von El Bocho, 2009, Foto: El Bocho
Doch die Bandbreite ist noch viel größer. Der Künstler 1010 mischt Cutouts aus Papier mit Malerei. Der Künstler Mo Magic ist mit Videos von bunten Spielzeugautos vertreten, die an Marshmallows erinnern. Spannend und hintergründig sind die Arbeiten von Emess, der mit Graffitis, Schablonen, Plastiken und Skulpturen auf politische und gesellschaftliche Veränderungen aufmerksam machen will – nicht selten auf irritierende, provokante und ironische Art. Da prangt dann schon mal an der Baugrube des ehemaligen Palastes der Republik in großen Lettern: “DIE DDR HAT’S NIE GEGEBEN.” Spannend sind auch die Arbeiten von Anton Unai der auf ähnliche Weise wie Emess Kunst in den öffentlichen Raum integriert. Besonders die starken bildhauerischen Arbeiten begeistern. Sie sind meist zusammengesetzt aus Abfall der urbanen Gesellschaft, Fragmente des Massenkonsums und der Massenmedien werden zu neu zusammengesetzt. Aber auch die Bilder sind von besonderer Qualität, erzählen ganze Geschichten, nehmen literarische Referenzen auf und bedienen sich einer Ikonographie, die an Religion und Werbung erinnert.
Längst ist Street Art mehr als nur Subkultur und das Beschmieren von Häuserwänden und Zügen. Street Art ist gesellschaftskritisch, prangert soziale Missstände an oder macht auf Veränderungen des urbanen Raumes aufmerksam – oder anders ausgedrückt: Es ist Kunst. Noch immer sind die meisten Künstler anonym, doch inzwischen ist ihre Kunst längst kommerzialisiert und wird in Galerien gezeigt und verkauft. Geschadet hat das dem noch jungen Kunstzweig nicht, im Gegenteil, überall etabliert sich eine vitale Street Art-Szene und einige Künstler können davon inzwischen sogar recht gut leben.
Wer sich für Street Art interessiert, sollte auf jeden Fall bei Urban Affairs extended vorbeischauen. Es lohnt sich! Die Ausstellung wird begleitet von einem umfangreichen Rahmenprogramm und läuft noch bis zum 31. Juli 2009.
Mehr unter: urbanaffairs.de
25. Juni 2009 |
Im November 2006 hatte das documenta Archiv mit dem breitgefächerten Projekt “Mediencluster documenta und Gegenwartskunst” begonnen, sämtliche Fotos und Dias sowie die gesamten Presseartikel der documenta 1 bis 5 zu digitalisieren, da der Bestand des Archivs (insbesondere die Dias) akut bedroht war. Durch die Förderung mit 500.000 Euro durch die Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) war es möglich, die einzigartigen Materialien der frühen documenta-Geschichte zu sichern. Über 10.000 Bilder und über 12.000 Zeitungsausschnitte wurden digitalisiert.
Mit dem Abschluss dieses aufwändigen Digitalisierungsprojekts ist nun nicht nur ein Online-Zugang in den Bibliotheksbestand des documenta Archivs, sondern auch in die Bild-, Video- und Pressesammlung möglich. Ein Folgeantrag für die vollständige Medien-Bearbeitung der späteren documenta-Ausstellungen 6 bis 12 wurde an die DFG gestellt und wird hoffentlich bewilligt, damit der gesamte Schatz “gehoben” werden kann. Die Datenbank ist im Internet zugänglich unter http://documentaarchiv.stadt-kassel.de. Es lohnt sich, rein zu schauen!
20. Juni 2009 |
Alle zwei Jahre wird Venedig zum Nabel der Kunstwelt, die Biennale di Venezia zeigt aktuelle Positionen zeitgenössischer Kunst aus der ganzen Welt. In diesem Jahr ist es wieder so weit und seit 07. Juni 2009 läuft nun die 53. Ausgabe. Neben allerlei Ausstellungen gehören die nationalen Pavillons zum Kern der Biennale und natürlich hat auch Deutschland einen Pavillon. Der Pavillon wurde 1909 erbaut und während der nationalsozialistischen Diktatur umgestaltet. leider sieht man das dem Gebäude bis heute an. Es ist ein hässliches Monstrum. So weit so gut. Immerhin kann man ihn ja im Inneren mit Kunst gestalten und ihm ein bisschen Erhabenheit und Würde verleihen.
In diesem Jahr ist aber etwas anders. Im Allgemeinen werden in den Länderpavillons zeitgenössische Künstler aus den jeweiligen Ländern präsentiert. Das ist natürlich kein Muss, aber für Besucher gerade interessant, weil man so Kunst aus unterschiedlichen Ländern sieht, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Verbindendes und Trennendes kennenlernt und Neues sieht. Die Kreativen müssen natürlich nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben, es können auch Künstler sein, die hier dauerhaft leben. Kurator Nicolas Schafhausen hat sich allerdings in diesem Jahr entschieden, den in New York und London lebenden Briten Liam Gillick auszustellen.
Gillick gehört zu den Young Britisch Artists, jenen in den Neunzigern kometenhaft aufgestiegenen jungen britischen Künsltern um Damien Hirst, Tracy Emin, Jenny Saville, Sarah Lucas und Chris Ofili. Warum Schafhausen keinen deutschen Künstler wählte, erschließt sich mir nicht, es gäbe so viele wunderbare Künstler in diesem Land, dass man eigentlich die Qual der Wahl hat. Schade drum, aber nun gut. Man könnte diese Auswahl ja auch als Hinweis darauf verstehen, dass Kunst keine Grenzen kennt und die Probleme, mit der sich Künstler auseinandersetzen (müssen), überall auf der Welt ähnlich sind. Und Deutschland ist ja mit Wolfgang Tillmans, Ulla von Brandenburg, Tobias Rehberger und Hans-Peter Feldmann eigentlich auch gut vertreten.
Wäre Gillick ein Glücksgriff, hätte ich vielleicht nur gegrummelt, aber das was uns Gillick zeigt, ist an Banalität kaum zu überbieten. Man betritt den Pavillon durch einen Vorhang aus bunten Plastikstreifen. Gillick hat in den Räumen eine selbst gebaute Küche aufgestellt, eine die an IKEA in den achtziger Jahren erinnert – können sie sich erinnern? Kiefernholz, eckig, praktisch und sterbenslangweilig. Vorbild war allerdings die “Frankfurter Küche”, ein Entwurf der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, die diese einfache und pragmatische Küche 1926 für Arbeiterwohnungen entworfen hatte. Die Küche ist komplett leer, nur auf einem der Schränke sitzt eine Katze. Die beeidruckt wenigstens damit, dass sie spricht. Sie erzählt eine im Kreis drehende Geschichte von Fehldarstellungen, Missverständnissen und Wünschen. Das war es.

Blick in den deutschen Pavillon, Foto: © Liam Gillick
Garniert wird das Kunstwerk mit einem hochtrabenden Wortkonvolut Die Küche sei “eine Art Diagramm aus Modernitätsbestreben und Funktionalität” und fungiere zudem als “Echo des angewandten Modernismus”. Und weiter:
“Dieser steht im Gegensatz zu der Erhabenheit des Pavillons, der ohne sanitäre Anlagen, Küche oder Ruhezone gebaut wurde. Die Küchenkabinette besetzen die Übergänge vom zentralen in die seitlichen Räume. Die Küche steht in Spannung zur Logik des Gebäudes. Man könnte vielleicht sogar sagen, dass sie ein Vermächtnis des funktionalen Modernismus ist, und die Aufgabe übernimmt, gegen die Ideologie der Pavillon- Architektur zu arbeiten.
Liam Gillick hat sein tägliches Arbeitsumfeld – seine Küche, die er als improvisiertes Studio nutzt – in den Deutschen Pavillon übertragen. Nach monatelangem Arbeiten in seiner eigenen Küche, umschlichen von der Katze seines Sohnes, beschäftigte er sich mit den Fragen „Wer spricht? Wer spricht mit wem und mit welcher Berechtigung?”, während die Katze stets versuchte, seine Arbeit zu unterbrechen.
Nein, das war nichts, das hätte jeder Kunststudent besser gemacht. Einen weiteren Bericht von der Biennale gibt es in den nächsten Tagen…
30. April 2009 |
Sex sells. Das funktioniert immer wieder. Ob sich das auch die in New York lebende Britin Cecily Brown (1961) gedacht hat, als sie in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Kunstmarkt eroberte? Eigentlich waren ihre Bilder ja nur eine müde Provokation, längst sind wir abgestumpft. Sie selbst sagt, dass es ihr nie um eine Provokation ging. Sie wollte dem Emotionalen in den pornografischen Szenen nachspüren.
Brown malte Szenen aus Sexmagazinen ab. Doch wie sie das tat, erregte Aufsehen. Ihr Bilder sind energiegeladen, immer hart an der Grenze zwischen Abstraktion und Figuration, mal mehr das eine, dann wieder mehr das andere. Immer schwelgt sie aber in einem Rausch aus Farben. Perfekt versteht sie es, mit den Farben zu spielen, erzeugt aus kalten und warmen Farben Raumtiefe, Energie und Bewegung. Manchmal sind die menschlichen Körper nur noch angedeutet als “fleischfarbene Klumpen”, dann wieder in Pollock’scher Manier getröpfelte und gespritzte Linien.

Blick in die Ausstellung „Cecily Brown“, Deichtorhallen Hamburg April 2009
Cecily Brown, 1000 Thread Count, 2004
Foto: © Wolfgang Neeb. Courtesy Deichtorhallen Hamburg
Immer wieder ist die Präsenz von Körpern in den Bildern spürbar, auch ohne das die Malerin sie endgültig ausformuliert. Sie arbeitet oftmals Monate an einem Bild, bis sie es perfekt findet. Nichts soll zu sehr an Sex erinnern und doch soll er spürbar bleiben. Der Betrachter soll genau hinschauen, lange hinschauen, in das Bild versinken und die Situation erst langsam erfassen. Vorbei die Zeiten, in denen man auf den ersten Blick sah, was da im Bild vor sich geht und neben dem kopulierenden Paar alles andere vergisst.
In den letzten jahren ging sie immer mehr zur Abstraktion über. Fast scheint es so, als würde sie sich ganz auf das fokussieren, was den Sex ausmacht: Energie, Bewegung, Verschmelzung und Auflösung. Die Natur scheint in ihren Bildern eine immer wichtigere Rolle zu spielen. Ihre Arbeiten scheinen immer mehr vom einstigen Bildthema abzuweichen und doch irgendwie darin gefangen zu bleiben. Kein Wunder. Einer der meist zitierten Sätze der Malerin lautet: “Sex ist die treibende Kraft hinter fast allem, was so vor sich geht.” Wer will da schon widersprechen?

Herbert Brandl, Ohne Titel, 2008
Öl auf Leinwand, Firnis 260 x 502 cm
Courtesy Galerie Sabine Knust, München Fotograf: Franz Schachinger © Herbert Brandl
Zeitgleich zeigen die Deichtorhallen Herbert Brandls großformatige Arbeiten. Brandl selbst hatte sich Brown als “Mitausstellerin” gewünscht und der Wunsch wurde ihm gerne erfüllt. Ein genialer Schachzug, denn so ähnlich die Künstler den Rausch der Farben auch feiern, so unterschiedlich sind sie doch. Auch Brandl arbeitet an der Grenze von Figuration und Abstraktion. Doch seine Bilder wirken wie Ruheoasen gegen Browns Orgien. Immer wieder scheinen in den gegenstandslosen Bildern figurale Bildaussagen durch. Fast immer sind es Landschaftsbilder, mal Grassteppen oder Waldansichten, dann Bergpanoramen oder dramatische Sonnenuntergänge – Farbgewitter, ein “heftiger Konflikt aus Licht und Farbe”, wie es Deichtorhallen-Leiter Robert Fleck beschrieb. Allerdings fehlen Brandls Bildern Kraft und Bildgewalt von Browns Arbeiten, fast schon langweilig wirken seine subtilen Werke im Vergleich. So zeigen beide Künstler, wie unterschiedlich abstrakte Ansätze sein können, zeigen abweichende Konzepte von Farbe, Raum und Tiefe, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Abstraktion ist eben doch nicht einfach nur Reduktion des Sichtbaren.
Ich hatte richtig Spaß. Hingehen, anschauen!
Weitere Informationen: deichtorhallen.de
16. Februar 2009 |

Gerhard Richter, Familie am Meer, 1964
© Sammlung Ströher
Wer die Ausstellung “Gerhard Richter – Bilder aus privaten Sammlungen” im Museum Sammlung Frieder Burder nicht sehen konnte, hat jetzt in der Wiener Albertina bis zum 03. Mai 2009 die Möglichkeit, dies nachzuholen. Anschließend ist die Ausstellung im Duisburger Museum Küppersmühle zu sehen. In Wien heißt die Ausstellung allerdings “Gerard Richter. Retrospektive” und in der Tat darf man das so sehen. Die bildgewaltige Ausstellung, ohnehin schon reichlich und retrospektiv bestückt, wurde in Österreich durch weitere Leihgaben einer österreichischen Privatsammlung ergänzt, so dass ein Überblick über das Gesamtwerk des bedeutenden Künstlers möglich ist. Die Albertina zeigt neben 70 Gemälden auch bedeutende Werkblöcke seiner Aquarelle und Zeichnungen. Die Ausstellung wandert dann wieder in reduziertem, aber immer noch sehenswerten Umfang nach Duisburg (22. Mai bis 23. August 2009).
14. Februar 2009 |

Video-Ausschnitt
Über ARTFORUM bin ich auf den Webseiten des Walker Art Center auf ein interessantes Zwiegespräch zwischen Richard Flodd, dem Chefkurator des Hauses und Matthew Barney, dem Schöpfer des “Cremaster Circle” gestossen. Der Ton ist zwar bescheiden, aber das Gespräch ist sehr unterhaltsam und sehenswert für alle, die das epische Werk noch nicht so ganz verstanden haben. Hier geht es los: channel.walkerart.org.