26. Oktober 2011
Louise Bourgeois ist eine Jahrhundertkünstlerin und das im doppelten Wortsinne. Sie ist nicht nur eine Ausnahmekünstlerin, sie hat nahezu das ganze 20. Jahrhundert erlebt, ist bedeutenden Künstlern begegnet, hat sich von ihnen inspirieren lassen und wurde so zum Bindeglied zwischen Moderne und zeitgenössischer Kunst.
Bourgeois wurde 1911 in Paris geboren, ging dort zur Schule, studierte Philosophie an der Sorbonne und Kunst bei Fernand Léger. Als sie den Kunsthistoriker Robert Goldwater traf, verliebte sie sich, heiratete und ging mit ihm nach New York. Dort tauchte sie in die entstehende Kunstszene ein, begegnete den vor dem Krieg geflohenen Surrealisten, traf die Abstrakten Expressionisten um De Kooning und Pollock und lernte die Minimal Art- und die Pop Art-Künstler kennen. Ein spannendes und aufregendes Leben.
Louise Bourgeois, Fondation Beyeler, Riehen / Basel mit Maman, 1999
Bronze mit Silbernitratpatina, Edelstahl und Marmor, 927,1 x 891,5 x 1023,6 cm
Collection The Easton Foundation,courtesy Hauser & Wirth und Cheim & Read
Foto: Serge Hasenböhler, © Louise Bourgeois Trust
Lange war der Name Bourgeois nur Kunstkennern ein Begriff. Das änderte sich erst, als ihr das MoMA 1982 in New York eine Retrospektive ausrichtete und sie so einem größeren Publikum bekannt machte. Da war sie 71 Jahre alt. Die letzte Retrospektive kurz vor ihrem Tod im Jahr 2010 wurde zu einem Triumphzug. Sie wurde in der Londoner Tate Modern, im Centre Pompidou in Paris und im Guggenheim Museum gezeigt.
Zum hundertsten Geburtstag der Künstlerin richtet nun die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel eine Retrospektive aus – die letzte, die die Künstlerin noch mitkonzipierte. Die Ausstellung À l’infini versammelt zwanzig beispielhafte Exponate aus allen Schaffensperioden, darunter auch Spätwerke, die noch nie öffentlich zu sehen waren.
Künstlerisch zu arbeiten bedeutete für Bourgeois immer die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, die Umsetzung von bewussten Emotionen und unbewussten Gefühlen. Kunst war für Bourgois immer auch Psychotherapie, die sie davor bewahren sollte, verrückt zu werden, wie sie in einem Interview gestand. Ihre Kindheit liegt wie ein Trauma über ihren Arbeiten. Die geliebte Mutter starb früh nach schwerer Krankheit, der Vater kümmerte sich kaum um sie und demütigte sie oft so sehr, dass sie noch Jahrzehnte später in Interviews die Tränen nur mühsam unterdrücken konnte.
Im Park des Museums empfängt den Besucher Maman, die ein Schlüsselwerk in Bourgeois’ Schaffen ist. Die zehn Meter hohe Bronzespinne mit ihren Marmoreiern im Hinterteil wirkt bedrohlich und beängstigend. Umso erstaunlicher, dass Bourgeois sie als Metapher für die geliebte Mutter sieht. Die Mutter war Weberin und restaurierte historische Stoffe. Wie eine Spinne erneuerte sie Gewebe und weil ihre Mutter für sie ein Monument gewesen sei, sei die Spinne eben monumental groß. Die Spinne hat aber auch etwas Beschützendes, sie trägt ihre Eier hinten im Körper, den sie schützend unter sich streckt und die Beine wie einen Baldachin ausbreitet. So strahlt die Spinne auch etwas Fürsorgliches aus.
Immer wieder stehen bei der oft nur als Bildhauerin wahrgenommenen Künstlerin bildhafte Erzählungen im Mittelpunkt, mal als Zeichnung, oft aber auch als Installation.
Angst und Schmerz waren dabei oft die Themen der Künstlerin. In der Ausstellung sind die legendären Cells zu sehen, in Käfigen eingefangene Momentaufnahmen eines Lebens. Durch Fenster, Türen, Gitter oder Glas kann man einen blick darauf werfen. Am Ende der Ausstellung begegnet man der Passage dangereux von 1997, einer Art Super-Cell, irgendetwas zwischen Folterkammer und Kinderzimmer. In einem begehbaren Käfig finden sich Knochen, Spiegel, Stühle und ein kleines Likörflakon, das Bourgeois von Le Corbusier geschenkt bekam. In ihm schwimmt eine tote Fliege, sie ist an ihrer Lust zu naschen zu Grunde gegangen.
Bourgeois litt an Schlafstörungen. Sie stand dann nachts oft auf und begann zu zeichnen. Mitte der neunziger Jahre entstanden so die Insomnia-Drawings, die einen unverstellten, tiefen Blick in das Seelenleben der Künstlerin ermöglichen. Das Konvolut aus über 200 Blättern ist die Quintessenz ihres künstlerischen Schaffens. Skizzen und Zeichnungen wechseln ab mit Texten und Notizen, die sich auf ihr alltägliches Leben beziehen. Bemerkenswert sind auch die vierzehn Zeichnungen der Serie À l’infini, die der Ausstellung den Namen gaben. Ihren Ursprung hat die Serie in einer Radierung, in der sich zwei Fäden begegnen und ein Gewebe bilden. Daraus erschuf Bourgeois eine Serie, die den ewigen Zyklus des Lebens darstellt, das Werden und Vergehen des Menschen.
Etwas ungeschickt ist die Gegenüberstellung von Bourgeois Arbeiten mit Künstlern, die sie nachhaltig beeinflussten. Viele der zarten und anmutigen Arbeiten von Bourgeois gehen in der Bildgewalt ihrer Gegenüber einfach unter oder der Betrachter fragt sich, was die Ausstellungsmacher damit sagen wollten. Gelungen scheint nur die Konfrontation von Bourgeois’ Red Fragmented Figure (1953), einer Stele aus grob behauenen roten Holzklötzen, mit Légers Contrastes de formes. Die Skulptur scheint die roten geometrischen Formen des Bildes geradezu in den Raum zu spiegeln.
Die Gegenüberstellung von Bourgeois’ Werken mit denen der großen Männer des 20. Jahrhunderts zeigt vor allem eines: Ihr Werk ist unvergleichlich zart und feminin und so ganz anders als das Ihrer Kollegen. Bourgeois nimmt mit ihren lyrischen und nachdenklichen Arbeiten eine Ausnahmestellung in der Kunst des 20. Jahrhunderts ein. Sie war eine der ersten, die den lange schwelenden Kampf zwischen Abstrakten und Figurativen beendete und die Kunst um eine eigenständige Deutungsebene bereicherte.
7. September 2011
Anselm Reyle präsentiert uns in seinem Gemälde Weideglück ein quietschbuntes Landschaftsidyll: Ein zufriedenes Pferd liegt entspannt auf einer Wiese vor einem strahlend blauen Himmel. Mit allerlei Schraffuren, Texturen und silbern glänzenden Lacken wurden Hell und Dunkel und Farbspiele angedeutet. Doch etwas irritiert. Überall auf dem Bild sind kleine Felder mit Zahlen sichtbar. Reyle spielt auf das bei Hobbykünstlern beliebte „Malen nach Zahlen“ an. Der Maler spielt mit der Grenze zwischen Kunst und Kitsch. Was ist Kunst und was Kitsch, wie viel Kommerz steckt in einem Bild und was macht dessen Wert aus? Was macht Kunst überhaupt aus? Zählt einzig der Wille ein Kunstwerk schaffen zu wollen, ist es handwerkliches Können oder ist es der Name des Künstlers? Sind es die Farben und die gekratzten Schraffuren im Bild, die den Willen des Erschaffers zur Kunst dokumentieren und sich über das industrielle Produkt hinwegsetzen?

Anselm Reyle, Weideglück, 2010
Mischtechnik auf Leinwand, 225 x 275 x 6,5 cm
Courtesy der Künstler, Fotograf: Matthias Kolb
Die erste Ausstellung des neuen Baden-Badener Kunsthallendirektors Johan Holten will untersuchen, ob gängige Kategorien des Geschmacks heute noch brauchbar sind und welche Bedeutung sie innerhalb der zeitgenössischen Kunst haben. Holten selbst kommt zu dem Schluss, dass sich visuelle Einordnungen zur Beurteilung von Kunst so stark verändert haben, dass sie „heute vollkommen untauglich sind, Kunst zu beurteilen.“ Kunst ist heute schon lange nicht mehr schön und meist auch nicht geschmackvoll. Was bedeutet guter Geschmack in einer Welt die sehr schnelllebig geworden ist und in der fast alles erlaubt ist? Was heute noch in ist, kann morgen längst out sein. Für Museen wird es immer schwerer zu entscheiden, was sie ausstellen, sammeln und für die Nachwelt konservieren sollen. Objektive Kriterien zu definieren, fällt vielen Kuratoren und Kritikern immer schwerer.
Vieles was einst als geschmackvoll galt, ist heute überholt. So zeigt die Kunsthalle Landschaftsbilder aus dem 19. Jahrhundert. Doch was damals Genuss und Schönheit suggerieren sollte, ist heute nicht mehr zeitgemäß, wirkt angestaubt und würde in hippen Berliner Wohnungen mit Sichtbetonwänden skurril wirken. Dabei waren die arkadischen Landschaften mit ihren Ruinen, Bächen und Wäldern einst gesellschaftliches Schönheitsideal und Museen wollten ihre Besucher zum Wahren, Schönen und Guten erziehen. Erst gegen Ende des Jahrhunderts begannen Künstler dagegen aufzubegehren. Die Impressionisten wollten nicht mehr nach akademischen Idealen malen, sie wollen Farbe und Licht auf die Leinwand bannen und spätestens mit den Expressionisten und den Kubisten gewann die eigene Sichtweise des Künstlers im frühen 20. Jahrhundert die Oberhand.
Während sich die Palette künstlerischer Möglichkeiten extrem erweitert hat und neben Bildhauerei und Malerei auch Videokunst, Performance und Installation hinzukamen, scheinen handwerkliche Fähigkeiten immer mehr an Gewicht zu verlieren.
Welche zeitgenössische Kunst aber soll ein Museum heute ausstellen? Noch immer kommen die Besucher in die Häuser in der Erwartung, das Gute und Schöne präsentiert zu bekommen. Aber kann das eine Kunsthalle heute noch leisten?
Nicht ohne Ironie ist die Lage der Kunsthalle in Baden-Baden, die direkt neben dem Privatmuseum von Frieder Burda residiert. Burda zeigt, was ihm persönlich gefällt, einen Bildungsauftrag muss er nicht erfüllen. Nicht ohne Ironie ist auch die gleichzeitig dort laufende Schau mit Werken von Neo Rauch, einem der angesagten Künstler der Leipziger Schule, deren Preise gerade schwindelerregende Höhen erreichen.
Heute scheint der Kunstgeschmack eher vom Preis dominiert, die Sammler hecheln dem hinterher, was der Markt als „sammelnswert“ erachtet. Das ärgert auch viele Künstler, die in dem Dilemma zwischen Anerkennung und Kommerzialisierung ihrer Arbeit feststecken. Viele von ihnen würden sich dem Streben nach Konsum und Kommerz gerne entziehen. Es gilt inzwischen als schick gegen die Macht des Marktes zu rebellieren und so werden schon mal Alltagsgegenstände in langweiliger Wiederkehr von Duchamps Ready-Mades aufgestellt um gegen die zunehmende Kommerzialisierung zu protestieren, wie etwa in Josefine Mecksepers Arbeiten, die in der Baden-Badener Kunsthalle billige Klobürsten und Slips wie Luxusaccessoires in die Vitrine stellt. Ist das jetzt Kunst oder Kitsch? Oder Kitsch, der durch eine inhaltliche Aussage zu Kunst wird?
Die Frage ob Kunst oder Kitsch ist nicht immer einfach zu beantworten, die Grenzen fließend und oft liegt die Entscheidung im Auge des Betrachters. Jeff Koons ist ein Meister dieser Spielerei. Seine Kitschskulpturen haben Kultstatus. Er überhöht kitschigen Nippes zu Ikonen des Kommerzes. Allein der Preis und der arrivierte Name des Künstlers bestimmt hier, ob etwas Kunst ist oder eben nicht. Je teurer, desto Kunst. Für die einen sind Koons Werke gesellschaftskritische Kunst, weil er damit das Wesen des Kunstmarkts bloß legt, für die anderen ist es nichts als billiger Kitsch, der zum Statussymbol erhoben wird – nur in einem sind sich beide Seiten einig: Die Signatur des Künstlers macht es wirklich teuer.
Kitsch? Das war für den Kunstkritiker Clement Greenberg, der den Abstrakten Expressionisten um Pollock und De Kooning den Weg ebnete, vor allem das, was dem Massengeschmack entsprach und zum Massengeschmack kann Kunst sehr schnell werden. So fotografierte Martin Paar einen Besucher auf einer Messe in Dubai. Der Kunstkenner schaut sich ein gekleckstes und getröpfeltes Gemälde an. Sein Muster setzt sich zufällig fast haargenau auf dem Hemd des Betrachters fort. Die Kunst verkommt zum massentauglichen Modeartikel.
Und so lehrt uns die Ausstellung vor allem eines: Geschmack scheint beliebig zu sein und ganz im Auge des Betrachters zu liegen. Was bleibt dem Besucher? Er muss in diesem Zeiten vor allem auf den eigenen Geschmack vertrauen. Kunstinstitutionen oder Kritiker können nur Anleitungen bieten und der Kunstmarkt ist kein guter Ratgeber, weil das was heute noch teuer verkauft wird, morgen schon wie Blei an den Wänden der Galerien hängt. Dass der „teure Geschmack“ ein schlechter Ratgeber ist, zeigen Martin Parrs in der Ausstellung hängende Fotos von Kunst- und Millionärsmessen. Kunst verkommt zum protzigen Statussymbol und inhaltleeren Dekorationsartikel der Schönen und Reichen.
„Geschmack –der gute, der schlechte und der wirklich teure“ ist eine wunderbare Ausstellung zum Nachdenken darüber, was wir gut finden und warum wir das tun. Zur Ausstellung erschien ein lesenswerter Katalog mit Essays.
9. August 2011
In den letzten Monaten machte der chinesische Künstler Ai Weiwei vor allem als Regimekritiker Schlagzeilen, weil ihn die chinesische Regierung mal eben verschwinden ließ. Einem größeren Publikum wurde Ai Weiwei durch die documenta 12 bekannt, wo sein Kunstwerk Template ausgestellt wurde, dessen Holz von chinesischen Tempeln stammte, die zur Schaffung von Bauraum abgerissen wurden. Template stand im Freien und wurde von einem Sturm umgestürzt. Der Künstler war begeistert und ließ das Werk so stehen.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt nun einen bisher kaum beachteten Aspekt von Ai Weiweis Repertoire: seine Architekturprojekte. Sein bekanntestes Projekt ist sicher das Olympiastadion in Beijing, das die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron planten, die von Ai Weiwei künstlerisch beraten worden waren. Doch schon während des Baus distanzierte sich Ai Weiwei und bezeichnete das Projekt als größenwahnsinnig.

Ai Weiwei, Ordos 100, 2011
Ausstellungsansicht 2. OG, Kunsthaus Bregenz
Foto: Markus Tretter
© Ai Weiwei, Kunsthaus Bregenz
Ebenfalls mit Herzog & de Meuron kuratierte Ai Weiwei das Architekturprojekt ORDOS 100, eine Wohnsiedlung in der monglosichen Steppe. Nach einem von ihm entworfenen Masterplan lud er 100 Architekturbüros aus aller Welt ein, Einfamilienhäuser zu entwerfen. Das hölzerne Architekturmodell ist im zweiten Stockwerk des KUB nahezu flächendeckend auf 500 Quadratmetern zu bewundern und ist schon fast ein Kunstwerk für sich. Gezeigt wird auch Ais Arbeit Moon Chest, das mit seinen Minimal Art-Skulpturen an Hochhäuser erinnert. Zu sehen sind außerdem Fotos, Videos und Modelle von Projekten, die Ai Weiwei mit dem grandiosen Schweizer Architekturbüro HHF geschaffen hat, wie Artfarm oder die Tsai Resicence.
Das ist sicher keine Ausstellung für die breite Masse des Kunstpublikums, aber man freut sich, dass ein Museum ein solches Projekt wagt und nich darauf schielt, große Besucherzahlen zu erreichen. Dass diese dann doch ganz gut sein werden, liegt wohl vor allem am Namen des Künstlers und seiner Inhaftierung, die allerdings war wohl kaum eingeplant, denn bei seiner Festnahme war die Ausstellung natürlich schon längst konzipiert.
Leider ist in der Ausstellung nur vage erkennbar, welchen Beitrag Ai zu den jeweiligen Projekten beigesteuert hat. Was bedeutet “künstlerischer Berater” in den gezeigten Fällen? Hat er in einem intensiven Diskurs mit den Architekten und eigenen Zeichnungen den Bauten eine eigene künstlerische Formsprache mitgegeben oder war er mehr schmückendes Bauwerk und Vermittler zwischen westlichen Architekturplänen und chinesischen Vorstellungen? Die Frage beleibt ungeklärt.
Mehr Informationen: Kunsthaus Bregenz, HHF Architekten, Herzog & de Meuron
23. Juni 2011
Bad Homburg ist ein beschauliches kleines Städtchen vor den (nördlichen) Toren von Frankfurt. Hier geht es geruhsam zu, die Stadt gilt als bessere Wohngegend und der Kurcharakter tut ein Übriges. Mittelpunkt der Stadt ist der Kurpark, ein wunderschöner Park mit altem Baumstand und großen Rasen- und Wiesenflächen und diese werden alle zwei Jahre zum Freilichtmuseum für zeitgenössische Bildhauerei.
Tony Cragg, Early Forms, 2001 130 x 410 x 160 cm, Bad Homburg, Kurpark
(Courtesy Galerie Scheffel, Bad Homburg, und Tony Cragg)
Zu verdanken hat die Stadt das Projekt dem umtriebigen Galeristen Christian Scheffel, der in der Stadt seine Galerie betreibt. Er hat das Projekt 1997 im Kleinen begonnen, inzwischen findet die achte Ausstellung statt, die Stadt ist inzwischen Mitveranstalter und der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier hat die Schirmherrschaft übernommen. Inzwischen ist längst nicht mehr nur der Kurpark Ausstellungsort, sondern auch der romantische Schlossgarten und erstmals überwindet die Ausstellung die Stadtgrenzen und ist auch in der Darmstädter Stadtkirche und der Kunsthalle vertreten, im Camp-Phönix-Park in Eschborn, dem Skulpturenpark in Niederhöchstadt und an der Goethe-Universität in Frankfurt auf dem Campus Westend und dem Campus Riedberg.
64 Skulpturen haben die Veranstalter zusammengetragen, darunter namhafte Bildhauer wie Joep van Lieshout, Magdalena Abakanowicz, Nigel Hall, David Nash, Tony Cragg und Bernar Venet. Wem da snicht genug ist, der kann ja die aktuelle Ausstellung der Altana-Kunststiftung im Sinclair-Haus besuchen. Der Ausflug nach Bad Homburg lohnt sich – versprochen!
Mehr: Blickachsen 8 (bis 3. Oktober 2011).
2. Juni 2010
Gerhard Richter ist sauer. Der Maler ärgert sich über die Einladung von Susanne Gaensheimer an Christoph Schlingensief, den deutschen Pavillon bei der nächsten Biennale in Venedig im Jahr 2011 zu bespielen. „Das ist ein Skandal. Die nehmen einen Performer, dabei haben wir tausende Künstler“ und er sieht darin einen “Niedergang der Malerei”. Das hört sich ein bisschen so an, als seien Performance-Künslter keine Künstler und zeugt von einer gewissen Ignoranz oder Arroganz. Aber gut.
Dass sich die für mich über jeden Zweifel erhabene Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt für einen Performancekünstler entschieden hat, kann man ihr kaum vorwerfen, schon gar nicht, wenn man sich die Architektur des Pavillons anschaut, in dem es kaum möglich ist, Malerei wirklich angemessen zu präsentieren. Aber musste es Schlingensief sein? Mich nervt dieses Krawallige bei Schlingensief, das Spektakel, das er veranstaltet und ich glaube, das sind auch die Bedenken von Richter. Könnte es die Sorge sein, dass der Deutsche Pavillon zum “Event” verkommt? Auch wenn Schlingensief neben seiner Theater-, Opern- und Filmarbeit als Aktionskünstler agiert, so würde ich ihn doch nicht als Bildenden Künstler verorten und deshalb auch nicht zur Biennale schicken.
Die Kuratorin hat sich zur Kritik von Richter in einem offenen Brief geäußert und weist diese zurück: „Ich schätze Gerhard Richter als einen der bedeutendsten lebenden Künstler des 20. Jahrhunderts. Er hat in der Malerei neue Maßstäbe gesetzt und Perspektiven grundlegend erweitert. Mit Christoph Schlingensief habe ich mich für den Deutschen Pavillon ganz bewusst für einen Künstler entschieden, der nicht nur inhaltlich sondern auch formal Eindeutigkeiten hinterfragt und Grenzen überschreitet. Im Zusammenhang mit dem Deutschen Pavillon verstehe ich seine Arbeit durchaus auch als einen Beitrag zur Diskussion über die Entgrenzung der Künste und natürlich auch zur Frage der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst. In diesem Sinne freue ich mich auf eine konstruktive und auch kritische Diskussion.“
Gut, schlimmer als Liam Gillicks IKEA-Küche kann es auch nicht mehr werden.
1. Juni 2010
Die französische Künstlerin Louise Bourgeois ist gestern im Alter von 98 Jahren in New York an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben.
Mehr dazu bei ZEIT und FAZ
25. Februar 2010
Stuttgart hat eine neue Kunstattraktion. Der südkoreanische Künstler Byung Chul Kim hat im Rahmen des Stuttgarter Stadtteilprojekts Diskret_Ost im Juli 2009 das Performance-Hotel eröffnet. Die Besonderheit: Gäste dürfen kostenlos übernachten, wenn sie eine Performance darbieten. Was die Gäste machen möchten, bleibt ihnen selbst überlassen. Malerei, Skulptur, Tanzperformance, Gesang, Theater oder Lesung – alles ist erlaubt. Etliche Künstler und Künstlerinnen haben sich schon am, im und um das Haus ausgetobt. Auch Kochen, Grillen oder die Vorbereitung des Frühstücks gehen bei dem Hotelbesitzer als Performance durch – wenn es denn gut gemacht ist.
Außenansicht des Hotels
Foto: Performance Hotel
Wer nicht künstlerisch tätig werden will, darf natürlich auch bezahlen. Die Preise halten sich im Rahmen. Wer Isomatte und Schlafsack mitbringt, zahlt lediglich drei Euro, auf einem Feldbett kann man für zehn Euro nächtigen und für 13 Euro schläft man auf einer richtigen Matratze. Natürlich sieht es Kim aber am liebsten, wenn die Hotelgäste mit künstlerischen Darbietungen zahlen.
Das Hotel liegt im östlichen Teil Stuttgarts in der Gablerstraße und ist einem ehemaligen Winzerhaus aus dem 19. Jahrhundert untergebracht. Eine Villa Kunterbunt, zwei Stockwerke hoch, die Fassade tapeziert bis unters Dach mit Kunst und Plakaten. Vor dem Haus ein Pappschild im Barockrahmen mit den Preisen. Besonderen Fünf-Sterne-Luxus bietet das Bad in Altrosa mit dem Fernseher. Außerdem gibt es eine WG-Küche mit Esstisch, zwei Schlafräume und zwei Performance-Räume. Den Wellnessbereich finden die Gäste im Garten hinter dem Haus. Hier steht eine Badewanne unter freiem (Sternen-)Himmel.
Auch wenn er nichts einnimmt, Angst vor dem Monatsende muss “Hoteldirektor” Kim nicht haben. Sein Hotel ist ein Projekt der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, die für alle Kosten aufkommt. Die Stadt hatte den Studenten das Haus im vergangenen Juli für zunächst ein Jahr übergeben. Diese renovierten das Haus und statteten es mit Möbeln aus. Eigentlich sollten hier Ateliers entstehen, doch dann kam Kim auf die Idee mit dem Performance-Hotel. Er selbst musste hier ein paar Nächte verbringen, weil er keine Wohnung hatte und dachte sich, dass hier eigentlich jeder Künstler umsonst übernachten sollte. Nun wird jeder Gast zum Künstler, wenn er denn möchte.
Eine wirklich schöne Idee als Protest gegen die Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes und so herrlich kreativ. Mehr davon!
Weitere Informationen unter: performancehotel.wordpress.com und distriktost.wordpress.com.
2. Oktober 2009
China feiert dieser Tage das 60. Jubiläum der Gründung der Volksrepublik – und das mit allerlei Pomp und Getöse. In Deutschland sind derweil zwei Ausstellungen zu sehen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch so ähnlich sind. Ai Weiwei, zeitgenössischer chinesischer Künstler und Publikumsliebling bei der letzten documenta zeigt im Haus der Kunst in München seine neusten Arbeiten. Seine Arbeiten prangern die gesellschaftlichen und politischen Missstände in China an, sein Engagement bringt ihm des öfteren Ärger in seiner Heimat ein.
Am 12. Mai 2008 hatte die Erde in der Provinz Sichuan gebebt. Ai Weiwei wollte in der Region recherchieren, doch die Staatsmacht versuchte, das mit allen Mitteln zu verhindern. Ai Weiwei schaffte es trotzdem, die Namen von 4000 Kindern zu recherchieren, die umgekommen waren und veröffentlichte sie. Wie er, wollte auch Tan Zuoren recherchieren, warum in der Region so viele Schulen einstürzten. Er vermutete Schlampereien bei den Bauarbeiten. Doch er wurde verhaftet und wegen “Unterrgabung der Staatsgewalt” angeklagt. Ai Weiwei reiste extra zum Prozess an, um dem Mitstreiter mit seiner Zeugenaussage zu helfen. In der nacht vor der Zeugenaussage wurde er jedoch verhaftet und misshandelt. Folge dieser “Polizeiaktion” war ein Hämatom im Gehirn, welches in München operiert wurde.
Die Ausstellung “So Sorry” stellt zwei großformatige, eigens für das Haus der Kunst entworfene Arbeiten vor. Außerdem vereint sie frühe Fotografien mit den seit 2003 entstandenen Filmen, der Dokumentation von dem documenta-Projekt “Fairytale” sowie einer Auswahl der seit 1997 entstandenen Werke. Der Titel “So Sorry” zielt auf die neue Entschuldigungskultur ab, mit der Politik und Wirtschaft auf Fehlentwicklungen am Finanzmarkt und andere globale Krisen reagieren.
Die Arbeit “Remembering” wird für die Fassade des Haus der Kunst entworfen und besteht aus 9.000 eigens angefertigten Rucksäcken. Ai Weiwei ruft hiermit das Erdbeben in Sichuan ins Gedächtnis, denn bei den eingestürzten Schulen fanden sich viele Rucksäcke der verschütteten Kinder. Jeder Rucksack hat eine von insgesamt fünf verschiedenen Farben. Ihre Anordnung ergibt in chinesischen Schriftzeichen den Satz “Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt”, mit dem die Mutter eines Erdbebenopfers ihrer Tochter gedachte. Das pixelhaft wirkende Großbild erstreckt sich über eine Länge von 100 Metern und eine Höhe von zehn Meter über die gesamte Fassade und ist mit einer
Stahlkonstruktion an den Säulen vorm Haus befestigt.

Ai Weiwei, Remembering, 2009
Rucksäcke und Metallgestänge, 925 x 10605 x 10 cm
© Ai Weiwei
Ebenfalls für die Ausstellung gefertigt ist der Wollteppich “Soft Ground”, der im grölten Ausstellungsraum eine Fläche von 380 Quadratmetern bedeckt. Das Muster von “Soft
Ground” ist eine getreue Reproduktion der 969 steinernen Bodenfliesen über die der Teppich gebreitet wird. Um die Bodenfliesen und die Spuren, die 70 Jahre
Ausstellungsbetrieb hinterlassen haben, präzise zu rekonstruieren, wurde jede Fliese im Vorfeld einzeln fotografiert und ihre Position verzeichnet. In einer Wollweberei in der
Provinz Hebei handgefertigt, fungiert “Soft Ground” nun als Dämpfer, der den Boden schont und auch eine akustische Wirkung hat.
Zu Ai Weiweis jüngsten und in der Ausstellung präsentierten Werken gehören außerdem: “Rooted upon”, eine 100-teilige Großinstallation von Baumstämmen und -wurzeln aus ganz China, die auf “Soft Ground” installiert wird, sowie “Cube in Ebony”, ein Kubus aus massivem Rosenholz und “Bamboo and Porcelain”, eine in Zusammenarbeit mit Herzog & de Meuron entstandene Installation für die Fassade an der Rückseite des Haus der Kunst.
Zeitgleich zeigt in Frankfurt die Schirn Kunsthalle die Werkgruppe “Der Hof für die Pachteinnahme”, die die Situation der Bauern vor der kommunistischen Staatsgründung anschaulich darstellen und die Vorteile des Kommunismus preisen soll. Geschaffen wurde die 97 (!) Meter lange Skulptur aus Lehm 1965 von einem namenlosen chinesischen Künstlerkollektiv. In sieben aufeinander folgenden Szenen sind die Schrecken des Kapitalismus unter dem Kaiser dargestellt. Dargestellt wurde in der Figurengruppe aus Aufsehern, Ganoven, Bauern und Arbeitern die Ablieferung der Pachteinnahmen an den Feudalherren.

Hof für die Pachteinnahme, 1974–1978 (Original 1965)
Szene 1 – Den Pachtzins abliefern Ausstellungsansicht
Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2009
Man könnte das Werk schnell als Propagandakunst des sozialistischen Realismus abtun, doch das wäre zu einfach. Das Diorama berührt den Betrachter durchaus. Physiognomie und Gestik der Figuren sind realistisch und ausdrucksvoll, die lebensgroßen Gestalten verstärken den realistischen Eindruck. Leid und Mühsal der Landbevölkerung sind eindrucksvoll dargestellt. Ursprünglicher Aufstellungsort ist eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Anwesen des berüchtigten Feudalherren Liu Wencai, dessen Gräueltaten in dem Werk verewigt wurden und der auch selbst in einer Szene erscheint, in der er sich gelangweilt in seinem Thron räkelt und auf die um Gnade flehenden Bauern herabblickt.
Seit seiner Entstehung erfreut sich das Kunstwerk großer Beliebtheit. Gerne wird die Geschichte kolportiert, dass manche Betrachter so erbost sind, dass sie versuchten, Aufseher und den Feudalherren zu verprügeln. Zahlreiche Leihanfragen aus dem In- und Ausland führten 1973 zu einer transportablen Kopie aus verkupfertem Fiberglas, die nun bis 04. Januar 2010 in der Schirn ausgestellt wird.
Unter blog.aiweieei.com bloggt Ai Weiwei. Auf aiweiwei.blog.hausderkunst.de bloggt er auch aktuell zu den Geschehnissen rund um die Ausstellung in München.
14. Juli 2009
Das Stadtbad Wedding war einst ein lebendiger Ort. Hier plantschten die Menschen des Stadteils bis das Schwimmbad 2001 dem Sparzwang der Stadt zum Opfer fiel. Nun ist das Stadtbad zum Stattbad geworden und soll lebendiger Kulturort werden. Im Haus sollen Ateliers und Studios entstehen, Kreativ-Arbeitsplätze und reichlich Platz für Ausstellungen, Konzerte, Theater und Lesungen. Organisiert wird die Neubelebung unter anderem durch die Berliner Agentur RIOTarts. Die Kunstagentur hat sich ganz der Street Art verschrieben und das Projekt Urban Affairs ins Leben gerufen, ein “Event”, das nun schon zum zweiten Mal Street Art in Berlin präsentiert. Veranstaltungsort ist, wie sollte es anders sein, eben jenes Stattbad.
Die Agentur hat einiges zusammengetragen und ermöglicht einen kleinen repräsentativen Überblick. Streetart, das ist längst nicht mehr nur einfaches Graffiti. Stencil Art, mit Schablonen gesprühte Kunstwerke sind einer der neueren Trends. Die Verkaufserlöse für Werke eines der Hauptprotagonisten, des fast schon legendären Banksy, erreichen inzwischen fast schon schwindelerregende Höhen. Zu den neueren Gattungen gehört auch das “Ad Busting”, bei dem Werbung im öffentlichen Raum “neu gestaltet” wird, um so die Aussage zu konterkarieren, zu verdrehen oder ins Lächerliche zu ziehen. Relativ neu ist auch “Tape Art”, bei der die Kunstwerke aus Plastikklebebändern gefertigt werden. In Berlin ist El Bocho vertreten, der mit seinen Klebebändern fast schon lyrische Werke schafft, die ein wenig an Pop-Art erinnern.

Wand des Stadtbades Wedding, Werk von El Bocho, 2009, Foto: El Bocho
Doch die Bandbreite ist noch viel größer. Der Künstler 1010 mischt Cutouts aus Papier mit Malerei. Der Künstler Mo Magic ist mit Videos von bunten Spielzeugautos vertreten, die an Marshmallows erinnern. Spannend und hintergründig sind die Arbeiten von Emess, der mit Graffitis, Schablonen, Plastiken und Skulpturen auf politische und gesellschaftliche Veränderungen aufmerksam machen will – nicht selten auf irritierende, provokante und ironische Art. Da prangt dann schon mal an der Baugrube des ehemaligen Palastes der Republik in großen Lettern: “DIE DDR HAT’S NIE GEGEBEN.” Spannend sind auch die Arbeiten von Anton Unai der auf ähnliche Weise wie Emess Kunst in den öffentlichen Raum integriert. Besonders die starken bildhauerischen Arbeiten begeistern. Sie sind meist zusammengesetzt aus Abfall der urbanen Gesellschaft, Fragmente des Massenkonsums und der Massenmedien werden zu neu zusammengesetzt. Aber auch die Bilder sind von besonderer Qualität, erzählen ganze Geschichten, nehmen literarische Referenzen auf und bedienen sich einer Ikonographie, die an Religion und Werbung erinnert.
Längst ist Street Art mehr als nur Subkultur und das Beschmieren von Häuserwänden und Zügen. Street Art ist gesellschaftskritisch, prangert soziale Missstände an oder macht auf Veränderungen des urbanen Raumes aufmerksam – oder anders ausgedrückt: Es ist Kunst. Noch immer sind die meisten Künstler anonym, doch inzwischen ist ihre Kunst längst kommerzialisiert und wird in Galerien gezeigt und verkauft. Geschadet hat das dem noch jungen Kunstzweig nicht, im Gegenteil, überall etabliert sich eine vitale Street Art-Szene und einige Künstler können davon inzwischen sogar recht gut leben.
Wer sich für Street Art interessiert, sollte auf jeden Fall bei Urban Affairs extended vorbeischauen. Es lohnt sich! Die Ausstellung wird begleitet von einem umfangreichen Rahmenprogramm und läuft noch bis zum 31. Juli 2009.
Mehr unter: urbanaffairs.de
25. Juni 2009
Im November 2006 hatte das documenta Archiv mit dem breitgefächerten Projekt “Mediencluster documenta und Gegenwartskunst” begonnen, sämtliche Fotos und Dias sowie die gesamten Presseartikel der documenta 1 bis 5 zu digitalisieren, da der Bestand des Archivs (insbesondere die Dias) akut bedroht war. Durch die Förderung mit 500.000 Euro durch die Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) war es möglich, die einzigartigen Materialien der frühen documenta-Geschichte zu sichern. Über 10.000 Bilder und über 12.000 Zeitungsausschnitte wurden digitalisiert.
Mit dem Abschluss dieses aufwändigen Digitalisierungsprojekts ist nun nicht nur ein Online-Zugang in den Bibliotheksbestand des documenta Archivs, sondern auch in die Bild-, Video- und Pressesammlung möglich. Ein Folgeantrag für die vollständige Medien-Bearbeitung der späteren documenta-Ausstellungen 6 bis 12 wurde an die DFG gestellt und wird hoffentlich bewilligt, damit der gesamte Schatz “gehoben” werden kann. Die Datenbank ist im Internet zugänglich unter http://documentaarchiv.stadt-kassel.de. Es lohnt sich, rein zu schauen!