Deutscher Biennale-Pavillon wird zum Möbelhaus

20. Juni 2009 | Ein Kommentar

Alle zwei Jahre wird Venedig zum Nabel der Kunstwelt, die Biennale di Venezia zeigt aktuelle Positionen zeitgenössischer Kunst aus der ganzen Welt. In diesem Jahr ist es wieder so weit und seit 07. Juni 2009 läuft nun die 53. Ausgabe. Neben allerlei Ausstellungen gehören die nationalen Pavillons zum Kern der Biennale und natürlich hat auch Deutschland einen Pavillon. Der Pavillon wurde 1909 erbaut und während der nationalsozialistischen Diktatur umgestaltet. leider sieht man das dem Gebäude bis heute an. Es ist ein hässliches Monstrum. So weit so gut. Immerhin kann man ihn ja im Inneren mit Kunst gestalten und ihm ein bisschen Erhabenheit und Würde verleihen.

In diesem Jahr ist aber etwas anders. Im Allgemeinen werden in den Länderpavillons zeitgenössische Künstler aus den jeweiligen Ländern präsentiert. Das ist natürlich kein Muss, aber für Besucher gerade interessant, weil man so Kunst aus unterschiedlichen Ländern sieht, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Verbindendes und Trennendes kennenlernt und Neues sieht. Die Kreativen müssen natürlich nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben, es können auch Künstler sein, die hier dauerhaft leben. Kurator Nicolas Schafhausen hat sich allerdings in diesem Jahr entschieden, den in New York und London lebenden Briten Liam Gillick auszustellen.

Gillick gehört zu den Young Britisch Artists, jenen in den Neunzigern kometenhaft aufgestiegenen jungen britischen Künsltern um Damien Hirst, Tracy Emin, Jenny Saville, Sarah Lucas und Chris Ofili. Warum Schafhausen keinen deutschen Künstler wählte, erschließt sich mir nicht, es gäbe so viele wunderbare Künstler in diesem Land, dass man eigentlich die Qual der Wahl hat. Schade drum, aber nun gut. Man könnte diese Auswahl ja auch als Hinweis darauf verstehen, dass Kunst keine Grenzen kennt und die Probleme, mit der sich Künstler auseinandersetzen (müssen), überall auf der Welt ähnlich sind. Und Deutschland ist ja mit Wolfgang Tillmans, Ulla von Brandenburg, Tobias Rehberger und Hans-Peter Feldmann eigentlich auch gut vertreten.

Wäre Gillick ein Glücksgriff, hätte ich vielleicht nur gegrummelt, aber das was uns Gillick zeigt, ist an Banalität kaum zu überbieten. Man betritt den Pavillon durch einen Vorhang aus bunten Plastikstreifen. Gillick hat in den Räumen eine selbst gebaute Küche aufgestellt, eine die an IKEA in den achtziger Jahren erinnert – können sie sich erinnern? Kiefernholz, eckig, praktisch und sterbenslangweilig. Vorbild war allerdings die “Frankfurter Küche”, ein Entwurf der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, die diese einfache und pragmatische Küche 1926 für Arbeiterwohnungen entworfen hatte. Die Küche ist komplett leer, nur auf einem der Schränke sitzt eine Katze. Die beeidruckt wenigstens damit, dass sie spricht. Sie erzählt eine im Kreis drehende Geschichte von Fehldarstellungen, Missverständnissen und Wünschen. Das war es.

Blick in den deutschen Pavillon, Foto: Liam Gillick

Blick in den deutschen Pavillon, Foto: © Liam Gillick

Garniert wird das Kunstwerk mit einem hochtrabenden Wortkonvolut Die Küche sei “eine Art Diagramm aus Modernitätsbestreben und Funktionalität” und fungiere zudem als “Echo des angewandten Modernismus”. Und weiter:

“Dieser steht im Gegensatz zu der Erhabenheit des Pavillons, der ohne sanitäre Anlagen, Küche oder Ruhezone gebaut wurde. Die Küchenkabinette besetzen die Übergänge vom zentralen in die seitlichen Räume. Die Küche steht in Spannung zur Logik des Gebäudes. Man könnte vielleicht sogar sagen, dass sie ein Vermächtnis des funktionalen Modernismus ist, und die Aufgabe übernimmt, gegen die Ideologie der Pavillon- Architektur zu arbeiten.

Liam Gillick hat sein tägliches Arbeitsumfeld – seine Küche, die er als improvisiertes Studio nutzt – in den Deutschen Pavillon übertragen. Nach monatelangem Arbeiten in seiner eigenen Küche, umschlichen von der Katze seines Sohnes, beschäftigte er sich mit den Fragen „Wer spricht? Wer spricht mit wem und mit welcher Berechtigung?”, während die Katze stets versuchte, seine Arbeit zu unterbrechen.

Nein, das war nichts, das hätte jeder Kunststudent besser gemacht. Einen weiteren Bericht von der Biennale gibt es in den nächsten Tagen…

Körper im Rausch der Farben

30. April 2009 | Kein Kommentar

Sex sells. Das funktioniert immer wieder. Ob sich das auch die in New York lebende Britin Cecily Brown (1961) gedacht hat, als sie in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Kunstmarkt eroberte? Eigentlich waren ihre Bilder ja nur eine müde Provokation, längst sind wir abgestumpft. Sie selbst sagt, dass es ihr nie um eine Provokation ging. Sie wollte dem Emotionalen in den pornografischen Szenen nachspüren.

Brown malte Szenen aus Sexmagazinen ab. Doch wie sie das tat, erregte Aufsehen. Ihr Bilder sind energiegeladen, immer hart an der Grenze zwischen Abstraktion und Figuration, mal mehr das eine, dann wieder mehr das andere. Immer schwelgt sie aber in einem Rausch aus Farben. Perfekt versteht sie es, mit den Farben zu spielen, erzeugt aus kalten und warmen Farben Raumtiefe, Energie und Bewegung. Manchmal sind die menschlichen Körper nur noch angedeutet als “fleischfarbene Klumpen”, dann wieder in Pollock’scher Manier getröpfelte und gespritzte Linien.

Blick in die Ausstellung "Cecily Brown", Deichtorhallen Hamburg, 2009, Foto: Wolfgang Neeb, Deichtorhallen Hamburg

Blick in die Ausstellung „Cecily Brown“, Deichtorhallen Hamburg April 2009
Cecily Brown, 1000 Thread Count, 2004
Foto: © Wolfgang Neeb. Courtesy Deichtorhallen Hamburg

Immer wieder ist die Präsenz von Körpern in den Bildern spürbar, auch ohne das die Malerin sie endgültig ausformuliert. Sie arbeitet oftmals Monate an einem Bild, bis sie es perfekt findet. Nichts soll zu sehr an Sex erinnern und doch soll er spürbar bleiben. Der Betrachter soll genau hinschauen, lange hinschauen, in das Bild versinken und die Situation erst langsam erfassen. Vorbei die Zeiten, in denen man auf den ersten Blick sah, was da im Bild vor sich geht und neben dem kopulierenden Paar alles andere vergisst.

In den letzten jahren ging sie immer mehr zur Abstraktion über. Fast scheint es so, als würde sie sich ganz auf das fokussieren, was den Sex ausmacht: Energie, Bewegung, Verschmelzung und Auflösung. Die Natur scheint in ihren Bildern eine immer wichtigere Rolle zu spielen. Ihre Arbeiten scheinen immer mehr vom einstigen Bildthema abzuweichen und doch irgendwie darin gefangen zu bleiben. Kein Wunder. Einer der meist zitierten Sätze der Malerin lautet: “Sex ist die treibende Kraft hinter fast allem, was so vor sich geht.” Wer will da schon widersprechen?

Herbert Brandl, Ohne Titel, 2008, Öl auf Leinwand, Courtesy: Galerie Sabine Knust, München Fotograf: Franz Schachinger © Herbert Brandl

Herbert Brandl, Ohne Titel, 2008
Öl auf Leinwand, Firnis 260 x 502 cm
Courtesy Galerie Sabine Knust, München Fotograf: Franz Schachinger © Herbert Brandl

Zeitgleich zeigen die Deichtorhallen Herbert Brandls großformatige Arbeiten. Brandl selbst hatte sich Brown als “Mitausstellerin” gewünscht und der Wunsch wurde ihm gerne erfüllt. Ein genialer Schachzug, denn so ähnlich die Künstler den Rausch der Farben auch feiern, so unterschiedlich sind sie doch. Auch Brandl arbeitet an der Grenze von Figuration und Abstraktion. Doch seine Bilder wirken wie Ruheoasen gegen Browns Orgien. Immer wieder scheinen in den gegenstandslosen Bildern figurale Bildaussagen durch. Fast immer sind es Landschaftsbilder, mal Grassteppen oder Waldansichten, dann Bergpanoramen oder dramatische Sonnenuntergänge – Farbgewitter, ein “heftiger Konflikt aus Licht und Farbe”, wie es Deichtorhallen-Leiter Robert Fleck beschrieb. Allerdings fehlen Brandls Bildern Kraft und Bildgewalt von Browns Arbeiten, fast schon langweilig wirken seine subtilen Werke im Vergleich. So zeigen beide Künstler, wie unterschiedlich abstrakte Ansätze sein können, zeigen abweichende Konzepte von Farbe, Raum und Tiefe, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Abstraktion ist eben doch nicht einfach nur Reduktion des Sichtbaren.

Ich hatte richtig Spaß. Hingehen, anschauen!

Weitere Informationen: deichtorhallen.de

Gerhard Richter in Wien und Duisburg

16. Februar 2009 | Kein Kommentar

Gerhard Richter, Familie am Meer, 1964, Sammlung Ströher

Gerhard Richter, Familie am Meer, 1964
© Sammlung Ströher

Wer die Ausstellung “Gerhard Richter – Bilder aus privaten Sammlungen” im Museum Sammlung Frieder Burder nicht sehen konnte, hat jetzt in der Wiener Albertina bis zum 03. Mai 2009 die Möglichkeit, dies nachzuholen. Anschließend ist die Ausstellung im Duisburger Museum Küppersmühle zu sehen. In Wien heißt die Ausstellung allerdings “Gerard Richter. Retrospektive” und in der Tat darf man das so sehen. Die bildgewaltige Ausstellung, ohnehin schon reichlich und retrospektiv bestückt, wurde in Österreich durch weitere Leihgaben einer österreichischen Privatsammlung ergänzt, so dass ein Überblick über das Gesamtwerk des bedeutenden Künstlers möglich ist. Die Albertina zeigt neben 70 Gemälden auch bedeutende Werkblöcke seiner Aquarelle und Zeichnungen. Die Ausstellung wandert dann wieder in reduziertem, aber immer noch sehenswerten Umfang nach Duisburg (22. Mai bis 23. August 2009).

Einblicke in den Cremaster Circle

14. Februar 2009 | 2 Kommentare

Video-Ausschnitt

Video-Ausschnitt

Über ARTFORUM bin ich auf den Webseiten des Walker Art Center auf ein interessantes Zwiegespräch zwischen Richard Flodd, dem Chefkurator des Hauses und Matthew Barney, dem Schöpfer des “Cremaster Circle” gestossen. Der Ton ist zwar bescheiden, aber das Gespräch ist sehr unterhaltsam und sehenswert für alle, die das epische Werk noch nicht so ganz verstanden haben. Hier geht es los: channel.walkerart.org.

Sabine Wild in Stuttgart

12. Dezember 2008 | Kein Kommentar

Sabine Wild, Stuttgarter Landtag, 2008

Sabine Wild, Stuttgarter Landtag, 2008

Bis zum 21. Februar 2009 ist in der Stuttgarter Galerie Dengler und Dengler die Ausstellung “Sightseeing” mit neuen und älteren Arbeiten der Fotografin Sabine Wild zu sehen. Ich hatte ja schon zwei Mal (hier und hier) etwas zu Sabine Wild geschrieben, die Galerie sagt es aber auch ganz schön:

Die Verunklärung der Details in scheinbar pastoser Ölfarbe, läßt das einzelne Bauwerk in der Wirkung zurücktreten, zugunsten der städtebaulichen Situation oder des einzelnen Baukörpers im Stadtraum. Die nüchterne Kälte einer Glasfassade wird durch Malerei emotional überlagert. Gleichzeitig verweigert die digitale Malerei die persönliche Geste, das was Harold Rosenberg die Spur des Künstlers genannt hatte. So stehen die zumeist menschenleeren Stadtbilder von Sabine Wild im Zentrum mehrerer Spannungsfelder, zwischen präziser Photographie und gestischer Malerei, zwischen technischer Perfektion ohne physische Berührung des Subjekts und der vermeintlichen Spuren des Subjektiven, zwischen Vernunft und Gefühl.

Ich bin auch immer wieder versucht, die Bilder anzutatschen, um zu schauen, ob sie nicht doch gemalt wurden (nein, sind sie natürlich nicht). Neben Arbeiten aus New York und Berlin sind auch Arbeiten von Stuttgarter Bauwerken zu sehen. Ich persönlich kann über die tollen Arbeiten von Wild und ihre Technik immer wieder staunen. Unbedingt anschauen!

Kuratorin der documenta 13 gewählt

3. Dezember 2008 | Ein Kommentar

Bernd Leifeld, Geschäftsführer der documenta, teilte heute mit, dass der Aufsichtsrat der Gesellschaft heute einstimmig Carolyn Christov-Bakargiev zur Leiterin der documenta 13 gewählt hat und damit der Empfehlung der internationalen Findungskommission gefolgt ist. Die nächste documenta wird vom 09. Juni bis 16. September 2012 in Kassel stattfinden.

Foto: Ryszard Kasiewicz

Die Amerikanerin Carolyn Christov-Bakargiev studierte Literatur und Kunstgeschichte. Sie arbeitet als Kuratorin und Autorin in Rom, Turin und New York. Derzeit ist sie Hauptkuratorin des Castello di Rivoli Museum of Contemporary Art in Turin. Sie war Künstlerische Leiterin der 16. Sydney Biennale in diesem Jahr. Von 1999 bis 2001 war sie Senior-Kuratorin von Ausstellungen des P.S.1 Contemporary Art Center – einem Ableger des MoMA. Zuvor organisierte sie Ausstellungen als selbstständige Kuratorin in verschiedenen Ländern.

Ich kann leider ganz wenig zu Christov-Bakargiev sagen, weil ich den Namen zwar kenne, aber noch nie etwas von ihr gesehen habe. Sie gilt als kompetent, freundlich, kosmopolitisch und das Castello di Rivoli hat einen guten Namen. Es gilt als eines der wichtigsten Museen für zeitgenössische Kunst in Italien.

Mehr Infos gibt es bei Spiegel online.

Turner Prize an Mark Leckey

2. Dezember 2008 | Kein Kommentar

Der mit 30.000 Euro dotierte Turner Prize geht in diesem Jahr an den Video-Künstler Mark Leckey (44). Für die Jury waren Leckeys Witz und Originalität entscheidend mit der er “eine Vielzahl von Formen” gefunden habe, “seine Faszination für die visuelle Kultur auszudrücken”. Dabei hat er insbesondere an Comics einen Narren gefressen. Leckey hatte die 1970 in Bangladesch geborene Runa Islam ausgestochen, außerdem Goshka Macuga (geb. 1967 in Warschau) und die 1966 in Belfast geborene Cathy Wilkes.

Ehrlich gesagt, hätte ich für Goshka Macuga votiert, allerdings muss ich leider auch sagen, dass keine bzw. keiner der vier Künstlerinnen und Künstler wirklich restlos überzeugen kann.

Hier zwei Videos, in denen der Kunstkritiker Nick Hackworth die vier Künstler vorstellt:

Erkundungstouren im Großstadtschungel

15. Oktober 2008 | 2 Kommentare

Urban Explorations (etwa: städtische Erkundungstouren) ist einer der neuesten Trends für Großstadtmenschen. Die Urban Explorations sind Erkundungstouren in verlassene Gebäude in Großstädten. Stillgelegte Industrieanlagen, aufgegebene Hotels, verlassene Krankenhäuser, Theater, Schlösser, Kirchen, Geisterstädte, ja selbst die Kanalisation, nichts ist vor den “Creepers” sicher. Die Schönheit des Verfalls ist es, was die Abenteuerlustigen fasziniert.

Sylvain Margaine, Nervenheilanstalt, Zahnarztstuhl, (Norwich, USA), www.forbidden-places.net

Der französische Fotograf Sylvain Margaine sucht solche Orte auf der ganzen Welt und fotografiert sie. Heraus kommen betörend schöne Bilder, Chroniken des Verfalls und morbide Ansichten von Gebäuden, in denen die Zeit nicht nur stehend geblieben zu sein scheint, sondern wo der Zahn derselbigen heftig nagt. Unbedingt kann ich einen Besuch von Marains Seite www.forbidden-places.net empfehlen. Man kann da stundelang auf Entdeckungstour gehen…

Auf der Suche

10. Oktober 2008 | Kein Kommentar

Das Haus der Kunst in München bietet hervorragende Ausstellungen. Die gerade erst zu Ende gegangene Robert Rauschenberg-Ausstellung war so eine oder die Ausstellung zu Luc Tuymans im Frühjahr. Ach ja, und natürlich die “Gilbert & George”-Retrospektive im vergangenen Jahr.

Man darf das Haus der Kunst also ruhigen Gewissens empfehlen. Wenn dann noch eine Ausstellung gastiert, die das Label “Centre Pompidou” trägt, gerät man erst recht in Verzückung und Erregung. Die nun gezeigte Schau “Spuren des Geistigen” (bis 11. Januar 2009) will sich auf die Suche nach dem Spirituellen in der Kunst machen. “Spuren des Spirituellen” oder “Spuren des Heiligen” wäre wohl eine bessere Übersetzung von “Traces du Sacré” gewesen.

Mit der Säkularisierung der Gesellschaft im 19. Jahrhundert hat sich die Kunst von den klassischen Bildsujets der Heiligen und der Bibelszenen abgekehrt. Eine neue Bildsprache hielt Einzug. Dies bedeutete jedoch nicht das Ende der Metaphysik. Aber die KünstlerInnen begeben sich auf die Suche, hinterfragen und versuchen Offenbarungen des Göttlichen im Alltag zu finden.

Andreas Gursky, Kathedrale I, 2007,
Copyright: Andreas Gursky / VG Bild-Kunst, Bonn 2008
Courtesy: Monika Sprüth / Philomene Magers, Köln München London

In 16 Kapiteln fächert die groß angelegte Ausstellung zentrale Themen verschiedener Epochen seit der Romantik auf: von Götterdämmerung über Ritual, Kosmos, Trance und Profanierung bis hin zur psychedelischen kunst der Beatgeneration, Zen oder zeitgenössischen Sakralkunst. Werke der Gegenwart treten dabei mit jenen des 19. und 20. Jahrhunderts in einen Dialog.

So weit so gut. Einen Besuch ist die Ausstellung auch deshalb wert, weil sie großartige Werke vereint. Aber wozu? Die Ausstellung erscheint wie ein Sammelsurium aus Depotstücken des Centre Pompidou, die das Pariser Museum einfach mal wieder ans Licht der Öffentlichkeit zerren wollte.

Allein das Ausstellungsthema ist so schwmmig gewählt, dass nahezu jedes Kunstwerk der letzen 150 Jahre darin Platz finden könnte. Kaum ein Werk, in dem sich mit ein bisschen gutem Willen nicht Spuren des Geistigen finden lassen. Nahezu überall lässt sich die Suche des Künsters nach Gott, nach dem Spirituellen, ausfindig machen.

Los geht es mit Goyas “Los Desastres de la Guerra”, eine fast schon erschrockene Erkenntnis über das Böse in der Welt. Dann folgen Caspar David Friedrichs romantische “Ruinen in der Abenddämmerung” von 1831, eine Verklärung der Natur. Natürlich dürfen auch De Chririocos Metafiscia-Bilder nicht fehlen. In der Ausstellung sind “Die Sehnsucht nach dem Unendlichen (1912/13) und “Der große Metaphysiker” von 1917 zu sehen.

Und dann? Es geht quer Beet. Kandinsky? Klar, der hat sich intensiv mit dem Spirituellen in der Kunst auseinandergesetzt und sogar ein Manifest zum Thema verfasst. Malewitsch? Die Suche nach dem Absoluten, nach dem Nullpunkt in der Kunst ist auch Suche nach dem Ursprung der Welt. Kann man aufhängen. Man Ray? Der ist mit “Das Gebet” vertreten. Eine junge Frau, kniet nieder und bückt sich nach vorne. Ihre Scham bedeckt sich mit den Händen von hinten. Eine Anspielung auf den Ursprung der Welt, das göttlich Weibliche? Na ja, gut, rein damit. Aber Picassos Frauenbüste (1907)? Massons Dionysos? Duchamps “Gebüsch”? Pollocks “The Moon-Woman cuts the circle”? Es beginnt die Beliebigkeit.

Erst in der zeitgenössischen Kunst wird es wieder klarer, versteht man wieder, worum es gehen soll. Viele Künstler beschäftigen sich mit der Suche nach dem Heiligen. Manche versuchen dem Betrachter zu erklären, dass Gott längst tot ist, andere sind auf der Suche und spüren dem Göttlichen nach und wieder andere wollen dem Betrachter förmlich das Göttliche im Menschen und seiner Welt offenbaren.

Andreas Gursky hält mit der Kamera Spuren des Göttlichen in Kathedrale I (2007) fest, als transzendentale Atmosphäre. Allerdings ist die Kirche leer und Gott durch ein überdimensionales Loch im Boden abgehauen. Bruce Nauman erklärt uns mit “The True Artist Helps the World by Revealing Mystic Truths” (1967) die Aufgaben eines Künstlers und Martin Kippenberger sorgt mit dem zweideutigen “Was ist der Unterschied zwischen Casanova und Jesus? Der Gesichtausdruck beim Nageln” (1990) für Provokationen. Ein Frosch mit leidendem Gesichtsausdruck und heraushängender Zunge ist an ein Kreuz genagelt.

Ein Besuch der Ausstellung lohnt sich, weil einfach viel Kunst auf hohem Niveau vertreten ist, aber das Thema der Ausstellung ist einfach nicht treffend genug dargelegt, zu weitschweifig, der Katalog nicht wirklich erhellend. Schade darum, hätte man sich etwas mehr auf das Wesentliche konzentriert, hätte das durchaus schön werden können.

Nebulöses von Andrea Neumann

30. September 2008 | Kein Kommentar

Das Saarland ist nicht eben reich gesegnet an Galerien. Kein Wunder, es fehlt an zahlungskräftigen Sammlern, die Galeristen haben es schwer. Das kleine Bundesland ist aber auch nicht wirklich reich gesegnet an hervorragenden Künstlern. Trotzdem gibt es eine kleine aber feine Kunstszene. Einer der Kulminationspunkte ist die Galerie K4 von Werner Deller, einem ehemaligen Informatik-Manager, der die Leidenschaft für Kunst zum Beruf machte.

Die Galerie stellt regionale und überregionale Künstler aus, widmet sich den Studierenden der Hochschule der Bildenden Künste der Landeshauptstadt, pflegt ein intensives Netzwerk und neben der Galerie gibt es in der Innenstadt noch den Projektraum “K4 Forum” und im nahegelegen St. Ingbert die “Alte Baumwollspinnerei”, eine ehemalige Fabrik, die Deller in ein Kulturzentrum umwidmen will.

Die Galerie versteht sich als ästhetisches Labor und das ist wörtlich zunehmen. Sie ist eine Versuchsstätte, ein Forschungsraum auf der Suche nach dem ästhetisch Wertvollen. Nicht alles, was Deller ausstellt, ist wirklich interessant oder gut oder wertvoll, aber es gibt durchaus Perlen zu entdecken und meist trifft Deller ins Schwarze. Künstler der Galerie sind unter anderem Oliver Möst, Helge Hommes, Mia Unverzagt, Nikola Irmer oder Stephan Robert.

Derzeit darf man in der K4 Galerie Arbeiten von Andrea Neumann bestaunen (“Flüchtig | éphémère”, bis 17. Oktober 2008). Neumann wurde 1969 in Stuttgart geboren, aber das Kunststudium verschlug sie ins Saarland, das heute ihre Heimat ist. Ungewöhnlich ist schon das Arbeitsmaterial. Neumann malt mit Eintempera auf helle, nicht grundierte Baumwolle. Das verleiht den Bildern eine gewisse Leichtigkeit und Transparenz. Dort wo die Farbe dünn aufgetragen wurde, schimmert der Untergrund durch. Ideale Materialien für Neumanns Bilder.

Das Gedächtnis funktioniert (meist) nicht fotografisch, es behält nur wichtige Elemente gespeichert, fragmentiert diese und setzt sie bei Bedarf wieder zusammen. Wir fokussieren bestimmte Details des Gesehenen. Oft aber spielt uns das Gedächtnis einen Streich, bildet die Fragmente beliebig neu oder hat einen eigenen Willen und fokussiert nicht wirklich das, was wir uns gewünscht hätten.

Es bleiben nebulöse Bilder von Menschen, Ereignissen und Situationen. Wir haben uns zwar den Augenblick gemerkt, wissen aber nicht mehr genau, wie die Umgebung aussah oder merken uns nicht das Gesicht von Personen, wohl aber, welche Kleidung sie trugen. Vielleicht war es uns nicht wichtig, oder aber unser Gedächtnis hielt anderes für bedeutsam. Es bleiben verwischte Bilder, Andeutungen, Versatzstücke der Realität.

Genau solche flüchtigen Bilder malt Andrea Neumann. Schemenhafte Gestalten wandeln da durch wabernde Landschaften, die uns nichts preisgeben, außer den Horizont, oder den Boden auf dem die Figuren stehen, manchmal fehlt dies gänzlich. Die Figuren sind angedeutet, skizzenhaft festgehalten, ohne individuelle Merkmale. Scheinbar ohne großen Aufwand schafft die Malerin virtuose Bilder voller lyrischer Leichtigkeit – und doch nicht ohne Ernsthaftigkeit. Ihre Bilder sind voller Kürzel, sie deutet an, verrät aber nicht viel. Obwohl die Bilder immer nur an der Oberfläche kratzen, wirkt nichts oberflächlich. Immer ist da eine Spannungskraft und eine unterschwellige Dynamik.

Die zurückgenommene Farbigkeit unterstützt den Eindruck des Flüchtigen, nur kleine Details sind in helleren und kräftigen Farben gemalt, aufgetragen in breiten Bahnen. Die Figuren scheinen oftmals aus dem Malgrund aufzusteigen, gewissermassen heraus modelliert worden zu sein. Alles ist bedeckt von Schlieren, Nebeln aus Farbe. Im Hintergrund tauchen immer wieder Fragmente von Flächen auf, selten vermitteln sie Tiefe. Meist umgeben sie die Figur wie eine Aura, scheinen fast zu leuchten, um dann im Nichts zu verschwinden, je weiter sich das Auge von der Figur entfernt. Scharfe Kanten sucht man vergeblich, als ob alles ineinander verschwimmt, nichts lässt sich halten, alles ist vergänglich.

Immer wieder fragt sich der Betrachter, ob Neumann Träume malt oder Erinnerungen. Oder sind unsere Erinnerungen nicht auch immer Teil unserer Träume, in denen wir unsere Erinnerungen verarbeiten? Den Szenen haftet allerdings nichts Albtraumhaftes an. Es sind Alltagsszenen, Menschen in ihrer Lebensumgebung. Wir sehen Menschen bei Heimwerkerarbeiten, beim Spazierganz oder bei Freizeitbeschäftigungen.

Klasse, anschauen lohnt sich!

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