Ruhr.2010 – und danach?

4. August 2011 | Kein Kommentar

Mehr als ein halbes Jahr ist Ruhr.2010, das Kulturhauptstadt-projekt Essens und des Ruhrgebiets, nun vorbei. Was wird von dem Mammutvorhaben bleiben? Wie hat sich das Ruhrgebiet verändert? Keine andere Kulturhauptstadt hat so sehr auf Nachhaltigkeit wert gelegt. Ruhr 2010 konnten sich auch deshalb gegen namhafte Konkurrenz durchsetzen, weil sie die Karte Nachhaltigkeit ausgespielt und einen Schub für die Kultur an der Ruhr nach 2010 versprochen hatten. Man wollte mit der Kultur ein verbindendes Element schaffen und das Ruhrgebiet zur Metropole machen.

SchachtZeichen-Ballon im Schnee auf dem Gelände des Welterbes Zollverein, Foto: RUHR.2010/

SchachtZeichen-Ballon im Schnee auf dem Gelände des Welterbes Zollverein
Foto: RUHR.2010/ Matthias Duschner

Ob das gelungen ist, sollte ein Evaluationsbericht des Zentrums für Kulturforschung und der Beraterfirma ICG Culturplan herausfinden. Zu viel darf man von dem Bericht allerdings nicht erwarten, denn die Überprüfung der Nachhaltigkeit darf getrost als verfrüht bezeichnet werden, zumal man schon während des Kulturjahres damit begann. Doch Oliver Scheytt, Geschäftsführer der RUHR.2010 GmbH, ist zufrieden:
”Die Evaluation zeigt, dass RUHR.2010 eine Erfolgsgeschichte ist. Diese reicht weit über das Jahr 2010 und den Kulturbereich hinaus“.

Als positiv werden vor allem die starken Zeichen gewertet, die Ruhr.2010 setzte, wie etwa die 316 gelben Ballone, die die ehemaligen und bestehenden Schachtanlagen kennzeichnen sollten oder der Tag, an dem die A 40 gesperrt wurde und von dreieinhalb Millionen Menschen zum Flanieren genutzt wurde.
Mit den Besucherzahlen ist man zufrieden. In Essen seien knapp 30 Prozent mehr Übernachtungen gezählt worden und genauso viele Besucher mehr, im gesamten Ruhrgebiet waren es immerhin noch 13 Prozent mehr. Doch die Verweildauer betrug nur knapp zwei Tage und erfolgreiche Vorgänger als Kulturhauptstadt hatten 10 bis 15 Prozent mehr Besucher. Aber immerhin haben 10,5 Millionen Besucher 5500 Veranstaltungen besucht.

Aber wie geht es nun weiter? Die Spannung sei nicht zu halten, sagt das Zentrum für Kulturforschung, vor allem, weil die Gelder nicht mehr so reichlich fließen werden, wie noch im vergangenen Jahr. Trotzdem will man die Infrastruktur ausbauen und die entstandenen Verbindungen zwischen den Kulturhäusern erhalten.

Eines der vorrangigen Ziele sollte die Etablierung der Metropole Ruhr als neue kulturelle Region in Europa werden. Doch das ist nicht gelungen, weder ist das Ruhrgebiet zusammengewachsen, noch ist da viel Neues entstanden, das eine besondere Entwicklung zur Kulturgroßregion erkennen lassen würde, zumindest nichts, was es nicht auch ohne Ruhr. 2010 gegeben hätte.
Der zwanghafte Versuch als Ruhr-Metropole zu erscheinen, darf getrost als gescheitert erachtet werden, vielleicht, weil eine solche Entwicklung Jahrzehnte braucht oder aber weil viele Ruhrgebietler zwar stolz auf ihre Region sind, aber gar keine gemeinsame Metropole wollen, sondern sich mit ihren Heimatstädten verbundener fühlen. Dass trotzdem so etwas wie ein Wir-Gefühl entstand, lag eher an der Begeisterungsfähigkeit der Ruhrgebietler, die eifrig bei der Sache waren und die ihnen gebotenen Möglichkeiten fleißig nutzten.

Nachhaltig dürfte die Eröffnung des umgebauten und neugestalteten Folkwang-Museums sein, das ein bisschen Glanz und Glorie in die Region brachte, doch den Umbau hätte es wohl auch gegeben, wenn es das Kulturhauptstadt-„Event“ nicht gegeben hätte. Für diesen Umbau musste das Ruhrmuseum Platz machen, es zog in die passenden Räumlichkeiten der Zeche Zollverein und wurde im vergangenen Jahr dort eröffnet. Es hat damit eine wunderbare neue Heimstatt gefunden.
Ein Leuchtturmprojekt war auch die Umgestaltung der altern Dortmunder Union-Brauerei zu einem Zentrum für Kunst und Kreativität mit Museen, Ausstellungsräumen und Büros für die vielbeschworene Kreativwirtschaft. Doch das Zentrum war zur Eröffnung im Kulturhauptstadtjahr nicht einmal zur Hälfte fertig und auch dieses Projekt wäre wohl ohne Ruhr.2010 entstanden.
Der zwanghafte Versuch, das halbfertige Projekt in das Kulturhauptstadtjahr zu integrieren, schlug fehl und endete im Chaos. Trotz konservatorischer Bedenken in ein halbfertiges Museum zu ziehen, setzte sich die Stadt durch und das Museum musste noch während Ruhr.2010 in sein staubiges Domizil ziehen. Die Besucherzahlen der aufwendigen Eröffnungsausstellung blieben dann auch weit unter den Erwartungen.
Auch die multikulturelle Vielfalt des Reviers ist kaum sichtbar geworden, dabei ist gerade das eine Stärke der Region, die immer auch Magnet für Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben war.

Ein neu angestoßenes und vielleicht wirklich nachhaltiges Projekt dürfte der Zusammenschluss von 20 Museen aus dem Ruhrgebiet sein, den Ruhrkunstmuseen. Man gab eine gemeinsame Broschüre heraus, einen Sammlungskatalog und präsentierte sich auf einer gemeinsamen Website.
Der Kulturkanal ist ein weiteres Projekt, das erhalten bleiben soll. Entlang des Rhein-Herne-Kanals hatten sich zehn Städte zusammengeschlossen und Kunst, Musik und Film geboten. In diesem Jahr hat man das Projekt fortgesetzt und möchte auch zukünftig daran festhalten, wenn dies finanziell zu stemmen ist.
Baulich wird der denkmalgeschützte Schacht II der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen bleiben, der um einen vierstöckigen gläsernen Kubus aufgestockt wurde und von dessen Dach die Herkules-Statue von Markus Lüpertz grüßt – ein leises Zeichen des Wandels vom Industrierevier zum modernen Ballungsraum.

Zweifellos haben sich die 53 oft zerstrittenen Kommunen gerade noch rechtzeitig zusammengerissen und kooperiert, so gut es ging, doch wie nachhaltig die Zusammenarbeit ist, muss sich erst noch zeigen, wenn es wieder Alltag einkehrt und das Geld wieder knapper ist. Beispielhaft ist die Diskussion um den Bau einer Philharmonie für Bochum. Das Ruhrgebiet hat bereits drei Philharmonien und Köln ist nicht weit, doch statt die Nachbarstädte zu unterstützen und deren Philharmonien eine größtmögliche Auslastung mit einem guten Programm zu sichern, ist den Bochumern zu wenig. Man will eine eigene Philharmonie. Nur die Haushaltslage der Stadt konnte den Bau bisher verhindern.
Doch solche Probleme kann nur die Politik lösen. Vielleicht wäre ein Kulturkonzept Ruhrgebiet hier ein wichtiger Punkt gewesen, einfach nur vernetzen zu wollen ist zu wenig. Man hätte intensiv diskutieren müssen, ein städteübergreifender Dialog zwischen Politik und Kultur fand aber leider nicht statt – dabei wäre der Zeitpunkt für ein Symposium günstig gewesen.

Nein, der große Wurf war Ruhr.2010 nicht. Zu wenig Innovatives und Kreatives hat das Projekt zu Wege gebracht, es fehlten
einfach der Mut oder die Ideen, Neues und Aufregendes zu probieren. Es war ein großes Fest, aber viel mehr auch nicht. Selbst Leuchtturmprojekte wie das Dortmunder U konnten nicht überzeugen.

Bisher haben es nur wenige Kulturhauptstädte geschafft, die Kulturszene ihrer Stadt dauerhaft zu verändern, meist blieb der erhoffte Schub nach dem Kulturjahr aus und der Alltag hielt Einzug, geprägt von leidigen aber altbekannten Diskussionen wie viel Kultur eine Stadt braucht und wo sie bei Einsparungen mit möglichst wenig Gegenwind rechnen muss. Und so wird sich erst in einigen Jahren zeigen, ob zusammenwächst, was zusammengehört.

Traurige Nachrichten aus London

22. Juli 2011 | Kein Kommentar

Eine traurige Nachricht rauscht heute durch den (digitalen) Blätterwald. Lucien Freud, genialer Maler und Enkel des Psychiaters Sigmund Freud, ist 88-jährig am Mittwoch nach kurzer Krankheit verstorben. Er wird mir und der Kunstwelt sicher fehlen. Wie kein anderer schaffte er es, menschliche Seelenzustände auf Körpern abzubilden und Gefühle zu Fleisch werden zu lassen. Seine einzigartige Malweise ist unverkennbar. Auch wenn er sich in den letzten Jahren mit seiner zum Markenzeichen gewordenen Kunst wiederholt hat, geht von den Arbeiten eine ungeheure Faszination aus.

Ein paar Nachrufe:
* Britischer Maler Freud ist tot – sueddeutsche.de

* Jahrhundertmaler Lucien Freud ist tot – faz.net

* Britischer Maler Lucien Freud ist tot -spiegel.de

* Abschied von einer Legende – art-magazin.de

* Lucien Freud in Pictures – guardian.co.uk (engl.)

* The Man who revitalized the fine art of portraits dies – Independent (engl.)

Blickachsen durch Bad Homburg

23. Juni 2011 | Kein Kommentar

Bad Homburg ist ein beschauliches kleines Städtchen vor den (nördlichen) Toren von Frankfurt. Hier geht es geruhsam zu, die Stadt gilt als bessere Wohngegend und der Kurcharakter tut ein Übriges. Mittelpunkt der Stadt ist der Kurpark, ein wunderschöner Park mit altem Baumstand und großen Rasen- und Wiesenflächen und diese werden alle zwei Jahre zum Freilichtmuseum für zeitgenössische Bildhauerei.
Tony Cragg, Early Forms, 2001 130 x 410 x 160 cm, Bad Homburg, Kurpark

Tony Cragg, Early Forms, 2001 130 x 410 x 160 cm, Bad Homburg, Kurpark
(Courtesy Galerie Scheffel, Bad Homburg, und Tony Cragg)

Zu verdanken hat die Stadt das Projekt dem umtriebigen Galeristen Christian Scheffel, der in der Stadt seine Galerie betreibt. Er hat das Projekt 1997 im Kleinen begonnen, inzwischen findet die achte Ausstellung statt, die Stadt ist inzwischen Mitveranstalter und der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier hat die Schirmherrschaft übernommen. Inzwischen ist längst nicht mehr nur der Kurpark Ausstellungsort, sondern auch der romantische Schlossgarten und erstmals überwindet die Ausstellung die Stadtgrenzen und ist auch in der Darmstädter Stadtkirche und der Kunsthalle vertreten, im Camp-Phönix-Park in Eschborn, dem Skulpturenpark in Niederhöchstadt und an der Goethe-Universität in Frankfurt auf dem Campus Westend und dem Campus Riedberg.

64 Skulpturen haben die Veranstalter zusammengetragen, darunter namhafte Bildhauer wie Joep van Lieshout, Magdalena Abakanowicz, Nigel Hall, David Nash, Tony Cragg und Bernar Venet. Wem da snicht genug ist, der kann ja die aktuelle Ausstellung der Altana-Kunststiftung im Sinclair-Haus besuchen. Der Ausflug nach Bad Homburg lohnt sich – versprochen!

Mehr: Blickachsen 8 (bis 3. Oktober 2011).

Ai Weiwei ist frei!

22. Juni 2011 | Kein Kommentar

Der chinesische Künstler Ai Weiwei, der Mitte April von der chinesischen Polizei auf dem Flughafen Peking festgenommen und an einen unbekannten Ort verschleppt wurde, ist wieder frei. Ai musste eine Kaution hinterlegen. Der Grund für die plötzliche Freilassung sei der gesundheitliche Zustand des Künstlers und ein erpresstes Geständnis, so die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua.

Mehr:

China lässt Ai Weiwei frei (Die Zeit)
Künstler Ai Weiwei gegen Kaution frei (FAZ)

Niederlande vermissen 3000 Kunstwerke

2. Mai 2011 | Kein Kommentar

Als ich die Überschrift “3000 Kunstwerke aus niederländischem Staatsbesitz vermisst” gelesen habe, dachte ich zuerst: “Wow, da hatten die Diebe aber ganz schön zu schleppen!” Doch weit gefehlt, denn wie der Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed (Reichsdienst für das Kulturerbe, RCE) bekannt gab, wurden die rund 3000 Kunstwerke nicht gestohlen, sondern an Museen, Ministerien und Behörden verliehen und nicht wieder zurückgegeben. Der RCE verwaltet die 400.000 Kunstwerke in niederländischem Staatsbesitz.

Man vermutet, dass die meisten Werke bei Fusionen und Umzügen verloren gegangen sind. Der Gesamtwert dürften mehrere Millionen Euro betragen. Unter den vermissten Leihgaben befinden sich Gemälde der COBRA-Maler, Arbeiten aus dem Goldenen Zeitalter der niederländischen Malerei, aber auch chinesische Ming-Vasen, Möbel und Porzellan. Nach intensiver Suche hat man rund 200 Werke wiedergefunden. Inzwischen hat der RCE seine Ausleihkriterien verschärft und jährliche Kontrollen eingeführt.

“In Peking ist was schief gelaufen”

13. April 2011 | Kein Kommentar

Der Direktor des Museums Ludwig in Köln, Kasper König, hat die deutsche Ausstellung “Kunst der Aufklärung” im chinesischen Nationalmuseum in Peking kritisiert und nennt das neue Museum einen “faschistischen Klotz”. Harte, aber nicht ganz unberechtigte Kritik! Währenddessen gibt der Architekt der Sanierungsmassnahmen dem Spiegel ein Interview und outet sich als weltfremd und naiv- auch wenn er genau das seinen Kritikern vorwirft!

“In Berlin lief nie was und da wird auch nie was laufen”

12. April 2011 | Kein Kommentar

Der von mir sehr geschätzte Galerist, Kunsthändler und Kurator Michael Werner erhält den diesjährigen Art-Cologne-Preis für seine herausragenden Verdienste in der Kunstvermittlung. Dem art-Magazin hat er ein lesenswertes Interview gegeben!

Die Aufklärung zu Gast in China

3. April 2011 | Kein Kommentar

Das chinesische Nationalmuseum in Beijing hat am Freitag nach langer Renovierungszeit seine Wiedereröffnung gefeiert. Zelebriert wird die Einweihung mit der Ausstellung “Kunst der Aufklärung”, die sich der Geschichte der Aufklärung in Europa widmet. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Ausstellung im chinesischen Nationalmuseum stattfindet. Das Museum liegt am nördlichen Rand des Tiananmen-Platzes. Hier setzte die chinesische Regierung 1989 der studentischen Revolte ein blutiges Ende. Zu diesem Kapitel chinesischer Geschichte findet sich im Museum nichts, dafür beleuchtet das Museum die Geschichte Chinas von der chinesischen Antike bis in die Gegenwart. Neben Altertümern sind Exponate aus der Parteigeschichte, der Revolution und der neuen Kunst zu bestaunen.

Das Museum war in den letzten Jahren wegen Renovierung geschlossen. Das deutsche Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner hat es für 260 Millionen Euro saniert und deutlich vergrößert. Schon der Haupteingang ist imposant. Die Eingangshalle alleine ist so groß, dass sie manch anderes Museum komplett beherbergen könnte. 260 Meter lang und vier Stockwerke ist sie hoch, lichtdurchflutet und leer. Nur eine majestätische Treppe beherrscht den Raum.
Rund 200.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche hat das Museum nun und ist damit das größte Museum der Welt. Es vereinigte schon 2002 die Sammlungen des Museums für chinesische Geschichte und des Revolutionsmuseums und verfügt mit über einer Million Exponaten auch über eine der größten Sammlungen der Welt. Dafür mussten chinesische Museen auf Anordnung des Kulturministeriums ihre besten Exponate abgeben. Künftig will Lü Zhangshen, Generaldirektor des Museums, mit zusätzlichen Wechselausstellungen in der ersten Liga der Museen mitspielen.

National Museum of China, Peking 2011 © Gerkan, Marg und Partner, Foto: Christian Gahl

Außen und innen wurde das Museum aufgepeppt und wirkt wie eine Mischung aus Sowjetprunk, chinesischer Pagode und europäischer Museumsarchitektur. Merkwürdigerweise schadet das dem Bau nicht, er wirkt durchaus gelungen. Im Innen strahlen edle Materialien und die verschwenderische Größe mondäne Exklusivität aus, große Fenster und Oberlichter sorgen für lichtdurchflutete Räume. Dem eingeschüchterten Besucher wird sofort klar: China will nicht nur ökonomisch und militärisch Weltmacht sein, sondern auch kulturell.

Die drei größten deutschen Sammlungen in Berlin, Dresden und München haben sich als Leihgeber und Mitorganisatoren der Eröffnungsausstellung zusammengetan, um die Ausstellung mit den chinesischen Kollegen zu stemmen. Die Politik beider Länder ebnete den Weg, um den intensiven Kulturaustausch weiter vertiefen. Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin betont gerne, wie groß die Ehre sei, dieses Museum als Erste kuratieren zu dürfen und wie freundschaftlich und gut die Zusammenarbeit war.

Aufklärung? Geht das in einem autoritären Staat überhaupt? Es wurde kolporiert, dass die Übersetzer der Ausstellung Mühe hatten, überhaupt ein chinesisches Wort dafür zu finden. Man wollte nicht zu revolutionär klingen und sexuelle Untertöne vermeiden. Die Epoche der europäischen Aufklärung ist in China nicht unbekannt. Sie gehört sogar zum Unterrichtsstoff in den Schulen. Längst debattieren Intellektuelle in dem kommunistischen Staat über die europäische Aufklärung und die daraus hervorgehenden Menschenrechte. Habe Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen, so eines der Maximen Immanuel Kants aus dieser Zeit. Doch ist das von dem allmächtigen ZK der Kommunistischen Partei überhaupt gewünscht?

Die europäische Aufklärung in einem Land wie China, kann das funktionieren? Wollen die Macher der Ausstellung, die vom Auswärtigen Amt gefördert wurde, etwa den Funken einer Revolution entzünden? Mitnichten, ihnen geht es vor allem um die Veranschaulichung der europäischen Gesellschaft im 18. Jahrhundert und ihren Wandlungen. Neben Kunstwerken sind auch wissenschaftliche Apparate, Kleider und Kunsthandwerk ausgestellt. Das hat wohl auch dazu geführt, dass das Projekt von Eingriffen de chinesischen Behörden verschont blieb.

Blick in die Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung", März 2011 © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Frank Barbian

Ohne Zweifel ist die spektakuläre Ausstellung sehenswert. In neun Kapiteln werden 579 Exponate vom späten Rokoko bis zu Realismus und Klassizismus gezeigt. Zu Verstärkung haben die Macher auch späte Geister wie Caspar David Friedrich zur Verstärkung hinzugeholt und illustrieren mit Warhol die Nachwirkungen bis in die Moderne. Sie sollen ein umfassendes Bild der Veränderungen in Europa ermöglichen. Recht gut lässt sich das an den Kunstexponaten nachvollziehen. Wie ein riesiges Bilderbuch illustrieren sie den Wandel jener Zeit. Im Zentrum steht ein Bildnis einer jungen Dame. Das Porträt der Heinrike Dannecker zeigt, wie sehr sich die Gesellschaft wandelte. Selbstbewusst schaut die junge Frau den Betrachter an. Sie sitzt vor einer idealisierten Landschaft in einem Kleid aus Blau, Rot und weiß, den Farben der französischen Revolution. Die junge Dame ist die Verkörperung der bürgerlichen Zivilgesellschaft, die sich von Monarchie und religiöser Bevormundung löste und das Individuum in den Mittelpunkt rückte. Sozialkritik und Emanzipation wurden hoffähig, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zum Motto der jungen Demokratie.

Eines dürfte der Ausstellung sicher sein: die Aufmerksamkeit des Massenpublikums. Zwar kennen viele Chinesen Dichter und Denker jener Epoche, doch tiefergehende Kenntnisse fehlen ihnen, so dürfte die Ausstellung zum Renner werden. Man erwartet fünfstellige Besucherzahlen, bis zu 20.000 Gäste will das Museum pro Tag empfangen. Während von der Ausstellung selbst keine Revolution ausgehen dürfte, bietet das Rahmenprogramm allerlei Zündstoff. In Diskussionen will man die europäische Demokratiegeschichte den Chinesen näher bringen, das dürfte interessant werden. Das Museum wurde am 1. April 2011 in Anwesenheit von Außenminister Guido Westerwelle eröffnet.

Verschwendung oder nicht?

25. Januar 2011 | Ein Kommentar

Als Stiftungs- und Museumschef hat man es nicht leicht. Dr. Ralph Melcher, Vorstand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz und Direktor des Saarlandmuseums, hat mal wieder Ärger. Im Sommer warf ihm der Rechnungshof des Saarlandes vor, er sei mit den Mitteln der landeseigenen Stiftung zu verschwenderisch umgegangen, habe sich Luxusreisen und teure Abendessen von der Stiftung finanzieren lassen. Melcher konterte, er habe sein Spesenkonto nie überzogen und alle Mittel seien genehmigt worden. Damit hat er erst einmal nicht Unrecht.

Die Opposition aus SPD und Die Linke forderte umgehend reflexartig den Rücktritt Melchers, die Regierung wiegelte ab und beauftragte eine externe Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit Gutachten. Die Gutachten bestätigte Melcher, keine groben Fehler begangen zu haben, auch wenn er vielleicht nicht ganz pfleglich mit Spesengeldern umgegangen sei. die Schuld daran schoben die Gutachten auf die fehlende Aufsicht und kritisierten auch den Bericht des Landesrechnungshofs. Landesregierung und Stiftung sprachen daraufhin Melcher ihr Vertrauen aus. Dass die Staatsanwaltschaft wegen Untreue ermittelt, schien gleichgültig zu sein.

in der vergangenen Woche durchsuchte die Staatsanwaltschaft nun das Büro Melchers und weitere Räume der Stiftung und stellte Unterlagen sicher. Grund dafür dürfte der am gleichen Tag erschienene Sonderbericht des Rechnungshofs sein. Der Rechnungshof bleibt bei seiner Kritik. Melcher habe Wirtschaftlichkeits- und Sparsamkeitsgrundsätze missachtet. Noch ein Mal stellen die Prüfer fest, dass die Aufsicht versagt hat. Mindestens 14.000 Euro beanstandet der Rechnungshof als zu viel gezahlte Ausgaben, sowie weitere 5300 Euro, die der “Vorstand mit dem Projektsteuerer” verfuttert hat. Außerdem bleibt man dabei, dass die Höhe der Vergütung für Melcher und die “Bau-Sonderzulage” von 1250 Euro pro Monat zu hoch seien. Diese Sonderzulage erhielt Melcher für den erhöhten Arbeitsaufwand bei dem Bau des neuen Pavillons des Saarlandmuseums.

Wieder fordert die Opposition den Rücktritt Melchers und die Landesregierung hüllt sich nun in Schweigen, weil ihr plötzlich eingefallen ist, dass ja die Staatsanwaltschaft ermittelt und man dem laufenden Verfahren nicht vorgreifen möchte.

Warum man nicht, wie in anderen Museen auch dem künstlerischen Direktor einfach einen Verwaltungsdirektor gleichberechtigt zur Seite stellt, will mir nicht einleuchten. Dass ein Museumsdirektor nicht in einer Pension absteigt und mit Kollegen anderer Museen nicht im McDonald’s vorfährt, dürfte jedem einleuchten, aber gerade deswegen müssen die Vorgänge transparent sein. Hier hat weniger Melcher versagt, als die Landesregierungen der vergangenen Jahre. Jetzt muss dringend ein anderes Konstrukt her, dass kunstwissenschaftliche und kaufmännisch-verwaltungstechnische Abläufe auf eine Ebene stellt. Eine solche zweite Geschäftsführerposition kostet natürlich auch Geld, sie professionalisiert aber auch die Arbeit der saarländischen Museen und ermöglicht dem künstlerischen Leiter, sich ganz auf seine Arbeit zu konzentrieren. Ob und wie lange das noch Ralph Melcher sein wird, ist fraglich. Sein eigentlich guter Ruf ist beschädigt und ob er bleiben kann, wird nicht zuletzt von der Staatsanwaltschaft abhängen.

Merry Christmas & a happy new Year

22. Dezember 2010 | 2 Kommentare

Liebe Leute,

wieder mal geht ein aufregendes (Kunst-) Jahr zu Ende. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in das neue Jahr. Wir sehen uns im neuen Jahr dann in alter Frische wieder.

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