Totaler Räumungsverkauf – alles muss raus!

4. Februar 2010 | Kein Kommentar

Durch sämtliche Medien zieht sich heute die Meldung von dem spektakulären Auktionsergebnis des gestrigen Tages: Die Skulptur “L’Homme qui marche I” des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti wurde am Mittwochabend bei Sotheby’s in London für 65 Millionen Pfund (rund 74 Millionen Euro) versteigert. Taxiert war das Werk auf 18 Millionen Euro. Ds Ergebnis lag knapp über dem Rekord, den ein Picasso im Jahr 2004 erreicht hatte. Die Plastik aus dem Jahr 1961 ging nach einem nur acht Minuten langen Wettbewerb an einen anonymen Telefonbieter.

Der “Schreitende Mann” war seit 1980 im Besitz der Dresdner Bank. Nach deren Übernahme durch die Commerzbank ging das Werk an den neuen Eigentümer über. Doch der wusste wohl nicht wirklich viel damit anzufangen. Die Sammlung der Dresdner Bank ist nicht unbedeutend, rund 3000 Werke hatte man zusammengesammelt, zunächst konstruktivistische und konzeptionelle Kunst, dann aber auch jüngere Künstler wie Julian Opie oder Karin Kneffel. Eines der zentralen Objekte war die versteigerte Skulptur, die in den letzten Jahren einen prominenten Platz im Vorstandsgebäude der Dresdner Bank hatte. Die Commerzbank weiß diesen Schatz allerdings anscheinend nicht zu würdigen – die Bank gilt ohnehin als nicht sehr kunstsinnig.

Den Erlös aus der Auflösung der Sammlung will man den Commerzbank-eigenen Stiftungen und einigen Museen zur Verfügung stellen. Wäre man nicht besser bedient gewesen, den Giacometti einem Frankfurter Museum zur Verfügung zu stellen? Davon hätten Museen und Publikum mehr gehabt. Grund für das gewählte Vorgehen der Bank sei nach Aussage einer Sprecherin der Bank gewesen, dass man sich nicht entscheiden konnte, welchem Museum man die Arbeit zukommen lassen solle. Dumm nur, dass man jetzt entscheiden muss, welchen Museen man das Geld zukommen lassen soll. Abgesehen davon hat die Commerzbank andere Arbeiten auch als Dauerleihgabe an Museen gegeben.

Schade, so verschwinden wieder Kunstwerke in den Tresoren von Privatleuten.

Kunsthalle Tübingen: Auf zu neuen Ufern

4. Januar 2010 | Kein Kommentar

Als Götz Adriani 2005 in Pension ging, verlor die Kunsthalle Tübingen einen Kurator mit ausgezeichnetem Ruf. Dass es nicht einfach werden würde, Adriani zu ersetzen, sollte bald allen Verantwortlichen klar werden. Während die Kunsthalle in den 90er Jahren bis zu 500.000 Besucher pro Jahr hatte, waren es im vergangenen Jahr nur noch 15.000. Nun sollte man sich davor hüten, alleine die Besucherzahlen als Gradmesser für den Erfolg eines Museums zu sehen, doch der Besucherschwund ist so auffällig, dass man schon analysieren sollte, warum das Publikum wegbleibt. Nur knapp 2700 Besucher wollten 2009 die Ausstellung “Der innere Blick” sehen. Kein Wunder – Der Untertitel: “Das Interieur in der zeitgenössischen Kunst” erinnert eher an das Thema einer Dissertation eines Kunsthistorikers und weckt weder die Neugier noch macht es Lust auf einen Museumsbesuch. Warum sollte sich das der kunstinteressierte Laie ansehen?

Nun soll alles besser werden. Seit März 2009 ist Daniel Schreiber (44) leitender Kurator und der will einiges ändern. Die Ausstellungen sollen wieder interessanter werden. Schreiber will Brücken zum Publikum schlagen. Wie er das schaffen will, verriet er der dpa: ” Das geht durch Werke, die man gerne sieht, die Spaß machen, die aber auch provokativ sind und Sprengkraft besitzen.” Die letzten Ausstellungen des Jahres 2009 ließen sich kaum noch ändern, denn Ausstellungen haben eine gewisse Vorlaufzeit und einmal in der endgültigen Planung sind sie ungefähr so schwerfällig wie ein gestrandeter Wal, also nur noch schwer zu korrigieren. Ab Ende Januar läuft nun die erste von Schreiber alleine verantwortete Schau. Die Kunsthalle zeigt die quietschbunten Gemälde des Pop-Art-Künstlers Mel Ramos in einer Retrospektive. Der repräsentative Querschnitt durch sein Lebenswerk umfasst hauptsächlich Gemälde, aber auch Entwurfsskizzen und Skulpturen von den 1960ern bis heute. Danach werden Karin Kneffel (01. Mai bis 11. Juli 2010) und Thomas Florschuetz (17. Juli bis 26. September 2010) zu sehen sein

Klingt spannend, bleibt abzuwarten, wie die Ausstellungen konzipiert sind. Weitere Informationen: Webseite der Kunsthalle Tübingen.

Und wieder…

18. Dezember 2009 | Kein Kommentar

…geht ein Jahr zu Ende. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein friedliches und frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

360° macht Pause bis zum 04. Januar 2009.

Drei Mal Gerhard Hoehme

26. November 2009 | Ein Kommentar

Gleich drei Museen in Nordrhein-Westfalen ehren derzeit den Künstler Gerhard Hoehme zu seinem 20. Todestag. Das museum kunst palast (Düsseldorf) präsentiert Arbeiten auf Papier aus der Gerhard und Margarete Hoehme-Stiftung, ergänzt um Zeichnungen und Druckgraphik aus der eigenen Sammlung. Das Museum Küppersmühle (Duisburg) gibt in einer großen, retrospektiv angelegten Werkschau Einblick in die wesentlichen Schaffensprozesse zwischen 1955 und 1989 und die Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum (Duisburg) zeigt bildplastische Werke aus eigenem Besitz.

Gerhard Hoehme, das wilde blaue Bild, 1956/57 Sammlung Ströher, Darmstadt Foto: Katalog / (c) VG Bild-Kunst, Bonn

Gerhard Hoehme, das wilde blaue Bild, 1956/57
Sammlung Ströher, Darmstadt
Foto: Katalog / (c) VG Bild-Kunst, Bonn

Hoehme gehörte zu den wichtigsten Vertretern des deutschen Informel und der Lyrischen Abstraktion. Seine “Shaped Canvases” sind in der gestischen Malerei der fünfziger udn sechziger Jahre zu verorten, jener Zeit, als der abstrakte Expressionismus New York in die erste Liga der Kunst katapultierte und die Europäer in den Hintergrund drängte. Ähnlich wie für die Amerikaner war für Hoehme das Bild ein offenes, energetisches Feld, das es zu erforschen und zu gestalten galt. Intensiv suchte Hoehme nach den Grenzen des Bildes und seines Raumes. “Den Gesetzen der Fläche“, sagte Gerhard Hoehme 1957, „bin ich immer nur widerwillig gefolgt. Weit mehr hat mich die Gesetzmäßigkeit der Farbe, ihr Strömen und Wachsen, ihre Materie und Struktur interessiert. Beim Umgang mit ihr, beim Eingehen auf ihre Möglichkeiten hemmten mich oft die Ränder des Rechtecks.“

Intensiv erforschte Hoehme die materielle Beschaffenheit seiner Malmittel, experimentierte mit kunstfremden industriellen Materialien. Da mussten schon mal Tischdecken als Bildhintergründe herhalten und Polyethylenschläuche eroberten den Raum aus dem Bild heraus, entgrenzen Linie und Leinwand. Schnittmuster wurden genauso verwendet wie aufgezeichnete Kardiogramme. Mit zunehmendem Alter werden Hoehmes Arbeiten immer experimenteller.

Gerhard Hoehme, rot...rot...rot, 1975 Sammlung Ströher, Darmstadt Foto: Katalog / (c) VG Bild-Kunst, Bonn

Gerhard Hoehme, rot…rot…rot, 1975
Sammlung Ströher, Darmstadt
Foto: Katalog / (c) VG Bild-Kunst, Bonn

Das Museum Küppersmühle präsentiert eine chronologische Auswahl von rund 70 Arbeiten aus allen entscheidenden Werkphasen der Jahre 1955 bis 1989: Gemälde, Materialbilder, Objektkästen, didaktische Zeichnungen, Plastiken und rauminstallative Arbeiten aus öffentlichen und privaten Sammlungen. Die Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum zeigt in den zentralen Sammlungsräumen der Großen Glashalle rund 20 Werke aus dem eigenen Bestand. Bildplastische Arbeiten der Jahre 1957 bis 1974, dazugehörige Skizzen sowie Bilder, Zeichnungen und Druckgrafiken geben Einblicke in das bildplastische Werk des Künstlers. Mehr als 25 Jahre nach der Ausstellung “Schnüre”, die Gerhard Hoehme 1972 im Lehmbruck Museum zeigte, wird der überwiegende Teil des Sammlungsbestands erstmals wieder zusammenhängend präsentiert.

Intensiv arbeitete Hoehme auch mit Zeichnung, Druckgrafik und Radierung. Das museum kunst palast in Düsseldorf zeigt 80 Arbeiten auf Papier. Die Ausstellung zeigt überraschende Analogien zum malerischen Werk und offenbart, dass für Hoehme Malerei, Plastik und Zeichnung untrennbar verbunden waren. So entstehen zeitgleich zu den Borkenbildern Arbeiten auf geschichteten und zerknülltem Japanpapier. Im Alter werden auch die Zeichnungen experimenteller,der skriptuale Anteil in den Arbeiten steigt und Malerei und Zeichnung verschmelzen weiter.

erhard Hoehme, Hymne an Heraklit - Hommage à Heraklit, 1959 Sammlung Ströher, Darmstadt Foto: Katalog / (c) VG Bild-Kunst, Bonn Gerhard Hoehme, irre Wasser sind tief, 1965 Gerhard und Margarete Hoehme-Stiftung, museum kunst palast, Düsseldorf Foto: Katalog / (c) VG Bild-Kunst, Bonn Gerhard Hoehme, Loreley I, 1972  Schnurplastik, PE-Schnüre, Eisenmanschette, Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg, Foto: J. Diemer

Weitere Informationen bei den Museen oder bei dem Gerhard Hoehme Archiv.

Die schönsten Augenwimpern der Kunstgeschichte

18. November 2009 | Kein Kommentar

Das Städelmuseum in Frankfurt beglückt uns mit einem ganz besonderen Augenschmaus, einer monografisch angelegten Schau zum florentinischen Renaissance-Maler Sandro Botticelli (1445-1510). Es ist die erste im deutschsprachigen Raum und dürfte auf absehbare Zeit die einzige weltweit bleiben, da die Werke nur ungern verliehen und auf Reisen geschickt werden. Immerhin hat es das Städel geschafft, vierzig Arbeiten des Meisters zusammenzutragen, sowohl von Museen als auch von privaten Leihgebern.

Sandro Botticelli (1444/45-1510) Weibliches Idealbildnis (Bildnis der Simonetta Vespucci als Nymphe) Pappelholz, 81,8 x 54 cm Frankfurt, Städel Museum, Foto: Ursula Edelmann – Artothek

Sandro Botticelli, Weibliches Idealbildnis (Bildnis der Simonetta Vespucci als Nymphe)
Pappelholz, 81,8 x 54 cm Frankfurt, Städel Museum
Foto: Ursula Edelmann – Artothek

Sandro Botticelli wurde 1445 in Florenz als Sohn des Gerbers Mariano di Vanni Filipepi geboren. In seiner Jugend begann er eine Lehre als Goldschmied, merkte aber bald, dass das Interesse an der Malerei größer war. Botticelli wurde Lehrling des berühmtesten Malers jener Zeit, Fra Filippo Lippi (1406–1469). Inspiriert vom Humanismus mallt Boticelli anfangs vor allem Allegorien, die gekennzeichent sind von blassen, überlangen Frauengestalten mit zarten Gesichtern und schwermütigem Blick -voller graziler Schönheit und eleganter Anmut. Botticellis Gemälde vermengen antiken Ideale, gotische Bilddarstellung und humanistische Ideale. So wie in Minerva und der Kentaur. Die schöne Göttin, gekleidet in ein durchsichtiges Nichts mit Hellebarde und Schild. Sanft und ein wenig melancholisch blickt sie am Kentaur vorbei, dem sie durch die Haare steichelt. Der Kentaur, Sinnbild für ungezügelte Lust und Leidenschaft blickt eher ängstlich und zweifelnd, lässt sich aber von der Göttin, die für Weisheit, Wissen und Kunst steht, besänftigen. Tugend und Weisheit besiegen unbändige Sinnenfreude.

Boticelli gewinnt schnell an Popularität und erhält wichtige öffentliche Aufträge. Sein Gönner wird der mächtige Bankier und Staatsmann Lorenzo die Medici. Diesen und andere Mitglieder der Familie porträtiert der Maler zum Dank. Ungeschnörkelt zeigt Botticelli die Mitglieder der Familie, meist mit ebenso melancholischem Blick wie in den Allegorien. Fahl leuchtet die Haut der Adligen, ihr Blick meist schwermütig, die Porträts oft im Profil gemalt.

Eines der bekanntesten Porträts, im Besitz des Städels, eröffnet die Ausstellung. Es ist das Idealbildnis einer jungen Dame, die wahrscheinlich mit Simonetta Vespucci, der geliebten Turnierdame von Lorenzos Bruder Giuliano de Medici, zu identifizieren ist. Es geht in diesem Bildnis nicht so sehr um ein lebensnahes Konterfei der Dargestellten als vielmehr um das auch in der zeitgenössischen Poesie reflektierte Ideal einer Frau, die sich durch vollkommene Schönheit und ebenso vollkommene Tugendhaftigkeit auszeichnet. Ein solches Ideal definiert sich nicht zuletzt durch die Auseinandersetzung mit der Antike: So trägt die Schöne ein Schmuckstück um den Hals, das offensichtlich auf eine antike Gemme mit der Darstellung von Apoll und Marsyas zurückgeht, die gleichfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Botticellis berühmtes Bildnis des Giuliano aus der National Gallery of Art in Washington wird in Frankfurt dem Porträt seiner geliebten Simonetta gegenübergestellt. Was insbesondere bei den Porträts auffällt: Keiner malte Augenwimpern je so schön und zart wie Botticelli.

Das Spätwerk Botticellis steht ganz unter dem Einfluss der Religion. Zusammen mit anderen Künstlern wird er 1481 und 1482 von Papst Sixtus IV. nach Rom gerufen, um die sixtinische Kapelle auszumalen. Nach dem Tod seines Gönners Lorenzo de Medici stürzt der Bußprediger Girolamo Savonarola Florenz in das Chaos. Er prangert den ausschweifenden Lebensstil der Adligen an, vertreibt die Medici aus Florenz und gründet einen Gottesstaat. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse wendet sich Botticelli ganz religiösen Themen zu. In seinem Spätwerk finden sich nicht nur viele großformatige Gemälde, Altar und Tafelbilder, sondern auch Federzeichnungen wie die zu Dante Alighieris “Göttlicher Komödie.”
Ausstellungsansicht, Foto: Alex Heimann

Ausstellungsansicht, Foto: Alex Heimann

Die prächtige Ausstellung vereint neben den Arbeiten Botticellis auch vierzig weitere Gemälde von Zeitgenossen des Malers. Das Städel hat das Unmögliche möglich gemacht und tatsächlich alle wichtigen Werke versammelt. Einzig Die Geburt der Venus fehlt, die Uffizien verleihen das Werk nicht – schade, aber verständlich. Die Ausstellung gliedert sich in drei Bereiche: die Porträts, die myhtologischen Darstellungen und die religiösen Werke. Misslungen ist die Wandgestaltung. Das Rot wirkt zwar edel, nimmt den Bildern aber ein wenig von ihrer Farbigkeit und Strahlkraft. Eine dunklere Farbe wäre vielleicht klüger gewesen. Eine tolle Ausstellung, deren Besuch man sich nicht entgehen lassen sollte., die Gelegenheit dürfte einmalig sein.

Weitere Informationen auf den Sonderseiten zur Ausstellung.

Nachtrag: Der Hessische Rundfunk hat ein schönes Feature zur Ausstellung: Das Rätsel Frau – Geheimnisse in den Bildern Botticellis.

Zwei Mal chinesische Kunst in Deutschland

2. Oktober 2009 | 2 Kommentare

China feiert dieser Tage das 60. Jubiläum der Gründung der Volksrepublik – und das mit allerlei Pomp und Getöse. In Deutschland sind derweil zwei Ausstellungen zu sehen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch so ähnlich sind. Ai Weiwei, zeitgenössischer chinesischer Künstler und Publikumsliebling bei der letzten documenta zeigt im Haus der Kunst in München seine neusten Arbeiten. Seine Arbeiten prangern die gesellschaftlichen und politischen Missstände in China an, sein Engagement bringt ihm des öfteren Ärger in seiner Heimat ein.

Am 12. Mai 2008 hatte die Erde in der Provinz Sichuan gebebt. Ai Weiwei wollte in der Region recherchieren, doch die Staatsmacht versuchte, das mit allen Mitteln zu verhindern. Ai Weiwei schaffte es trotzdem, die Namen von 4000 Kindern zu recherchieren, die umgekommen waren und veröffentlichte sie. Wie er, wollte auch Tan Zuoren recherchieren, warum in der Region so viele Schulen einstürzten. Er vermutete Schlampereien bei den Bauarbeiten. Doch er wurde verhaftet und wegen “Unterrgabung der Staatsgewalt” angeklagt. Ai Weiwei reiste extra zum Prozess an, um dem Mitstreiter mit seiner Zeugenaussage zu helfen. In der nacht vor der Zeugenaussage wurde er jedoch verhaftet und misshandelt. Folge dieser “Polizeiaktion” war ein Hämatom im Gehirn, welches in München operiert wurde.

Die Ausstellung “So Sorry” stellt zwei großformatige, eigens für das Haus der Kunst entworfene Arbeiten vor. Außerdem vereint sie frühe Fotografien mit den seit 2003 entstandenen Filmen, der Dokumentation von dem documenta-Projekt “Fairytale” sowie einer Auswahl der seit 1997 entstandenen Werke. Der Titel “So Sorry” zielt auf die neue Entschuldigungskultur ab, mit der Politik und Wirtschaft auf Fehlentwicklungen am Finanzmarkt und andere globale Krisen reagieren.

Die Arbeit “Remembering” wird für die Fassade des Haus der Kunst entworfen und besteht aus 9.000 eigens angefertigten Rucksäcken. Ai Weiwei ruft hiermit das Erdbeben in Sichuan ins Gedächtnis, denn bei den eingestürzten Schulen fanden sich viele Rucksäcke der verschütteten Kinder. Jeder Rucksack hat eine von insgesamt fünf verschiedenen Farben. Ihre Anordnung ergibt in chinesischen Schriftzeichen den Satz “Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt”, mit dem die Mutter eines Erdbebenopfers ihrer Tochter gedachte. Das pixelhaft wirkende Großbild erstreckt sich über eine Länge von 100 Metern und eine Höhe von zehn Meter über die gesamte Fassade und ist mit einer
Stahlkonstruktion an den Säulen vorm Haus befestigt.

Ai Weiwei, Remembering, 2009, Rucksäcke und Metallgestänge, 925 x 10605 x 10 cm, © Ai Weiwei

Ai Weiwei, Remembering, 2009
Rucksäcke und Metallgestänge, 925 x 10605 x 10 cm
© Ai Weiwei

Ebenfalls für die Ausstellung gefertigt ist der Wollteppich “Soft Ground”, der im grölten Ausstellungsraum eine Fläche von 380 Quadratmetern bedeckt. Das Muster von “Soft
Ground” ist eine getreue Reproduktion der 969 steinernen Bodenfliesen über die der Teppich gebreitet wird. Um die Bodenfliesen und die Spuren, die 70 Jahre
Ausstellungsbetrieb hinterlassen haben, präzise zu rekonstruieren, wurde jede Fliese im Vorfeld einzeln fotografiert und ihre Position verzeichnet. In einer Wollweberei in der
Provinz Hebei handgefertigt, fungiert “Soft Ground” nun als Dämpfer, der den Boden schont und auch eine akustische Wirkung hat.

Zu Ai Weiweis jüngsten und in der Ausstellung präsentierten Werken gehören außerdem: “Rooted upon”, eine 100-teilige Großinstallation von Baumstämmen und -wurzeln aus ganz China, die auf “Soft Ground” installiert wird, sowie “Cube in Ebony”, ein Kubus aus massivem Rosenholz und “Bamboo and Porcelain”, eine in Zusammenarbeit mit Herzog & de Meuron entstandene Installation für die Fassade an der Rückseite des Haus der Kunst.

Zeitgleich zeigt in Frankfurt die Schirn Kunsthalle die Werkgruppe “Der Hof für die Pachteinnahme”, die die Situation der Bauern vor der kommunistischen Staatsgründung anschaulich darstellen und die Vorteile des Kommunismus preisen soll. Geschaffen wurde die 97 (!) Meter lange Skulptur aus Lehm 1965 von einem namenlosen chinesischen Künstlerkollektiv. In sieben aufeinander folgenden Szenen sind die Schrecken des Kapitalismus unter dem Kaiser dargestellt. Dargestellt wurde in der Figurengruppe aus Aufsehern, Ganoven, Bauern und Arbeitern die Ablieferung der Pachteinnahmen an den Feudalherren.

Hof für die Pachteinnahme, 1974–1978 (Original 1965),  Szene 1 - Den Pachtzins abliefern Ausstellungsansicht, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2009

Hof für die Pachteinnahme, 1974–1978 (Original 1965)
Szene 1 – Den Pachtzins abliefern Ausstellungsansicht
Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2009

Man könnte das Werk schnell als Propagandakunst des sozialistischen Realismus abtun, doch das wäre zu einfach. Das Diorama berührt den Betrachter durchaus. Physiognomie und Gestik der Figuren sind realistisch und ausdrucksvoll, die lebensgroßen Gestalten verstärken den realistischen Eindruck. Leid und Mühsal der Landbevölkerung sind eindrucksvoll dargestellt. Ursprünglicher Aufstellungsort ist eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Anwesen des berüchtigten Feudalherren Liu Wencai, dessen Gräueltaten in dem Werk verewigt wurden und der auch selbst in einer Szene erscheint, in der er sich gelangweilt in seinem Thron räkelt und auf die um Gnade flehenden Bauern herabblickt.

Seit seiner Entstehung erfreut sich das Kunstwerk großer Beliebtheit. Gerne wird die Geschichte kolportiert, dass manche Betrachter so erbost sind, dass sie versuchten, Aufseher und den Feudalherren zu verprügeln. Zahlreiche Leihanfragen aus dem In- und Ausland führten 1973 zu einer transportablen Kopie aus verkupfertem Fiberglas, die nun bis 04. Januar 2010 in der Schirn ausgestellt wird.

Unter blog.aiweieei.com bloggt Ai Weiwei. Auf aiweiwei.blog.hausderkunst.de bloggt er auch aktuell zu den Geschehnissen rund um die Ausstellung in München.

Guten Appetit!

17. September 2009 | Kein Kommentar

Ich bekomme jeden Tag Einladungen zu Galerie-Vernissagen, Ausstellungseröffnungen und Pressekonferenzen, darunter hässliche, aufdringliche, schicke, distinguierte, ausgeflippte und originelle. Um sich aus der Masse abzuheben, lasse sich einige ganz schön witzige Dinge einfallen und die stammen nicht einmal von professionellen Agenturen, die meist nur Briefkasten und E-Mail-Adresse zuspammen. So bekam ich vor zwei Jahren mal einen Pinsel von einem Schweizer Künstler. Der Pinselstiel war bemalt und die Eckdaten der Vernissage des Künstlers waren darauf geschrieben. Einfallsreich ist auch die Einladung zur Ausstellungseröffnung in dem Jüdischen Museum Berlin: Eine rote Papierserviette, zusammengehalten von einer Banderole auf der die Ausstellungsdaten vermerkt sind, kam heute an. Schöne Idee und endlich mal etwas Nützliches. Den Pinsel habe ich Übrigens noch heute, ich nutze ihn, um die Tastatur des iMac sauberzuhalten. Wie praktisch…

Einladung zur Ausstellungseröffnung "Koscher & Co"

Einladung zur Ausstellungseröffnung “Koscher & Co” – im Jüdischen Museum Berlin
Foto: Bülent Gündüz

Wer sich für die Ausstellung interessiert: “Koscher & Co – eine Ausstellung über Essen und Religion” im Jüdischen Museum Berlin vom 09. Oktober 2009 bis zum 28. Februar 2010.

Das Centre Pompidou wächst

7. September 2009 | Ein Kommentar

Ich habe in den letzten Jahren viele Museumseröffnungen miterlebt – von ganz klein bis ganz groß. Aber nur selten hat mich ein Museumsneubau so fasziniert wie die Filiale des Centre Pompidou in Metz. Für die Region SaarLorLux, also den Großraum Saarland – Lothringen – Luxemburg ist dieses Museum ein gewaltiges Geschenk, das die Region museal weit nach vorne bringt. Die Region ist trotz einigermaßen gut verlaufendem Strukturwandel nicht reich und verfügt nur über wenige Kunstmuseen. Vielleicht bin ich deshalb so aufgeregt, als gebürtiger Saarländer macht mich dieses Museum auch persönlich froh. Rund 70 Kilometer von Saarbrücken entfernt entsteht hier ein Museum von Weltrang – auch wenn es nur eine kleinere Filiale ist, kann das Museum in Metz auf die gewaltige Sammlung in Paris und die ausgezeichneten Kontakte in der ganzen Welt zurückgreifen. Das verspricht interessante Ausstellungen und einen Schub für den Tourismus.

Außenansicht des Centre Pompidou im August 2009

Außenansicht des Centre Pompidou in Metz
Foto: © Bülent Gündüz

Seit November 2006 baut man nun an dem Großprojekt. Im Mai 2010 ist es endlich so weit, das Museum öffnet seine Pforten mit der Ausstellung “Chef d’ ouevre?” – Meisterwerke? Ausgestellt werden moderne und zeitgenössische Werke aus der Sammlung des Centre Pompidou.

Ich war in der letzten Woche in Metz und habe nach guten Essen und den ausgezeichneten Mirabellentartes auch mal auf der Baustelle vorbeigeschaut. Das Museum entsteht auf einer Industriebrache. Einiges ist hier am Rande der Innenstadt schon geschehen, ein Park und Les Arènes, eine Multifunktionshalle, sind schon fertig ist. weitere Gebäude sollen in den nächsten Jahren entstehen. Deutlich ist schon die endgültige Form des Museums erkennbar. Es erinnert an ein Zeltdach unter dem Rechtecke aufeinander gestapelt wurden und dann in verschiedenen Richtungen geschoben wurden und unter dem Dach hervorschauen. Für viel natürliches Tageslicht sorgen die großen Fensterfronten. Der Bau von Architekt Shigeru Ban scheint zu halten, was er verspricht: ein luftig-leichtes Äußeres und helle und reduzierte Räumlichkeiten, die die Kunst in den Mittelpunkt stellen. Ich bin gespannt…

Mehr unter: centrepompidou-metz.fr.

Pause

15. August 2009 | Kein Kommentar

Liebe Leserinnen und Leser, 360° gönnt sich Urlaub und macht bis zum 31. August 2009 Pause!

Urlaubstipp: Pilgertour zu Picassos Grab

10. August 2009 | Kein Kommentar

Die Provence und die nahe gelegene Côte d’Azur sind ein schönes und empfehlenswertes Urlaubsziel. Für jeden ist es etwas dabei, die wildromantische Landschaft der Provence, mondäne Städte an der Côte d’Azur, schöne Strände, gutes Wetter, tolle Weine und noch besseres Essen… Auch Künstler wussten die Region zu schätzen. Licht und Farben sind hier ganz anders als im manchmal tristen Paris. Van Gogh lebte einige Monate hier und auch Gauguin kam in die Provence. Am innigsten verbunden war jedoch Cézanne mit der Region, besonders angetan hatte es ihm der Blick von seinem Atelier in Aix-en-Provence auf die Montagne Sainte-Victoire, deren Massiv er in zahlreichen Bildern und in vielen Variationen verewigte.

Am Fuße des Bergmassivs liegt das kleine Örtchen Vauvenargues, das von einem romantischen Schloss überragt wird. Dieses Anwesen erwarb Picasso 1958, lebte dort bis 1960 und nutze das Schloss als Atelier bis zu seinem Tod im Jahre 1973. Geerbt hat Chateaux de Vauvenargues Catherine Hutin, die Tochter von Picassos Frau Jacqueline aus erster Ehe. Seitdem ist das Haus verschlossen und nur den Mitgliedern der Familie Picasso zugänglich.

Chateau de Vaunenargues

Der malerische Ort Vauvenargues, im Vordergrund das gleichnamige Chateau
Foto: Marie de Vauvenargues

Hutin wollte das Schloss langfristig für den Tourismus öffnen, doch die Einwohner des Ortes wehrten sich. Sie wollten keien Massentourismus in ihrem Ort und protestierten – nicht ganz unverständlich. Also entschloss man sich, dass Chateau wenigstens einen Sommer lang unter Auflagen für Besucher zugänglich zu machen. Nur in Gruppen und höchstens 75 Personen pro Tag dürfen noch bis zum 27. September 2009 das Schloss besichtigen. Danach ist Schluss.

Die wichtigsten Räume dürfen besichtigt werden: Schlafzimmer, Esszimmer, Badezimmer und Atelier, die Räume, in denen sich auch Picasso hauptsächlich aufhielt. Die Räume sind spartanisch eingerichtet. Picasso hing Werke von Künstlerkollegen auf, seine eigenen Bilder und Skulpturen bereicherten das Haus ebenfalls. Im Badezimmer prangt eine Wandmalerei, ein musizierender Faun, und das Kopfteil des Bettes sowie der Teppich im Schlafzimmer sind ebenfalls von Picasso entworfen worden. Im weitläufigen Park liegen die Gräber von Picasso und Jacqueline, die ebenfalls besichtigt werden können.

Wer nicht nach Südfrankreich pilgern kann oder will, dem sei das bei Feymedia erschienene Buch “Picassos Häuser” empfohlen. Der opulente Bildband beleuchtet Picassos Villen und Anwesen in Cannes, Vallauris, Mougins und das Chateau in Vauvenargues.

Weitere Informationen und Buchungen im Musée Grant, in dem zeitgleich die Ausstellung “Picasso Cézanne” zu sehen ist.

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