1. April 2008
Jedes Jahr Ende März veröffentlicht “Le Journal des Arts” die Statistik der Museen- und Ausstellungsbesucher des vorangegangenen Jahres. Und jedes Jahr wieder die gleiche Enttäuschung: kein deutsches Museum ist unter den ersten Zehn. Gut, das ist sicher kein Gradmesser für die Qualität der Häuser und ihrer Ausstellungen. Ganz im Gegenteil, das predige ich ja selbst immer wieder, aber schön wäre es schon, jedes Jahr wenigstens ein oder zwei deutsche Museen in der Liste zu haben.

Auf Platz eins und Platz zwei liegen die wichtigsten französischen Museen mit unschlagbaren 8,3 Millionen (!) Besuchern im Louvre und 5,5 Millionen Besuchern im Centre Pompidou. Auf Platz drei folgt dann das British Museum in London mit 5,4 Millionen Besuchern und dann die Tate Modern (London) mit 5,1 Millionen Gästen.
[via buzzeum.com ]
19. Dezember 2007
Also irgendwie ist es ja in Mode, dass zu Jahresende Preise, Ehrungen und Würdigungen vergeben werden. Das führe ich jetzt auch ein, allerdings gibt es nichts außer der Ehre – keine Pokal, keine Urkunde und kein Geld, nur (meine) Anerkennung. Die Jury bin ich und ich vergebe die Ehrungen natürlich vollkommen sub objektiv! And the results of the jury are:
- Beste Ausstellung: Picasso – Malen gegen die Zeit, Düsseldorf
- Bestes Museum/ beste Kunsthalle: Schirn Kunsthalle, Frankfurt
- Beste Galerie: Galerie Nourbakhsch, Berlin
- Bester Kunstblog: vernissage.tv
- KünstlerIn des Jahres: Daniel Richter
Herzlichen Glückwunsch! Und jetzt dürft Ihr in den Kommentaren wi(e)dersprechen.
9. Dezember 2007

Ausstellungsansicht, Städel Museum, Frankfurt, 2007
Ich werde häufig gefragt, warum ich den Blog “Avantgarde” nenne, obwohl ich ja nicht nur über die klassische Avantgarde der Moderne schreibe. Das liegt daran, dass dieser Blog Avantgarde sein will, vor allem aber, dass der Begriff “Avantgarde” zeitlich mehr als dehnbar ist. Viele Künstler der klassischen Moderne suchten ihre Vorbilder schon bei den Meistern in Mittelalter und nutzen Stil, Maltechniken und Bildsujets der so genannten “alten Meister”. Man darf viele Meister des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit also durchaus als Avantgarde sehen.
Einer dieser Avantgardisten ist Lucas Cranach der Ältere (1472-1553), dem das Städelmuseum in Frankfurt eine Ausstellung widmet. Wie kaum ein anderer prägte Cranach neben Dürer und Holbein die Bildwelt seiner Jahre und nachhaltig auch die Bildwelt späterer Jahrhunderte. Seine Landschaftsdarstellungen waren wegweisend, religiöse Themen hauchte er neues Leben ein und seine Porträts prägen bis heute unsere Vorstellung von jener Zeit. Wer kennt nicht seine Porträts von Martin Luther, Katharina von Bora oder Philipp Melanchton. » Weiterlesen «
10. November 2007

Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle in ihrem Atelier
Das Ulmer Museum zeigt die Ausstellung “Niki & Jean – L’art et l’amour”. Die Ausstellung, die vom Basler Tinguely Museum konzipiert wurde und bereits in mehreren Städten in Europa zu sehen war, widmet sich der Beziehung und dem gemeinsamen Arbeiten des Künstlerpaares Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle.
Frauen hatten es im 19. und 20. Jahrhundert in Beziehungen mit Künstlern oft nicht leicht. Sie selbst wurden nur am Rande wahrgenommen oder auch gar nicht. Sie waren Muse oder Assistentin, Hausfrau und Seelentrösterin, aber nur selten galten sie auch als eigenständige Künstlerinnen. Ein perfektes Beispiel dafür ist das Paar Jean Tinguely (1925-1991) und Niki de Saint Phalle (1930-2002). Lange Jahre wurden die Arbeiten von Saint Phalle nur als Beiwerk zu den Arbeiten des Kinetikkünstlers Jean Tinguely wahrgenommen. Saint Phalle galt als Assistentin von Tinguely. Der Einfluss Tinguelys auf de Saint Phalle war zweifellos enorm, aber nie war er der Künstler und sie seine Assistentin. » Weiterlesen «
7. November 2007
Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg zeigt bis zum 20. Januar 2008 “Paris im Japanfieber” und begibt sich auf die Spuren der europäischen Avantgarde. Die Ausstellung zeigt mit rund 100 Arbeiten in zwei Ausstellungssälen die großen Einflüsse der japanischen Kunst auf die um 1900 in Paris lebenden Künstler.
Kunst und das Handwerk Japans lösten im ausgehenden 19. Jahrhundert in Paris eine große Welle der Begeisterung aus. Nach der wirtschaftlichen Öffnung Japans 1858 wurden auf den Weltausstellungen Kunst und Kunsthandwerk präsentiert. Im Nu waren die japanischen “Importe” in der Pariser Gesellschaft en vogue.

Henri Rivière, La tour en construction, Foto: Horst-Janssen-Museum, Oldenburg
Auch die Künstler waren begeistet. Impressionisten, Postimpressionisten und Expressionisten waren von der Ästhetik fasziniert. Sie ließen sich von der besonderen Formensprache des japanischen Holzschnitts mitreißen: Helle, leuchtende Farben, fehlende Tiefenräumlichkeit, die Dominanz des Ornamentalen und die Vereinfachung der Motive sind für die in Paris arbeitenden Künstler prägend.
Ausgewählte Werke von Pierre Bonnard, Edgar Degas, Edouard Manet, Henri de Toulouse-Lautrec, Felix Vallotton, Edouard Vuillard und anderen dokumentieren den Einfluss Japans auf die europäische Kunst. Besonders spannend sind die Bilder von Henri Rivière, dessen Lithographien fast schon wie Comics wirken. Die Ausstellung präsentiert außerdem rund 50 Meisterwerke aus der Blütezeit des japanischen Farbholzschnittes, um die Orientierung an den japanischen Vorbildern zu belegen. Berühmte Holzschnittmeister wie Utamaro, Hokusai und Hiroshige haben die französischen Kunstschaffenden sichtbar beeinflusst und damit einen grundlegenden Wandel der Sehgewohnheiten eingeleitet.
Eine sehr schöne Ausstellung, die einen bisher wenig beleuchten Einfluss untersucht – unbedingt anschauen!
6. November 2007
Es ist in den letzten Tagen ein bisschen untergegangen: Das Städtische Museum Abteiberg in Mönchengladbach wurde nach einjähriger Sanierung am 04. November 2007 wiedereröffnet. Das von Hans Hollein 1972 geplante und 1982 eröffnete Museum für Gegenwartskunst erstrahlt in neuem Glanz.

Auch die Sammlungspräsentation wurde überdacht und neu strukturiert. Die sonst übliche chronologische oder kunsthistorische Gewichtung wurde zugunsten eines “spannungsreichen Weges” durch die Kunst der letzten Jahrzehnte aufgelöst. Das kann zwar schief gehen, weil man sich schnell im Nirgendwo einer reinen Präsentation verfängt bei der es nur noch um Existenz der Werke geht. Es kann aber auch gelingen und das Museum Abteiberg schafft dies, das muss ich zugeben, obwohl ich kein Freund solcher Präsentationen bin.
Kunst wird im Museum sinnlich erfahrbar, es ist sofort erkennbar, was die Kuratoren bezweckten. Die Präsentation ist künstlernah und klug gewählt. Besonders gut ist das Museum dort, wo es den Fokus ganz auf die 60er und 70er Jahre legt, wunderbar passen die Werke in das Haus, das eben aus jener Zeit stammt. Man merkt dem Bau an, dass es in einem intensiven Dialog von Architekt Hollein und dem damaligen Museumsdirektor Cladders entstanden ist.

Es ist schon erstaunlich, mit welchem Gespür Johannes Cladders (und auch sein Vorgänger Dattenberg) vor vierzig Jahren Künstler sammelte, die heute zu den Klassikern jener Jahre geworden sind. Zwar besitzt das Museum nur wenige herausragende Stücke, aber vielleicht ist es ja gerade deshalb so interessant. Man kann Kunst wieder erfahren, ohne von Superlativen erschlagen zu werden.
5. November 2007
Max Uhlig hat etwas geschafft, was nur wenigen Künstlern gelang. Er erreichte als Grafiker seinen Druchbruch. Als DDR-Künstler war er auch schon zu Zeiten des kalten Krieges durch Überblicksausstellungen zur Kunst der DDR in der westlichen Welt bekannt geworden. Erst in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts stellte Uhlig auch Gemälde vor. Bis heute ist er allerdings vor allem als Grafiker bekannt.
Dass Uhlig anfangs “nur” Grafiker war, war in der DDR allerdings nichts Ungewöhnliches, denn dort hatte die Druckgrafik eine wichtigere Bedeutung als bei uns. Die “demokratischste aller Kunstformen” erlaubt unbegrenzte Originale zu erschwinglichen Preisen. Und wie passend, wenn auch ein Klischee: unendliche Schattierungen von Grau in einem grauen, tristen Staat. Aber nicht nur das: Die Grafik erlaubte es, sich den formal-ästhetischen Anforderungen der sozialistischen Kulturpolitik zu widersetzen, die die Scheußlichkeiten des sozialistischen Realismus verlangte.
Uhligs Arbeiten sind außergewöhnlich, sein Werk pendelt zwischen Abstraktion und Figuration. Die Bildmotive sind zusammengesetzt aus Strichen, vertikalen und horizontalen Linien, die sich zu Menschen, Pflanzen und Landschaften zusammensetzen. Besonders interessant sind seine Porträts. Diese Wesen, zusammengesetzt aus Blut und Schweiß, so jedenfalls wirkt es, sind aus Schmerzen geborene, leidende Wesen, die ihre Seele nach außen tragen.
Die Linien, verleihen den Bildern trotz der Ruhe, die von den Personen ausgeht, etwas Aufgewühltes, Nervöses. Mal verdichten sich die Linien, dann wieder sind sie weiter gestreut, mal eng beieinander, mal weit auseinander, mal kürzer und mal länger. So kreiert Uhlig die äußere Form, aus denen die Figuren vor dem Auge des Betrachters entstehen. Interessant ist, dass Uhlig diese Linienspiele sehr unterschiedlich betreibt. So ist ein “Selbstbild” von 1971 aus ganz feinen Linien zusammengesetzt, die sich zu einem Porträt verweben. Jahre später sind es dann grobe Striche, die nur in den markantesten Punkten des Gesichts zu kumulieren scheinen. Auge, Nase, Ohren und Kinn sind schemenhaft erkennbar und doch ist es unzweifelhaft ein Kopf, ja, man erkennt Uhlig sogar auf den ersten Blick. So bleibt Uhlig seinem Stil treu und doch wirkt jedes Bild anders, muss neu entdeckt werden und verleiht jedem Porträtierten ein einzigartiges Aussehen.
Deutlich undeutlich auch seine Figurengruppen: Wartende, zusammengesetzt aus vertikalen und horizontalen Linien. Und auch wenn die Figuren unbestimmt und anonym wirken, ist klar, worauf das Bild abzielt. Menschen, die auf ihre Ausreise warten, Menschen, die auf bessere Zeiten warten – ein Land im Wartestand, kaschiert durch banale Titel. Diese eindringliche und unverwechselbare Bildsprache ist einzigartig und etwas ganz Besonderes. Wahrscheinlich verdankt er ihr auch seine Eigenständigkeit innerhalb des Systems der DDR.
Max Uhlig feierte im Juni seinen siebzigsten Geburtstag. Mehrere Galerien würdigen den Künstler daher in Ausstellungen. Die Heck-Art-Galerie – Kunst für Chemnitz e. V. zeigt ab 20.12.2007 Arbeiten von Max Uhlig. Auch die Galerie Klose in Essen wird ab 09.11.2007 Uhlig in einer “Geburtstagsausstellung” ehren. Die Büchergilde Frankfurt zeigt noch bis zum 10.11.2007 Lithografien, Radierungen und Zeichnungen von Uhlig. Die Galerie Grahn in Tabarz (Thüringen) zeigt vom 02.12.2007 bis zum 01.03.2007 ebenfalls Arbeiten von Uhlig.
31. Oktober 2007
Würde man auf der Straße willkürlich 100 Menschen auswählen und sie fragen, wer Paula Modersohn-Becker war, dann würden vermutlich 99 Befragte mit den Schultern zucken. Anders als vielen ihrer männlichen Kollegen der Jahrhundertwende, blieb Modersohn-Becker bis heute die ganz große Anerkennung versagt. Das ist umso erstaunlicher, wenn man ihr Leben und ihr Werk betrachtet, das von Hollywood erdacht sein könnte: Junge Frau träumt davon, Künstlerin zu werden, setzt sich gegen alle Widerstände durch, heiratet bekannten Maler, fühlt sich in der Ehe und der ihr zugedachten Rolle als Frau gefangen, bricht immer wieder aus und flüchtet ins verruchte Paris, bekommt ein Kind und stirbt jung.
Paula Modersohn-Becker, Selbstporträt, 1906, Bremen
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22. Oktober 2007
Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt spürt in der Ausstellung “Kunstmaschinen – Maschinenkunst” einer interessanten Frage nach: Sind Künstler, die Maschinen bauen, die ihrerseits Kunst produzieren, nun Künstler oder Ingenieure? Wer ist der wahre Schöpfer der Maschinenkunst? Die Maschine oder der Künstler? Und: ist das überhaupt Kunst, was die Maschinen da produzieren? Muss der Kunst nicht ein willentlicher Akt, Kunst produzieren zu wollen, vorausgehen? Was bedeutet es, wenn sich der Künstler scheinbar (oder anscheinend) aus dem kreativen Akt zurückzieht?
Die Diskrepanz zwischen Künstler und Maschine könnte größer nicht sein. Während die Maschine vom Menschen darauf ausgelegt ist, reproduzierbar nach Programmierung oder Aufbau zu arbeiten, ist der Künstler als schöpferischer Geist dem kreativen Akt verpflichtet. Daran angeknüpft ist auch die Einmaligkeit des Kunstwerks, nur unterbrochen vom gewollten Akt der Reproduktion in Lithografie und Druck, dem eine strenge Limitierung die Grenzen setzt.Die in der Schirn ausgestellten Maschinen von Tinguely bis zu Andreas Zybach sind ohne Zweifel Kunstwerke, aber erschaffen sie auch Kunst? Den Maschinen fehlt der Wille zum künstlerischen Akt, doch den hat ihnen der Künstler mitgegeben. Auch die Kreativtät fehlt, die “programmiert” aber der Künlster, oftmals gepaart mit dem Faktor Zufall. So bleibt jedes maschinell gefertigte Kunstwerk ein Produkt des Künstlers, ohne jedoch die Endgültigkeit der direkt gefertigten Arbeit zu besitzen. » Weiterlesen «
11. September 2007
Für viele Kunstinteressierte betritt Amerika die Bühne der Kunst erst in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, als sich die Kunstszene von Paris nach New York verlagerte. Und erst im Laufe jener Jahre entwickelte sich so etwas wie ein eigene amerikanische Kunstbewegung. Doch das ist falsch, wie uns jetzt die Staatsgalerie Stutgart zeigt, den langer vor der New Yorker Schule gab es die Hudson River School.
Kulturell wurde Amerika im 19. Jahrhundert geprägt von den europäischen Siedlern und deren Ursprungsländern. Künstlerisch orientierten sich die Maler jener Jahre am akademischen Klassizismus der europäischen Kunst. die Maler zogen umher und verkauften Porträts oder Bilder vom Alltagsleben der Siedler. Doch mit der Besiedlung des Kontinents kamen auch die Maler weit herum. Sie entdeckten die landschaftlichen Schönheiten des Landes. Kaum ein anderes Land verfügt über ein derart abwechslungsreiches Landschaftsbild wie die USA: Wüsten, Küsten, breite Flusstäler, endlose Ebenen, Gebirge und dichte Urwälder. Durch den Willen, die Schönheiten des Kontinents auf Leinwände zu bannen, entstand dann auch die erste amerikanische Kunstbewegung: die Hudson River School.
Allerdings waren die Maler der Hudson River School keine Künstlergemeinschaft oder Bewegung mit einheitlicher Malweise oder Intention. Viele der Maler kannten sich nicht einmal. Auch der Name irritiert: Zwar nahm die Bewegung am Hudson River ihren Anfang und die ersten Bilder entstanden in dem Flusstal nordwestlich von New York, doch viele Maler lebten in anderen Landesteilen und haben den Hudson River wahrscheinlich nie gesehen.
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