Gerhard Richter in Wien und Duisburg

16. Februar 2009 | Kein Kommentar

Gerhard Richter, Familie am Meer, 1964, Sammlung Ströher

Gerhard Richter, Familie am Meer, 1964
© Sammlung Ströher

Wer die Ausstellung “Gerhard Richter – Bilder aus privaten Sammlungen” im Museum Sammlung Frieder Burder nicht sehen konnte, hat jetzt in der Wiener Albertina bis zum 03. Mai 2009 die Möglichkeit, dies nachzuholen. Anschließend ist die Ausstellung im Duisburger Museum Küppersmühle zu sehen. In Wien heißt die Ausstellung allerdings “Gerard Richter. Retrospektive” und in der Tat darf man das so sehen. Die bildgewaltige Ausstellung, ohnehin schon reichlich und retrospektiv bestückt, wurde in Österreich durch weitere Leihgaben einer österreichischen Privatsammlung ergänzt, so dass ein Überblick über das Gesamtwerk des bedeutenden Künstlers möglich ist. Die Albertina zeigt neben 70 Gemälden auch bedeutende Werkblöcke seiner Aquarelle und Zeichnungen. Die Ausstellung wandert dann wieder in reduziertem, aber immer noch sehenswerten Umfang nach Duisburg (22. Mai bis 23. August 2009).

Wie man einen Banksy zu Geld macht

14. Januar 2009 | Ein Kommentar


The Afflicted Yard: The Rock [via nerdcore]

Wer einen Banksy sein Eigen nennt, darf sich glücklich schätzen. Der Graffitikünstler nimmt keine Auftragsarbeiten an und sprüht seine Kunstwerke mit Schablonen in Nacht- und Nebelaktionen in Londons Straßen und gelegentlich auch mal im Ausland. Nachdem der anonyme Künstler inzwischen zu Weltruhm gelangte und seine sozialkritischen Arbeiten teuer verkauft werden, fragt sich mancher Besitzer eines Banksy, wie er die Spuren der Guerillakunst am besten von der wand bekommt. Das Video zeigt, wie man einen Banksy “konserviert” und zu Geld machen kann…

Sabine Wild in Stuttgart

12. Dezember 2008 | Kein Kommentar

Sabine Wild, Stuttgarter Landtag, 2008

Sabine Wild, Stuttgarter Landtag, 2008

Bis zum 21. Februar 2009 ist in der Stuttgarter Galerie Dengler und Dengler die Ausstellung “Sightseeing” mit neuen und älteren Arbeiten der Fotografin Sabine Wild zu sehen. Ich hatte ja schon zwei Mal (hier und hier) etwas zu Sabine Wild geschrieben, die Galerie sagt es aber auch ganz schön:

Die Verunklärung der Details in scheinbar pastoser Ölfarbe, läßt das einzelne Bauwerk in der Wirkung zurücktreten, zugunsten der städtebaulichen Situation oder des einzelnen Baukörpers im Stadtraum. Die nüchterne Kälte einer Glasfassade wird durch Malerei emotional überlagert. Gleichzeitig verweigert die digitale Malerei die persönliche Geste, das was Harold Rosenberg die Spur des Künstlers genannt hatte. So stehen die zumeist menschenleeren Stadtbilder von Sabine Wild im Zentrum mehrerer Spannungsfelder, zwischen präziser Photographie und gestischer Malerei, zwischen technischer Perfektion ohne physische Berührung des Subjekts und der vermeintlichen Spuren des Subjektiven, zwischen Vernunft und Gefühl.

Ich bin auch immer wieder versucht, die Bilder anzutatschen, um zu schauen, ob sie nicht doch gemalt wurden (nein, sind sie natürlich nicht). Neben Arbeiten aus New York und Berlin sind auch Arbeiten von Stuttgarter Bauwerken zu sehen. Ich persönlich kann über die tollen Arbeiten von Wild und ihre Technik immer wieder staunen. Unbedingt anschauen!

Archipenko-Retrospektive in Saarbrücken

10. Dezember 2008 | Kein Kommentar

Das Saarbrücker Saarlandmuseum gehört nicht eben zur ersten Liga deutscher Museen, dafür fehlt es dem kleinen Bundesland einfach an Geld und dem Museum an Räumlichkeiten. Wenigstens das zweite Problem soll sich demnächst mit einem Anbau lösen. Leider sind auch nicht immer alle Ausstellungen wirklich überragend, aber manchmal lohnt sich der Weg ins Saarland mit seiner lebendigen Kulturszene eben doch.

Alexander Archipenko, Frau, ihr Haar kämmend, 1915
Saarlandmuseum, Stiftung Saarländischer Kulturbesitz
© VG Bild-Kunst, Bonn 2008

Mit dem Nachlass des Bildhauers Alexander Archipenko (1887-1964) besitzt das Saarlandmuseum eine europaweit einzigartige Sammlung an Originalgipsen, Bronzen und Zeichnungen von einem der wichtigsten Wegbereiter der Skulptur des 20. Jahrhunderts. Auf der Grundlage dieser Eigenbestände richtet Museum dem Schaffen Archipenkos die umfangreichste Retrospektive der letzten Jahrzehnte aus.

Im Jahre 1909 hatte der junge Ukrainer sich in Paris niedergelassen. Wie andere fortschrittliche Bildhauer seiner Generation interessierte sich Archipenko intensiv für die Skulptur der außereuropäischen Kulturkreise. Im Louvre und in den völkerkundlichen Sammlungen der französischen Hauptstadt standen ihm die Werke der altgriechischen, afrikanischen, orientalischen oder fernöstlichen Hochkulturen in reicher Fülle vor Augen.

Archipenkos Schaffen spiegelt dabei auch die Berührung mit den Formexperimenten der Kubisten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris entwickelt wurden. In seinen frühen Werken zunächst von wuchtigen, blockhaften Proportionen der dargestellten Körper ausgehend, gelangte er ab 1912 zu einer Verschlankung und expressiven Längung des Gliederbaus. Mit der Erfindung kunstvoller Bewegungsmotive verband der Bildhauer zeitlebens ein vielfältiges Spiel mit den Gesetzmäßigkeiten des Statischen überhaupt. Radikal durchsetzte Archipenko die plastische Form mit bewusst gestalteten Hohlformen und Durchbrüchen, die eine neue Art des Dialogs zwischen Masse
und Raum eröffneten.

Die Saarbrücker Werke, die mehrheitlich aufgrund einer großzügigen testamentarischen Verfügung des Künstlers seit 1968 den Sammlungen des Saarlandmuseums angehören, werden durch internationale Leihgaben ergänzt. Mit einem Umfang von fast 140 Arbeiten aus mehr als fünf Jahrzehnten zeichnet die Ausstellung die prägnantesten künstlerischen Entwicklungslinien Archipenkos nach und dokumentiert sein Pendeln zwischen den Kontinenten, zwischen Expressivität und zurückgenommen Formen, zwischen Abstraktion und Figürlichkeit, formalistischer Strenge der Antike und avantgardistischer Verspieltheit.

Die Werke wurden chronologisch geordnet und wo es möglich war, zu Motivgruppen organisiert und durch Zeichnungen sinnvoll ergänzt. Die Ausstellung macht wirklich Spaß, vor den dunkelblauen Stellwänden und der tollen Beleuchtung scheinen die Skulpturen fast zu leuchten. Die Präsentation ist wirklich gelungen und Anschauen lohnt sich.

Mehr unter: Saarlandmuseum

Kuratorin der documenta 13 gewählt

3. Dezember 2008 | Ein Kommentar

Bernd Leifeld, Geschäftsführer der documenta, teilte heute mit, dass der Aufsichtsrat der Gesellschaft heute einstimmig Carolyn Christov-Bakargiev zur Leiterin der documenta 13 gewählt hat und damit der Empfehlung der internationalen Findungskommission gefolgt ist. Die nächste documenta wird vom 09. Juni bis 16. September 2012 in Kassel stattfinden.

Foto: Ryszard Kasiewicz

Die Amerikanerin Carolyn Christov-Bakargiev studierte Literatur und Kunstgeschichte. Sie arbeitet als Kuratorin und Autorin in Rom, Turin und New York. Derzeit ist sie Hauptkuratorin des Castello di Rivoli Museum of Contemporary Art in Turin. Sie war Künstlerische Leiterin der 16. Sydney Biennale in diesem Jahr. Von 1999 bis 2001 war sie Senior-Kuratorin von Ausstellungen des P.S.1 Contemporary Art Center – einem Ableger des MoMA. Zuvor organisierte sie Ausstellungen als selbstständige Kuratorin in verschiedenen Ländern.

Ich kann leider ganz wenig zu Christov-Bakargiev sagen, weil ich den Namen zwar kenne, aber noch nie etwas von ihr gesehen habe. Sie gilt als kompetent, freundlich, kosmopolitisch und das Castello di Rivoli hat einen guten Namen. Es gilt als eines der wichtigsten Museen für zeitgenössische Kunst in Italien.

Mehr Infos gibt es bei Spiegel online.

Turner Prize an Mark Leckey

2. Dezember 2008 | Kein Kommentar

Der mit 30.000 Euro dotierte Turner Prize geht in diesem Jahr an den Video-Künstler Mark Leckey (44). Für die Jury waren Leckeys Witz und Originalität entscheidend mit der er “eine Vielzahl von Formen” gefunden habe, “seine Faszination für die visuelle Kultur auszudrücken”. Dabei hat er insbesondere an Comics einen Narren gefressen. Leckey hatte die 1970 in Bangladesch geborene Runa Islam ausgestochen, außerdem Goshka Macuga (geb. 1967 in Warschau) und die 1966 in Belfast geborene Cathy Wilkes.

Ehrlich gesagt, hätte ich für Goshka Macuga votiert, allerdings muss ich leider auch sagen, dass keine bzw. keiner der vier Künstlerinnen und Künstler wirklich restlos überzeugen kann.

Hier zwei Videos, in denen der Kunstkritiker Nick Hackworth die vier Künstler vorstellt:

Voll Porno!

10. November 2008 | Kein Kommentar

Wie ich neulich lernen durfte, sagen Jugendliche heute nicht mehr “cool” oder “geil” wie zu meiner Zeit, sondern “voll porno”. Das trifft auch auf die Ausstellung “Diana und Actaeon. Der verbotene Blick auf die Nacktheit” im Düseldorfer museum kunst palast zu, die ist nämlich wirklich sehenswert. Voll porno, das findet auch die BILD-Zeitung, die findet die Schau allerdings nicht cool, sondern echauffiert sich über die Darstellungen und meint, das sei einfach nur Pornographie und keine Kunst.

Ihren Namen hat die Ausstellung von Ovids Mythos der Diana und des Actaeon. Bei einem Streifzug durch den Wald entdeckt der Jäger Actaeon die Göttin Diana beim gemeinsamen Bad mit ihren Nymphen. Überrascht vom begehrenden Blick des Actaeon, verwandelt die nackte Göttin der Jagd den Jäger in einen Hirsch. Von seinen eigenen Hunden nicht mehr erkannt, zerfleischen diese den hilflosen Actaeon.

Eric Fischl, Bad Boy, 1981
Öl auf Leinwand, 167,5 x 244 cm
Privatsammlung, Courtesy Thomas Ammann Fine Art, Zürich

Die Ausstellung zeigt ein großes Konvolut von 300 Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und Grafiken sowie Fotografien und Videos, die sich dem Themenkomplex von Keuschheit und Begehren, von Sehen und Gesehen werden, von Voyeurismus und Exhibitionismus widmen. So illustriert die Schau auch ein Thema, dessen Darstellung bis heute als Tabu gilt: die explizite Zurschaustellung des Geschlechts. All zu schnell schreien viele hier eben sofort “Porno!”. Dabei will die Ausstellung nicht einfach nur eine weitere zum Thema der Erotik in der Kunst sein, sondern konzentriert sich mit präzisen Fragestellungen auf Bildwerke, die vom verbotenen Blick auf das zumeist weibliche Geschlecht handeln.

Die Ausstellung handelt von Begierde, der verschlungenen Verknüpfung von Geschlecht und Geschlechtlichkeit mit Schönheit, Wahrheit und Ekstase. Sie handelt von Tabus und Tabubruch, von Schuld und Bestrafung und von der Erkenntnis, die unschuldig nicht zu haben ist. Dabei thematisiert sie ebenso die vielschichtige Faszination des Blickes auf den schönen weiblichen Körper, aber auch das Entsetzen, welches der Anblick des demonstrativ und schamlos unverhüllten weiblichen Geschlechts beim Betrachter auslösen kann.

So wie bei Eric Fischls Bad Boy (1981). Wahrlich ein böser Junge. Durch die Jalousien eines Fensters fällt Licht auf ein Bett. Auf diesem räkelt sich eine nackte Schöne. Den jungen Mann im Vordergrund bemerkt sie nicht oder es ist ihr egal, dass er da ist. Sie gibt sich ganz dem Augenblick hin. Durch die gespreizten Beine sieht der Betrachter ihre ganze Weiblichkeit.

Der böse Junge hat dem Betrachter den Rücken zugewandt und schaut der Frau zu. Hinter ihm steht auf dem Schreibtisch eine Handtasche. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Öffnung der Handtasche einer Vagina nicht unähnlich ist. Die Hand des Voyeurs ist tief in der Handtasche verschwunden. Wie zufällig steht auch eine Obstschale mit Bananen auf dem Tisch. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, denn kein anderes Obst erinnert so sehr an einen Phallus, wie die Banane.

Ein tolles Kunstwerk, weil der Betrachter minutenlang vor der Werk stehen kann und darüber nachdenken kann, was dort geschieht. Der Maler hat viele Andeutungen und Informationen in das Bild gesteckt.

Der Frau scheint es egal zu sein, dass sie beobachtet wird, vielleicht zieht sie sogar einen Lustgewinn daraus, beobachtet zu werden. Die Hand in der Handtasche wirft gleich mehrere Fragen auf. Stiehlt der Bad Boy der Dame Geld? Die frivole Andeutung dürfte mehr sagen: Sigmund Freud höchstselbst deutete das Symbol der Handtasche als Vagina.

Ist er böse, weil er die Situation ausnutzt oder weil er der Frau in einem intimen Moment zuschaut und ihre Gleichgültigkeit ausnutzt? Deutet Fischl hier gar einen Ödipus-Komplex an,weil der Junge seien Mutter begehrt, was der Maler mit dem Griff in die Vagina – Verzeihung – in die Handtasche andeutet?

Oder ist etwa der Maler selbst der Bad Boy, weil er es wagte, der totgesagten figurativen Malerei mit diesem Bild neues Leben einzuhauchen? In Amerika löste das Bild Anfang der achtziger Jahre jedenfalls einen kleinen Skandal aus und machte den Maler über Nacht berühmt.

Die Ausstellung ist grandios und mit 300 Werken von 200 Künstlern mehr als opulent. Die Ausstellung aufgrund von ein paar wenigen grenzwertigen Bildern als pornographisch abzutun, wie es die BILD-Zeitung tut, ist nicht nur oberflächlich, es ist schlicht dumm. Natürlich sind Bilder wie die Fotografien von Nobuyoshi Araki so lange keine Pornografie, so lange es nicht um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse geht, es also ganz klar einen künstlerischen Willen des Künstlers gibt und die Bildaussage klar ist. Auch wenn ich kein großer Fan von Araki bin, ich habe keine Pornographie entdecken können.

Ein kleiner Wermutstropfen ist die Fülle der Werke, da wirkt die Auswahl einfach manchmal zu beliebig und es wird langweilig. Ein wenig mehr Vorauswahl wäre vielleicht klug gewesen. Und was mancher Betrachter als pornographisch empfindet, ist meist nicht mehr als die Zurschaustellung eben jenes intimsten Körperteils. Und das ist ist mehr langweilig und banal als wirklich pornographisch.

Auf der Suche

10. Oktober 2008 | Kein Kommentar

Das Haus der Kunst in München bietet hervorragende Ausstellungen. Die gerade erst zu Ende gegangene Robert Rauschenberg-Ausstellung war so eine oder die Ausstellung zu Luc Tuymans im Frühjahr. Ach ja, und natürlich die “Gilbert & George”-Retrospektive im vergangenen Jahr.

Man darf das Haus der Kunst also ruhigen Gewissens empfehlen. Wenn dann noch eine Ausstellung gastiert, die das Label “Centre Pompidou” trägt, gerät man erst recht in Verzückung und Erregung. Die nun gezeigte Schau “Spuren des Geistigen” (bis 11. Januar 2009) will sich auf die Suche nach dem Spirituellen in der Kunst machen. “Spuren des Spirituellen” oder “Spuren des Heiligen” wäre wohl eine bessere Übersetzung von “Traces du Sacré” gewesen.

Mit der Säkularisierung der Gesellschaft im 19. Jahrhundert hat sich die Kunst von den klassischen Bildsujets der Heiligen und der Bibelszenen abgekehrt. Eine neue Bildsprache hielt Einzug. Dies bedeutete jedoch nicht das Ende der Metaphysik. Aber die KünstlerInnen begeben sich auf die Suche, hinterfragen und versuchen Offenbarungen des Göttlichen im Alltag zu finden.

Andreas Gursky, Kathedrale I, 2007,
Copyright: Andreas Gursky / VG Bild-Kunst, Bonn 2008
Courtesy: Monika Sprüth / Philomene Magers, Köln München London

In 16 Kapiteln fächert die groß angelegte Ausstellung zentrale Themen verschiedener Epochen seit der Romantik auf: von Götterdämmerung über Ritual, Kosmos, Trance und Profanierung bis hin zur psychedelischen kunst der Beatgeneration, Zen oder zeitgenössischen Sakralkunst. Werke der Gegenwart treten dabei mit jenen des 19. und 20. Jahrhunderts in einen Dialog.

So weit so gut. Einen Besuch ist die Ausstellung auch deshalb wert, weil sie großartige Werke vereint. Aber wozu? Die Ausstellung erscheint wie ein Sammelsurium aus Depotstücken des Centre Pompidou, die das Pariser Museum einfach mal wieder ans Licht der Öffentlichkeit zerren wollte.

Allein das Ausstellungsthema ist so schwmmig gewählt, dass nahezu jedes Kunstwerk der letzen 150 Jahre darin Platz finden könnte. Kaum ein Werk, in dem sich mit ein bisschen gutem Willen nicht Spuren des Geistigen finden lassen. Nahezu überall lässt sich die Suche des Künsters nach Gott, nach dem Spirituellen, ausfindig machen.

Los geht es mit Goyas “Los Desastres de la Guerra”, eine fast schon erschrockene Erkenntnis über das Böse in der Welt. Dann folgen Caspar David Friedrichs romantische “Ruinen in der Abenddämmerung” von 1831, eine Verklärung der Natur. Natürlich dürfen auch De Chririocos Metafiscia-Bilder nicht fehlen. In der Ausstellung sind “Die Sehnsucht nach dem Unendlichen (1912/13) und “Der große Metaphysiker” von 1917 zu sehen.

Und dann? Es geht quer Beet. Kandinsky? Klar, der hat sich intensiv mit dem Spirituellen in der Kunst auseinandergesetzt und sogar ein Manifest zum Thema verfasst. Malewitsch? Die Suche nach dem Absoluten, nach dem Nullpunkt in der Kunst ist auch Suche nach dem Ursprung der Welt. Kann man aufhängen. Man Ray? Der ist mit “Das Gebet” vertreten. Eine junge Frau, kniet nieder und bückt sich nach vorne. Ihre Scham bedeckt sich mit den Händen von hinten. Eine Anspielung auf den Ursprung der Welt, das göttlich Weibliche? Na ja, gut, rein damit. Aber Picassos Frauenbüste (1907)? Massons Dionysos? Duchamps “Gebüsch”? Pollocks “The Moon-Woman cuts the circle”? Es beginnt die Beliebigkeit.

Erst in der zeitgenössischen Kunst wird es wieder klarer, versteht man wieder, worum es gehen soll. Viele Künstler beschäftigen sich mit der Suche nach dem Heiligen. Manche versuchen dem Betrachter zu erklären, dass Gott längst tot ist, andere sind auf der Suche und spüren dem Göttlichen nach und wieder andere wollen dem Betrachter förmlich das Göttliche im Menschen und seiner Welt offenbaren.

Andreas Gursky hält mit der Kamera Spuren des Göttlichen in Kathedrale I (2007) fest, als transzendentale Atmosphäre. Allerdings ist die Kirche leer und Gott durch ein überdimensionales Loch im Boden abgehauen. Bruce Nauman erklärt uns mit “The True Artist Helps the World by Revealing Mystic Truths” (1967) die Aufgaben eines Künstlers und Martin Kippenberger sorgt mit dem zweideutigen “Was ist der Unterschied zwischen Casanova und Jesus? Der Gesichtausdruck beim Nageln” (1990) für Provokationen. Ein Frosch mit leidendem Gesichtsausdruck und heraushängender Zunge ist an ein Kreuz genagelt.

Ein Besuch der Ausstellung lohnt sich, weil einfach viel Kunst auf hohem Niveau vertreten ist, aber das Thema der Ausstellung ist einfach nicht treffend genug dargelegt, zu weitschweifig, der Katalog nicht wirklich erhellend. Schade darum, hätte man sich etwas mehr auf das Wesentliche konzentriert, hätte das durchaus schön werden können.

Städel Museum goes Web 2.0

1. Oktober 2008 | Kein Kommentar

Es geschehen noch Zeichen und Wunder, die deutschen Museen entdecken das Internet. Das Städel Museum war zwar schon länger mit einer eigenen Webseite online, aber sehr spannend war die nicht. Jetzt hat man die Seiten überarbeitet, ein neues Design spendiert und multimedial aufgerüstet. Da gibt es Videostreams, Audiodateien, Kunstgeschichten, die Sammlung wird katalogisiert und mit Lupenfunktion online gestellt und in einer eigenen “Community” können Besucher diskutieren, Galerien basteln und Lieblingswerke auswählen. Ich bin begeistert, mehr davon. Bleibt zu hoffen, dass sich andere Museen daran ein Beispiel nehmen. Schaut rein, es lohnt sich: www.staedelmuseum.de.

Nebulöses von Andrea Neumann

30. September 2008 | Kein Kommentar

Das Saarland ist nicht eben reich gesegnet an Galerien. Kein Wunder, es fehlt an zahlungskräftigen Sammlern, die Galeristen haben es schwer. Das kleine Bundesland ist aber auch nicht wirklich reich gesegnet an hervorragenden Künstlern. Trotzdem gibt es eine kleine aber feine Kunstszene. Einer der Kulminationspunkte ist die Galerie K4 von Werner Deller, einem ehemaligen Informatik-Manager, der die Leidenschaft für Kunst zum Beruf machte.

Die Galerie stellt regionale und überregionale Künstler aus, widmet sich den Studierenden der Hochschule der Bildenden Künste der Landeshauptstadt, pflegt ein intensives Netzwerk und neben der Galerie gibt es in der Innenstadt noch den Projektraum “K4 Forum” und im nahegelegen St. Ingbert die “Alte Baumwollspinnerei”, eine ehemalige Fabrik, die Deller in ein Kulturzentrum umwidmen will.

Die Galerie versteht sich als ästhetisches Labor und das ist wörtlich zunehmen. Sie ist eine Versuchsstätte, ein Forschungsraum auf der Suche nach dem ästhetisch Wertvollen. Nicht alles, was Deller ausstellt, ist wirklich interessant oder gut oder wertvoll, aber es gibt durchaus Perlen zu entdecken und meist trifft Deller ins Schwarze. Künstler der Galerie sind unter anderem Oliver Möst, Helge Hommes, Mia Unverzagt, Nikola Irmer oder Stephan Robert.

Derzeit darf man in der K4 Galerie Arbeiten von Andrea Neumann bestaunen (“Flüchtig | éphémère”, bis 17. Oktober 2008). Neumann wurde 1969 in Stuttgart geboren, aber das Kunststudium verschlug sie ins Saarland, das heute ihre Heimat ist. Ungewöhnlich ist schon das Arbeitsmaterial. Neumann malt mit Eintempera auf helle, nicht grundierte Baumwolle. Das verleiht den Bildern eine gewisse Leichtigkeit und Transparenz. Dort wo die Farbe dünn aufgetragen wurde, schimmert der Untergrund durch. Ideale Materialien für Neumanns Bilder.

Das Gedächtnis funktioniert (meist) nicht fotografisch, es behält nur wichtige Elemente gespeichert, fragmentiert diese und setzt sie bei Bedarf wieder zusammen. Wir fokussieren bestimmte Details des Gesehenen. Oft aber spielt uns das Gedächtnis einen Streich, bildet die Fragmente beliebig neu oder hat einen eigenen Willen und fokussiert nicht wirklich das, was wir uns gewünscht hätten.

Es bleiben nebulöse Bilder von Menschen, Ereignissen und Situationen. Wir haben uns zwar den Augenblick gemerkt, wissen aber nicht mehr genau, wie die Umgebung aussah oder merken uns nicht das Gesicht von Personen, wohl aber, welche Kleidung sie trugen. Vielleicht war es uns nicht wichtig, oder aber unser Gedächtnis hielt anderes für bedeutsam. Es bleiben verwischte Bilder, Andeutungen, Versatzstücke der Realität.

Genau solche flüchtigen Bilder malt Andrea Neumann. Schemenhafte Gestalten wandeln da durch wabernde Landschaften, die uns nichts preisgeben, außer den Horizont, oder den Boden auf dem die Figuren stehen, manchmal fehlt dies gänzlich. Die Figuren sind angedeutet, skizzenhaft festgehalten, ohne individuelle Merkmale. Scheinbar ohne großen Aufwand schafft die Malerin virtuose Bilder voller lyrischer Leichtigkeit – und doch nicht ohne Ernsthaftigkeit. Ihre Bilder sind voller Kürzel, sie deutet an, verrät aber nicht viel. Obwohl die Bilder immer nur an der Oberfläche kratzen, wirkt nichts oberflächlich. Immer ist da eine Spannungskraft und eine unterschwellige Dynamik.

Die zurückgenommene Farbigkeit unterstützt den Eindruck des Flüchtigen, nur kleine Details sind in helleren und kräftigen Farben gemalt, aufgetragen in breiten Bahnen. Die Figuren scheinen oftmals aus dem Malgrund aufzusteigen, gewissermassen heraus modelliert worden zu sein. Alles ist bedeckt von Schlieren, Nebeln aus Farbe. Im Hintergrund tauchen immer wieder Fragmente von Flächen auf, selten vermitteln sie Tiefe. Meist umgeben sie die Figur wie eine Aura, scheinen fast zu leuchten, um dann im Nichts zu verschwinden, je weiter sich das Auge von der Figur entfernt. Scharfe Kanten sucht man vergeblich, als ob alles ineinander verschwimmt, nichts lässt sich halten, alles ist vergänglich.

Immer wieder fragt sich der Betrachter, ob Neumann Träume malt oder Erinnerungen. Oder sind unsere Erinnerungen nicht auch immer Teil unserer Träume, in denen wir unsere Erinnerungen verarbeiten? Den Szenen haftet allerdings nichts Albtraumhaftes an. Es sind Alltagsszenen, Menschen in ihrer Lebensumgebung. Wir sehen Menschen bei Heimwerkerarbeiten, beim Spazierganz oder bei Freizeitbeschäftigungen.

Klasse, anschauen lohnt sich!

Wo bin ich?

Sie lesen gerade die Artikel, die mit den Schlagwörtern 2008 versehen sind.