4. Januar 2010
Als Götz Adriani 2005 in Pension ging, verlor die Kunsthalle Tübingen einen Kurator mit ausgezeichnetem Ruf. Dass es nicht einfach werden würde, Adriani zu ersetzen, sollte bald allen Verantwortlichen klar werden. Während die Kunsthalle in den 90er Jahren bis zu 500.000 Besucher pro Jahr hatte, waren es im vergangenen Jahr nur noch 15.000. Nun sollte man sich davor hüten, alleine die Besucherzahlen als Gradmesser für den Erfolg eines Museums zu sehen, doch der Besucherschwund ist so auffällig, dass man schon analysieren sollte, warum das Publikum wegbleibt. Nur knapp 2700 Besucher wollten 2009 die Ausstellung “Der innere Blick” sehen. Kein Wunder – Der Untertitel: “Das Interieur in der zeitgenössischen Kunst” erinnert eher an das Thema einer Dissertation eines Kunsthistorikers und weckt weder die Neugier noch macht es Lust auf einen Museumsbesuch. Warum sollte sich das der kunstinteressierte Laie ansehen?
Nun soll alles besser werden. Seit März 2009 ist Daniel Schreiber (44) leitender Kurator und der will einiges ändern. Die Ausstellungen sollen wieder interessanter werden. Schreiber will Brücken zum Publikum schlagen. Wie er das schaffen will, verriet er der dpa: ” Das geht durch Werke, die man gerne sieht, die Spaß machen, die aber auch provokativ sind und Sprengkraft besitzen.” Die letzten Ausstellungen des Jahres 2009 ließen sich kaum noch ändern, denn Ausstellungen haben eine gewisse Vorlaufzeit und einmal in der endgültigen Planung sind sie ungefähr so schwerfällig wie ein gestrandeter Wal, also nur noch schwer zu korrigieren. Ab Ende Januar läuft nun die erste von Schreiber alleine verantwortete Schau. Die Kunsthalle zeigt die quietschbunten Gemälde des Pop-Art-Künstlers Mel Ramos in einer Retrospektive. Der repräsentative Querschnitt durch sein Lebenswerk umfasst hauptsächlich Gemälde, aber auch Entwurfsskizzen und Skulpturen von den 1960ern bis heute. Danach werden Karin Kneffel (01. Mai bis 11. Juli 2010) und Thomas Florschuetz (17. Juli bis 26. September 2010) zu sehen sein
Klingt spannend, bleibt abzuwarten, wie die Ausstellungen konzipiert sind. Weitere Informationen: Webseite der Kunsthalle Tübingen.
2. Oktober 2009
China feiert dieser Tage das 60. Jubiläum der Gründung der Volksrepublik – und das mit allerlei Pomp und Getöse. In Deutschland sind derweil zwei Ausstellungen zu sehen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch so ähnlich sind. Ai Weiwei, zeitgenössischer chinesischer Künstler und Publikumsliebling bei der letzten documenta zeigt im Haus der Kunst in München seine neusten Arbeiten. Seine Arbeiten prangern die gesellschaftlichen und politischen Missstände in China an, sein Engagement bringt ihm des öfteren Ärger in seiner Heimat ein.
Am 12. Mai 2008 hatte die Erde in der Provinz Sichuan gebebt. Ai Weiwei wollte in der Region recherchieren, doch die Staatsmacht versuchte, das mit allen Mitteln zu verhindern. Ai Weiwei schaffte es trotzdem, die Namen von 4000 Kindern zu recherchieren, die umgekommen waren und veröffentlichte sie. Wie er, wollte auch Tan Zuoren recherchieren, warum in der Region so viele Schulen einstürzten. Er vermutete Schlampereien bei den Bauarbeiten. Doch er wurde verhaftet und wegen “Unterrgabung der Staatsgewalt” angeklagt. Ai Weiwei reiste extra zum Prozess an, um dem Mitstreiter mit seiner Zeugenaussage zu helfen. In der nacht vor der Zeugenaussage wurde er jedoch verhaftet und misshandelt. Folge dieser “Polizeiaktion” war ein Hämatom im Gehirn, welches in München operiert wurde.
Die Ausstellung “So Sorry” stellt zwei großformatige, eigens für das Haus der Kunst entworfene Arbeiten vor. Außerdem vereint sie frühe Fotografien mit den seit 2003 entstandenen Filmen, der Dokumentation von dem documenta-Projekt “Fairytale” sowie einer Auswahl der seit 1997 entstandenen Werke. Der Titel “So Sorry” zielt auf die neue Entschuldigungskultur ab, mit der Politik und Wirtschaft auf Fehlentwicklungen am Finanzmarkt und andere globale Krisen reagieren.
Die Arbeit “Remembering” wird für die Fassade des Haus der Kunst entworfen und besteht aus 9.000 eigens angefertigten Rucksäcken. Ai Weiwei ruft hiermit das Erdbeben in Sichuan ins Gedächtnis, denn bei den eingestürzten Schulen fanden sich viele Rucksäcke der verschütteten Kinder. Jeder Rucksack hat eine von insgesamt fünf verschiedenen Farben. Ihre Anordnung ergibt in chinesischen Schriftzeichen den Satz “Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt”, mit dem die Mutter eines Erdbebenopfers ihrer Tochter gedachte. Das pixelhaft wirkende Großbild erstreckt sich über eine Länge von 100 Metern und eine Höhe von zehn Meter über die gesamte Fassade und ist mit einer
Stahlkonstruktion an den Säulen vorm Haus befestigt.

Ai Weiwei, Remembering, 2009
Rucksäcke und Metallgestänge, 925 x 10605 x 10 cm
© Ai Weiwei
Ebenfalls für die Ausstellung gefertigt ist der Wollteppich “Soft Ground”, der im grölten Ausstellungsraum eine Fläche von 380 Quadratmetern bedeckt. Das Muster von “Soft
Ground” ist eine getreue Reproduktion der 969 steinernen Bodenfliesen über die der Teppich gebreitet wird. Um die Bodenfliesen und die Spuren, die 70 Jahre
Ausstellungsbetrieb hinterlassen haben, präzise zu rekonstruieren, wurde jede Fliese im Vorfeld einzeln fotografiert und ihre Position verzeichnet. In einer Wollweberei in der
Provinz Hebei handgefertigt, fungiert “Soft Ground” nun als Dämpfer, der den Boden schont und auch eine akustische Wirkung hat.
Zu Ai Weiweis jüngsten und in der Ausstellung präsentierten Werken gehören außerdem: “Rooted upon”, eine 100-teilige Großinstallation von Baumstämmen und -wurzeln aus ganz China, die auf “Soft Ground” installiert wird, sowie “Cube in Ebony”, ein Kubus aus massivem Rosenholz und “Bamboo and Porcelain”, eine in Zusammenarbeit mit Herzog & de Meuron entstandene Installation für die Fassade an der Rückseite des Haus der Kunst.
Zeitgleich zeigt in Frankfurt die Schirn Kunsthalle die Werkgruppe “Der Hof für die Pachteinnahme”, die die Situation der Bauern vor der kommunistischen Staatsgründung anschaulich darstellen und die Vorteile des Kommunismus preisen soll. Geschaffen wurde die 97 (!) Meter lange Skulptur aus Lehm 1965 von einem namenlosen chinesischen Künstlerkollektiv. In sieben aufeinander folgenden Szenen sind die Schrecken des Kapitalismus unter dem Kaiser dargestellt. Dargestellt wurde in der Figurengruppe aus Aufsehern, Ganoven, Bauern und Arbeitern die Ablieferung der Pachteinnahmen an den Feudalherren.

Hof für die Pachteinnahme, 1974–1978 (Original 1965)
Szene 1 – Den Pachtzins abliefern Ausstellungsansicht
Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2009
Man könnte das Werk schnell als Propagandakunst des sozialistischen Realismus abtun, doch das wäre zu einfach. Das Diorama berührt den Betrachter durchaus. Physiognomie und Gestik der Figuren sind realistisch und ausdrucksvoll, die lebensgroßen Gestalten verstärken den realistischen Eindruck. Leid und Mühsal der Landbevölkerung sind eindrucksvoll dargestellt. Ursprünglicher Aufstellungsort ist eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Anwesen des berüchtigten Feudalherren Liu Wencai, dessen Gräueltaten in dem Werk verewigt wurden und der auch selbst in einer Szene erscheint, in der er sich gelangweilt in seinem Thron räkelt und auf die um Gnade flehenden Bauern herabblickt.
Seit seiner Entstehung erfreut sich das Kunstwerk großer Beliebtheit. Gerne wird die Geschichte kolportiert, dass manche Betrachter so erbost sind, dass sie versuchten, Aufseher und den Feudalherren zu verprügeln. Zahlreiche Leihanfragen aus dem In- und Ausland führten 1973 zu einer transportablen Kopie aus verkupfertem Fiberglas, die nun bis 04. Januar 2010 in der Schirn ausgestellt wird.
Unter blog.aiweieei.com bloggt Ai Weiwei. Auf aiweiwei.blog.hausderkunst.de bloggt er auch aktuell zu den Geschehnissen rund um die Ausstellung in München.
23. Juli 2009
Beim Namen Jean Dubuffet (1901-1985) fallen den meisten Menschen die schraffierten Bilder in Rot, Blau, Weiß und Schwarz ein, doch der Künstler war viel mehr. Eine Übersicht über seine Arbeit zeigen die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung und das Literaturhaus in München. Das Literaturhaus? Ja, denn der Künstler war ein Multitalent: Maler, Bildhauer, Dichter, Schriftsteller, Musiker, Bühnenbildner und Grafiker. Im Literaturhaus sind Künstlerbücher ausgestellt, handgeschriebene Texte, Lithografien und Zeichnungen. Besonders schön ist die erstmalige Übersetzung der Texte in das Deutsche. Dubuffet nutzte einen Mischmasch aus gehobenem Französisch und Argot, die Sprache der Bettler und Gauner im Frankreich des Mittelalters.
In der Kunsthalle erwartet die Besucher ein spannender Rundgang durch Dubuffets Oeuvre. Die Hypo-Kunsthalle hat 150 Gemälde, Skulpturen und Arbeiten auf Papier zusammengetragen. In dem dezentem Grau der Wände wirken die farbenfrohen Arbeiten des Franzosen noch strahlender und leuchtender, die erdigen Materialbilder hingegen noch düsterer.
Viele der Werke sehen aus wie von Kinderhand gezeichnet, naive Kunst sagt man dazu, allerdings ist Dubuffet alles andere als naiv und seine Kunst zutiefst intellektuell. Dubuffet selbst nannte diese Kunstgattung Art Brut, wollte sie jedoch nicht auf seine Arbeit angewendet wissen, sammelte jedoch solche Arbeiten begeistert. Inzwischen wird dieser Begriff auch für naive Kunst und für die Kunst geistig Behinderter angewandt. Dies dürfte auch Dubuffets größter Verdienst sein. Die Kunst von Menschen, die nicht der Norm entsprechen, rückte er ins Licht der Öffentlichkeit. Sammlungen wie die des Psychiaters Hans Prinzenhorn in Heidelberg wären nie so bekannt geworden ohne die Vorarbeit Dubuffets.
Dubuffet, der erst 1944 seine erste Einzelausstellung hatte, nahm die Bildwelt von Kindern und Geisteskranken auf, von Straßenkünstlern und die Schmierereien an öffentlichen Orten. Er propagierte sie als roh und unverfälscht. Er begann mit den figurativen “Marionettes de la ville et de la campagne”. Dubuffet löste sich schnell von der Fläche und mischte Sand, Kitt, Leim und Gips unter die Farben, die so eine taktile Oberfläche erhielten. Es entstanden die oft düster wirkenden, erdigen Materialbilder mit Porträts von Menschen aus Paris, nach Sahara-Reisen auch aus der Wüste. In einem anderen Raum sieht man sinnliche “Corps de dames”, Frauenkörper. Diese sind allerdings alles andere als naiv oder unschuldig. Üppige Brüste und Vaginas in grellen Farben konterkarieren den naiven Stil der Bilder.

Jean Dubuffet, Frau probiert einen Hut, 1943
© VG Bild-Kunst, Bonn 2009 – Foto: Fondation Dubuffet, Paris
Seine berühmtesten Werke, die Bilder des “Hourloupe”-Zyklus, entstand zu Beginn der 60er Jahre. Dubuffet schuf zellenartige Strukturen, die er mit Schraffuren füllte. Er beschränkte sich dabei auf die Farben Rot, Schwarz, Blau und Weiß. Oft sind die Zellen Fragmente von gegenständlichen Bildinhalten, wie kleine Puzzle. Ende der 60er Jahre setzte er diese Arbeiten in großformatigen Skulpturen aus Styropor, Polyester und Kunstharz um. Man fühlt sich gelegentlich an knautschige Comicfiguren erinnert, wenn man vor den eigentümlichen Arbeiten steht. Dubuffet schuf Bühnenszenen und Kostüme für sein surrealistisches Theaterstück “Coucou Bazar”, sogar ganze Gartenlabyrinthe wie den “Jardin d’ Émail” im niederländischen Kröller-Müller-Museum. Mit zunehmendem Alter rückten seine Leinwände dann wieder in den Vordergrund, es entstanden große, leuchtende, farbige Werke, von den “Sites” (Gegenden) über die “Mires” (Blickpunkte) bis zu den “Non-lieux” (Nicht-Orte).
Dubuffet war für viele Künstler Vorbild und sowohl die Abstrakten Expressionisten als auch die europäischen Künstler des Informel beriefen sich auf ihn und waren begeistert von seinen Arbeiten. Während das Publikum in Europa anfangs zurückhaltend reagierte und sich fragte, ob das denn überhaupt Kunst sei, feierte Dubuffet in Amerika schnell große Erfolge. Schon 1947 hatte er in der renommierten Galerie von Pierre Matisse in New York seine erste Einzelausstellung. Dabei fing seine Karriere alles andere als viel versprechend an. Er wurde in eine wohlhabende Weinhändlerfamilie in Le Havre geboren. Nach dem Abitur studierte der Kunst in Le Havre, ging dann nach Paris um dort Musik und Philosophie zu studieren und lernte die Surrealisten kennen. Doch er gab auf und ging zurück nach Le Havre, um im elterlichen Betrieb als Weinhändler zu arbeiten. Doch der Schaffensdrang war zu groß und er kehrte der bürgerlichen Welt erneut den Rücken. In der Nachkriegszeit errang er dann schnell weltweiten Ruhm.
Die tolle Retrospektive “Ein Leben im Laufschritt” und die Ausstellung “…das Papier beleben” im Literaturhaus bieten einen umfassenden Überblick über das Schaffen des Tausendsassas. Die Ausstellung läuft noch bis 13. September 2009. Zur Ausstellung erschien ein Katalog bei Schirmer zum Preis von 24 Euro.
Mehr: Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung und Literaturhaus München.
20. Juni 2009
Alle zwei Jahre wird Venedig zum Nabel der Kunstwelt, die Biennale di Venezia zeigt aktuelle Positionen zeitgenössischer Kunst aus der ganzen Welt. In diesem Jahr ist es wieder so weit und seit 07. Juni 2009 läuft nun die 53. Ausgabe. Neben allerlei Ausstellungen gehören die nationalen Pavillons zum Kern der Biennale und natürlich hat auch Deutschland einen Pavillon. Der Pavillon wurde 1909 erbaut und während der nationalsozialistischen Diktatur umgestaltet. leider sieht man das dem Gebäude bis heute an. Es ist ein hässliches Monstrum. So weit so gut. Immerhin kann man ihn ja im Inneren mit Kunst gestalten und ihm ein bisschen Erhabenheit und Würde verleihen.
In diesem Jahr ist aber etwas anders. Im Allgemeinen werden in den Länderpavillons zeitgenössische Künstler aus den jeweiligen Ländern präsentiert. Das ist natürlich kein Muss, aber für Besucher gerade interessant, weil man so Kunst aus unterschiedlichen Ländern sieht, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Verbindendes und Trennendes kennenlernt und Neues sieht. Die Kreativen müssen natürlich nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben, es können auch Künstler sein, die hier dauerhaft leben. Kurator Nicolas Schafhausen hat sich allerdings in diesem Jahr entschieden, den in New York und London lebenden Briten Liam Gillick auszustellen.
Gillick gehört zu den Young Britisch Artists, jenen in den Neunzigern kometenhaft aufgestiegenen jungen britischen Künsltern um Damien Hirst, Tracy Emin, Jenny Saville, Sarah Lucas und Chris Ofili. Warum Schafhausen keinen deutschen Künstler wählte, erschließt sich mir nicht, es gäbe so viele wunderbare Künstler in diesem Land, dass man eigentlich die Qual der Wahl hat. Schade drum, aber nun gut. Man könnte diese Auswahl ja auch als Hinweis darauf verstehen, dass Kunst keine Grenzen kennt und die Probleme, mit der sich Künstler auseinandersetzen (müssen), überall auf der Welt ähnlich sind. Und Deutschland ist ja mit Wolfgang Tillmans, Ulla von Brandenburg, Tobias Rehberger und Hans-Peter Feldmann eigentlich auch gut vertreten.
Wäre Gillick ein Glücksgriff, hätte ich vielleicht nur gegrummelt, aber das was uns Gillick zeigt, ist an Banalität kaum zu überbieten. Man betritt den Pavillon durch einen Vorhang aus bunten Plastikstreifen. Gillick hat in den Räumen eine selbst gebaute Küche aufgestellt, eine die an IKEA in den achtziger Jahren erinnert – können sie sich erinnern? Kiefernholz, eckig, praktisch und sterbenslangweilig. Vorbild war allerdings die “Frankfurter Küche”, ein Entwurf der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, die diese einfache und pragmatische Küche 1926 für Arbeiterwohnungen entworfen hatte. Die Küche ist komplett leer, nur auf einem der Schränke sitzt eine Katze. Die beeidruckt wenigstens damit, dass sie spricht. Sie erzählt eine im Kreis drehende Geschichte von Fehldarstellungen, Missverständnissen und Wünschen. Das war es.

Blick in den deutschen Pavillon, Foto: © Liam Gillick
Garniert wird das Kunstwerk mit einem hochtrabenden Wortkonvolut Die Küche sei “eine Art Diagramm aus Modernitätsbestreben und Funktionalität” und fungiere zudem als “Echo des angewandten Modernismus”. Und weiter:
“Dieser steht im Gegensatz zu der Erhabenheit des Pavillons, der ohne sanitäre Anlagen, Küche oder Ruhezone gebaut wurde. Die Küchenkabinette besetzen die Übergänge vom zentralen in die seitlichen Räume. Die Küche steht in Spannung zur Logik des Gebäudes. Man könnte vielleicht sogar sagen, dass sie ein Vermächtnis des funktionalen Modernismus ist, und die Aufgabe übernimmt, gegen die Ideologie der Pavillon- Architektur zu arbeiten.
Liam Gillick hat sein tägliches Arbeitsumfeld – seine Küche, die er als improvisiertes Studio nutzt – in den Deutschen Pavillon übertragen. Nach monatelangem Arbeiten in seiner eigenen Küche, umschlichen von der Katze seines Sohnes, beschäftigte er sich mit den Fragen „Wer spricht? Wer spricht mit wem und mit welcher Berechtigung?”, während die Katze stets versuchte, seine Arbeit zu unterbrechen.
Nein, das war nichts, das hätte jeder Kunststudent besser gemacht. Einen weiteren Bericht von der Biennale gibt es in den nächsten Tagen…
30. April 2009
Sex sells. Das funktioniert immer wieder. Ob sich das auch die in New York lebende Britin Cecily Brown (1961) gedacht hat, als sie in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Kunstmarkt eroberte? Eigentlich waren ihre Bilder ja nur eine müde Provokation, längst sind wir abgestumpft. Sie selbst sagt, dass es ihr nie um eine Provokation ging. Sie wollte dem Emotionalen in den pornografischen Szenen nachspüren.
Brown malte Szenen aus Sexmagazinen ab. Doch wie sie das tat, erregte Aufsehen. Ihr Bilder sind energiegeladen, immer hart an der Grenze zwischen Abstraktion und Figuration, mal mehr das eine, dann wieder mehr das andere. Immer schwelgt sie aber in einem Rausch aus Farben. Perfekt versteht sie es, mit den Farben zu spielen, erzeugt aus kalten und warmen Farben Raumtiefe, Energie und Bewegung. Manchmal sind die menschlichen Körper nur noch angedeutet als “fleischfarbene Klumpen”, dann wieder in Pollock’scher Manier getröpfelte und gespritzte Linien.

Blick in die Ausstellung „Cecily Brown“, Deichtorhallen Hamburg April 2009
Cecily Brown, 1000 Thread Count, 2004
Foto: © Wolfgang Neeb. Courtesy Deichtorhallen Hamburg
Immer wieder ist die Präsenz von Körpern in den Bildern spürbar, auch ohne das die Malerin sie endgültig ausformuliert. Sie arbeitet oftmals Monate an einem Bild, bis sie es perfekt findet. Nichts soll zu sehr an Sex erinnern und doch soll er spürbar bleiben. Der Betrachter soll genau hinschauen, lange hinschauen, in das Bild versinken und die Situation erst langsam erfassen. Vorbei die Zeiten, in denen man auf den ersten Blick sah, was da im Bild vor sich geht und neben dem kopulierenden Paar alles andere vergisst.
In den letzten jahren ging sie immer mehr zur Abstraktion über. Fast scheint es so, als würde sie sich ganz auf das fokussieren, was den Sex ausmacht: Energie, Bewegung, Verschmelzung und Auflösung. Die Natur scheint in ihren Bildern eine immer wichtigere Rolle zu spielen. Ihre Arbeiten scheinen immer mehr vom einstigen Bildthema abzuweichen und doch irgendwie darin gefangen zu bleiben. Kein Wunder. Einer der meist zitierten Sätze der Malerin lautet: “Sex ist die treibende Kraft hinter fast allem, was so vor sich geht.” Wer will da schon widersprechen?

Herbert Brandl, Ohne Titel, 2008
Öl auf Leinwand, Firnis 260 x 502 cm
Courtesy Galerie Sabine Knust, München Fotograf: Franz Schachinger © Herbert Brandl
Zeitgleich zeigen die Deichtorhallen Herbert Brandls großformatige Arbeiten. Brandl selbst hatte sich Brown als “Mitausstellerin” gewünscht und der Wunsch wurde ihm gerne erfüllt. Ein genialer Schachzug, denn so ähnlich die Künstler den Rausch der Farben auch feiern, so unterschiedlich sind sie doch. Auch Brandl arbeitet an der Grenze von Figuration und Abstraktion. Doch seine Bilder wirken wie Ruheoasen gegen Browns Orgien. Immer wieder scheinen in den gegenstandslosen Bildern figurale Bildaussagen durch. Fast immer sind es Landschaftsbilder, mal Grassteppen oder Waldansichten, dann Bergpanoramen oder dramatische Sonnenuntergänge – Farbgewitter, ein “heftiger Konflikt aus Licht und Farbe”, wie es Deichtorhallen-Leiter Robert Fleck beschrieb. Allerdings fehlen Brandls Bildern Kraft und Bildgewalt von Browns Arbeiten, fast schon langweilig wirken seine subtilen Werke im Vergleich. So zeigen beide Künstler, wie unterschiedlich abstrakte Ansätze sein können, zeigen abweichende Konzepte von Farbe, Raum und Tiefe, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Abstraktion ist eben doch nicht einfach nur Reduktion des Sichtbaren.
Ich hatte richtig Spaß. Hingehen, anschauen!
Weitere Informationen: deichtorhallen.de
7. März 2009
Da liest man überall von “Ansturm auf das Neue Museum” (Art Magazin), “10000 stehen Schlange” (Berliner Morgenpost) oder “Tausende wollen das Neue Museum sehen” (Welt online). Schön – aber liebe Leute – das Museum ist noch leer! Eigentlich sollte man sich ja freuen, aber irgendwie ist das paradox. Da gibt es so viele schöne (kleine) Ausstellungen, mit Liebe zum Detail und wirklicher Augenschmaus mit Lerneffekt und was machen die Leute? Sie rennen in einen leeren Bau, den sie genauso so später sehen könnten, wenn sie sich die Exponate anschauen. Hoffentlich bleibt dem Museum der Besucheransturm erhalten.
6. März 2009

Die neue Webseite des MoMA
Das MoMA hat heute seine neu gestaltete Webseite online geschaltet: Etwas schicker, mehr “Social Networking” und Web 2.0 mehr Interaktives und mehr Bildergalerien. Insgesamt eine schöne Weiterentwicklung, aber auch nichts Revolutionäres…
6. März 2009
Viel wird über die architektonische Neugestaltung des Neuen Museums Berlin gestritten. Lange war das Museum nicht mehr als eine romantische Ruine, die dem Verfall preis gegeben wurde. Doch nach der Wende wurde dem Haus neues Leben eingehaucht. Der britische Architekt David Chipperfield sollte das Haus wiederauferstehen lassen, damit hier das Museum für Vor- und Frühgeschichte und die Ägyptische Sammlung mit der Nofretete einziehen könnten. Gestern wurde das Neue Museum der Öffentlichkeit übergeben. In den nächsten Tagen dürften die Besucher durch das leere Haus flanieren, bevor es dann am Mittwoch den Kustoden übergeben, bis Oktober bestückt und dann eröffnet wird.
Was soll man nun über das alte Neue Museum oder das neue Neue Museum sagen? Viel wurde im Vorfeld gemeckert. Zu minimal, zu karg, zu viele offene Wunden, zu zeitgenössisch zu wenig altes wurde restauriert. Ich kann mich all dem nur begrenzt anschliessen. Chipperfield hat es geschafft, die alte Raumideen von Stüler zu erhalten, hat die Wunden, die dem Gebäude im zweiten Weltkrieg zugefügt wurden, nicht überkleistert und sie in das Ensemble eingefügt und mit modernen Mitteln neue architektonische Zeichen gesetzt, die sich nahtlos in das Gebäude einfügen, ohne allzu sehr aufzufallen. So hat es Chipperfield geschafft, die kühle preußische Architektur mit der einst reichen Bemalung und den Fresken zu erhalten ohne in ein historisches Pathos zu verfallen. Seine architektonischen Neuerungen nehmen die klaren, strengen Linien des Klassizismus auf ohne sie langweilig zu rezitieren.

Detail Treppenhalle
© Stiftung Preußischer Kulturbesitz/DavidChipperfield Architects
Fotografin: Ute Zscharnt
Alter und neuer Glanzpunkt ist das Treppenhaus, hoch wie eine Kathedrale mit offenem Dachstuhl, links und rechts Fragmente von Fresken und dann im Zentrum ein mächtiger Treppenaufgang. Chipperfield hat die Wunden an den Wänden sichtbar gelassen, die Ziegel nicht verputzt. Er hat die erhaltenen Fragmente der Fresken nicht vervollständigt, was ihm Unverständnis und gelegentlich den Vorwurf der Verstümmelung einbrachte. Die Treppe hat er aus Sichtbeton gegossen. Die ionischen Säulen des Erechtheions blieben erhalten, die Kopien der Statuen haben großen Fenstern Platz gemacht.
Ähnliches versuchten Chipperfield und sein Restauratorenteam auch in den Ausstellungssälen. Es wurde behutsam restauriert, wo nötig mit zeitgenössischer Architektur zurückhaltend ergänzt, aber nicht zugekleistert. Das ist gelungen und es kommt schon ein wenig freudige Erwartung auf, wenn man daran denkt, dass im großen Kuppelsaal bald die Nofretete stehen wird. Kein Raum ist wie der andere, nie wird es langweilig, immer gibt es schon am Bau etwas zu entdecken. Chipperfield hat zusätzlich ein paar spektkuläre Räume geschaffen wie etwa die Plattform, ein auf Säulen stehender nach oben offener Saal, dessen Wände aus matt schimmerndem Glas erbaut wurden. Überhaupt hat Chipperfield großen Wert auf die verwendeten Materialien gelegt. Umso erstaunlicher ist es, dass das Projekt statt der veranschlagten 230 Millionen Euro letztlich nur 200 Millionen Euro kostete. Man darf gespannt sein, wie die Exponate in den Räumen wirken werden.

16. Februar 2009

Gerhard Richter, Familie am Meer, 1964
© Sammlung Ströher
Wer die Ausstellung “Gerhard Richter – Bilder aus privaten Sammlungen” im Museum Sammlung Frieder Burder nicht sehen konnte, hat jetzt in der Wiener Albertina bis zum 03. Mai 2009 die Möglichkeit, dies nachzuholen. Anschließend ist die Ausstellung im Duisburger Museum Küppersmühle zu sehen. In Wien heißt die Ausstellung allerdings “Gerard Richter. Retrospektive” und in der Tat darf man das so sehen. Die bildgewaltige Ausstellung, ohnehin schon reichlich und retrospektiv bestückt, wurde in Österreich durch weitere Leihgaben einer österreichischen Privatsammlung ergänzt, so dass ein Überblick über das Gesamtwerk des bedeutenden Künstlers möglich ist. Die Albertina zeigt neben 70 Gemälden auch bedeutende Werkblöcke seiner Aquarelle und Zeichnungen. Die Ausstellung wandert dann wieder in reduziertem, aber immer noch sehenswerten Umfang nach Duisburg (22. Mai bis 23. August 2009).
14. Februar 2009

Video-Ausschnitt
Über ARTFORUM bin ich auf den Webseiten des Walker Art Center auf ein interessantes Zwiegespräch zwischen Richard Flodd, dem Chefkurator des Hauses und Matthew Barney, dem Schöpfer des “Cremaster Circle” gestossen. Der Ton ist zwar bescheiden, aber das Gespräch ist sehr unterhaltsam und sehenswert für alle, die das epische Werk noch nicht so ganz verstanden haben. Hier geht es los: channel.walkerart.org.