Alle Artikel mit dem Schlagwort: 2012

Zeit ist Geld

Auf dem Weg zum ICE noch schnell ein paar E-Mails auf dem Smartphone schreiben und weil es kalt ist, gibt es einen „Coffee-to-go“ und ein bisschen Fast Food gegen den Hunger – so sieht unser alltäglicher Wahnsinn aus. Unser Leben besteht inzwischen vor allem aus Zeitmanagement. Wir sind Getriebene unseres Kalenders. Zeitabläufe zuhause und im Büro müssen immer effektiver gestaltet werden, immer mehr Dinge müssen immer schneller erledigt werden. Anhand von 250 Exponaten zeigt die Ausstellung „Tempo, Tempo! Im Wettlauf mit der Zeit“ im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main, wie sehr uns das Phänomen „Zeit“ im Griff hat. Mit der Verbreitung der Uhr und des Kalenders in der frühen Neuzeit begann der Wettlauf mit der Zeit. Am Anfang war es vor allem die Post- und Personenbeförderung, die schneller funktionieren sollte. Man baute ein Netz aus Poststationen, wo die Pferde ausgewechselt wurden. So hatte man stets ausgeruhte Tiere zur Verfügung und musste nicht mehr rasten. Das Aufkommen der Eisenbahn führte zu einer Beschleunigungsrevolution. Im 20. Jahrhundert setzte schließlich der Siegeszug des Autos und des …

Schatzkiste der Menschheit

Der Arzt und Naturforscher Sir Hans Sloane war ein manischer Sammler. Er hatte im Laufe seines Lebens eine ansehnliche Sammlung naturwissenschaftlicher und kultureller Objekte zusammengetragen und dem Vereinigten Königreich vermacht. Das englische Parlament beschloss daraufhin im Jahr 1753, ein Nationalmuseum zu gründen, um die Stücke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Man wollte aber mehr, das neue „British Museum“ sollte das Wissen der Welt zu sammeln und zugänglich zu machen. In den Jahrhunderten nach der Gründung sandte man Archäologen und Naturforscher in alle Welt aus. Die Gelehrten schlugen sich durch den Dschungel zu den Tempeln der Inka und der Maya, grub in der Türkei und Griechenland nach antiken Stätten, suchten Pharaonengräber und erwarben in Asien Kunstschätze. Nicht immer ging es dabei ganz legal zu, wie etwa bei den Akropolisfriesen, die Lord Elgin außer Landes schmuggelte. Viele Staaten fordern inzwischen Schätze aus dem Museum zurück. Doch dazu schweigt die Ausstellung leider. Ausstellungsansicht Foto: David Ertl © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland Aus den bescheidenen Anfängen wurde bis heute eine der größten Sammlungen der Welt. Über sieben …

Skatspielende Hamster und rauchende Hunde

Klaus Geigles Bilder sind auf den ersten Blick niedliche Spielereien. Immer wieder malt er urbane Landschaften wie Straßen und Parks in denen sich Hamster, Kaninchen, Eichhörnchen oder Rehe tummeln. Manchmal fahren sie Motorroller oder spielen Skat. In diesen surrealen Szenerien gibt es keine Menschen, es ist, als habe etwas Furchtbares jegliches menschliche Leben auf einen Schlag ausgelöscht. Es herrscht eine düster-ruhige Atmosphäre, die Zeit scheint stehengeblieben zu sein. Die älteren Arbeiten Geigles sind großformatig und gegenständlich, wie etwa „Zwei große Parkplätze“ aus dem Jahr 2008. In den folgenden Jahren malte er vor allem surrealistische Szenen wie „Solardog“ mit einem rauchenden Hund auf drei Beinen in einer mediterranen Landschaft oder „Boneland“ mit einem Hirsch und einem schwebenden Gebüsch, das von Knochen umrahmt wird. In den letzten beiden Jahren mischte Geigle immer stärker Surreales, Abstraktes und Gegenständliches zu ganz eigenwilligen Kompositionen und nutzte verstärkt kleinere Holzplatten als Malgrund. Die glattere Oberfläche und die gedämpfte Farbpalette lassen die Bilder noch kühler und abweisender wirken, bunte Farben leuchten dagegen stärker und die Spuren der Arbeit sind deutlicher sichtbar. Geschickt …

Louvre mit neuem Rekord

2012 besuchten 10 Millionen Kunstinteressierte den Pariser Louvre. Alleine das neue Département des Arts de l’Islam, das erst am 22. September 2012 eröffnete, zog 650.000 Menschen an. Der Louvre ist damit das meist besuchte Museum der Welt. Die bestbesuchte Sonderausstellung war „Das Königreich Alexanders des Großen. Das antike Makedonien“ mit 660.000 Besuchern. Ob der Louvre damit auch das beste Museum der Welt ist, wage ich zu bezweifeln.

Ein zarter Hauch von Nichts

Betritt man die Ausstellung „Landschaft, Licht und Stille“ des chinesischen Künstlers Qiu Shihua in der Pfalzgalerie in Kaiserslautern ist man erst einmal verblüfft: Cremeweiße Leinwände hängen da an weißen Wänden. Ein provokanter Scherz des Malers? Nein, denn bei intensiverem Betrachten erkennt man diffuse Strukturen in zarten Farbnuancen. Bäume werden sichtbar, man erkennt Flusslandschaften, Meeresstrände, Wolken, manchmal Berge oder Wälder. Qiu Shihua, Untitled, 1995, Öl auf Leinwand, 151 x 305 cm, Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne, Foto: Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne Qiu Shihua, Untitled, 1995Öl auf Leinwand, 151 x 305 cmFoto: Galerie Urs Meile, Beijing-Luzern Shihua macht es dem Betrachter nicht leicht. Titel haben die Bilder nicht. Sie wollen erobert werden. Man muss sie sich regelrecht erarbeiten, muss den Blickwinkel ändern, sich vor, zurück und zur Seite bewegen. Immer wieder verändern sich die Werke. Hat das Auge erst einmal einen Fixpunkt ausgemacht, wird es leichter. Da ist die gleißende Sonne, die sich auf dem Wasser spiegelt, eine menschenleere Auenlandschaft, baumumstandene Seen, schroffe Berghänge oder bewaldete Hügel. Dann wieder schweift das Auge ab, das vage Bild verflüchtigt sich …

Fiktive Realitäten zwischen Malerei und Fotografie

Als Ende des 19. Jahrhunderts die Fotografie die Kunstwelt eroberte, verkündeten nicht wenige Künstler das Ende der Malerei. Warum noch malen, wenn das neue Medium doch viel detailgetreuer abbilden konnte, als es ein Maler jemals gekonnt hätte? Doch der Erfolg des neuen Mediums befreite die Maler vom Zwang realistisch zu malen. Nicht mehr das naturgetreue Abbild stand im Vordergrund, sondern der Maler mit seinen Gedanken, Gefühlen und seinem Blick auf die Welt. Bald begannen die Maler, das neue Medium in die Arbeit zu integrieren und auch die Fotografen eigneten sich Strategien der Maler an. Es begann eine Zeit des wilden Experimentierens mit den Medien. Frühe Beispiele dafür sind in der Ausstellung László Moholy-Nagys Fotogramme. Moholy-Nagy verzichtete auf eine Kamera. Er legte Dinge des alltäglichen Lebens auf Fotopapier und belichtete diese Arrangements dann. Es entstanden schemenhafte Bilder zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Der Saarbrücker Fotograf Otto Steinert hingegen „malte“ in den 1950er Jahren mit Licht. Er wählte lange Belichtungszeiten und bewegte ein Licht vor der Kamera. So entstanden Fotos mit Linien im Raum. Der Fotograf Thomas Ruff …

Zwischen Kitsch und Kunst

„Must See“ prangt überall in Frankfurt auf Werbetafeln und Bannern – „Muss man sehen“ steht da in schönstem Werbe-Englisch. Es ist Reklame für die aktuelle Ausstellung von Jeff Koons in der Schirn-Kunsthalle und im Liebieghaus. Während sich das Liebieghaus auf die Skulpturen konzentriert, sind in der Schirn Gemälde aus den wichtigsten Werkzyklen des Künstlers zu sehen. 45 Arbeiten zeigt die Ausstellung „Jeff Koons. The Painter“, dessen Monumentalgemälde ein wilder Mix aus hyperrealistischer Malerei mit gestischen Zügen sind. In seinen Gemälden greift Koons immer wieder Elemente der Konsumkultur auf. Er verwebt Zitate aus dem Alltagsleben, der Werbung und der Kunst, bringt sie am Computer freischwebend in mehreren Schichten übereinander zusammen und dann per Druck mit Ölfarbe auf die Leinwand. Was wie Konsumkritik aussieht, ist für Koons aber nur der Versuch, aus Altbekanntem Neues entstehen zu lassen. Jeff Koons, Lips, 2000 Easyfun-Ethereal, Öl auf Leinwand, 299,7 x 431,8 cm Privatsammlung, Courtesy Gagosian Gallery, © Jeff Koons Leider sind die Gemälde allenfalls Mittelmaß, nichts begeistert oder fesselt an den kühlen Bildern, es sind zusammengewürfelte Fragmente ohne Erkenntnisgewinn oder …

Die triumphale Rückkehr der Provokation

Als Sanja Ivekovic 2001 eingeladen wurde, an einem Ausstellungsprojekt in Luxemburg teilzunehmen, endete das in einem Skandal. Sie hatte es gewagt, ein Nationaldenkmal des Kleinstaates zu entweihen. Mitten in der Stadt auf dem Place de la Constitution steht das „Monument du Souvenir“ und erinnert an die Gefallenen der beiden Weltkriege. Auf der Spitze eines Obelisken steht die „Gëlle Frau“, die Goldene Frau, als Symbol des Widerstandes und der Freiheit und überreicht den zu ihren Füßen liegenden Soldaten einen Siegerkranz. Als die kroatische Künstlerin vor elf Jahren rund 100 Meter entfernt eine Replik der Gëlle Fra mit schwangerem Bäuchlein auf einer phallisch wirkenden Stele installierte, brannte ein Sturm der Entrüstung los. Befürworter und Gegner der „Lady Rosa of Luxembourg“ stritten monatelang über die Statue in über 700 Artikeln und Leserbriefen, in Fernseh- und Hörfunksendungen, sogar das Parlament musste sich mit der Angelegenheit befassen. Ivekovic wurde von dem Aufruhr überrascht. Ihr ging es nicht so sehr um eine Provokation, sie wollte auf die Rolle der Frauen und Mütter in den Gesellschaft aufmerksam machen. Das Kunstwerk verstaubte bei …

Ausstellungsvitrinen als Skulpturen

Der Ausstellungstitel „R-05.Q-IP.0001“ klingt ein wenig sperrig und auch die Ausstellung ist es, wenn man nicht die angebotene zehnminütige Führung der netten Dame von der Kunstvermittlung des Casino Luxembourg in Anspruch nimmt: leere Museumsvitrinen, fiktive Ausstellungsplakate und Karteikastenschränke, deren unzählige Schubladen sich nicht öffnen lassen. Der Belgier Wesley Meuris darf mit seiner ersten monografischen Ausstellung das ganze Haus bespielen. Schon den Eingangsbereich hat er komplett umgestaltet und einen schicken weitläufigen Empfangsbereich mit einem nüchtern-eleganten Empfangstresen und Bildschirmen aufgebaut. Doch dort wo normalerweise Besucher an die Ausstellung herangeführt werden, fehlt jegliche Information. Die Glaskästen des Tresens sind leer, auf den Bildschirmen flimmern kryptische Kürzel. Der Installationskünstler hat sich ganz dem Thema „Ausstellungsraum“ verschrieben und untersucht mit fast schon wissenschaftlich anmutender Präzision Sinn und Zweck unserer Museen. Wir stellen wir uns das perfekte Museum vor, welche Anforderungen stellt das Publikum an eine Ausstellung und welche Rolle spielen dabei Künstler und Kurator? Vom Ausstellungsplakat und der Eintrittskarte über die Museumsarchitektur und die Präsentation der Kunstwerke bis zur Archivierung spielt Meuris dies durch. Auf kluge und humorvolle Weise hinterfragt …

Malen mit Kassettenbändern

Dichte Vorhänge an den Fensterfronten der Galerieräume des Künstlerhauses blockieren jeden Lichtstrahl von draußen. Was auf den ersten Blick wie eine Lamellenjalousie aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Kunstobjekt aus Kassettenbändern, die über die gesamte Fensterfront vom Boden bis zur Decke gespannt sind. Metallisch-schwarz schimmern die Tonbandsteifen, jeder Windstoß versetzt sie in Schwingung und es setzt ein Flirren ein. Die Beschreibung verrät: Auf den Bändern ist Marlene Dietrichs Lied „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“ gespeichert. Es ist die auffälligste Arbeit des Künstlers Gregor Hildebrandt, der seinen Koffer aus Berlin mitgebracht und im Saarländischen Künstlerhaus ausgepackt hat. In dem Erbstück seiner Tante stapelte er 47 kleinformatige Arbeiten ineinander und hat sie nach Saarbrücken geschafft. Einige seiner sonst riesigen Werke hat er dafür eigens auf ein kleineres Format übertragen. Doch er wollte sich nicht nur einfach zitieren, es ging es ihm um die Erstellung eines Selbstporträts aus verschiedenen Fragmenten seines künstlerischen Schaffens. Gregor Hildebrandt, Foto: Markus Karstieß Das Material seiner Wahl sind seit dem Jahr 2000 Audio- und Videobänder, die Hildebrandt auf Leinwände oder …

Kleider machen Leute

„Kleider machen Leute“, so heißt Herlinde Koelbls neues Projekt, das die Fotografin derzeit in einer Ausstellung des Deutschen Hygienemuseums in Dresden zeigt. Koelbl hat 60 Menschen in Deutschland und im Ausland porträtiert – zunächst in Standes- oder Berufskleidung und anschließend so, wie sie sich in ihrer Freizeit kleiden. Koelbl wollte erforschen, was die Uniform aus dem Menschen macht. Wie bewegen sich Menschen wenn sie eine Berufsuniform tragen, wie verändert sich ihre Körperhaltung und die Mimik, wie verändert sich das Selbstbewusstsein? Blick in die Ausstellung,Foto: David Brandt, © DHM, Dresden Die Uniform entindividualisiert den Menschen, aber sie verleiht dem Träger nicht selten aber auch Status und Macht oder demonstriert Gruppenzugehörigkeit oder Entsagung, wie bei Mönchen und Nonnen. Koelbl zeigt die Menschen in großformatigen Bildpaaren mit und ohne Uniform direkt nebeneinander. Da ist die schüchterne junge Frau, die als Schornsteinfegerin stolz darauf ist, in einer Männerdomäne zu arbeiten oder der rüstige Rentner im Trainingsanzug der in der bischöflichen Soutane Ruhe und Würde ausstrahlt. Auch die junge Mongolin in legerer Freizeitkleidung und ebensolcher Haltung wird mit der Uniform …