Alle Artikel mit dem Schlagwort: 2013

Manischer Geschichtenerzähler

Die erste Ausstellung von Philip Guston in den neuen Räumen der New Yorker Marlborough Gallery wurde zum Stadtgespräch. Plötzlich und ohne Vorwarnung malte der lange Jahre als Abstrakter Expressionist bekannte Guston wieder figurativ. „Verrat“ brüllten da nicht wenige seiner Weggefährten und auch die Kritiker kanzelten die neuen Werke gnadenlos ab. Dabei war Guston nie wirklich einer der abstrakt-expressiven Maler der New Yorker Schule, die in oftmals wilder Gestik ihre innere Gefühlswelt auf die Leinwand brachten. Der Abstrakte Expressionismus war nie seine Welt geworden und stets hatte er als Außenseiter gegolten. Seine Arbeiten aus den Fünfzigerjahren sind diffuse Landschaften aus kurzen breiten Pinselstrichen und beseelt von Farbe und Licht. Das erinnert eher an Monet als an die New Yorker Künstler jener Zeit. Guston war 1913 als Philip Goldstein in Montreal geboren worden und wuchs in Los Angeles auf. Früh galt er als großes Talent. Doch während die New Yorker Kunstszene in großformatigen Abstraktionen schwelgte, blieb Guston in der künstlerischen Provinz Los Angeles, malte gegenständlich und arbeitete sich an der europäischen Kunstgeschichte ab. Besonders der frühe Picasso …

Märchenhafte Illustrationen

Für Generationen von Kindern waren die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm die ersten Bücher, aus denen ihnen beim Zubettgehen vorgelesen wurde. Bis heute erfreuen sie sich großer Beliebtheit, daran konnten auch Harry Potter und „Der Herr der Ringe“ nicht viel ändern und bis heute erscheinen immer wieder Prachtausgaben mit prunkvollen Illustrationen, die beweisen, welchen Rang die Grimm’sche Märchenwelt in der deutschen Literatur hat. Dass dies vor 100 Jahren nicht anders war, zeigt eine Ausstellung in der Alten Sammlung des Saarlandmuseums in Saarbrücken. Der saarländische Künstler Albert Weisgerber hatte 1901 über 100 Handzeichnungen als Illustrationen für den zweiten Band eines Märchenbuchs der Reihe „Gerlachs Jugendbücherei“ des Wiener Gerlach-Verlages angefertigt. Von den insgesamt elf Zeichnungsfolgen sind nun die acht schönsten zu sehen, darunter einige weniger bekannte Märchen, wie etwa „Die Eule“ oder „Fundevogel“.

Dürer über die Schulter geschaut

Eigentlich müsste die Ausstellung ein Fehlschlag sein, denn Dürers bekannteste Werke fehlen. Der „Feldhase“ ist nicht da, auch nicht die wichtigen Selbstporträts, vor allem aber fehlen die „Betenden Hände“. Die wollte die Wiener Albertina aus konservatorischen Gründen nicht verleihen, so hört man. Trotzdem bekommt man im Frankfurter Städel beste kunsthistorische Unterhaltung geboten, denn statt der zu Tode reproduzierten und zum Kitsch verkommenen Vorstudie ist das fertige Gemälde zu sehen (welches allerdings leider nur noch als Kopie erhalten ist). Es ist Teil des Heller-Altars, den Dürer gemeinsam mit Grünewald für einen reichen Frankfurter Kaufmann malte. Außen- und Innentafeln des Altars sind in der Ausstellung wiedervereint zu bewundern. Den Gemälden hat das Museum Skizzen und vorbereitende Studien zur Seite gestellt und lässt uns so dem Meister bei der Arbeit über die Schulter schauen. Als Maler und gelernter Goldschmied demonstrierte der 1471 in Nürnberg geborene Albrecht Dürer schon früh sein großes Können. Wie viele Künstler seiner Zeit malte er vor allem christliche Motive, aber auch Porträts, wie das Bildnis seiner Mutter Barbara. Seinen Durchbruch startete er 1498 mit …

Der vergessene Lieblingsmaler der Deutschen

Was hat man Hans Thoma nicht alles für Etiketten angeheftet: Für seine Kollegen war er wegen seiner pittoresken Schwarzwaldbilder der „Hühnermaler“, Meyers Konversationslexikon lobte ihn 1909 als „Lieblingsmaler der Deutschen“ und für die Nationalsozialisten war er der letzte „große urdeutsche Maler“. Hängen geblieben ist vor allem das Lob der NS-Ideologen, weshalb er nach dem Zweiten Weltkrieg in den Museumsdepots verschwand. Dabei konnte sich Thoma gar nicht mehr wehren, denn er war schon 1924 gestorben, lange bevor Adolf Hitler Gefallen an dem Maler fand und seine Bilder für das Führermuseum zusammenkaufte. Ausstellungsansicht „Hans Thoma. ‚Lieblingsmaler des deutschen Volkes‘“ Städel Museum, Frankfurt am Main, 2013 Foto: Norbert Miguletz Heute besitzt das Frankfurter Städel Museum die größte Thoma-Sammlung. Das Haus ist nicht ganz unschuldig am Ruf des Malers. 1934 zeigte man hier eine monografische Thoma-Präsentation der NS-Kulturgemeinde und gab 1939 eine Broschüre heraus, die Thomas „arische“ Abstammung feierte. Damit war der Ruf als Lieblingsmaler der Nationalsozialisten gefestigt. Es lag also nahe, dass das Museum dem Künstler nun endlich ein wenig Rehabilitation angedeihen lassen möchte. Das Städel versucht sich …

Ein neuer Blick von oben

Es muss ein erhebendes Gefühl gewesen sein, als der erste Heißluftballon der Gebrüder Montgolfière vom Boden abhob und lautlos durch die Lüfte schwebte. Plötzlich gewann der Mensch einen ganz neuen Blick auf seine Welt. Mit den ersten Fotografien aus Ballons erlebten dann auch die am Boden Gebliebenen 1858 den neuen Blickwinkel. Auch die Künstler konnten sich für die neue Perspektive begeistern. Kubistische Maler wie Picasso und George Braque, aber auch Robert Delauney, waren von dem neuen Blick so angetan, dass sie nicht nur steilere Blickwinkel für ihre Werke wählten, sondern das traditionelle dreidimensionale Raumkonzept gleich ganz in Frage stellten. Im Ersten Weltkrieg kamen den Luftbildern neue Aufgaben zu. Mit ihnen konnte die militärische Aufklärung Kriegsschauplätze und Kriegsschäden dokumentieren. Die unzähligen Fotos der zerbombten Landschaften mit den Schützengräben muten oftmals graphisch-abstrakt an. Die Ausstellung illustriert lebhaft den Eindruck, den diese Bilder auf die Avantgarde-Künstler machten: Die Arbeiten wurden zunehmend flacher, Perspektive und Gegenständlichkeit gingen verloren. Die Gegenüberstellung von Luftbildern mit einigen Gemälden und Zeichnungen Kasimir Malewitschs und Wassily Kandinskys, aber auch Piet Mondrians und Paul Klees …

Kunst mit minimalen Mitteln

Yoko Ono war 1964 eine der ersten Performance-Künstlerinnen. Doch ihr Schaffen stand stets im Schatten ihrer Ehe mit John Lennon. Zu ihrem achtzigsten Geburtstag zeigt die Frankfurter Schirn eine Retrospektive. Auf dem Boden der Carnegie Hall sitzt eine junge Japanerin in einem schwarzen Kleid. Besucher flanieren an ihr vorbei, greifen zu einer Schere und schneiden ein Stück aus ihrer Kleidung heraus, bis die Künstlerin nackt ist. Während der Prozedur sieht man ihr das Unbehagen an, sie quält sich, die Demütigung steht der jungen Künstlerin in das Gesicht geschrieben. Ein starkes Bild: Es geht um die Darstellung von Ausgeliefertsein, um Gewalt und die Überschreitung intimer Grenzen. Die junge Frau war Yoko Ono und die Kunstaktion „Cut Piece“ wurde zu einem Meilenstein der Performancekunst.

Wilder Ritt durch die aktuelle Kunst

Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt Werke der Bundeskunstsammlung Wer sich über das aktuelle Kunstschaffen in Deutschland ein umfassendes Bild machen möchte, für den ist die Bundeskunsthalle in Bonn ein lohnendes Ziel. Zum vierten Mal seit 1995 zeigt die Bundeskunsthalle in Bonn unter dem Titel „Nur hier“ 100 Werke jüngerer Künstler von Malerei, über Skulptur, Fotografie und Video bis zu Installationen. Wie immer gibt es vieles zu sehen und einiges zu entdecken, wie etwa Jörg Herolds Fotografien, die er mit Wasserfarben und Beize bearbeitet hat, Thomas Kilppers Linolschnitte oder die raumfüllende Installation von Diego Hernandez. Es ist ein wilder Ritt durch die deutsche Kunstszene der letzten Jahre. Die Arbeiten stammen aus der „Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland“ oder kurz: aus der Bundeskunstsammlung. Der damalige Präsident des deutschen Künstlerbundes Georg Meistermann hatte Bundeskanzler Willi Brandt 1970 davon überzeugt, deutsche Kunst anzukaufen und damit das deutsche Kunstgeschehen zu dokumentieren und zu archivieren. Heute umfasst die Sammlung etwa 1500 Werke von 1949 bis in die Gegenwart. Den Begriff „deutsche Kunst“ fasst man bis heute weit. Die Angekauften müssen …

Fiktive Welten im Farbenrausch

Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden zeigt in einer Retrospektive Werke des chilenischen Surrealisten Roberto Matta. Betritt man das Erdgeschoss des Museums Frieder Burda wird man von einer fast sakralen Atmosphäre empfangen. Der Ausstellungssaal ist ein lang gestreckter, hoher Raum an dessen gläserner Stirnseite ein riesiges Bild frei zu schweben scheint. „Les Plaisirs de la Présence“ (1984) ist eines der späten Hauptwerke von Roberto Antonio Sebástian Matta Echaurren. Es ist eine Explosion aus Farben und Linien, die Mattas ganze Lebensfreude verrät.

Rationale Kunst von kühler Schönheit

Das Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern zeigt in der Ausstellung „Good Vibrations – Kunst und Physik“ kinetische und optische Kunstwerke aus seiner Sammlung. „Das war wohl der Erfinder des 3D-Fernsehens“, kräht der 11-jährige Jonas vergnügt und versucht das sich scheinbar in den Raum wölbende Bild zu erhaschen. Er steht vor einem Werk des Pfälzer Künstlers Ludwig Wilding, der zu den bedeutendsten Vertretern der Op Art zählte. Ausgehend von der Linie als Grundelement schuf Wilding durch die Überlagerung von Bildebenen den Eindruck von Bewegung und Raum. Auch der im vergangenen Jahr verstorbene Saarländer Leo Erb widmete sich visuellen Phänomenen. In der Ausstellung ist von ihm ein kinetisches Objekt zu sehen, in dem sich eine farbige, verschachtelte Leiste in einem Hohlspiegel dreht. Betrachtet man das Spiegelbild, so scheint sich die Leiste in den Raum auszudehnen, fällt dann zusammen und dehnt sich erneut aus.

Erotische Farbspiele auf Leinwand und Beton

Kiddy Citny ist ein Phänomen. Den Namen des Berliner Künstlers kennen nicht viele Menschen außerhalb der Kunstwelt, doch seine Werke schon. In den 1980er Jahren bemalte Citny mit anderen Künstlern ein hundert Meter langes Teilstück der Berliner Mauer. Der gebürtige Stuttgarter wollte aus dem grauen Band um Berlin ein farbenfrohes Fries machen und die Stadt mit Kunst umschließen. Seine herzförmigen Köpfe zwischen zwei gekrönten Häuptern wurden zum Symbol der Hoffnung für die Überwindung der Teilung. Warme Farben in Zeiten des kalten Krieges. Über Fotos und Postkarten fanden die Werke ihren Weg in die Welt. In Wim Wenders Film „Himmel über Berlin“ waren sie im Hintergrund zu sehen und wurden weltbekannt. Nach dem Fall der Mauer wurden 1990 45 Mauersegmente als „kulturell wertvoll“ deklariert und versteigert. Heute stehen Citnys Werke auf dem Leipziger Platz in Berlin, vor der UNO und im MoMA in New York. Die figurativen, quietschbunten Arbeiten der 1980er Jahre mit Weltkugeln, Herzköpfen und gekrönten Häuptern wirken auf den ersten Blick eher gefällig, offenbaren nach genauerem Studium aber eine Bildwelt voller Zeichen, Symbole und …

Zeit ist Geld

Auf dem Weg zum ICE noch schnell ein paar E-Mails auf dem Smartphone schreiben und weil es kalt ist, gibt es einen „Coffee-to-go“ und ein bisschen Fast Food gegen den Hunger – so sieht unser alltäglicher Wahnsinn aus. Unser Leben besteht inzwischen vor allem aus Zeitmanagement. Wir sind Getriebene unseres Kalenders. Zeitabläufe zuhause und im Büro müssen immer effektiver gestaltet werden, immer mehr Dinge müssen immer schneller erledigt werden. Anhand von 250 Exponaten zeigt die Ausstellung „Tempo, Tempo! Im Wettlauf mit der Zeit“ im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main, wie sehr uns das Phänomen „Zeit“ im Griff hat. Mit der Verbreitung der Uhr und des Kalenders in der frühen Neuzeit begann der Wettlauf mit der Zeit. Am Anfang war es vor allem die Post- und Personenbeförderung, die schneller funktionieren sollte. Man baute ein Netz aus Poststationen, wo die Pferde ausgewechselt wurden. So hatte man stets ausgeruhte Tiere zur Verfügung und musste nicht mehr rasten. Das Aufkommen der Eisenbahn führte zu einer Beschleunigungsrevolution. Im 20. Jahrhundert setzte schließlich der Siegeszug des Autos und des …