Ai Weiwei mal anders!

9. August 2011 | Kein Kommentar

In den letzten Monaten machte der chinesische Künstler Ai Weiwei vor allem als Regimekritiker Schlagzeilen, weil ihn die chinesische Regierung mal eben verschwinden ließ. Einem größeren Publikum wurde Ai Weiwei durch die documenta 12 bekannt, wo sein Kunstwerk Template ausgestellt wurde, dessen Holz von chinesischen Tempeln stammte, die zur Schaffung von Bauraum abgerissen wurden. Template stand im Freien und wurde von einem Sturm umgestürzt. Der Künstler war begeistert und ließ das Werk so stehen.

Das Kunsthaus Bregenz zeigt nun einen bisher kaum beachteten Aspekt von Ai Weiweis Repertoire: seine Architekturprojekte. Sein bekanntestes Projekt ist sicher das Olympiastadion in Beijing, das die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron planten, die von Ai Weiwei künstlerisch beraten worden waren. Doch schon während des Baus distanzierte sich Ai Weiwei und bezeichnete das Projekt als größenwahnsinnig.

Ai Weiwei Ordos 100, 2011 Ausstellungsansicht 2. OG, Kunsthaus Bregenz Foto: Markus Tretter © Ai Weiwei, Kunsthaus Bregenz

Ai Weiwei, Ordos 100, 2011
Ausstellungsansicht 2. OG, Kunsthaus Bregenz
Foto: Markus Tretter
© Ai Weiwei, Kunsthaus Bregenz

Ebenfalls mit Herzog & de Meuron kuratierte Ai Weiwei das Architekturprojekt ORDOS 100, eine Wohnsiedlung in der monglosichen Steppe. Nach einem von ihm entworfenen Masterplan lud er 100 Architekturbüros aus aller Welt ein, Einfamilienhäuser zu entwerfen. Das hölzerne Architekturmodell ist im zweiten Stockwerk des KUB nahezu flächendeckend auf 500 Quadratmetern zu bewundern und ist schon fast ein Kunstwerk für sich. Gezeigt wird auch Ais Arbeit Moon Chest, das mit seinen Minimal Art-Skulpturen an Hochhäuser erinnert. Zu sehen sind außerdem Fotos, Videos und Modelle von Projekten, die Ai Weiwei mit dem grandiosen Schweizer Architekturbüro HHF geschaffen hat, wie Artfarm oder die Tsai Resicence.

Das ist sicher keine Ausstellung für die breite Masse des Kunstpublikums, aber man freut sich, dass ein Museum ein solches Projekt wagt und nich darauf schielt, große Besucherzahlen zu erreichen. Dass diese dann doch ganz gut sein werden, liegt wohl vor allem am Namen des Künstlers und seiner Inhaftierung, die allerdings war wohl kaum eingeplant, denn bei seiner Festnahme war die Ausstellung natürlich schon längst konzipiert.

Leider ist in der Ausstellung nur vage erkennbar, welchen Beitrag Ai zu den jeweiligen Projekten beigesteuert hat. Was bedeutet “künstlerischer Berater” in den gezeigten Fällen? Hat er in einem intensiven Diskurs mit den Architekten und eigenen Zeichnungen den Bauten eine eigene künstlerische Formsprache mitgegeben oder war er mehr schmückendes Bauwerk und Vermittler zwischen westlichen Architekturplänen und chinesischen Vorstellungen? Die Frage beleibt ungeklärt.

Mehr Informationen: Kunsthaus Bregenz, HHF Architekten, Herzog & de Meuron

Ai Weiwei ist frei!

22. Juni 2011 | Kein Kommentar

Der chinesische Künstler Ai Weiwei, der Mitte April von der chinesischen Polizei auf dem Flughafen Peking festgenommen und an einen unbekannten Ort verschleppt wurde, ist wieder frei. Ai musste eine Kaution hinterlegen. Der Grund für die plötzliche Freilassung sei der gesundheitliche Zustand des Künstlers und ein erpresstes Geständnis, so die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua.

Mehr:

China lässt Ai Weiwei frei (Die Zeit)
Künstler Ai Weiwei gegen Kaution frei (FAZ)

Zwei Mal chinesische Kunst in Deutschland

2. Oktober 2009 | 2 Kommentare

China feiert dieser Tage das 60. Jubiläum der Gründung der Volksrepublik – und das mit allerlei Pomp und Getöse. In Deutschland sind derweil zwei Ausstellungen zu sehen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch so ähnlich sind. Ai Weiwei, zeitgenössischer chinesischer Künstler und Publikumsliebling bei der letzten documenta zeigt im Haus der Kunst in München seine neusten Arbeiten. Seine Arbeiten prangern die gesellschaftlichen und politischen Missstände in China an, sein Engagement bringt ihm des öfteren Ärger in seiner Heimat ein.

Am 12. Mai 2008 hatte die Erde in der Provinz Sichuan gebebt. Ai Weiwei wollte in der Region recherchieren, doch die Staatsmacht versuchte, das mit allen Mitteln zu verhindern. Ai Weiwei schaffte es trotzdem, die Namen von 4000 Kindern zu recherchieren, die umgekommen waren und veröffentlichte sie. Wie er, wollte auch Tan Zuoren recherchieren, warum in der Region so viele Schulen einstürzten. Er vermutete Schlampereien bei den Bauarbeiten. Doch er wurde verhaftet und wegen “Unterrgabung der Staatsgewalt” angeklagt. Ai Weiwei reiste extra zum Prozess an, um dem Mitstreiter mit seiner Zeugenaussage zu helfen. In der nacht vor der Zeugenaussage wurde er jedoch verhaftet und misshandelt. Folge dieser “Polizeiaktion” war ein Hämatom im Gehirn, welches in München operiert wurde.

Die Ausstellung “So Sorry” stellt zwei großformatige, eigens für das Haus der Kunst entworfene Arbeiten vor. Außerdem vereint sie frühe Fotografien mit den seit 2003 entstandenen Filmen, der Dokumentation von dem documenta-Projekt “Fairytale” sowie einer Auswahl der seit 1997 entstandenen Werke. Der Titel “So Sorry” zielt auf die neue Entschuldigungskultur ab, mit der Politik und Wirtschaft auf Fehlentwicklungen am Finanzmarkt und andere globale Krisen reagieren.

Die Arbeit “Remembering” wird für die Fassade des Haus der Kunst entworfen und besteht aus 9.000 eigens angefertigten Rucksäcken. Ai Weiwei ruft hiermit das Erdbeben in Sichuan ins Gedächtnis, denn bei den eingestürzten Schulen fanden sich viele Rucksäcke der verschütteten Kinder. Jeder Rucksack hat eine von insgesamt fünf verschiedenen Farben. Ihre Anordnung ergibt in chinesischen Schriftzeichen den Satz “Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt”, mit dem die Mutter eines Erdbebenopfers ihrer Tochter gedachte. Das pixelhaft wirkende Großbild erstreckt sich über eine Länge von 100 Metern und eine Höhe von zehn Meter über die gesamte Fassade und ist mit einer
Stahlkonstruktion an den Säulen vorm Haus befestigt.

Ai Weiwei, Remembering, 2009, Rucksäcke und Metallgestänge, 925 x 10605 x 10 cm, © Ai Weiwei

Ai Weiwei, Remembering, 2009
Rucksäcke und Metallgestänge, 925 x 10605 x 10 cm
© Ai Weiwei

Ebenfalls für die Ausstellung gefertigt ist der Wollteppich “Soft Ground”, der im grölten Ausstellungsraum eine Fläche von 380 Quadratmetern bedeckt. Das Muster von “Soft
Ground” ist eine getreue Reproduktion der 969 steinernen Bodenfliesen über die der Teppich gebreitet wird. Um die Bodenfliesen und die Spuren, die 70 Jahre
Ausstellungsbetrieb hinterlassen haben, präzise zu rekonstruieren, wurde jede Fliese im Vorfeld einzeln fotografiert und ihre Position verzeichnet. In einer Wollweberei in der
Provinz Hebei handgefertigt, fungiert “Soft Ground” nun als Dämpfer, der den Boden schont und auch eine akustische Wirkung hat.

Zu Ai Weiweis jüngsten und in der Ausstellung präsentierten Werken gehören außerdem: “Rooted upon”, eine 100-teilige Großinstallation von Baumstämmen und -wurzeln aus ganz China, die auf “Soft Ground” installiert wird, sowie “Cube in Ebony”, ein Kubus aus massivem Rosenholz und “Bamboo and Porcelain”, eine in Zusammenarbeit mit Herzog & de Meuron entstandene Installation für die Fassade an der Rückseite des Haus der Kunst.

Zeitgleich zeigt in Frankfurt die Schirn Kunsthalle die Werkgruppe “Der Hof für die Pachteinnahme”, die die Situation der Bauern vor der kommunistischen Staatsgründung anschaulich darstellen und die Vorteile des Kommunismus preisen soll. Geschaffen wurde die 97 (!) Meter lange Skulptur aus Lehm 1965 von einem namenlosen chinesischen Künstlerkollektiv. In sieben aufeinander folgenden Szenen sind die Schrecken des Kapitalismus unter dem Kaiser dargestellt. Dargestellt wurde in der Figurengruppe aus Aufsehern, Ganoven, Bauern und Arbeitern die Ablieferung der Pachteinnahmen an den Feudalherren.

Hof für die Pachteinnahme, 1974–1978 (Original 1965),  Szene 1 - Den Pachtzins abliefern Ausstellungsansicht, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2009

Hof für die Pachteinnahme, 1974–1978 (Original 1965)
Szene 1 – Den Pachtzins abliefern Ausstellungsansicht
Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2009

Man könnte das Werk schnell als Propagandakunst des sozialistischen Realismus abtun, doch das wäre zu einfach. Das Diorama berührt den Betrachter durchaus. Physiognomie und Gestik der Figuren sind realistisch und ausdrucksvoll, die lebensgroßen Gestalten verstärken den realistischen Eindruck. Leid und Mühsal der Landbevölkerung sind eindrucksvoll dargestellt. Ursprünglicher Aufstellungsort ist eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Anwesen des berüchtigten Feudalherren Liu Wencai, dessen Gräueltaten in dem Werk verewigt wurden und der auch selbst in einer Szene erscheint, in der er sich gelangweilt in seinem Thron räkelt und auf die um Gnade flehenden Bauern herabblickt.

Seit seiner Entstehung erfreut sich das Kunstwerk großer Beliebtheit. Gerne wird die Geschichte kolportiert, dass manche Betrachter so erbost sind, dass sie versuchten, Aufseher und den Feudalherren zu verprügeln. Zahlreiche Leihanfragen aus dem In- und Ausland führten 1973 zu einer transportablen Kopie aus verkupfertem Fiberglas, die nun bis 04. Januar 2010 in der Schirn ausgestellt wird.

Unter blog.aiweieei.com bloggt Ai Weiwei. Auf aiweiwei.blog.hausderkunst.de bloggt er auch aktuell zu den Geschehnissen rund um die Ausstellung in München.

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