26. Oktober 2011
Louise Bourgeois ist eine Jahrhundertkünstlerin und das im doppelten Wortsinne. Sie ist nicht nur eine Ausnahmekünstlerin, sie hat nahezu das ganze 20. Jahrhundert erlebt, ist bedeutenden Künstlern begegnet, hat sich von ihnen inspirieren lassen und wurde so zum Bindeglied zwischen Moderne und zeitgenössischer Kunst.
Bourgeois wurde 1911 in Paris geboren, ging dort zur Schule, studierte Philosophie an der Sorbonne und Kunst bei Fernand Léger. Als sie den Kunsthistoriker Robert Goldwater traf, verliebte sie sich, heiratete und ging mit ihm nach New York. Dort tauchte sie in die entstehende Kunstszene ein, begegnete den vor dem Krieg geflohenen Surrealisten, traf die Abstrakten Expressionisten um De Kooning und Pollock und lernte die Minimal Art- und die Pop Art-Künstler kennen. Ein spannendes und aufregendes Leben.
Louise Bourgeois, Fondation Beyeler, Riehen / Basel mit Maman, 1999
Bronze mit Silbernitratpatina, Edelstahl und Marmor, 927,1 x 891,5 x 1023,6 cm
Collection The Easton Foundation,courtesy Hauser & Wirth und Cheim & Read
Foto: Serge Hasenböhler, © Louise Bourgeois Trust
Lange war der Name Bourgeois nur Kunstkennern ein Begriff. Das änderte sich erst, als ihr das MoMA 1982 in New York eine Retrospektive ausrichtete und sie so einem größeren Publikum bekannt machte. Da war sie 71 Jahre alt. Die letzte Retrospektive kurz vor ihrem Tod im Jahr 2010 wurde zu einem Triumphzug. Sie wurde in der Londoner Tate Modern, im Centre Pompidou in Paris und im Guggenheim Museum gezeigt.
Zum hundertsten Geburtstag der Künstlerin richtet nun die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel eine Retrospektive aus – die letzte, die die Künstlerin noch mitkonzipierte. Die Ausstellung À l’infini versammelt zwanzig beispielhafte Exponate aus allen Schaffensperioden, darunter auch Spätwerke, die noch nie öffentlich zu sehen waren.
Künstlerisch zu arbeiten bedeutete für Bourgeois immer die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, die Umsetzung von bewussten Emotionen und unbewussten Gefühlen. Kunst war für Bourgois immer auch Psychotherapie, die sie davor bewahren sollte, verrückt zu werden, wie sie in einem Interview gestand. Ihre Kindheit liegt wie ein Trauma über ihren Arbeiten. Die geliebte Mutter starb früh nach schwerer Krankheit, der Vater kümmerte sich kaum um sie und demütigte sie oft so sehr, dass sie noch Jahrzehnte später in Interviews die Tränen nur mühsam unterdrücken konnte.
Im Park des Museums empfängt den Besucher Maman, die ein Schlüsselwerk in Bourgeois’ Schaffen ist. Die zehn Meter hohe Bronzespinne mit ihren Marmoreiern im Hinterteil wirkt bedrohlich und beängstigend. Umso erstaunlicher, dass Bourgeois sie als Metapher für die geliebte Mutter sieht. Die Mutter war Weberin und restaurierte historische Stoffe. Wie eine Spinne erneuerte sie Gewebe und weil ihre Mutter für sie ein Monument gewesen sei, sei die Spinne eben monumental groß. Die Spinne hat aber auch etwas Beschützendes, sie trägt ihre Eier hinten im Körper, den sie schützend unter sich streckt und die Beine wie einen Baldachin ausbreitet. So strahlt die Spinne auch etwas Fürsorgliches aus.
Immer wieder stehen bei der oft nur als Bildhauerin wahrgenommenen Künstlerin bildhafte Erzählungen im Mittelpunkt, mal als Zeichnung, oft aber auch als Installation.
Angst und Schmerz waren dabei oft die Themen der Künstlerin. In der Ausstellung sind die legendären Cells zu sehen, in Käfigen eingefangene Momentaufnahmen eines Lebens. Durch Fenster, Türen, Gitter oder Glas kann man einen blick darauf werfen. Am Ende der Ausstellung begegnet man der Passage dangereux von 1997, einer Art Super-Cell, irgendetwas zwischen Folterkammer und Kinderzimmer. In einem begehbaren Käfig finden sich Knochen, Spiegel, Stühle und ein kleines Likörflakon, das Bourgeois von Le Corbusier geschenkt bekam. In ihm schwimmt eine tote Fliege, sie ist an ihrer Lust zu naschen zu Grunde gegangen.
Bourgeois litt an Schlafstörungen. Sie stand dann nachts oft auf und begann zu zeichnen. Mitte der neunziger Jahre entstanden so die Insomnia-Drawings, die einen unverstellten, tiefen Blick in das Seelenleben der Künstlerin ermöglichen. Das Konvolut aus über 200 Blättern ist die Quintessenz ihres künstlerischen Schaffens. Skizzen und Zeichnungen wechseln ab mit Texten und Notizen, die sich auf ihr alltägliches Leben beziehen. Bemerkenswert sind auch die vierzehn Zeichnungen der Serie À l’infini, die der Ausstellung den Namen gaben. Ihren Ursprung hat die Serie in einer Radierung, in der sich zwei Fäden begegnen und ein Gewebe bilden. Daraus erschuf Bourgeois eine Serie, die den ewigen Zyklus des Lebens darstellt, das Werden und Vergehen des Menschen.
Etwas ungeschickt ist die Gegenüberstellung von Bourgeois Arbeiten mit Künstlern, die sie nachhaltig beeinflussten. Viele der zarten und anmutigen Arbeiten von Bourgeois gehen in der Bildgewalt ihrer Gegenüber einfach unter oder der Betrachter fragt sich, was die Ausstellungsmacher damit sagen wollten. Gelungen scheint nur die Konfrontation von Bourgeois’ Red Fragmented Figure (1953), einer Stele aus grob behauenen roten Holzklötzen, mit Légers Contrastes de formes. Die Skulptur scheint die roten geometrischen Formen des Bildes geradezu in den Raum zu spiegeln.
Die Gegenüberstellung von Bourgeois’ Werken mit denen der großen Männer des 20. Jahrhunderts zeigt vor allem eines: Ihr Werk ist unvergleichlich zart und feminin und so ganz anders als das Ihrer Kollegen. Bourgeois nimmt mit ihren lyrischen und nachdenklichen Arbeiten eine Ausnahmestellung in der Kunst des 20. Jahrhunderts ein. Sie war eine der ersten, die den lange schwelenden Kampf zwischen Abstrakten und Figurativen beendete und die Kunst um eine eigenständige Deutungsebene bereicherte.
8. Oktober 2010
Insbesondere deutsche Museen hinken ihren Kollegen im Ausland hinterher. Noch immer haben viele nicht begriffen, wie wichtig das Internet inzwischen geworden ist und welche Chancen es bietet. Besucht man manche Museumsseiten im Web, graust es einen. Selbst große Museen mit im Vergleich üppigen Etats bieten triste Langeweile, Unübersichtlichkeit oder keinen Mehrwert. Doch ganz langsam ändert sich das. In dieser Woche präsentierte die Schirn Kunsthalle in Frankfurt ihren neuen Internetauftritt. Der war zwar schon vorher nicht schlecht, aber angestaubt und hat sich deutlich verbessert. In der vergangenen Woche hat auch die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel ihre neue Webseite vorgestellt. Bravo, weiter so!
11. Februar 2009
Mit der “primitiven Kunst” ist das so eine Sache. Ich persönlich glaube ja, dass es wesentlich mehr Primitives in der zeitgenössischen europäischen Kunst gibt, als in der Kunst Afrikas und Ozeaniens der vergangenen Jahrhunderte, aber kunsthistorisch hat sich der Begriff nun mal einfach durchgesetzt. Vergessen wird immer wieder gerne, wie wichtig diese Kunst für die Entwicklung der Moderne war und Künstler von Picasso bis zu Pollock beeinflusste. Allerdings wird dieser Aspekt gelegentlich so sehr betont, dass die primitive Kunst nur als Steigbügelhalter und Gehilfe der europäischen Moderne gesehen wird.
Die Fondation Beyeler versucht dem entgegenzuwirken, in dem man in der Ausstellung “Bildwelten – Afrika, Ozeanien und die Moderne” den Holzskulpturen und Masken der außereuropäischen Kunst ein deutliches Übergewicht gönnt und ihnen europäische Meisterwerke reduziert gegenüberstellt, um den Einfluss sichtbar zu machen. So werden die afrikanischen und ozeanischen Werke zur ästhetischen Übermacht und die Gemälde und Skulpturen der Klassischen Moderne als zusätzliche Anschauungsobjekte in den Hintergrund gedrängt. So wird vor allem klar, welche Bildgewalt und Kraft die ethnografische Kunst entwickelte und warum europäische Künstler so fasziniert waren. » Weiterlesen «
11. Februar 2009
Derzeit finden in Basel zwei Ausstellungen zu Picassos Werk statt. Die erste im Kunstmuseum Basel widmet sich dem druckgrafischen Werk. Die zweite, in der Galerie Beyeler widmet sich den Keramiken des Künstlers. Beide Medien nutzte Picasso intensiv. Vom Holzschnitt und Kupferstich bis hin zur Lithographie und dem Linolschnitt wandte er sämtliche Druckverfahren mit Leichtigkeit und Leidenschaft an, entwickelte komplexe Mischtechniken und experimentierte mit mehrfarbigen Drucken.Auch keramische Arbeiten finden sich immer wieder im Werk des “Jahrhundertgenies.”
1904 schuf er mit Le Repas frugal seine erste Radierung. Das ambitionierte Blatt ist Auftakt eines immensen druckgraphischen Œuvre von mehr als 2000 Werken. Immer wieder schuf er ganze Serien wie die Radierungen der Suite Vollard oder die Suite 347. 1930 entstehen Radierungen zu den Metamorphosen des Ovid. 1935 entsteht als graphisches Hauptwerk der 30er Jahre die Radierung Minotauromachie, in der Picasso allegorisch seine von Spannungen geprägte persönliche Situation verarbeitet. 1970 erarbeitet Picasso eine Folge von 156 Blättern, die erst nach seinem Tod veröffentlich werden. » Weiterlesen «
27. Juni 2007
Ich habe 2003 bei der Eröffnung begeistert über das Schaulager in Basel berichtet, das Gebäude mit dem außergewöhnlichen Konzept und die erste Ausstellung mit Kunst von Dieter Roth konnten voll überzeugten. In den letzten Jahren habe ich das Schaulager allerdings ein bisschen aus den Augen verloren, warum weiß ich selbst nicht. Vielleicht liegt es einfach daran, dass das Schaulager nur ein bis zwei Sonderausstellungen pro Jahr bietet und deshalb im Wer-hat-die-größte-Ausstellung-des-Jahres-Hype untergeht. Ja, leider kann auch ich mich dem nicht ganz entziehen.
Schaulager Münchenstein/Basel
Herzog & de Meuron, Architekten
Foto: Adrian Fritschi, Zürich
Das Schaulager entstand 2003 aus der Idee heraus, der Emanuel Hoffmann-Sammlung einen Ort für Ausstellungen zu geben. Die Sammlung wurde seit 1933 in verschiedenen Basler Museen gezeigt. Doch die Sammlung der Stiftung war in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen und konnte nur noch in Ausschnitten präsentiert werden. Ein großer Teil der Werke lagerte deshalb in Kisten verpackt im Lager. Eigentlich schade, aber nicht unüblich.
Das muss sich auch die heutige Präsidentin der Stiftung gedacht haben und ersann eine Lösung, die grundsätzlicher Art sein sollte. Sie erfand das Schaulager, ein Lager, dass auch für Ausstellungen und Forschungszwecke genutzt werden konnte. Man erwarb ein Gelände in einem Industriegebiet und ließ Herzog & De Meuron darauf ein Lagerhaus errichten, alleridngs eines der besonderen Art: einen polygoner Koloss mit Lichtschlitzen, dass zwar in seiner Grundform stark an ein Lagerhaus erinnert, aber mit den Fensterschlitzen und dem lehmartigen Gebäudeäußeren, das mit dem Aushub gestaltet wurde und mehr wie ein aus dem Boden extrudierter Monolith wirkt.
Schaulager, Münchenstein/Basel
Herzog & de Meuron, Architekten
Foto: Adrian Fritschi, Zürich
Eine Gebäudeecke scheint eingedrückt, so dass ein kleiner Vorplatz entsteht, der von einem kleinen Giebelhaus bewacht wird, da aus dem gleichen Material zu sein scheint, wie das Schaulager. Schon von weitem sichtbar, ist die Eingangsseite in leuchtendem Weiß gestrichen. Auch im Inneren herrscht Lagerhausatmosphäre, Beton und weiße Flächen herrschen vor. Mit 7.250 Quadratmetern nimmt das Kunstlager in den drei Obergeschossen den grössten Anteil am gesamten Flächenangebot von 16.500 Quadratmeter in Anspruch. Für Ausstellungen stehen im Erd- und Untergeschoss 3.650 Quadratmeter zur Verfügung.
Bisher waren neben der Roth-Retrospektive auch Tacita Dean und Francis Alÿs, Jeff Wall und eine Ausstellung zum Architektenbüro Herzog & de Meuron zu sehen. Derzeit läuft eine Ausstellung zu Robert Gober. Ein lobenswertes Konzept, ein Besuch lohnt sich immer. Ich werde das Schaulager im Auge behalten, versprochen!
21. März 2006
Die außergewöhnlich schöne Matisse-Ausstellung “Matisse. Figur Farbe Raum” ist vom K20 in Düsseldorf weitergewandert nach Basel in die Fondation Beyeler. Wer sie also in Düsseldorf verpasst hat oder nicht so lange in der Warteschlange stehen wollte, hat jetzt noch einmal die Gelegenheit, die Ausstellung zu besuchen. Versprochen: Auch eine weite Anreise lohnt sich. Genauso wie die 20 Euro für den Katalog.
Henri Matisse, Figur Farbe Raum, bis 09. Juli 2006, Fondation Beyeler, Riehen/ Basel