Drei Mal Gerhard Hoehme

26. November 2009 | Ein Kommentar

Gleich drei Museen in Nordrhein-Westfalen ehren derzeit den Künstler Gerhard Hoehme zu seinem 20. Todestag. Das museum kunst palast (Düsseldorf) präsentiert Arbeiten auf Papier aus der Gerhard und Margarete Hoehme-Stiftung, ergänzt um Zeichnungen und Druckgraphik aus der eigenen Sammlung. Das Museum Küppersmühle (Duisburg) gibt in einer großen, retrospektiv angelegten Werkschau Einblick in die wesentlichen Schaffensprozesse zwischen 1955 und 1989 und die Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum (Duisburg) zeigt bildplastische Werke aus eigenem Besitz.

Gerhard Hoehme, das wilde blaue Bild, 1956/57 Sammlung Ströher, Darmstadt Foto: Katalog / (c) VG Bild-Kunst, Bonn

Gerhard Hoehme, das wilde blaue Bild, 1956/57
Sammlung Ströher, Darmstadt
Foto: Katalog / (c) VG Bild-Kunst, Bonn

Hoehme gehörte zu den wichtigsten Vertretern des deutschen Informel und der Lyrischen Abstraktion. Seine “Shaped Canvases” sind in der gestischen Malerei der fünfziger udn sechziger Jahre zu verorten, jener Zeit, als der abstrakte Expressionismus New York in die erste Liga der Kunst katapultierte und die Europäer in den Hintergrund drängte. Ähnlich wie für die Amerikaner war für Hoehme das Bild ein offenes, energetisches Feld, das es zu erforschen und zu gestalten galt. Intensiv suchte Hoehme nach den Grenzen des Bildes und seines Raumes. “Den Gesetzen der Fläche“, sagte Gerhard Hoehme 1957, „bin ich immer nur widerwillig gefolgt. Weit mehr hat mich die Gesetzmäßigkeit der Farbe, ihr Strömen und Wachsen, ihre Materie und Struktur interessiert. Beim Umgang mit ihr, beim Eingehen auf ihre Möglichkeiten hemmten mich oft die Ränder des Rechtecks.“

Intensiv erforschte Hoehme die materielle Beschaffenheit seiner Malmittel, experimentierte mit kunstfremden industriellen Materialien. Da mussten schon mal Tischdecken als Bildhintergründe herhalten und Polyethylenschläuche eroberten den Raum aus dem Bild heraus, entgrenzen Linie und Leinwand. Schnittmuster wurden genauso verwendet wie aufgezeichnete Kardiogramme. Mit zunehmendem Alter werden Hoehmes Arbeiten immer experimenteller.

Gerhard Hoehme, rot...rot...rot, 1975 Sammlung Ströher, Darmstadt Foto: Katalog / (c) VG Bild-Kunst, Bonn

Gerhard Hoehme, rot…rot…rot, 1975
Sammlung Ströher, Darmstadt
Foto: Katalog / (c) VG Bild-Kunst, Bonn

Das Museum Küppersmühle präsentiert eine chronologische Auswahl von rund 70 Arbeiten aus allen entscheidenden Werkphasen der Jahre 1955 bis 1989: Gemälde, Materialbilder, Objektkästen, didaktische Zeichnungen, Plastiken und rauminstallative Arbeiten aus öffentlichen und privaten Sammlungen. Die Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum zeigt in den zentralen Sammlungsräumen der Großen Glashalle rund 20 Werke aus dem eigenen Bestand. Bildplastische Arbeiten der Jahre 1957 bis 1974, dazugehörige Skizzen sowie Bilder, Zeichnungen und Druckgrafiken geben Einblicke in das bildplastische Werk des Künstlers. Mehr als 25 Jahre nach der Ausstellung “Schnüre”, die Gerhard Hoehme 1972 im Lehmbruck Museum zeigte, wird der überwiegende Teil des Sammlungsbestands erstmals wieder zusammenhängend präsentiert.

Intensiv arbeitete Hoehme auch mit Zeichnung, Druckgrafik und Radierung. Das museum kunst palast in Düsseldorf zeigt 80 Arbeiten auf Papier. Die Ausstellung zeigt überraschende Analogien zum malerischen Werk und offenbart, dass für Hoehme Malerei, Plastik und Zeichnung untrennbar verbunden waren. So entstehen zeitgleich zu den Borkenbildern Arbeiten auf geschichteten und zerknülltem Japanpapier. Im Alter werden auch die Zeichnungen experimenteller,der skriptuale Anteil in den Arbeiten steigt und Malerei und Zeichnung verschmelzen weiter.

erhard Hoehme, Hymne an Heraklit - Hommage à Heraklit, 1959 Sammlung Ströher, Darmstadt Foto: Katalog / (c) VG Bild-Kunst, Bonn Gerhard Hoehme, irre Wasser sind tief, 1965 Gerhard und Margarete Hoehme-Stiftung, museum kunst palast, Düsseldorf Foto: Katalog / (c) VG Bild-Kunst, Bonn Gerhard Hoehme, Loreley I, 1972  Schnurplastik, PE-Schnüre, Eisenmanschette, Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg, Foto: J. Diemer

Weitere Informationen bei den Museen oder bei dem Gerhard Hoehme Archiv.

Voll Porno!

10. November 2008 | Kein Kommentar

Wie ich neulich lernen durfte, sagen Jugendliche heute nicht mehr “cool” oder “geil” wie zu meiner Zeit, sondern “voll porno”. Das trifft auch auf die Ausstellung “Diana und Actaeon. Der verbotene Blick auf die Nacktheit” im Düseldorfer museum kunst palast zu, die ist nämlich wirklich sehenswert. Voll porno, das findet auch die BILD-Zeitung, die findet die Schau allerdings nicht cool, sondern echauffiert sich über die Darstellungen und meint, das sei einfach nur Pornographie und keine Kunst.

Ihren Namen hat die Ausstellung von Ovids Mythos der Diana und des Actaeon. Bei einem Streifzug durch den Wald entdeckt der Jäger Actaeon die Göttin Diana beim gemeinsamen Bad mit ihren Nymphen. Überrascht vom begehrenden Blick des Actaeon, verwandelt die nackte Göttin der Jagd den Jäger in einen Hirsch. Von seinen eigenen Hunden nicht mehr erkannt, zerfleischen diese den hilflosen Actaeon.

Eric Fischl, Bad Boy, 1981
Öl auf Leinwand, 167,5 x 244 cm
Privatsammlung, Courtesy Thomas Ammann Fine Art, Zürich

Die Ausstellung zeigt ein großes Konvolut von 300 Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und Grafiken sowie Fotografien und Videos, die sich dem Themenkomplex von Keuschheit und Begehren, von Sehen und Gesehen werden, von Voyeurismus und Exhibitionismus widmen. So illustriert die Schau auch ein Thema, dessen Darstellung bis heute als Tabu gilt: die explizite Zurschaustellung des Geschlechts. All zu schnell schreien viele hier eben sofort “Porno!”. Dabei will die Ausstellung nicht einfach nur eine weitere zum Thema der Erotik in der Kunst sein, sondern konzentriert sich mit präzisen Fragestellungen auf Bildwerke, die vom verbotenen Blick auf das zumeist weibliche Geschlecht handeln.

Die Ausstellung handelt von Begierde, der verschlungenen Verknüpfung von Geschlecht und Geschlechtlichkeit mit Schönheit, Wahrheit und Ekstase. Sie handelt von Tabus und Tabubruch, von Schuld und Bestrafung und von der Erkenntnis, die unschuldig nicht zu haben ist. Dabei thematisiert sie ebenso die vielschichtige Faszination des Blickes auf den schönen weiblichen Körper, aber auch das Entsetzen, welches der Anblick des demonstrativ und schamlos unverhüllten weiblichen Geschlechts beim Betrachter auslösen kann.

So wie bei Eric Fischls Bad Boy (1981). Wahrlich ein böser Junge. Durch die Jalousien eines Fensters fällt Licht auf ein Bett. Auf diesem räkelt sich eine nackte Schöne. Den jungen Mann im Vordergrund bemerkt sie nicht oder es ist ihr egal, dass er da ist. Sie gibt sich ganz dem Augenblick hin. Durch die gespreizten Beine sieht der Betrachter ihre ganze Weiblichkeit.

Der böse Junge hat dem Betrachter den Rücken zugewandt und schaut der Frau zu. Hinter ihm steht auf dem Schreibtisch eine Handtasche. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Öffnung der Handtasche einer Vagina nicht unähnlich ist. Die Hand des Voyeurs ist tief in der Handtasche verschwunden. Wie zufällig steht auch eine Obstschale mit Bananen auf dem Tisch. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, denn kein anderes Obst erinnert so sehr an einen Phallus, wie die Banane.

Ein tolles Kunstwerk, weil der Betrachter minutenlang vor der Werk stehen kann und darüber nachdenken kann, was dort geschieht. Der Maler hat viele Andeutungen und Informationen in das Bild gesteckt.

Der Frau scheint es egal zu sein, dass sie beobachtet wird, vielleicht zieht sie sogar einen Lustgewinn daraus, beobachtet zu werden. Die Hand in der Handtasche wirft gleich mehrere Fragen auf. Stiehlt der Bad Boy der Dame Geld? Die frivole Andeutung dürfte mehr sagen: Sigmund Freud höchstselbst deutete das Symbol der Handtasche als Vagina.

Ist er böse, weil er die Situation ausnutzt oder weil er der Frau in einem intimen Moment zuschaut und ihre Gleichgültigkeit ausnutzt? Deutet Fischl hier gar einen Ödipus-Komplex an,weil der Junge seien Mutter begehrt, was der Maler mit dem Griff in die Vagina – Verzeihung – in die Handtasche andeutet?

Oder ist etwa der Maler selbst der Bad Boy, weil er es wagte, der totgesagten figurativen Malerei mit diesem Bild neues Leben einzuhauchen? In Amerika löste das Bild Anfang der achtziger Jahre jedenfalls einen kleinen Skandal aus und machte den Maler über Nacht berühmt.

Die Ausstellung ist grandios und mit 300 Werken von 200 Künstlern mehr als opulent. Die Ausstellung aufgrund von ein paar wenigen grenzwertigen Bildern als pornographisch abzutun, wie es die BILD-Zeitung tut, ist nicht nur oberflächlich, es ist schlicht dumm. Natürlich sind Bilder wie die Fotografien von Nobuyoshi Araki so lange keine Pornografie, so lange es nicht um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse geht, es also ganz klar einen künstlerischen Willen des Künstlers gibt und die Bildaussage klar ist. Auch wenn ich kein großer Fan von Araki bin, ich habe keine Pornographie entdecken können.

Ein kleiner Wermutstropfen ist die Fülle der Werke, da wirkt die Auswahl einfach manchmal zu beliebig und es wird langweilig. Ein wenig mehr Vorauswahl wäre vielleicht klug gewesen. Und was mancher Betrachter als pornographisch empfindet, ist meist nicht mehr als die Zurschaustellung eben jenes intimsten Körperteils. Und das ist ist mehr langweilig und banal als wirklich pornographisch.

Die BILD erklärt, was Kunst ist

28. Oktober 2008 | Kein Kommentar

Sicherlich kann man bei dem ein oder anderen Künstler darüber streiten, ob das, was er produziert, Kunst ist oder Kitsch und manchmal sogar, ob die Grenze zur Pornographie überschritten wird. Doch dazu müsste man erst einmal klären, ob Pornographie grundsätzlich keine Kunst sein kann, also ob ein Werk entweder Kunst ODER Pornographie ist. So einfach ist das sicher nicht, denn ein pornographischer Inhalt kann künstlerische Aussagen transportieren, wenn das so gewollt ist.

Für die BILD-Zeitung gilt das nicht. Heute bespricht Dr. Dorothee Achenbach die Ausstellung “Diana und Actaeon. Der verbotene Blick auf die Nacktheit” im Museum Kunst Palast in Düsseldorf. Dabei wird im Teaser gefragt: Ab wann ist Porno Kunst? Da sie die Frage nicht beantworten kann oder will, echauffiert sie sich kurz über den schrecklichen Tabubruch und meint zum Abschluss: “Mit Kunst hat das nichts zu tun.” Danke, dass wir das erfahren durften. Nur: Was hat die nackte Dame auf “Seite 1″ mit Journalismus zu tun, liebe Frau Achenbach?

Eine ernsthafte Ausstellungsrezension gibt es in ein paar Tagen hier!

Sabine Wild in Düsseldorf

15. August 2008 | Ein Kommentar

Höchst selten tue ich etwas, was ich sonst eben nicht tue: Ich komme der Bitte nach, eine Ausstellung zu empfehlen. Ich tue das nur dann, wenn ich auf die Ausstellung auch ohne die Bitte hingewiesen hätte und seit es diesen Blog gibt, ist das erst ein Mal passiert. Jetzt muss ich das aber wieder tun. Ich habe bereits im April auf Sabine Wilds tolle Fotografien von urbaner Architektur hingewiesen (Aufrisse).

Nun ist Wild durch NRW gestreift und hat sich des Themas Architektur und Freizeit angenommen. Fotografiert hat sie Architekturobjekte, die im weitesten Sinne mit Freizeitgestaltung zu tun haben, darunter der Movie Park in Bottrop, die Zeche Zollverein in Essen, die Museuminsel Hombroich bei Neuss oder der Landschaftspark Nord in Duisburg, ein ehemaliges Hüttenwerk.

Wieder hat Sabine Wild die Bilder in der ihr typischen Art nachbearbeitet. Die Architekturlandschaften sind entvölkert, Menschen sucht man vergebens. Senkrechte und waagerechte Strukturen treten hervor, Farbflächen vibrieren vor dem Auge des Betrachters, surren und flirren. Manche Bilder wirken, als ob die vertikalen und senkrechten Linien aufgemalt worden wären und die Farben darin verlaufen.

So klar die Strukturen auch in der Realität waren, so komplex und verwinkelt, Wild entschärft sie, ohne dass die Strukturen verloren gehen. Das klingt paradox, es ist aber genau das, was ihre Fotografien ausmacht und was sie so interessant und unvergleichlich spannend macht. Sie seziert, legt es vor dem Betrachter frei und betont es so. Grenzen werden aufgehoben, Farbe und Textur werden bildbestimmend, ein Rhythmus wird erfahrbar, ja geradezu erlebbar.

Die Ausstellung wird am 19. August 2008 eröffnet und ist bis zum 2. Oktober 2008 im Haus der Architekten (Zollhof 1, 40221 Düsseldorf) zu sehen. Ich verspreche, dass sich ein Besuch lohnt!

Werbung radikal im NRW-Forum

8. April 2008 | 2 Kommentare

Seit den späten achtziger Jahren wandelt sich die Werbung – radikal. Wem ist die Auseinandersetzung um die Benetton-Werbung nicht mehr im Gedächtnis. Fotograf Oliviero Toscani schockte mit Einschusslöchern in einem blutverschmierten Kleidern eines bosnischen Soldaten. Aber auch ein überfülltes Flüchtlingsschiff, eine schwarze Mutter, die ein weißes Baby säugt, oder eine weiße Stute, die von einem dunklen Hengst gedeckt wird, sorgten für Empörung. Benetton hatte erreicht, was man wollte: Aufmerksamkeit, die Marke war in aller Munde. Magazine weigerten sich, die Anzeigen zu drucken, Ladenbesitzer verbannten Benneton aus den Regalen. Geschadet hat es dem Unternehmen trotzdem nicht.

Benetton Werbung aus dem Jahr 1994 von Oliviero Toscani (c) Benetton

Überhaupt waren Modemarken Vorreiter der radikalen Werbung. Sisley warb in den letzten Jahren ebenfalls mit zweideutigen Werbepostern. Auf einem sitzt eine Frau im roten Nichts mit gespreitzten Beinen vor einem Stier. Oder eine Frau legt einen nackten Mann über’s Knie und versohlt ihm den Hintern mit einem Schuh. Calvin Klein hingegen schrammte häufiger mal scharf an der Grenze zur Pornografie entlang. » Weiterlesen «

Bonjour Russland!

25. Oktober 2007 | Kein Kommentar

Für viele von uns liegt New York immer noch näher als Moskau. Die meisten Urlaubswilligen können sich durchaus vorstellen, bei einer Shoppingtour durch New York auch mal im MoMA vorbeizuschauen, aber nach Moskau oder St. Petersburg? Urlaub “beim Russen” oder gar Studien- und Kulturreise nach Russland? Das kommt für viele nicht in Frage oder aber sie denken gar nicht darüber nach. Vielen ist auch gar nicht bekannt, welche ausgezeichneten Museen Russland sein Eigen nennt. Man ist deshalb auch sehr dankbar, wenn die russischen Museen zu uns kommen. Das ist allerdings nicht immer leicht, russische Museen pflegen eine restriktive Entleihungspolitik und aufgrund vieler ungeklärter Eigentumsfragen wegen des Beutekunstvorwurfs zieren sich die Museen bei Entleihungen nach Deutschland gerne.

Umso erfreulicher ist die bis zum 06. Januar 2008 laufende Ausstellung “Bonjour Russland” im Düsseldorfer “museum kunst palast”. Zum ersten Mal sind in Deutschland nebeneinander französische und russische Meisterwerke aus vier russischen Museen zu sehen. Den Fokus legt die Ausstellung auf die Jahre von 1865 bis 1925, jene Zeit also, in denen die Franzosen die Avantgarde waren und die Russen die Avantgarde wurden, für einen kurzen, genialen Moment lang. Schön wird in der Ausstellung sichtbar, wie sehr doch die russsischen Künstler von den Franzosen lernten, um daraus dann einen eigenen Form- und Malstil zu enwickeln. Sie fanden ihre eigene Sprache und liessen diese dann in der totalen Abstraktion kummulieren, die so wichtig für die Kunst des 20. Jahrhunderts war.

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Unveröffentlichtes von Sieff

30. Mai 2007 | Ein Kommentar

Das NRW-Forum Kultur und Wirtschaft in Düsseldorf zeigt bis 26.08.2007 “Jeanloup Sieff – Inédits/ Unveröffentlichtes”. Sieff wurde 1933 als Kind polnischer Eltern geboren. Eigentlich wolte er als Kind ja Filmregisseur werden. Als er mit 14 Jahren aber einen Fotoapparat geschenkt bekam, muss er es sich wohl anders überlegt haben.

Ab 1954 arbeitete der Franzose als freier Fotograf und das so gut, dass er bald für große Modemagazine fotografieren durfte. Elle, Vogue, Harper’s Bazaar – die Liste der Kunden liest sich wie ein Who’s who der Modezeitschriften. Dabei war stand die Mode nie im Zentrum der Fotografie. Für Sieff zählt immer auch das, was in dem Stoff steckte und drum herum geschah. Viele Bilder sind viel mehr künstlerische Arbeiten als Abbilder modischer Erscheinungen (oder Entgleisungen).

Jardin des Modes in Paris, 1961 (c) Jeanloup Sieff
“Jardin des Modes” in Paris, 1961, © Jeanloup Sieff

Auch als Akt- und Porträtfotograf war Sieff tätig. Eines seiner Stilmittel war der Weitwinkel, der seinen Akten eine Art von Traumverlorenheit gibt und eine gewisse Distanz der nackten Modelle suggeriert, obwohl sie oftmals den Blick direkt auf den Betrachter richten. Sieff war aber auch ein exzellenter Landschaftsfotograf, der es meisterlich Verstand, Texturen, Silhouetten und Schatten in seinen Schwarz-Weiß-Fotografien zur Geltung zu bringen.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten aus allen Schaffensbereichen von Sieff und aus allen Zeiten, angefangen von den 50er Jahren bis zu seinem Tod im Jahre 2000. Extra für diese Ausstellung hat Sieffs Witwe Barbara Sieff ihre Schatzkammer geöffnet und einige Preziosen bereitwillig in die Ausstellung gegeben.

Mehr: www.nrw-forum.de

Kunst im Untergrund

12. Februar 2007 | Kein Kommentar

  Andreas Plum im KIT
Andreas Plum, Elektrische Ente (Himbeere), 2006, Öl auf Leinwand, 120 x 150 cm
Elektrische Ente, 2006, Öl auf Leinwand, 170 x 200 cm
Electric Mist, 2007, Öl auf Leinwand, 200 x 170 cm
Foto: KIT/Yun Lee

Düsseldorf hat eine neuen Ausstellungsraum und einen ungewöhnlichen dazu. Rund sieben Meter unter der Erde liegt “KIT” – “Kunst im Tunnel”. Der beim Bau des Rheinufer-Tunnels in den 90er Jahren übrig gebliebene Raum zwischen den Tunnelröhren und dem Fluss erstreckt sich über 140 Meter Länge und 900 Quadratmeter. Seine Breite verringert sich in einem elliptischen Schwung von rund zehn Metern auf nur knapp einen Meter. Ein architektonisch reizvoller Ort!

Die Einrichtung hat sich die Stadt Düsseldorf immerhin 3,4 Millionen Euro kosten lassen. In die Tiefe gelangt der Besucher durch einen Pavillon aus Glas und Stahl, der auch ein kleines Café beherbergt. Pro Jahr sollen hier vier Ausstellungen gezeigt werden, den Auftakt macht die Ausstellung “Hotel Kerberos” (bis 22. April), bei der Werke von 14 jungen Künstlern zu sehen sind. Ziel des KIT-Raumes soll die Vorstellung junger Kunst sein, koordinert wird das Projekt von der Kunsthalle Düsseldorf.

Mehr: www.kunst-im-tunnel.de

Picassos Spätwerk in Düsseldorf

5. Februar 2007 | Kein Kommentar

  Picasso vor dem Gemälde Paar

Pablo Picasso vor dem Gemälde “Paar” (1970)
Notre-Dame-de-Vie, 25. Oktober 1970
© Museo Picasso, Málaga, Foto: Roberto Otero

Während die einen im Alter an Kreativität verlieren oder sich ihr frühes Werk einfach noch mal vorknöpfen (Baselitz), gibt es andere, die auch im hohen Alter vor Kreativität und Energie nur so strotzen.

Das K20 zeigt jetzt eine Ausstellung zum Alterswerk von Pablo Picasso. “Malen gegen die Zeit” ist der Titel der Ausstellung (bis 28. Mai 2007) und ist die wichtigste These des Kurators Werner Spies. Spies konstatiert einen auffälligen Gegensatz zwischen einer furiosen, oft skizzenhaftexpressiven Malerei und einer erzählfreudigen, akribisch ausgeführten Grafik. Hinter dieser Trennung in einen wilden Stil des Malers und in einen reflektierenden Stil des Grafikers steht die panische Angst Picassos vor der immer knapper werdenden Lebenszeit.

Picasso segmentiert seine Arbeitszeit in gleiche Abschnitte, in denen je ein Werk entsteht: ungeachtet der unterschiedlichen Größe. Nicht die Arbeitszeit, sondern die Geschwindigkeit ist dabei variabel, in der im immergleichen Zeitraum unterschiedlichste Formate und Aufgaben bewältigt werden, von der kleinformatigen Radierung bis zum monumentalen Gemälde.

In den Motiven des späten Picasso treffen die Gegensätze jugendlicher Vitalität, Erotik und Schönheit auf die Wehmut des Alters und das Bewusstsein um die eigene Vergänglichkeit aufeinander. Picasso greift in seinen Bildern existenzielle Fragen auf, die biografisch nicht zuletzt ihren Anlass im großen Altersunterschied zwischen dem alten Künstler und seiner um 45 Jahre jüngeren Frau haben.

Dem “wilden” Picasso stand immer, auch in den allerletzten Jahren, ein reflektierender Picasso entgegen, der in den Zeichnungen seine Erinnerung und sein Metier souverän einsetzte. Der Gegensatz, auf den wir treffen, ist so auffällig und so bedeutend, dass man sich nach einer Begründung umsehen möchte. Offensichtlich steht hinter Picassos Trennung in einen Stil des Malers und in einen Stil des Zeichners die panische Angst vor der auslaufenden Zeit.

Entsetzen und Widerstand gegen Altern und Tod spiegeln sich in der Organisation der Arbeitszeit wider. Das Werk, das Picasso täglich hervorbringt, erscheint als Aufstand gegen die Zeitlichkeit und gegen das Verschwinden. Man hat den Eindruck, als stehe der ständige Blick auf die Uhr im Vordergrund. Für jede dieser täglich erneut erbrachten Aktionen vor der Staffelei oder auf dem Zeichenblatt setzt der Künstler ein bestimmtes Quantum an Zeit ein. Ausgehend von diesem immer gleichen Maß an Zeit, das der Künstler in eine Arbeit investiert, entsteht ein Gemälde, eine Zeichnung, eine Radierung oder eine Skulptur.

Das Pensum, vor das den Maler ein großes Bild stellt, ist quantitativ und organisatorisch umfassender als der Aufwand für eine Zeichnung. Aus diesem Grunde kann ein Gemälde, für das nicht mehr Zeit zur Verfügung steht als für eine Radierung, nicht die detaillierte Ausarbeitung erfahren, auf die wir in den grafischen Arbeiten der Spätzeit durchgehend treffen. Die Rastlosigkeit hat es – und das zeigen die späten Bilder, die mit allen Fasern an Sinnlichkeit und Umarmung hängen, die Kuss und Kopulation in Großaufnahmen zeigen – darauf abgesehen, den Tod zu exorzieren. Wir treffen auf eine Raserei, die der eines Pollock oder de Kooning in nichts nachsteht. Sie führt zu den offenen Bildern. Kein Teil der Leinwand wird dabei privilegiert.

Alles drängt nach Schnelligkeit und Abkürzungsverfahren. In diesem Zusammenhang entwickelt Picasso eine Art von Hieroglyphensprache, die kürzelhaft das Thema ausspricht. Dieses skizzenhafte Arbeiten, zu dem er greift, lässt immer wieder ganze Partien des Bildes unbearbeitet, weiß. Dieses Vorgehen tendiert zur Formauflösung. Farbflächen überschneiden sich unregelmäßig, mischen sich. Die Gemälde konzentrieren sich so gut wie ausschließlich auf die Darstellung einer Figur oder eines Paares. Es gibt wenige Motive: Maskerade der Mantel- und Degenstücke, Selbstporträts, pastorale Liebesszenen, das Thema vom ungleichen Liebespaar, Aktfiguren.

In den Zeichnungen und Druckgrafiken führt der Künstler eine akribische Technik fort. Kontur und zeichnerische Details bleiben weitgehend genau und scharf. Denn was in diesen Medien, bei der Arbeit am kleineren, konzentrierten Format als Zeit zur Verfügung steht, verwandelt sich hier in Details und Genauigkeit. Auch die unterschiedliche Thematik wird von diesem Zeittakt geregelt. In den späten Zeichnungen herrscht eine einzigartige Erzählfreude vor. Die Ausstellung versucht, diesen Fragen, Fragen der Technik, der Ikonografie und der Verankerung in der Kunstgeschichte, nachzugehen.

Insgesamt 200 Werke sind in Düsseldorf versammelt: 70 Gemälde, 30 Zeichnungen, 60 Druckgrafiken und mehrere Skulpturen. Eine fantastische Ausstellung, die man sich unbedingt anschauen sollte!

Mehr unter: www.picasso-k20.de

Lauter Nackte in Düsseldorf

6. August 2006 | Kein Kommentar

Spencer Tunick, Hofgarten Düsseldorf, Copyright: museum kunst palast, Foto: Stefan Arendt

Spencer Tunick, Hofgarten Düsseldorf
Copyright: museum kunst palast, Foto: Stefan Arendt

Heute Morgen war es so weit, Spencer Tunick gab sich die Ehre und hielt seine erste Fotosession auf deutschem Boden ab. In und um das museum kunst palast fotografierte der Meister nackte, wogende und rankende Menschenmassen. Ausgestellt werden die Bilder (und Fotos von weiteren Projekten) ab 30. September 2006 im museum kunst palast. Absolut sehenswert!

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