Ein Laster namens Surrealismus

5. Januar 2012 | Kein Kommentar

Ein Tiger springt aus dem Maul eines Tigers der aus einem Fisch springt, der aus einem Granatapfel springt. Dem wütenden Tier voran fliegt ein Gewehr mit aufgestecktem Bajonett auf eine liegende Nackte zu, die ganz entspannt auf einer Erdscholle in einem unendlichen Ozean ruht. Im Hintergrund ein weißer Elefant mit einem Obelisken auf dem Rücken auf meterhohen stelzenartigen Spinnenbeinen. Ein Kreislauf aus Geburt, Leben und Tod, gewürzt mit einer Prise männlicher Potenz und Begierde und weiblicher Anmut. Im Vordergrund umschwirrt eine Biene einen schwebenden Granatapfel. Diesen wahnwitzigen Traum in schönsten Farben malte Dalí und er gilt vielen als eine der Ikonen des Surealismus. Dabei war Dalí von Breton, dem Anführer der surrealistischen Bewegung, längst verbannt worden als er das Bild malte, weil er sich den dogmatischen Regeln des Surrealismus nicht unterwerfen wollte.

Salvador Dalí, Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Erwachen, 1944, Öl auf Holz, 51x41cm Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid Foto: © Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid © 2011, Fundació Gala-Salvador Dalí / ProLitteris, Zürich

Salvador Dalí, Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Erwachen, 1944
Öl auf Holz, 51×41cm Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid
Foto: © Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid © 2011, Fundació Gala-Salvador Dalí / ProLitteris, Zürich

Für Breton war „das Laster namens Surrealismus […] der zügellose leidenschaftliche Gebrauch der Droge Bild.“ Fast vergessen ist inzwischen, dass die Surrealisten der ersten Stunde vor allem Literaten waren, die von den Albernheiten des Dadaismus genug hatten. Man wollte der Kälte der Nachkriegsgesellschaft nicht mehr nicht mehr länger mit Blödelei entgegnen, sondern die Gesellschaft und ihre Menschen aktiv verändern. Breton udn seine Kollegen wollten das Unwirkliche und Traumhafte in der Kunst verankern und den durch die Logik begrenzten menschlichen Erfahrungsbereich durch das Fantastische und Absurde erweitern. Geschehen sollte das mittels der „Écriture automatique“, dem automatischen Schreiben. Dazu sollte der Verstand ausgeschaltet werden und möglichst automatisch ohne Nachdenken geschrieben werden, um die Tiefen menschlichen Bewusstseins sichtbar zu machen. Schnell kamen zu den Literaten auch Künstler hinzu. Dalí, Magritte, Miró, Masson und Max Ernst, selbst Picasso ließ sich von der surrealistischen Gedankenwelt inspirieren.

Die Fondation Beyeler in Basel zeigt nun in einer grandiosen Ausstellung die Geschichte des Surealismus. Das Hauptaugenmerk legt die Ausstellung auf Dalí, Miró und Magritte, deren Malstil beispielhaft für die beiden Richtungen des Surrealismus steht. Dalí malt in hyperrealistischer Malweise absurdeste Traumsequenzen. Magritte hingegen vereinte in seinem realistischen Malstil gegensätzliche Dinge, wie etwa die wunderschöne Pfeife unter der steht, das dies keine Pfeife sei. Und schließlich Míro, der mit seinen kryptischen Symbolwelten die Écriture automatique visuell perfekt umsetzte.

Die Ausstellung beleuchtet die Geschichte des Surrealismus zu seinen Glanzzeiten im Paris der 1920er und 1930er Jahre, bevor die Protagonisten dann vor dem Krieg in die USA flüchteten. Neben den Gemälden sind auch Zeichnungen, Fotos, Briefe und handschriftliche Notizen ausgestellt. Neben den drei Malern sind auch Vorläufer zu sehen, aber auch weitere Maler, Lyriker und Schriftsteller und die wichtigsten Förderer und Sammler des Surrealismus, insbesondere Peggy Guggenheim. Keine andere prägte den Surrealismus als Sammlerin so sehr wie sie. Sie förderte die Künstler, folgte ihnen in das Exil in den USA, bis die engen Bande zu Bruch gingen und Guggenheim sich den Abstrakten Expressionisten zuwandte.

290 Exponate hat die Fondation Beyeler zusammengetragen und lässt die Besucher ganz in die Welt des Surrealismus eintauchen. Zur Ausstellung erschien ein wissenschaftlicher Katalog mit umfangreichem Bildmaterial – ein Kauf lohnt sich.

Kunst bis in die Unendlichkeit

26. Oktober 2011 | Kein Kommentar

Louise Bourgeois ist eine Jahrhundertkünstlerin und das im doppelten Wortsinne. Sie ist nicht nur eine Ausnahmekünstlerin, sie hat nahezu das ganze 20. Jahrhundert erlebt, ist bedeutenden Künstlern begegnet, hat sich von ihnen inspirieren lassen und wurde so zum Bindeglied zwischen Moderne und zeitgenössischer Kunst.

Bourgeois wurde 1911 in Paris geboren, ging dort zur Schule, studierte Philosophie an der Sorbonne und Kunst bei Fernand Léger. Als sie den Kunsthistoriker Robert Goldwater traf, verliebte sie sich, heiratete und ging mit ihm nach New York. Dort tauchte sie in die entstehende Kunstszene ein, begegnete den vor dem Krieg geflohenen Surrealisten, traf die Abstrakten Expressionisten um De Kooning und Pollock und lernte die Minimal Art- und die Pop Art-Künstler kennen. Ein spannendes und aufregendes Leben.

Louise Bourgeois Fondation Beyeler, Riehen / Basel mit Maman, 1999 Bronze mit Silbernitratpatina, Edelstahl und Marmor, 927,1 x 891,5 x 1023,6 cm Collection The Easton Foundation,courtesy Hauser & Wirth und Cheim & Read Foto: Serge Hasenböhler © Louise Bourgeois Trust

Louise Bourgeois, Fondation Beyeler, Riehen / Basel mit Maman, 1999
Bronze mit Silbernitratpatina, Edelstahl und Marmor, 927,1 x 891,5 x 1023,6 cm
Collection The Easton Foundation,courtesy Hauser & Wirth und Cheim & Read
Foto: Serge Hasenböhler, © Louise Bourgeois Trust

Lange war der Name Bourgeois nur Kunstkennern ein Begriff. Das änderte sich erst, als ihr das MoMA 1982 in New York eine Retrospektive ausrichtete und sie so einem größeren Publikum bekannt machte. Da war sie 71 Jahre alt. Die letzte Retrospektive kurz vor ihrem Tod im Jahr 2010 wurde zu einem Triumphzug. Sie wurde in der Londoner Tate Modern, im Centre Pompidou in Paris und im Guggenheim Museum gezeigt.

Zum hundertsten Geburtstag der Künstlerin richtet nun die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel eine Retrospektive aus – die letzte, die die Künstlerin noch mitkonzipierte. Die Ausstellung À l’infini versammelt zwanzig beispielhafte Exponate aus allen Schaffensperioden, darunter auch Spätwerke, die noch nie öffentlich zu sehen waren.

Künstlerisch zu arbeiten bedeutete für Bourgeois immer die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, die Umsetzung von bewussten Emotionen und unbewussten Gefühlen. Kunst war für Bourgois immer auch Psychotherapie, die sie davor bewahren sollte, verrückt zu werden, wie sie in einem Interview gestand. Ihre Kindheit liegt wie ein Trauma über ihren Arbeiten. Die geliebte Mutter starb früh nach schwerer Krankheit, der Vater kümmerte sich kaum um sie und demütigte sie oft so sehr, dass sie noch Jahrzehnte später in Interviews die Tränen nur mühsam unterdrücken konnte.

Im Park des Museums empfängt den Besucher Maman, die ein Schlüsselwerk in Bourgeois’ Schaffen ist. Die zehn Meter hohe Bronzespinne mit ihren Marmoreiern im Hinterteil wirkt bedrohlich und beängstigend. Umso erstaunlicher, dass Bourgeois sie als Metapher für die geliebte Mutter sieht. Die Mutter war Weberin und restaurierte historische Stoffe. Wie eine Spinne erneuerte sie Gewebe und weil ihre Mutter für sie ein Monument gewesen sei, sei die Spinne eben monumental groß. Die Spinne hat aber auch etwas Beschützendes, sie trägt ihre Eier hinten im Körper, den sie schützend unter sich streckt und die Beine wie einen Baldachin ausbreitet. So strahlt die Spinne auch etwas Fürsorgliches aus.

Immer wieder stehen bei der oft nur als Bildhauerin wahrgenommenen Künstlerin bildhafte Erzählungen im Mittelpunkt, mal als Zeichnung, oft aber auch als Installation.
Angst und Schmerz waren dabei oft die Themen der Künstlerin. In der Ausstellung sind die legendären Cells zu sehen, in Käfigen eingefangene Momentaufnahmen eines Lebens. Durch Fenster, Türen, Gitter oder Glas kann man einen blick darauf werfen. Am Ende der Ausstellung begegnet man der Passage dangereux von 1997, einer Art Super-Cell, irgendetwas zwischen Folterkammer und Kinderzimmer. In einem begehbaren Käfig finden sich Knochen, Spiegel, Stühle und ein kleines Likörflakon, das Bourgeois von Le Corbusier geschenkt bekam. In ihm schwimmt eine tote Fliege, sie ist an ihrer Lust zu naschen zu Grunde gegangen.

Bourgeois litt an Schlafstörungen. Sie stand dann nachts oft auf und begann zu zeichnen. Mitte der neunziger Jahre entstanden so die Insomnia-Drawings, die einen unverstellten, tiefen Blick in das Seelenleben der Künstlerin ermöglichen. Das Konvolut aus über 200 Blättern ist die Quintessenz ihres künstlerischen Schaffens. Skizzen und Zeichnungen wechseln ab mit Texten und Notizen, die sich auf ihr alltägliches Leben beziehen. Bemerkenswert sind auch die vierzehn Zeichnungen der Serie À l’infini, die der Ausstellung den Namen gaben. Ihren Ursprung hat die Serie in einer Radierung, in der sich zwei Fäden begegnen und ein Gewebe bilden. Daraus erschuf Bourgeois eine Serie, die den ewigen Zyklus des Lebens darstellt, das Werden und Vergehen des Menschen.

Etwas ungeschickt ist die Gegenüberstellung von Bourgeois Arbeiten mit Künstlern, die sie nachhaltig beeinflussten. Viele der zarten und anmutigen Arbeiten von Bourgeois gehen in der Bildgewalt ihrer Gegenüber einfach unter oder der Betrachter fragt sich, was die Ausstellungsmacher damit sagen wollten. Gelungen scheint nur die Konfrontation von Bourgeois’ Red Fragmented Figure (1953), einer Stele aus grob behauenen roten Holzklötzen, mit Légers Contrastes de formes. Die Skulptur scheint die roten geometrischen Formen des Bildes geradezu in den Raum zu spiegeln.

Die Gegenüberstellung von Bourgeois’ Werken mit denen der großen Männer des 20. Jahrhunderts zeigt vor allem eines: Ihr Werk ist unvergleichlich zart und feminin und so ganz anders als das Ihrer Kollegen. Bourgeois nimmt mit ihren lyrischen und nachdenklichen Arbeiten eine Ausnahmestellung in der Kunst des 20. Jahrhunderts ein. Sie war eine der ersten, die den lange schwelenden Kampf zwischen Abstrakten und Figurativen beendete und die Kunst um eine eigenständige Deutungsebene bereicherte.

Neuer Internetauftritt für Schirn und Beyeler

8. Oktober 2010 | Kein Kommentar

Insbesondere deutsche Museen hinken ihren Kollegen im Ausland hinterher. Noch immer haben viele nicht begriffen, wie wichtig das Internet inzwischen geworden ist und welche Chancen es bietet. Besucht man manche Museumsseiten im Web, graust es einen. Selbst große Museen mit im Vergleich üppigen Etats bieten triste Langeweile, Unübersichtlichkeit oder keinen Mehrwert. Doch ganz langsam ändert sich das. In dieser Woche präsentierte die Schirn Kunsthalle in Frankfurt ihren neuen Internetauftritt. Der war zwar schon vorher nicht schlecht, aber angestaubt und hat sich deutlich verbessert. In der vergangenen Woche hat auch die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel ihre neue Webseite vorgestellt. Bravo, weiter so!

Bildwelten in Basel

11. Februar 2009 | Kein Kommentar

Mit der “primitiven Kunst” ist das so eine Sache. Ich persönlich glaube ja, dass es wesentlich mehr Primitives in der zeitgenössischen europäischen Kunst gibt, als in der Kunst Afrikas und Ozeaniens der vergangenen Jahrhunderte, aber kunsthistorisch hat sich der Begriff nun mal einfach durchgesetzt. Vergessen wird immer wieder gerne, wie wichtig diese Kunst für die Entwicklung der Moderne war und Künstler von Picasso bis zu Pollock beeinflusste. Allerdings wird dieser Aspekt gelegentlich so sehr betont, dass die primitive Kunst nur als Steigbügelhalter und Gehilfe der europäischen Moderne gesehen wird.

Die Fondation Beyeler versucht dem entgegenzuwirken, in dem man in der Ausstellung “Bildwelten – Afrika, Ozeanien und die Moderne” den Holzskulpturen und Masken der außereuropäischen Kunst ein deutliches Übergewicht gönnt und ihnen europäische Meisterwerke reduziert gegenüberstellt, um den Einfluss sichtbar zu machen. So werden die afrikanischen und ozeanischen Werke zur ästhetischen Übermacht und die Gemälde und Skulpturen der Klassischen Moderne als zusätzliche Anschauungsobjekte in den Hintergrund gedrängt. So wird vor allem klar, welche Bildgewalt und Kraft die ethnografische Kunst entwickelte und warum europäische Künstler so fasziniert waren. » Weiterlesen «

Erotik in Wien

8. Mai 2007 | Kein Kommentar

Wer die Ausstellung “Eros in der Kunst der Moderne” in der Fondation Beyeler nicht sehen konnte, hat jetzt noch eine Möglichkeit, die Ausstellung in Wien in der Kunsthalle der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) anzusehen. Anhand von 200 Arbeiten vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart wird das Thema Erotik in der Kunst spannend beleuchtet.

Paul Cézanne,Die Versuchung des heiligen Antonius, um 1875–77, Ausschnitt, Musée d’Orsay, Paris
Paul Cézanne, Die Versuchung des heiligen Antonius, um 1875–77, Ausschnitt, Musée d’Orsay, Paris

Interessant ist dabei vor allem die Entwicklung der Aktmalerei von der langsamen Annäherung an den nackten Körper und die Abkehr vom Idealbild über die brutale Nacktheit bis hin zur Andeutung von Erotik, die sich dann hauptsächlich im Kopf des Betrachters abspielt. Dabei beschränkt sich die Ausstellung nicht nur auf den Körper und die Sexualität, sondern bezieht Arbeiten mit ein, die die erotische Sphäre von Versuchung und Vereinigung, von Begierde und Wunschvorstellung, Traum und Unterbewusstem in vielfältigsten Formen thematisieren.

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