Gerhard Richter ./. Christoph Schlingensief

2. Juni 2010 | 5 Kommentare

Gerhard Richter ist sauer. Der Maler ärgert sich über die Einladung von Susanne Gaensheimer an Christoph Schlingensief, den deutschen Pavillon bei der nächsten Biennale in Venedig im Jahr 2011 zu bespielen. „Das ist ein Skandal. Die nehmen einen Performer, dabei haben wir tausende Künstler“ und er sieht darin einen “Niedergang der Malerei”. Das hört sich ein bisschen so an, als seien Performance-Künslter keine Künstler und zeugt von einer gewissen Ignoranz oder Arroganz. Aber gut.

Dass sich die für mich über jeden Zweifel erhabene Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt für einen Performancekünstler entschieden hat, kann man ihr kaum vorwerfen, schon gar nicht, wenn man sich die Architektur des Pavillons anschaut, in dem es kaum möglich ist, Malerei wirklich angemessen zu präsentieren. Aber musste es Schlingensief sein? Mich nervt dieses Krawallige bei Schlingensief, das Spektakel, das er veranstaltet und ich glaube, das sind auch die Bedenken von Richter. Könnte es die Sorge sein, dass der Deutsche Pavillon zum “Event” verkommt? Auch wenn Schlingensief neben seiner Theater-, Opern- und Filmarbeit als Aktionskünstler agiert, so würde ich ihn doch nicht als Bildenden Künstler verorten und deshalb auch nicht zur Biennale schicken.

Die Kuratorin hat sich zur Kritik von Richter in einem offenen Brief geäußert und weist diese zurück: „Ich schätze Gerhard Richter als einen der bedeutendsten lebenden Künstler des 20. Jahrhunderts. Er hat in der Malerei neue Maßstäbe gesetzt und Perspektiven grundlegend erweitert. Mit Christoph Schlingensief habe ich mich für den Deutschen Pavillon ganz bewusst für einen Künstler entschieden, der nicht nur inhaltlich sondern auch formal Eindeutigkeiten hinterfragt und Grenzen überschreitet. Im Zusammenhang mit dem Deutschen Pavillon verstehe ich seine Arbeit durchaus auch als einen Beitrag zur Diskussion über die Entgrenzung der Künste und natürlich auch zur Frage der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst. In diesem Sinne freue ich mich auf eine konstruktive und auch kritische Diskussion.“

Gut, schlimmer als Liam Gillicks IKEA-Küche kann es auch nicht mehr werden.

Gerhard Richter in Wien und Duisburg

16. Februar 2009 | Kein Kommentar

Gerhard Richter, Familie am Meer, 1964, Sammlung Ströher

Gerhard Richter, Familie am Meer, 1964
© Sammlung Ströher

Wer die Ausstellung “Gerhard Richter – Bilder aus privaten Sammlungen” im Museum Sammlung Frieder Burder nicht sehen konnte, hat jetzt in der Wiener Albertina bis zum 03. Mai 2009 die Möglichkeit, dies nachzuholen. Anschließend ist die Ausstellung im Duisburger Museum Küppersmühle zu sehen. In Wien heißt die Ausstellung allerdings “Gerard Richter. Retrospektive” und in der Tat darf man das so sehen. Die bildgewaltige Ausstellung, ohnehin schon reichlich und retrospektiv bestückt, wurde in Österreich durch weitere Leihgaben einer österreichischen Privatsammlung ergänzt, so dass ein Überblick über das Gesamtwerk des bedeutenden Künstlers möglich ist. Die Albertina zeigt neben 70 Gemälden auch bedeutende Werkblöcke seiner Aquarelle und Zeichnungen. Die Ausstellung wandert dann wieder in reduziertem, aber immer noch sehenswerten Umfang nach Duisburg (22. Mai bis 23. August 2009).

“Richterfenster” im Kölner Dom eingeweiht

28. August 2007 | 6 Kommentare

So, nun war es also soweit, das von Gerhard Richter entworfene Fenster des südlichen Querhaues im Kölner Dom wurde am Wochenende festlich eingeweiht. Ohne Zweifel, es ist etwas Besonderes und Außergewöhnliches entstanden. Aber da, wo moderne Kunst ist, sind Bedenkenträger nicht weit.

Fenster von Gerhard Richter im Kölner Dom

Gerhard Richter, Fenste rim südlichen Querhaus, Kölner Dom, 2007, © Gerhard Richter

Das 106 Quadratmeter große Fenster in Schwindel erregender Höhe im südlichen Querhaus des Doms besteht aus 11200 kleinen Farbquadraten, fast scheint es so, als ob Gott persönlich hinter dem Fenster seinen Monitor aufgehängt und die Welt in tausend Pixel hat zerspringen lassen.

Farblich hat sich Richter von den Farben mittelalterlicher Glasfenster inspirieren lassen. 78 Farbtöne hat er ausgewählt und von einem Zufallsgenerator setzen lassen, lediglich kleine Korrekturen hat er sich dort erlaubt, wo dies aufgrund baulicher Gegebenheiten nötig schien oder um zufällig entstandene Formen zu zerstreuen.

Entstanden ist ein wahres Farbmeer, das sich je nach Lichteinfall und äußeren Lichteinflüssen verändert und das Querhaus in unterschiedliche Farben taucht. Mal betont das Licht die dunklen Blautöne, dann wieder strahlt das Rot und dann funkelt das Licht in den grünen Fragmenten und lässt sie wie Smaragde glitzern. Und zwischendrin lassen die hellen Fenster immer wieder das Tageslicht hindurch – eine Landschaft entsteht vor dem Auge des Betrachters.

Kardinal Meisner ist nicht wirklich glücklich mit dem Fenster. Er hatte sich eher eine figürliche Darstellung von modernen Märtyrern gewünscht. Anderen Kritikern ist das Fenster zu profan und tatsächlich düfte sich die moderne Kunst nur sehr selten mit derart profanem Motiv in eine Kirche gewagt haben- zumindest nicht in eine gotische Kathedrale. Doch ist das Motiv tatsächlich so wenig sakral, wie die Kritiker meinen? Wären ein paar Heiligenbildchen wirklich schöner gewesen? Zum Nachdenken und Reflektieren hätten sie sicher nicht angeregt. Man wäre an ihnen vorbeidefiliert, wie viele das auch bei den anderen Fenstern machen. Lediglich der farbliche Gesamteindruck löst bei vielen ein Staunen aus und erfüllt die sonst dunklen gotischen Häuser mit atmosphärischem Glühen. Ist es also tatsächlich so wichtig, wer oder was zu sehen ist? Verkommt die Bildaussage nicht ohnehin zur Nebensache?

Andächtig verweilt man also vor dem Bild, wenn man den Kölner Dom betritt und durch das Gotteshaus flaniert. Es fällt sofort auf, dass dort, wo sich vorher ein normales Fenster befand, jetzt ein farbiges den Raum erhellt. Aber es ist nicht mehr weißes Licht, das so störend wirkte, es ist ein Farbmeer, ein Lichter- und Farbtanz, der sich abspielt, leuchtende farben, kräftig und klar. Es ist fast so, als wollte Richter sagen, schaut her, wie schön die Schöpfung ist und wie herrliche die Welt sein kann mit all ihren Farben, ihren Facetten und tausend Wirklichkeiten. Das Erstaunliche ist jedoch, dass man den Eindruck hat, das Fenster sei schon seit Jahrhunderten dort.

Übrigens: Brüllend komisch ist Werner Spiess’ Essay in der FAZ zu dem Fenster. Auch wenn ich die Arbeit von Spiess sehr mag: Ich hab selten eine so verquaste Rezension gelesen. Wer es sich dennoch antun will, bitte sehr: Ein Ozean aus Glas im Kölner Dom

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