Jean Dubuffet in München

23. Juli 2009 | Kein Kommentar

Beim Namen Jean Dubuffet (1901-1985) fallen den meisten Menschen die schraffierten Bilder in Rot, Blau, Weiß und Schwarz ein, doch der Künstler war viel mehr. Eine Übersicht über seine Arbeit zeigen die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung und das Literaturhaus in München. Das Literaturhaus? Ja, denn der Künstler war ein Multitalent: Maler, Bildhauer, Dichter, Schriftsteller, Musiker, Bühnenbildner und Grafiker. Im Literaturhaus sind Künstlerbücher ausgestellt, handgeschriebene Texte, Lithografien und Zeichnungen. Besonders schön ist die erstmalige Übersetzung der Texte in das Deutsche. Dubuffet nutzte einen Mischmasch aus gehobenem Französisch und Argot, die Sprache der Bettler und Gauner im Frankreich des Mittelalters.

In der Kunsthalle erwartet die Besucher ein spannender Rundgang durch Dubuffets Oeuvre. Die Hypo-Kunsthalle hat 150 Gemälde, Skulpturen und Arbeiten auf Papier zusammengetragen. In dem dezentem Grau der Wände wirken die farbenfrohen Arbeiten des Franzosen noch strahlender und leuchtender, die erdigen Materialbilder hingegen noch düsterer.

Viele der Werke sehen aus wie von Kinderhand gezeichnet, naive Kunst sagt man dazu, allerdings ist Dubuffet alles andere als naiv und seine Kunst zutiefst intellektuell. Dubuffet selbst nannte diese Kunstgattung Art Brut, wollte sie jedoch nicht auf seine Arbeit angewendet wissen, sammelte jedoch solche Arbeiten begeistert. Inzwischen wird dieser Begriff auch für naive Kunst und für die Kunst geistig Behinderter angewandt. Dies dürfte auch Dubuffets größter Verdienst sein. Die Kunst von Menschen, die nicht der Norm entsprechen, rückte er ins Licht der Öffentlichkeit. Sammlungen wie die des Psychiaters Hans Prinzenhorn in Heidelberg wären nie so bekannt geworden ohne die Vorarbeit Dubuffets.

Dubuffet, der erst 1944 seine erste Einzelausstellung hatte, nahm die Bildwelt von Kindern und Geisteskranken auf, von Straßenkünstlern und die Schmierereien an öffentlichen Orten. Er propagierte sie als roh und unverfälscht. Er begann mit den figurativen “Marionettes de la ville et de la campagne”. Dubuffet löste sich schnell von der Fläche und mischte Sand, Kitt, Leim und Gips unter die Farben, die so eine taktile Oberfläche erhielten. Es entstanden die oft düster wirkenden, erdigen Materialbilder mit Porträts von Menschen aus Paris, nach Sahara-Reisen auch aus der Wüste. In einem anderen Raum sieht man sinnliche “Corps de dames”, Frauenkörper. Diese sind allerdings alles andere als naiv oder unschuldig. Üppige Brüste und Vaginas in grellen Farben konterkarieren den naiven Stil der Bilder.

Jean Dubuffet, Frau probiert einen Hut, 1943

Jean Dubuffet, Frau probiert einen Hut, 1943
© VG Bild-Kunst, Bonn 2009 – Foto: Fondation Dubuffet, Paris

Seine berühmtesten Werke, die Bilder des “Hourloupe”-Zyklus, entstand zu Beginn der 60er Jahre. Dubuffet schuf zellenartige Strukturen, die er mit Schraffuren füllte. Er beschränkte sich dabei auf die Farben Rot, Schwarz, Blau und Weiß. Oft sind die Zellen Fragmente von gegenständlichen Bildinhalten, wie kleine Puzzle. Ende der 60er Jahre setzte er diese Arbeiten in großformatigen Skulpturen aus Styropor, Polyester und Kunstharz um. Man fühlt sich gelegentlich an knautschige Comicfiguren erinnert, wenn man vor den eigentümlichen Arbeiten steht. Dubuffet schuf Bühnenszenen und Kostüme für sein surrealistisches Theaterstück “Coucou Bazar”, sogar ganze Gartenlabyrinthe wie den “Jardin d’ Émail” im niederländischen Kröller-Müller-Museum. Mit zunehmendem Alter rückten seine Leinwände dann wieder in den Vordergrund, es entstanden große, leuchtende, farbige Werke, von den “Sites” (Gegenden) über die “Mires” (Blickpunkte) bis zu den “Non-lieux” (Nicht-Orte).

Dubuffet war für viele Künstler Vorbild und sowohl die Abstrakten Expressionisten als auch die europäischen Künstler des Informel beriefen sich auf ihn und waren begeistert von seinen Arbeiten. Während das Publikum in Europa anfangs zurückhaltend reagierte und sich fragte, ob das denn überhaupt Kunst sei, feierte Dubuffet in Amerika schnell große Erfolge. Schon 1947 hatte er in der renommierten Galerie von Pierre Matisse in New York seine erste Einzelausstellung. Dabei fing seine Karriere alles andere als viel versprechend an. Er wurde in eine wohlhabende Weinhändlerfamilie in Le Havre geboren. Nach dem Abitur studierte der Kunst in Le Havre, ging dann nach Paris um dort Musik und Philosophie zu studieren und lernte die Surrealisten kennen. Doch er gab auf und ging zurück nach Le Havre, um im elterlichen Betrieb als Weinhändler zu arbeiten. Doch der Schaffensdrang war zu groß und er kehrte der bürgerlichen Welt erneut den Rücken. In der Nachkriegszeit errang er dann schnell weltweiten Ruhm.

Die tolle Retrospektive “Ein Leben im Laufschritt” und die Ausstellung “…das Papier beleben” im Literaturhaus bieten einen umfassenden Überblick über das Schaffen des Tausendsassas. Die Ausstellung läuft noch bis 13. September 2009. Zur Ausstellung erschien ein Katalog bei Schirmer zum Preis von 24 Euro.

Mehr: Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung und Literaturhaus München.

Die Befreiung der Kunst

14. Februar 2008 | Kein Kommentar

Obwohl Mark Rothko (1903-1970) Zeit seines Lebens bestritt, abstrakter Künstler zu sein, wird er als einer der wichtigsten Vertreter des Abstrakten Expressionismus verehrt. Umso erstaunlicher ist es, dass es zwanzig Jahre dauerte, bis ihm in Deutschland wieder eine Retrospektive gewidmet wurde. Die Hypo-Kunsthalle in München hat in einer großartigen Ausstellung die wichtigsten Arbeiten des Malers zusammengetragen und beleuchtet seinen Werdegang.

Mark Rothko, No. 12, 1951

Mark Rothko, No. 12, 1951
Mischtechnik auf Leinwand, 145,4 x 134 cm
Privatleihgabe
© 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/ VG Bild-Kunst, Bonn 2008

Schon in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts begann der Abgesang der Klassischen Moderne, obwohl sie gerade in voller Blüte stand. Paris war zwar noch Welthauptstadt der Kunst, aber die russischen Avangardisten drangen mit aller Macht an die Öffentlichkeit und im Westen begann der unaufhaltsame Aufstieg einer neuen Weltmacht. Diese Entwicklung wurde durch den zweiten Weltkrieg noch verschärft. Nach 1945, als die Europäer mit dem Wiederaufbau beschäftigt waren, schwang sich New York dann endgültig zur neuen Kunstmetropole auf.

Angeführt von amerikanischen Künstlern wie Jackson Pollock, Barnett Newman und Clyfford Still begann eine neue Kunstbewegung ihren Siegeszug. Auch Immigranten wie der Niederländer Willem de Kooning und der Armenier Arshile Gorky verhalfen der neuen Kunst zum Durchbruch. Mit von der Partie war auch der als Kind aus Russland eingewanderte Marcus Rothkowitz, dessen Eltern, russische Juden, vor den Judenprogromen geflüchtet waren.

» Weiterlesen «

Back to the future

13. Juli 2006 | Kein Kommentar

Wie oft haben wir schon gehört, dass die Malerei tot ist. Mal war es die gegenständliche Malerei, dann die Malerei überhaupt. Doch die neuen Medien konnten die Malerei nur ins Dunkel drängen, gestorben ist sie nicht. Eigentlich gab es das ganze 20. Jahrhundert hindurch immer zwei Stränge in der Malerei. Zwar war die Abstraktion die gefeierte, aber die figurative Malerei war immer da. Inzwischen ist sie auch wieder ins Licht zurückgetreten, figurative Malerei ist in. Der Kunstmarkt zahlt Höchstpreise, man denke nur an die “Neue Leipziger Schule”.

Die Hypo-Kunsthalle in München zeigt bis Mitte August die Ausstellung “Zurück zur Figur. Malerei der Gegenwart”. Gleichzeitig nehmen sich auch mehrere Galerien der Stadt des Themas an. Eine schöne Idee, wird doch so ein breites Spektrum zeitgenössischer Malerei präsentiert und ermöglicht einen guten Überblick.

Durch ihre Zusammenstellung machen die Bilder deutlich, welche Genres und Traditionslinien für die aktuelle Malerei wichtig sind. Ein besonderer Reiz liegt im Dialog der verschiedenen Generationen, denn “Altmeister” wie Lucian Freud, Eric Fischl, Mel Ramos, Alex Katz oder Maria Lassnig sind ebenso zu sehen wie Jungstars der Szene, Neo Rauch, Jenny Saville, John Currin oder Glenn Brown, um einige wenige zu nennen. Aber auch weitgehend unbekannte Künstler können und sollen in dieser Ausstellung entdeckt werden. Klasse!

Mehr: www.hypo-kunsthalle.de

Artikel mit den Tags Hypo-Kunsthalle