2. Oktober 2009
China feiert dieser Tage das 60. Jubiläum der Gründung der Volksrepublik – und das mit allerlei Pomp und Getöse. In Deutschland sind derweil zwei Ausstellungen zu sehen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch so ähnlich sind. Ai Weiwei, zeitgenössischer chinesischer Künstler und Publikumsliebling bei der letzten documenta zeigt im Haus der Kunst in München seine neusten Arbeiten. Seine Arbeiten prangern die gesellschaftlichen und politischen Missstände in China an, sein Engagement bringt ihm des öfteren Ärger in seiner Heimat ein.
Am 12. Mai 2008 hatte die Erde in der Provinz Sichuan gebebt. Ai Weiwei wollte in der Region recherchieren, doch die Staatsmacht versuchte, das mit allen Mitteln zu verhindern. Ai Weiwei schaffte es trotzdem, die Namen von 4000 Kindern zu recherchieren, die umgekommen waren und veröffentlichte sie. Wie er, wollte auch Tan Zuoren recherchieren, warum in der Region so viele Schulen einstürzten. Er vermutete Schlampereien bei den Bauarbeiten. Doch er wurde verhaftet und wegen “Unterrgabung der Staatsgewalt” angeklagt. Ai Weiwei reiste extra zum Prozess an, um dem Mitstreiter mit seiner Zeugenaussage zu helfen. In der nacht vor der Zeugenaussage wurde er jedoch verhaftet und misshandelt. Folge dieser “Polizeiaktion” war ein Hämatom im Gehirn, welches in München operiert wurde.
Die Ausstellung “So Sorry” stellt zwei großformatige, eigens für das Haus der Kunst entworfene Arbeiten vor. Außerdem vereint sie frühe Fotografien mit den seit 2003 entstandenen Filmen, der Dokumentation von dem documenta-Projekt “Fairytale” sowie einer Auswahl der seit 1997 entstandenen Werke. Der Titel “So Sorry” zielt auf die neue Entschuldigungskultur ab, mit der Politik und Wirtschaft auf Fehlentwicklungen am Finanzmarkt und andere globale Krisen reagieren.
Die Arbeit “Remembering” wird für die Fassade des Haus der Kunst entworfen und besteht aus 9.000 eigens angefertigten Rucksäcken. Ai Weiwei ruft hiermit das Erdbeben in Sichuan ins Gedächtnis, denn bei den eingestürzten Schulen fanden sich viele Rucksäcke der verschütteten Kinder. Jeder Rucksack hat eine von insgesamt fünf verschiedenen Farben. Ihre Anordnung ergibt in chinesischen Schriftzeichen den Satz “Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt”, mit dem die Mutter eines Erdbebenopfers ihrer Tochter gedachte. Das pixelhaft wirkende Großbild erstreckt sich über eine Länge von 100 Metern und eine Höhe von zehn Meter über die gesamte Fassade und ist mit einer
Stahlkonstruktion an den Säulen vorm Haus befestigt.

Ai Weiwei, Remembering, 2009
Rucksäcke und Metallgestänge, 925 x 10605 x 10 cm
© Ai Weiwei
Ebenfalls für die Ausstellung gefertigt ist der Wollteppich “Soft Ground”, der im grölten Ausstellungsraum eine Fläche von 380 Quadratmetern bedeckt. Das Muster von “Soft
Ground” ist eine getreue Reproduktion der 969 steinernen Bodenfliesen über die der Teppich gebreitet wird. Um die Bodenfliesen und die Spuren, die 70 Jahre
Ausstellungsbetrieb hinterlassen haben, präzise zu rekonstruieren, wurde jede Fliese im Vorfeld einzeln fotografiert und ihre Position verzeichnet. In einer Wollweberei in der
Provinz Hebei handgefertigt, fungiert “Soft Ground” nun als Dämpfer, der den Boden schont und auch eine akustische Wirkung hat.
Zu Ai Weiweis jüngsten und in der Ausstellung präsentierten Werken gehören außerdem: “Rooted upon”, eine 100-teilige Großinstallation von Baumstämmen und -wurzeln aus ganz China, die auf “Soft Ground” installiert wird, sowie “Cube in Ebony”, ein Kubus aus massivem Rosenholz und “Bamboo and Porcelain”, eine in Zusammenarbeit mit Herzog & de Meuron entstandene Installation für die Fassade an der Rückseite des Haus der Kunst.
Zeitgleich zeigt in Frankfurt die Schirn Kunsthalle die Werkgruppe “Der Hof für die Pachteinnahme”, die die Situation der Bauern vor der kommunistischen Staatsgründung anschaulich darstellen und die Vorteile des Kommunismus preisen soll. Geschaffen wurde die 97 (!) Meter lange Skulptur aus Lehm 1965 von einem namenlosen chinesischen Künstlerkollektiv. In sieben aufeinander folgenden Szenen sind die Schrecken des Kapitalismus unter dem Kaiser dargestellt. Dargestellt wurde in der Figurengruppe aus Aufsehern, Ganoven, Bauern und Arbeitern die Ablieferung der Pachteinnahmen an den Feudalherren.

Hof für die Pachteinnahme, 1974–1978 (Original 1965)
Szene 1 – Den Pachtzins abliefern Ausstellungsansicht
Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2009
Man könnte das Werk schnell als Propagandakunst des sozialistischen Realismus abtun, doch das wäre zu einfach. Das Diorama berührt den Betrachter durchaus. Physiognomie und Gestik der Figuren sind realistisch und ausdrucksvoll, die lebensgroßen Gestalten verstärken den realistischen Eindruck. Leid und Mühsal der Landbevölkerung sind eindrucksvoll dargestellt. Ursprünglicher Aufstellungsort ist eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Anwesen des berüchtigten Feudalherren Liu Wencai, dessen Gräueltaten in dem Werk verewigt wurden und der auch selbst in einer Szene erscheint, in der er sich gelangweilt in seinem Thron räkelt und auf die um Gnade flehenden Bauern herabblickt.
Seit seiner Entstehung erfreut sich das Kunstwerk großer Beliebtheit. Gerne wird die Geschichte kolportiert, dass manche Betrachter so erbost sind, dass sie versuchten, Aufseher und den Feudalherren zu verprügeln. Zahlreiche Leihanfragen aus dem In- und Ausland führten 1973 zu einer transportablen Kopie aus verkupfertem Fiberglas, die nun bis 04. Januar 2010 in der Schirn ausgestellt wird.
Unter blog.aiweieei.com bloggt Ai Weiwei. Auf aiweiwei.blog.hausderkunst.de bloggt er auch aktuell zu den Geschehnissen rund um die Ausstellung in München.
23. Juli 2009
Beim Namen Jean Dubuffet (1901-1985) fallen den meisten Menschen die schraffierten Bilder in Rot, Blau, Weiß und Schwarz ein, doch der Künstler war viel mehr. Eine Übersicht über seine Arbeit zeigen die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung und das Literaturhaus in München. Das Literaturhaus? Ja, denn der Künstler war ein Multitalent: Maler, Bildhauer, Dichter, Schriftsteller, Musiker, Bühnenbildner und Grafiker. Im Literaturhaus sind Künstlerbücher ausgestellt, handgeschriebene Texte, Lithografien und Zeichnungen. Besonders schön ist die erstmalige Übersetzung der Texte in das Deutsche. Dubuffet nutzte einen Mischmasch aus gehobenem Französisch und Argot, die Sprache der Bettler und Gauner im Frankreich des Mittelalters.
In der Kunsthalle erwartet die Besucher ein spannender Rundgang durch Dubuffets Oeuvre. Die Hypo-Kunsthalle hat 150 Gemälde, Skulpturen und Arbeiten auf Papier zusammengetragen. In dem dezentem Grau der Wände wirken die farbenfrohen Arbeiten des Franzosen noch strahlender und leuchtender, die erdigen Materialbilder hingegen noch düsterer.
Viele der Werke sehen aus wie von Kinderhand gezeichnet, naive Kunst sagt man dazu, allerdings ist Dubuffet alles andere als naiv und seine Kunst zutiefst intellektuell. Dubuffet selbst nannte diese Kunstgattung Art Brut, wollte sie jedoch nicht auf seine Arbeit angewendet wissen, sammelte jedoch solche Arbeiten begeistert. Inzwischen wird dieser Begriff auch für naive Kunst und für die Kunst geistig Behinderter angewandt. Dies dürfte auch Dubuffets größter Verdienst sein. Die Kunst von Menschen, die nicht der Norm entsprechen, rückte er ins Licht der Öffentlichkeit. Sammlungen wie die des Psychiaters Hans Prinzenhorn in Heidelberg wären nie so bekannt geworden ohne die Vorarbeit Dubuffets.
Dubuffet, der erst 1944 seine erste Einzelausstellung hatte, nahm die Bildwelt von Kindern und Geisteskranken auf, von Straßenkünstlern und die Schmierereien an öffentlichen Orten. Er propagierte sie als roh und unverfälscht. Er begann mit den figurativen “Marionettes de la ville et de la campagne”. Dubuffet löste sich schnell von der Fläche und mischte Sand, Kitt, Leim und Gips unter die Farben, die so eine taktile Oberfläche erhielten. Es entstanden die oft düster wirkenden, erdigen Materialbilder mit Porträts von Menschen aus Paris, nach Sahara-Reisen auch aus der Wüste. In einem anderen Raum sieht man sinnliche “Corps de dames”, Frauenkörper. Diese sind allerdings alles andere als naiv oder unschuldig. Üppige Brüste und Vaginas in grellen Farben konterkarieren den naiven Stil der Bilder.

Jean Dubuffet, Frau probiert einen Hut, 1943
© VG Bild-Kunst, Bonn 2009 – Foto: Fondation Dubuffet, Paris
Seine berühmtesten Werke, die Bilder des “Hourloupe”-Zyklus, entstand zu Beginn der 60er Jahre. Dubuffet schuf zellenartige Strukturen, die er mit Schraffuren füllte. Er beschränkte sich dabei auf die Farben Rot, Schwarz, Blau und Weiß. Oft sind die Zellen Fragmente von gegenständlichen Bildinhalten, wie kleine Puzzle. Ende der 60er Jahre setzte er diese Arbeiten in großformatigen Skulpturen aus Styropor, Polyester und Kunstharz um. Man fühlt sich gelegentlich an knautschige Comicfiguren erinnert, wenn man vor den eigentümlichen Arbeiten steht. Dubuffet schuf Bühnenszenen und Kostüme für sein surrealistisches Theaterstück “Coucou Bazar”, sogar ganze Gartenlabyrinthe wie den “Jardin d’ Émail” im niederländischen Kröller-Müller-Museum. Mit zunehmendem Alter rückten seine Leinwände dann wieder in den Vordergrund, es entstanden große, leuchtende, farbige Werke, von den “Sites” (Gegenden) über die “Mires” (Blickpunkte) bis zu den “Non-lieux” (Nicht-Orte).
Dubuffet war für viele Künstler Vorbild und sowohl die Abstrakten Expressionisten als auch die europäischen Künstler des Informel beriefen sich auf ihn und waren begeistert von seinen Arbeiten. Während das Publikum in Europa anfangs zurückhaltend reagierte und sich fragte, ob das denn überhaupt Kunst sei, feierte Dubuffet in Amerika schnell große Erfolge. Schon 1947 hatte er in der renommierten Galerie von Pierre Matisse in New York seine erste Einzelausstellung. Dabei fing seine Karriere alles andere als viel versprechend an. Er wurde in eine wohlhabende Weinhändlerfamilie in Le Havre geboren. Nach dem Abitur studierte der Kunst in Le Havre, ging dann nach Paris um dort Musik und Philosophie zu studieren und lernte die Surrealisten kennen. Doch er gab auf und ging zurück nach Le Havre, um im elterlichen Betrieb als Weinhändler zu arbeiten. Doch der Schaffensdrang war zu groß und er kehrte der bürgerlichen Welt erneut den Rücken. In der Nachkriegszeit errang er dann schnell weltweiten Ruhm.
Die tolle Retrospektive “Ein Leben im Laufschritt” und die Ausstellung “…das Papier beleben” im Literaturhaus bieten einen umfassenden Überblick über das Schaffen des Tausendsassas. Die Ausstellung läuft noch bis 13. September 2009. Zur Ausstellung erschien ein Katalog bei Schirmer zum Preis von 24 Euro.
Mehr: Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung und Literaturhaus München.
10. Oktober 2008
Das Haus der Kunst in München bietet hervorragende Ausstellungen. Die gerade erst zu Ende gegangene Robert Rauschenberg-Ausstellung war so eine oder die Ausstellung zu Luc Tuymans im Frühjahr. Ach ja, und natürlich die “Gilbert & George”-Retrospektive im vergangenen Jahr.
Man darf das Haus der Kunst also ruhigen Gewissens empfehlen. Wenn dann noch eine Ausstellung gastiert, die das Label “Centre Pompidou” trägt, gerät man erst recht in Verzückung und Erregung. Die nun gezeigte Schau “Spuren des Geistigen” (bis 11. Januar 2009) will sich auf die Suche nach dem Spirituellen in der Kunst machen. “Spuren des Spirituellen” oder “Spuren des Heiligen” wäre wohl eine bessere Übersetzung von “Traces du Sacré” gewesen.
Mit der Säkularisierung der Gesellschaft im 19. Jahrhundert hat sich die Kunst von den klassischen Bildsujets der Heiligen und der Bibelszenen abgekehrt. Eine neue Bildsprache hielt Einzug. Dies bedeutete jedoch nicht das Ende der Metaphysik. Aber die KünstlerInnen begeben sich auf die Suche, hinterfragen und versuchen Offenbarungen des Göttlichen im Alltag zu finden.

Andreas Gursky, Kathedrale I, 2007,
Copyright: Andreas Gursky / VG Bild-Kunst, Bonn 2008
Courtesy: Monika Sprüth / Philomene Magers, Köln München London
In 16 Kapiteln fächert die groß angelegte Ausstellung zentrale Themen verschiedener Epochen seit der Romantik auf: von Götterdämmerung über Ritual, Kosmos, Trance und Profanierung bis hin zur psychedelischen kunst der Beatgeneration, Zen oder zeitgenössischen Sakralkunst. Werke der Gegenwart treten dabei mit jenen des 19. und 20. Jahrhunderts in einen Dialog.
So weit so gut. Einen Besuch ist die Ausstellung auch deshalb wert, weil sie großartige Werke vereint. Aber wozu? Die Ausstellung erscheint wie ein Sammelsurium aus Depotstücken des Centre Pompidou, die das Pariser Museum einfach mal wieder ans Licht der Öffentlichkeit zerren wollte.
Allein das Ausstellungsthema ist so schwmmig gewählt, dass nahezu jedes Kunstwerk der letzen 150 Jahre darin Platz finden könnte. Kaum ein Werk, in dem sich mit ein bisschen gutem Willen nicht Spuren des Geistigen finden lassen. Nahezu überall lässt sich die Suche des Künsters nach Gott, nach dem Spirituellen, ausfindig machen.
Los geht es mit Goyas “Los Desastres de la Guerra”, eine fast schon erschrockene Erkenntnis über das Böse in der Welt. Dann folgen Caspar David Friedrichs romantische “Ruinen in der Abenddämmerung” von 1831, eine Verklärung der Natur. Natürlich dürfen auch De Chririocos Metafiscia-Bilder nicht fehlen. In der Ausstellung sind “Die Sehnsucht nach dem Unendlichen (1912/13) und “Der große Metaphysiker” von 1917 zu sehen.
Und dann? Es geht quer Beet. Kandinsky? Klar, der hat sich intensiv mit dem Spirituellen in der Kunst auseinandergesetzt und sogar ein Manifest zum Thema verfasst. Malewitsch? Die Suche nach dem Absoluten, nach dem Nullpunkt in der Kunst ist auch Suche nach dem Ursprung der Welt. Kann man aufhängen. Man Ray? Der ist mit “Das Gebet” vertreten. Eine junge Frau, kniet nieder und bückt sich nach vorne. Ihre Scham bedeckt sich mit den Händen von hinten. Eine Anspielung auf den Ursprung der Welt, das göttlich Weibliche? Na ja, gut, rein damit. Aber Picassos Frauenbüste (1907)? Massons Dionysos? Duchamps “Gebüsch”? Pollocks “The Moon-Woman cuts the circle”? Es beginnt die Beliebigkeit.
Erst in der zeitgenössischen Kunst wird es wieder klarer, versteht man wieder, worum es gehen soll. Viele Künstler beschäftigen sich mit der Suche nach dem Heiligen. Manche versuchen dem Betrachter zu erklären, dass Gott längst tot ist, andere sind auf der Suche und spüren dem Göttlichen nach und wieder andere wollen dem Betrachter förmlich das Göttliche im Menschen und seiner Welt offenbaren.
Andreas Gursky hält mit der Kamera Spuren des Göttlichen in Kathedrale I (2007) fest, als transzendentale Atmosphäre. Allerdings ist die Kirche leer und Gott durch ein überdimensionales Loch im Boden abgehauen. Bruce Nauman erklärt uns mit “The True Artist Helps the World by Revealing Mystic Truths” (1967) die Aufgaben eines Künstlers und Martin Kippenberger sorgt mit dem zweideutigen “Was ist der Unterschied zwischen Casanova und Jesus? Der Gesichtausdruck beim Nageln” (1990) für Provokationen. Ein Frosch mit leidendem Gesichtsausdruck und heraushängender Zunge ist an ein Kreuz genagelt.
Ein Besuch der Ausstellung lohnt sich, weil einfach viel Kunst auf hohem Niveau vertreten ist, aber das Thema der Ausstellung ist einfach nicht treffend genug dargelegt, zu weitschweifig, der Katalog nicht wirklich erhellend. Schade darum, hätte man sich etwas mehr auf das Wesentliche konzentriert, hätte das durchaus schön werden können.
5. August 2008
Der Name Robert Rauschenberg ist untrennbar verbunden mit der Pop-Art. Neben Andy Warhol, Roy Liechtenstein und Jasper Jones hat keiner diesen Stil so sehr geprägt wie er. Doch während die anderen Vertreter der Pop-Art vor allem als Maler arbeiteten, ging Rauschenberg schon früh einen Schritt weiter.

Robert Rauschenberg, Volon (Cardboard), 1971 Karton, 141 x 373 x 27,3 cm
© Robert Rauschenberg / VG Bild-Kunst, Bonn 2008
Foto: Ellen Labenski
Schon in den fünfziger Jahren begann Rauschenberg, Fundstücke und Alltagsgegenstände in seine Arbeiten einfliessen zu lassen. Seine Gemälde wuchsen in den Raum. Inspirieren liess er sich dabei von Dadaisten und abstrakten Expressionisten. Die “Combine Paintings” genannten Assemblagen verbinden Malerei mit alltäglichen Gegenständen wie Tapetenresten, Postkarten, Glühbrinen, Elektrogeräten und allerlei weiteren Fundstücken. So bezieht der Künstler seine Lebenswelt in die Werke ein. Rauschenbergs Antrieb war es, die Lücke zwischen realer Welt und Bildwelt zu schließen bzw. zu überbrücken. Im Zentrum seiner Werke steht die Frage, wie wir die Welt wahrnehmen.
In den sechziger Jahren arbeitete Rauschenberg vor allem mit bunten Collagen, die er aus amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften ausschnitt. Intensiv beschäftigt er sich mit der Ikonografie der amerikanischen Kultur, mit Kommerz, Politik und dem neuen Medium “Fernsehen”. Den Schnipseln gab er mit Farben neue Betonungen.
Immer wieder ging Rauschenberg auf die Suche nach neuen Möglichkeiten des Ausdrucks. Als er Anfang der siebziger Jahre nach Captiva Island in Kalifornien zog, begann er, intensiv zu reisen. Zwischen 1970 und 1976 besuchte er zahlreiche europäische Länder, aber auch Indien und Israel. Die in dieser Zeit entstandenen Werkgruppen werden nun in der Ausstellung “Robert Rauschenberg. Travelling 1970 – ‘76″ im Münchner Haus der Kunst gezeigt.

Die bisher selten präsentierten Werkgruppen “Cardboards” (1971), “Venetians” (1972–1973), “Early Egyptians” (1973–1974), “Made in Israel” (1974), “Hoarfrosts” (1974–1975) und “Jammers” (1975–1976) sind von außergewöhnlicher Schlichtheit und Präzision und wurden mit neuen Materialien und Techniken geschaffen, die Kunst bis heute inspirieren.
In den “Cardboards” zeigt sich Rauschenbergs Neigung zum Monochromen und Abstrakten. Der Künstler verwendete für die großformatigen Assemblagen gefundene Pappkartons und Pappen. Gebrauchsspuren, Aufkleber und Stempel blieben erhalten. Auf der Suche nach einem Material, das es einfach überall auf der Welt gibt, muss er wohl beim Umzug nach Captiva Island über die Umzugskartons gestolpert sein. Anders als die Dadaisten, die Pappe als ästhetisches Beiwerk in ihren Assemblagen verwendeten, verwendete Rauschenberg die Pappe als primäres Ausdrucksmittel.
Die “Venetians” entstanden nach einer Reise nach Venedig. Hier nutzte Rauschenberg vor allem Materialien aus der Massenproduktion und Fundstücke aus dem Haushalt. Stoffe, Stricke, Holz, Leder, Stein, Kabel und Drähte, Stühle Vasen, Kissen eine alte Badewanne und Altmetall kommen zum Einsatz. Charakteristisch sind die Bezüge zur venezianischen Bildwelt. Die Objekte sind aber nie rein gegenständlich und behalten ihre Selbstständigkeit und Identität. Das Alltägliche, Gewöhnliche, Banale wird zum Kunstgegenstand erhoben und in einen kulturellen Kontext gesetzt oder wie Rauschenberg in einem Interview sagte:”Die Stärke meiner Arbeit […] ist die Tatsache, dass ich mich entschlossen habe, das Gewöhnliche zu adeln.”
Bei den “Early Egyptians” fielt Rauschenberg wieder auf die Kartons zurück, sein Umgang mit dem Material änderte sich aber grundlegend. Die Pappschachteln wurden nicht mehr plattgedrückt und zerschnitten, sondern blieben heil. Stattdessen beklebte er sie mit Sand oder umwickelte sie mit Mullbinden, als ob es Mumien wären. Aus Papiertüten und Stoff bastelte er einen Sarkophag, aus dem die Mumie gerade entstiegen zu sein scheint. In den “Hoarfrosts” (Reif, Raureif) überlappen sich bedruckte Stoffe in zum Teil leuchtenden Farben und erzählen von Auflösung und Schwebezustand, von Verhüllen und Transparenz, Leichtigkeit und Schwere. In Ägypten war Rauschenberg übrigens nie, Inspiration für die Werke fand er im Louvre.
1975 besuchte Rauschenberg Indien. Als er zurückkam, entstand die Werkgruppe “Jammers”, ein wahrer Ausbruch an Farbenfreude. So zart die Hoarfrosts sind, so stark und klar sind die Jammers-Werke. Der Begriff “Jammer” erinnert an die Segel der großen Windjammer und soll einen Bezug zum Reisen setzen. Die Stoffe sind in leuchtenden Farben gehalten und aus Rechtecken, Quadraten, Streifen und Dreiecken zusammengesetzt.
Das Haus der Kunst hat in Zusammenarbeit mit dem Museo de Arte Contemporanea in Porto eine wirklich interessante Ausstellung konzipiert, die den kürzlich verstobenen Rauschenberg in interessanten Facetten zeigt, die bisher weitgehend unbekannt blieben. Die Ausstellung ist noch bis 14. September 2008 in München zu sehen.
15. Februar 2008
Ich habe vor einigen Wochen eine neue Galerie entdeckt, die ich bisher noch nicht auf meinem Radarschirm hatte. Vielleicht liegt es daran, dass mir Galerien suspekt sind, die nicht den Namen der Inhaber tragen sondern so wahnsinnig fantasievolle Namen wie Kunstraum, raum 08/15, schicke englische Termini oder irgendwelche kryptischen Zahlenkürzel. Ich muss vorurteilsfreier werden, denn die Galerie Lichtpunkt ist ein kleines Schmankerl und ein wahrer Lichtpunkt in der bayrischen Hauptstadt.
Für mich war die Galerie eine Entdeckung in den letzten Wochen und ich kann nur jedem nahelegen, die Galerie bei einem Münchenbesuch unbedingt zu besuchen. Das Portfolio der Galerie ist ausgezeichnet und die Ausstellungen der letzten Jahre fast alle wirklich hochkarätig. Galerist Horst Ambacher präsentiert vor allem zeitgenössische Kunst im Bereich der figurativen Malerei, aber auch Fotografie und Installationen sind in der Galerie zu finden. Besonders interessant waren die letzten beiden Ausstellungen.

Daniel Schüßler, “Dynastie Discordia”, 2007
Collage/Acryl auf Leinwand, 120 x 150 cm
© Galerie
Gerade vorbei ist die Ausstellung des Künstlers Daniel Schüßler, der in seinen Gemälden der Frage nach geht, wie wir zukünftig leben wollen – oder können – oder müssen. Spannend ist vor allem die Verknüpfung aus gemaltem Bildraum und fotografischen und digitalen Elementen, die Reales und Fiktion verschwimmen lässt. Er malt meist menschenleere Landschaften in denen Behausungen stehen. Außerdem arbeitet Schüßler auch mit Installationen. Zu fast jeder Leinwandarbeit fertigt er ein Modell, das sich als Collagebestandteil in der Leinwandarbeit wiederfindet.Vom Pappkarton über amerikanische Holzhäuser bis zum “Hubhaus” ist alles dabei. Diese urbanen Landschaften wirken kalt, abweisend und unfertig, als sei alles im Wiederaufbau nach einem nuklearen Katastrophe. Manchmal wirken die Häuser, als seien sie aus Ruinen entstanden und mit gefundenem Baumaterial ergänzt. Schüßler nennt das postdestruktive Kreativität.
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14. Februar 2008
Obwohl Mark Rothko (1903-1970) Zeit seines Lebens bestritt, abstrakter Künstler zu sein, wird er als einer der wichtigsten Vertreter des Abstrakten Expressionismus verehrt. Umso erstaunlicher ist es, dass es zwanzig Jahre dauerte, bis ihm in Deutschland wieder eine Retrospektive gewidmet wurde. Die Hypo-Kunsthalle in München hat in einer großartigen Ausstellung die wichtigsten Arbeiten des Malers zusammengetragen und beleuchtet seinen Werdegang.

Mark Rothko, No. 12, 1951
Mischtechnik auf Leinwand, 145,4 x 134 cm
Privatleihgabe
© 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/ VG Bild-Kunst, Bonn 2008
Schon in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts begann der Abgesang der Klassischen Moderne, obwohl sie gerade in voller Blüte stand. Paris war zwar noch Welthauptstadt der Kunst, aber die russischen Avangardisten drangen mit aller Macht an die Öffentlichkeit und im Westen begann der unaufhaltsame Aufstieg einer neuen Weltmacht. Diese Entwicklung wurde durch den zweiten Weltkrieg noch verschärft. Nach 1945, als die Europäer mit dem Wiederaufbau beschäftigt waren, schwang sich New York dann endgültig zur neuen Kunstmetropole auf.
Angeführt von amerikanischen Künstlern wie Jackson Pollock, Barnett Newman und Clyfford Still begann eine neue Kunstbewegung ihren Siegeszug. Auch Immigranten wie der Niederländer Willem de Kooning und der Armenier Arshile Gorky verhalfen der neuen Kunst zum Durchbruch. Mit von der Partie war auch der als Kind aus Russland eingewanderte Marcus Rothkowitz, dessen Eltern, russische Juden, vor den Judenprogromen geflüchtet waren.
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17. Januar 2008
Die Künstlergruppe “Die Scholle” war lange aus dem kollektiven Gedächtnis der Kunstwelt verschwunden. Jetzt zeigt das Museum Georg Schäger in Schweinfurt bis 01. Juni 2008 “DIE SCHOLLE. Eine Künstlergruppe zwischen Sezession und Blauer Reiter” mit Werken aus der Sammlung Unterberger.

Leo Putz, Sommerträume (Morgensonne), 1907
Öl auf Leinwand, Sammlung Siegfried Unterberger
© VG Bild-Kunst, Bonn 2007
Der Name der Müncher Künstlervereinigung ist eher mißverständlich, denn es ging den Künstlern nicht so sehr um die heimatliche Scholle. Um das klarzustellen, liess man verlautbaren: Die Scholle habe “kein anderes gemeinsames Ziel, keine andere Marschroute, als dass jeder seine eigene „Scholle“ bebaue, die freilich auf keiner Landkarte zu finden ist.” Den 12 Künstlern gemeinsam war wohl nur ein ungezwungener und farbenfroher Stil mit einem Hang zur subjektiven Naturdarstellung, der am ehesten dem Impressionismus nahe stand. Thematisch voneinander unabhängig, verfolgten die „Scholle“-Maler die Vorstellung, Kunst, Natur und Leben im Sinne der reformbewegten Atmosphäre und des Naturlyrismus miteinander zu vereinen.
Die Scholle entstand im November 1899 im wesentlich aus Mitgliedern der Münchner Sezession, welche überwiegend an der Akademie der bildenden Künste München in der Malklasse von Professor Paul Hoecker zusammenkamen. Viele Mitglieder waren zuvor in der Gruppe G zusammengeschlossen. Die Mitglieder der Scholle wollten ihre Werke vor allem ohne das Kunstdiktat des Münchner Malerfürsten Franz von Lenbach ausstellen.
Die Bedeutung der Scholle-Künstler darf nicht unterschätzt werden. In ihrer Forderung nach einer jungen und individuellen Kunst leitete die Scholle eine Entwicklung ein, welche in den erwähnten Künstlergruppen Brücke und Blauer Reiter seine Fortsetzung fand. Außerdem arbeiteten alle Mitglieder der Gruppe an der Zeitschrift die “Jugend” mit, welche dem Jugendstil seinen Namen gab. Nachdem sich die meisten Mitglieder im Kunstbetrieb etabliert hatten, löste sich die Scholle im Jahre 1911 auf. Zu den wichtigsten Mitgliedern gehörten Gustav Bechler, Reinhold Max Eichler, Fritz Erler, Adolf Höfer, Adolf Münzer, Leo Putz und Franz Wilhelm Voigt und Robert Weise.
Mehr Informationen auf den Webseiten des Museums Goerg Schäfer. Wer sich für die Künstlergruppe interessiert, sollte auf jeden Fall zu dem opulenten Katalog
greifen, der sich als Standardwerk etablieren dürfte.
13. Juli 2006
Wie oft haben wir schon gehört, dass die Malerei tot ist. Mal war es die gegenständliche Malerei, dann die Malerei überhaupt. Doch die neuen Medien konnten die Malerei nur ins Dunkel drängen, gestorben ist sie nicht. Eigentlich gab es das ganze 20. Jahrhundert hindurch immer zwei Stränge in der Malerei. Zwar war die Abstraktion die gefeierte, aber die figurative Malerei war immer da. Inzwischen ist sie auch wieder ins Licht zurückgetreten, figurative Malerei ist in. Der Kunstmarkt zahlt Höchstpreise, man denke nur an die “Neue Leipziger Schule”.
Die Hypo-Kunsthalle in München zeigt bis Mitte August die Ausstellung “Zurück zur Figur. Malerei der Gegenwart”. Gleichzeitig nehmen sich auch mehrere Galerien der Stadt des Themas an. Eine schöne Idee, wird doch so ein breites Spektrum zeitgenössischer Malerei präsentiert und ermöglicht einen guten Überblick.
Durch ihre Zusammenstellung machen die Bilder deutlich, welche Genres und Traditionslinien für die aktuelle Malerei wichtig sind. Ein besonderer Reiz liegt im Dialog der verschiedenen Generationen, denn “Altmeister” wie Lucian Freud, Eric Fischl, Mel Ramos, Alex Katz oder Maria Lassnig sind ebenso zu sehen wie Jungstars der Szene, Neo Rauch, Jenny Saville, John Currin oder Glenn Brown, um einige wenige zu nennen. Aber auch weitgehend unbekannte Künstler können und sollen in dieser Ausstellung entdeckt werden. Klasse!
Mehr: www.hypo-kunsthalle.de