26. November 2009
Gleich drei Museen in Nordrhein-Westfalen ehren derzeit den Künstler Gerhard Hoehme zu seinem 20. Todestag. Das museum kunst palast (Düsseldorf) präsentiert Arbeiten auf Papier aus der Gerhard und Margarete Hoehme-Stiftung, ergänzt um Zeichnungen und Druckgraphik aus der eigenen Sammlung. Das Museum Küppersmühle (Duisburg) gibt in einer großen, retrospektiv angelegten Werkschau Einblick in die wesentlichen Schaffensprozesse zwischen 1955 und 1989 und die Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum (Duisburg) zeigt bildplastische Werke aus eigenem Besitz.
Gerhard Hoehme, das wilde blaue Bild, 1956/57
Sammlung Ströher, Darmstadt
Foto: Katalog / (c) VG Bild-Kunst, Bonn
Hoehme gehörte zu den wichtigsten Vertretern des deutschen Informel und der Lyrischen Abstraktion. Seine “Shaped Canvases” sind in der gestischen Malerei der fünfziger udn sechziger Jahre zu verorten, jener Zeit, als der abstrakte Expressionismus New York in die erste Liga der Kunst katapultierte und die Europäer in den Hintergrund drängte. Ähnlich wie für die Amerikaner war für Hoehme das Bild ein offenes, energetisches Feld, das es zu erforschen und zu gestalten galt. Intensiv suchte Hoehme nach den Grenzen des Bildes und seines Raumes. “Den Gesetzen der Fläche“, sagte Gerhard Hoehme 1957, „bin ich immer nur widerwillig gefolgt. Weit mehr hat mich die Gesetzmäßigkeit der Farbe, ihr Strömen und Wachsen, ihre Materie und Struktur interessiert. Beim Umgang mit ihr, beim Eingehen auf ihre Möglichkeiten hemmten mich oft die Ränder des Rechtecks.“
Intensiv erforschte Hoehme die materielle Beschaffenheit seiner Malmittel, experimentierte mit kunstfremden industriellen Materialien. Da mussten schon mal Tischdecken als Bildhintergründe herhalten und Polyethylenschläuche eroberten den Raum aus dem Bild heraus, entgrenzen Linie und Leinwand. Schnittmuster wurden genauso verwendet wie aufgezeichnete Kardiogramme. Mit zunehmendem Alter werden Hoehmes Arbeiten immer experimenteller.
Gerhard Hoehme, rot…rot…rot, 1975
Sammlung Ströher, Darmstadt
Foto: Katalog / (c) VG Bild-Kunst, Bonn
Das Museum Küppersmühle präsentiert eine chronologische Auswahl von rund 70 Arbeiten aus allen entscheidenden Werkphasen der Jahre 1955 bis 1989: Gemälde, Materialbilder, Objektkästen, didaktische Zeichnungen, Plastiken und rauminstallative Arbeiten aus öffentlichen und privaten Sammlungen. Die Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum zeigt in den zentralen Sammlungsräumen der Großen Glashalle rund 20 Werke aus dem eigenen Bestand. Bildplastische Arbeiten der Jahre 1957 bis 1974, dazugehörige Skizzen sowie Bilder, Zeichnungen und Druckgrafiken geben Einblicke in das bildplastische Werk des Künstlers. Mehr als 25 Jahre nach der Ausstellung “Schnüre”, die Gerhard Hoehme 1972 im Lehmbruck Museum zeigte, wird der überwiegende Teil des Sammlungsbestands erstmals wieder zusammenhängend präsentiert.
Intensiv arbeitete Hoehme auch mit Zeichnung, Druckgrafik und Radierung. Das museum kunst palast in Düsseldorf zeigt 80 Arbeiten auf Papier. Die Ausstellung zeigt überraschende Analogien zum malerischen Werk und offenbart, dass für Hoehme Malerei, Plastik und Zeichnung untrennbar verbunden waren. So entstehen zeitgleich zu den Borkenbildern Arbeiten auf geschichteten und zerknülltem Japanpapier. Im Alter werden auch die Zeichnungen experimenteller,der skriptuale Anteil in den Arbeiten steigt und Malerei und Zeichnung verschmelzen weiter.

Weitere Informationen bei den Museen oder bei dem Gerhard Hoehme Archiv.
10. November 2008
Wie ich neulich lernen durfte, sagen Jugendliche heute nicht mehr “cool” oder “geil” wie zu meiner Zeit, sondern “voll porno”. Das trifft auch auf die Ausstellung “Diana und Actaeon. Der verbotene Blick auf die Nacktheit” im Düseldorfer museum kunst palast zu, die ist nämlich wirklich sehenswert. Voll porno, das findet auch die BILD-Zeitung, die findet die Schau allerdings nicht cool, sondern echauffiert sich über die Darstellungen und meint, das sei einfach nur Pornographie und keine Kunst.
Ihren Namen hat die Ausstellung von Ovids Mythos der Diana und des Actaeon. Bei einem Streifzug durch den Wald entdeckt der Jäger Actaeon die Göttin Diana beim gemeinsamen Bad mit ihren Nymphen. Überrascht vom begehrenden Blick des Actaeon, verwandelt die nackte Göttin der Jagd den Jäger in einen Hirsch. Von seinen eigenen Hunden nicht mehr erkannt, zerfleischen diese den hilflosen Actaeon.

Eric Fischl, Bad Boy, 1981
Öl auf Leinwand, 167,5 x 244 cm
Privatsammlung, Courtesy Thomas Ammann Fine Art, Zürich
Die Ausstellung zeigt ein großes Konvolut von 300 Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und Grafiken sowie Fotografien und Videos, die sich dem Themenkomplex von Keuschheit und Begehren, von Sehen und Gesehen werden, von Voyeurismus und Exhibitionismus widmen. So illustriert die Schau auch ein Thema, dessen Darstellung bis heute als Tabu gilt: die explizite Zurschaustellung des Geschlechts. All zu schnell schreien viele hier eben sofort “Porno!”. Dabei will die Ausstellung nicht einfach nur eine weitere zum Thema der Erotik in der Kunst sein, sondern konzentriert sich mit präzisen Fragestellungen auf Bildwerke, die vom verbotenen Blick auf das zumeist weibliche Geschlecht handeln.
Die Ausstellung handelt von Begierde, der verschlungenen Verknüpfung von Geschlecht und Geschlechtlichkeit mit Schönheit, Wahrheit und Ekstase. Sie handelt von Tabus und Tabubruch, von Schuld und Bestrafung und von der Erkenntnis, die unschuldig nicht zu haben ist. Dabei thematisiert sie ebenso die vielschichtige Faszination des Blickes auf den schönen weiblichen Körper, aber auch das Entsetzen, welches der Anblick des demonstrativ und schamlos unverhüllten weiblichen Geschlechts beim Betrachter auslösen kann.
So wie bei Eric Fischls Bad Boy (1981). Wahrlich ein böser Junge. Durch die Jalousien eines Fensters fällt Licht auf ein Bett. Auf diesem räkelt sich eine nackte Schöne. Den jungen Mann im Vordergrund bemerkt sie nicht oder es ist ihr egal, dass er da ist. Sie gibt sich ganz dem Augenblick hin. Durch die gespreizten Beine sieht der Betrachter ihre ganze Weiblichkeit.
Der böse Junge hat dem Betrachter den Rücken zugewandt und schaut der Frau zu. Hinter ihm steht auf dem Schreibtisch eine Handtasche. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Öffnung der Handtasche einer Vagina nicht unähnlich ist. Die Hand des Voyeurs ist tief in der Handtasche verschwunden. Wie zufällig steht auch eine Obstschale mit Bananen auf dem Tisch. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, denn kein anderes Obst erinnert so sehr an einen Phallus, wie die Banane.
Ein tolles Kunstwerk, weil der Betrachter minutenlang vor der Werk stehen kann und darüber nachdenken kann, was dort geschieht. Der Maler hat viele Andeutungen und Informationen in das Bild gesteckt.
Der Frau scheint es egal zu sein, dass sie beobachtet wird, vielleicht zieht sie sogar einen Lustgewinn daraus, beobachtet zu werden. Die Hand in der Handtasche wirft gleich mehrere Fragen auf. Stiehlt der Bad Boy der Dame Geld? Die frivole Andeutung dürfte mehr sagen: Sigmund Freud höchstselbst deutete das Symbol der Handtasche als Vagina.
Ist er böse, weil er die Situation ausnutzt oder weil er der Frau in einem intimen Moment zuschaut und ihre Gleichgültigkeit ausnutzt? Deutet Fischl hier gar einen Ödipus-Komplex an,weil der Junge seien Mutter begehrt, was der Maler mit dem Griff in die Vagina – Verzeihung – in die Handtasche andeutet?
Oder ist etwa der Maler selbst der Bad Boy, weil er es wagte, der totgesagten figurativen Malerei mit diesem Bild neues Leben einzuhauchen? In Amerika löste das Bild Anfang der achtziger Jahre jedenfalls einen kleinen Skandal aus und machte den Maler über Nacht berühmt.
Die Ausstellung ist grandios und mit 300 Werken von 200 Künstlern mehr als opulent. Die Ausstellung aufgrund von ein paar wenigen grenzwertigen Bildern als pornographisch abzutun, wie es die BILD-Zeitung tut, ist nicht nur oberflächlich, es ist schlicht dumm. Natürlich sind Bilder wie die Fotografien von Nobuyoshi Araki so lange keine Pornografie, so lange es nicht um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse geht, es also ganz klar einen künstlerischen Willen des Künstlers gibt und die Bildaussage klar ist. Auch wenn ich kein großer Fan von Araki bin, ich habe keine Pornographie entdecken können.
Ein kleiner Wermutstropfen ist die Fülle der Werke, da wirkt die Auswahl einfach manchmal zu beliebig und es wird langweilig. Ein wenig mehr Vorauswahl wäre vielleicht klug gewesen. Und was mancher Betrachter als pornographisch empfindet, ist meist nicht mehr als die Zurschaustellung eben jenes intimsten Körperteils. Und das ist ist mehr langweilig und banal als wirklich pornographisch.
28. Oktober 2008
Sicherlich kann man bei dem ein oder anderen Künstler darüber streiten, ob das, was er produziert, Kunst ist oder Kitsch und manchmal sogar, ob die Grenze zur Pornographie überschritten wird. Doch dazu müsste man erst einmal klären, ob Pornographie grundsätzlich keine Kunst sein kann, also ob ein Werk entweder Kunst ODER Pornographie ist. So einfach ist das sicher nicht, denn ein pornographischer Inhalt kann künstlerische Aussagen transportieren, wenn das so gewollt ist.
Für die BILD-Zeitung gilt das nicht. Heute bespricht Dr. Dorothee Achenbach die Ausstellung “Diana und Actaeon. Der verbotene Blick auf die Nacktheit” im Museum Kunst Palast in Düsseldorf. Dabei wird im Teaser gefragt: Ab wann ist Porno Kunst? Da sie die Frage nicht beantworten kann oder will, echauffiert sie sich kurz über den schrecklichen Tabubruch und meint zum Abschluss: “Mit Kunst hat das nichts zu tun.” Danke, dass wir das erfahren durften. Nur: Was hat die nackte Dame auf “Seite 1″ mit Journalismus zu tun, liebe Frau Achenbach?
Eine ernsthafte Ausstellungsrezension gibt es in ein paar Tagen hier!
25. Oktober 2007
Für viele von uns liegt New York immer noch näher als Moskau. Die meisten Urlaubswilligen können sich durchaus vorstellen, bei einer Shoppingtour durch New York auch mal im MoMA vorbeizuschauen, aber nach Moskau oder St. Petersburg? Urlaub “beim Russen” oder gar Studien- und Kulturreise nach Russland? Das kommt für viele nicht in Frage oder aber sie denken gar nicht darüber nach. Vielen ist auch gar nicht bekannt, welche ausgezeichneten Museen Russland sein Eigen nennt. Man ist deshalb auch sehr dankbar, wenn die russischen Museen zu uns kommen. Das ist allerdings nicht immer leicht, russische Museen pflegen eine restriktive Entleihungspolitik und aufgrund vieler ungeklärter Eigentumsfragen wegen des Beutekunstvorwurfs zieren sich die Museen bei Entleihungen nach Deutschland gerne.
Umso erfreulicher ist die bis zum 06. Januar 2008 laufende Ausstellung “Bonjour Russland” im Düsseldorfer “museum kunst palast”. Zum ersten Mal sind in Deutschland nebeneinander französische und russische Meisterwerke aus vier russischen Museen zu sehen. Den Fokus legt die Ausstellung auf die Jahre von 1865 bis 1925, jene Zeit also, in denen die Franzosen die Avantgarde waren und die Russen die Avantgarde wurden, für einen kurzen, genialen Moment lang. Schön wird in der Ausstellung sichtbar, wie sehr doch die russsischen Künstler von den Franzosen lernten, um daraus dann einen eigenen Form- und Malstil zu enwickeln. Sie fanden ihre eigene Sprache und liessen diese dann in der totalen Abstraktion kummulieren, die so wichtig für die Kunst des 20. Jahrhunderts war.
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