Alle Artikel mit dem Schlagwort: Staedel

Verstörende Helden

Museumdirektor Max Hollein verabschiedet sich aus dem Städelmuseum mit einer bemerkenswerten Ausstellung zum Frühwerk von Georg Baselitz In einem wahren Furor malte Georg Baselitz seine Werkgruppe der „Heldenbilder“ 1965/66. In nur einem Jahr schuf der damals 27-Jährige mehr als 70 Gemälde und Zeichnungen. Es war wohl aufgestaute Wut und Aggression in dem jungen Maler, die sich explosionsartig entlud. Das zeigt nicht nur der gewaltige Schaffensakt, sondern auch die Bilder. Expressiv, mit wilder Farbwahl und heftigem Pinselstrich malte Baselitz monumentale Figuren im Nirgendwo. Es sind Soldaten in zerschlissenen Uniformen oder gemarterte Maler mit Stigmata – von unseren Heldenvorstellungen sind sie weit entfernt. Ihren künstlerischen Reiz gewinnen die expressiven Werke aus dem Spannungsverhältnis von Figuration, fast schon gestischem Farbauftrag und autonomer Farbigkeit. Aus innerer Notwendigkeit habe er die Bilder gemalt, so Baselitz. Die Gemälde scheinen eine Abrechnung mit der Gesellschaft zu sein, die zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Aufarbeitung der Geschehnisse noch immer nicht wirklich begonnen hatte und in Justiz, Verwaltung und Politik immer noch auf die alten Köpfe setzte. Ausgerechnet den …

Ein Bruch mit den Konventionen

Das Frankfurter Städel feiert seinen 200. Geburtstag mit einer aufregenden Ausstellung zum Impressionismus Schon wieder eine Impressionisten-Ausstellung? Wurde da nicht langsam alles gezeigt, nicht schon jeder Aspekt eingehend beleuchtet? Eigentlich schon und mit dieser Antwort könnte man sich einen Ausstellungsbesuch sparen, wäre da nicht die opulente Bildwelt, die viele Menschen bis heute begeistert. Und tatsächlich schafft es das Städelmuseum mit der Ausstellung zum 200. Geburtstag, die Geschichte der Entstehung des Impressionismus noch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu erzählen. Claude Monet: Das Mittagessen, 1868 Öl auf Leinwand, 231,5 x 151 cm Städel Museum, Frankfurt am Main Foto: © Städel Museum, Frankfurt am Main Im Mittelpunkt stehen zwei Bilder gleichen Namens. Claude Monets „Das Mittagessen“ aus dem Jahr 1868 ist auf den ersten Blick ein bürgerliches Idyll, das kaum als impressionistisches Werk erkennbar ist und doch markiert es einen Ausgangspunkt der revolutionären Kunstbewegung. Monet malte seine Familie beim sonntäglichen Mittagsmahl. Dabei wählte er für die private Szene ein Großformat, das man bis zu diesem Zeitpunkt nur Königen zugestanden hatte. Die Provokation jedoch ist das Motiv, denn …

Dürer über die Schulter geschaut

Eigentlich müsste die Ausstellung ein Fehlschlag sein, denn Dürers bekannteste Werke fehlen. Der „Feldhase“ ist nicht da, auch nicht die wichtigen Selbstporträts, vor allem aber fehlen die „Betenden Hände“. Die wollte die Wiener Albertina aus konservatorischen Gründen nicht verleihen, so hört man. Trotzdem bekommt man im Frankfurter Städel beste kunsthistorische Unterhaltung geboten, denn statt der zu Tode reproduzierten und zum Kitsch verkommenen Vorstudie ist das fertige Gemälde zu sehen (welches allerdings leider nur noch als Kopie erhalten ist). Es ist Teil des Heller-Altars, den Dürer gemeinsam mit Grünewald für einen reichen Frankfurter Kaufmann malte. Außen- und Innentafeln des Altars sind in der Ausstellung wiedervereint zu bewundern. Den Gemälden hat das Museum Skizzen und vorbereitende Studien zur Seite gestellt und lässt uns so dem Meister bei der Arbeit über die Schulter schauen. Als Maler und gelernter Goldschmied demonstrierte der 1471 in Nürnberg geborene Albrecht Dürer schon früh sein großes Können. Wie viele Künstler seiner Zeit malte er vor allem christliche Motive, aber auch Porträts, wie das Bildnis seiner Mutter Barbara. Seinen Durchbruch startete er 1498 mit …

Kunst mit minimalen Mitteln

Yoko Ono war 1964 eine der ersten Performance-Künstlerinnen. Doch ihr Schaffen stand stets im Schatten ihrer Ehe mit John Lennon. Zu ihrem achtzigsten Geburtstag zeigt die Frankfurter Schirn eine Retrospektive. Auf dem Boden der Carnegie Hall sitzt eine junge Japanerin in einem schwarzen Kleid. Besucher flanieren an ihr vorbei, greifen zu einer Schere und schneiden ein Stück aus ihrer Kleidung heraus, bis die Künstlerin nackt ist. Während der Prozedur sieht man ihr das Unbehagen an, sie quält sich, die Demütigung steht der jungen Künstlerin in das Gesicht geschrieben. Ein starkes Bild: Es geht um die Darstellung von Ausgeliefertsein, um Gewalt und die Überschreitung intimer Grenzen. Die junge Frau war Yoko Ono und die Kunstaktion „Cut Piece“ wurde zu einem Meilenstein der Performancekunst.

Schaurig-schöner Grusel der Romantik

Der Grusel in der Ausstellung „Schwarze Romantik“ im Frankfurter Städel ist perfekt: Wahnhafte Blicke, apokalyptische Szenerien, Hexen, Geister und Gnome, Mord und Totschlag, Tod und Verderben. Wer Horror mag, kommt in dieser Ausstellung auf seine Kosten. Wenn man in Deutschland an die Romantik denkt, wird man allerdings eher die sehnsuchtsvollen Landschaftsbilder Caspar David Friedrichs vor Augen haben. Dabei gilt ein ganz anderer als Vater dieser Bewegung. Francisco de Goya zeigte uns Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr idealisierte Porträts der besseren Gesellschaft oder Szenen aus der Bibel, sondern führte uns Schrecken und Irrationalität des Krieges vor Augen. Aber ist das romantisch? Wenn es nach Ausstellungskurator Felix Krämer geht, dann durchaus. Historischer Auslöser der Romantik sei die Enttäuschung vieler Künstler gewesen, dass die Französische Revolution in blutigen Terror umgeschlagen sei. Die Romantik sei aber auch als Gegenbewegung zur Aufklärung entstanden, die vielen fruchtbar rational erschien. Es herrschten Zweifel an der Religion, die nicht mehr als Erklärung für den Tod ausreichte, ebenso aber Enttäuschung über die Aufklärung, die nicht alles erklären konnte. Die Sehnsucht des Menschen nach …

Die schönsten Augenwimpern der Kunstgeschichte

Das Städelmuseum in Frankfurt beglückt uns mit einem ganz besonderen Augenschmaus, einer monografisch angelegten Schau zum florentinischen Renaissance-Maler Sandro Botticelli (1445-1510). Es ist die erste im deutschsprachigen Raum und dürfte auf absehbare Zeit die einzige weltweit bleiben, da die Werke nur ungern verliehen und auf Reisen geschickt werden. Immerhin hat es das Städel geschafft, vierzig Arbeiten des Meisters zusammenzutragen, sowohl von Museen als auch von privaten Leihgebern. Sandro Botticelli, Weibliches Idealbildnis (Bildnis der Simonetta Vespucci als Nymphe) Pappelholz, 81,8 x 54 cm Frankfurt, Städel MuseumFoto: Ursula Edelmann – Artothek Sandro Botticelli wurde 1445 in Florenz als Sohn des Gerbers Mariano di Vanni Filipepi geboren. In seiner Jugend begann er eine Lehre als Goldschmied, merkte aber bald, dass das Interesse an der Malerei größer war. Botticelli wurde Lehrling des berühmtesten Malers jener Zeit, Fra Filippo Lippi (1406–1469). Inspiriert vom Humanismus mallt Boticelli anfangs vor allem Allegorien, die gekennzeichent sind von blassen, überlangen Frauengestalten mit zarten Gesichtern und schwermütigem Blick -voller graziler Schönheit und eleganter Anmut. Botticellis Gemälde vermengen antiken Ideale, gotische Bilddarstellung und humanistische Ideale. So …

Städel Museum goes Web 2.0

Es geschehen noch Zeichen und Wunder, die deutschen Museen entdecken das Internet. Das Städel Museum war zwar schon länger mit einer eigenen Webseite online, aber sehr spannend war die nicht. Jetzt hat man die Seiten überarbeitet, ein neues Design spendiert und multimedial aufgerüstet. Da gibt es Videostreams, Audiodateien, Kunstgeschichten, die Sammlung wird katalogisiert und mit Lupenfunktion online gestellt und in einer eigenen „Community“ können Besucher diskutieren, Galerien basteln und Lieblingswerke auswählen. Ich bin begeistert, mehr davon. Bleibt zu hoffen, dass sich andere Museen daran ein Beispiel nehmen. Schaut rein, es lohnt sich: www.staedelmuseum.de.

Das Städelmuseum baut an

Das Städelmuseum in Frankfurt braucht dringend Platz. Deshalb hat man beschlossen, das Museum zu erweitern und einen Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Der ist jetzt entschieden. Gewonnen hat das Frankfurter Architekturbüro Schneider+Schumacher. Der Entwurf des Teams sieht für die Präsentation der Kunst nach 1945 eine Museumshalle unter dem Städelgarten vor. Ansicht Neubau Städelmuseum Schneider+Schumacher Architekturgesellschaft mbH, Frankfurt am Main Foto: © Städelmuseum Die Idee kam auch einigen Mitbewerbern, denn so bleibt der schöne Städelgarten erhalten und die Blickachsen frei. Das besondere des Entwurfs ist das „Dach“ des Ausstellungsraumes. Die Fläche wölbt sich zur Mitte hin auf und die runden Fenster vergrößern sich zum Zentrum, so wird der plastische Eindruck verstärkt. Fast wirkt der Entwurf von oben wie ein Gemälde von Victor Vasarely. Die Wetbewerbsjury drückt es poetischer aus: „Ein leuchtendes Juwel am Tag, ein Lichtteppich in der Nacht – etwas ganz Besonderes ist den Architekten Schneider + Schumacher mit dem Entwurf zur Erweiterung des Städel Museums gelungen“. Auch andere Entwürfe sind überzeugend, doch grundsätzlich wirken alle Modelle, die auf einen oberirdischen Anbau setzen, sehr beengt, da der Neubau …

Cranach im Städel

Ausstellungsansicht, Städel Museum, Frankfurt, 2007 Ich werde häufig gefragt, warum ich den Blog „Avantgarde“ nenne, obwohl ich ja nicht nur über die klassische Avantgarde der Moderne schreibe. Das liegt daran, dass dieser Blog Avantgarde sein will, vor allem aber, dass der Begriff „Avantgarde“ zeitlich mehr als dehnbar ist. Viele Künstler der klassischen Moderne suchten ihre Vorbilder schon bei den Meistern in Mittelalter und nutzen Stil, Maltechniken und Bildsujets der so genannten „alten Meister“. Man darf viele Meister des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit also durchaus als Avantgarde sehen. Einer dieser Avantgardisten ist Lucas Cranach der Ältere (1472-1553), dem das Städelmuseum in Frankfurt eine Ausstellung widmet. Wie kaum ein anderer prägte Cranach neben Dürer und Holbein die Bildwelt seiner Jahre und nachhaltig auch die Bildwelt späterer Jahrhunderte. Seine Landschaftsdarstellungen waren wegweisend, religiöse Themen hauchte er neues Leben ein und seine Porträts prägen bis heute unsere Vorstellung von jener Zeit. Wer kennt nicht seine Porträts von Martin Luther, Katharina von Bora oder Philipp Melanchton.